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Dienstag, 6. März 2012

INDIEN: Den Krieg romantisieren



Heute morgen hatten wir das kleine friedliche Schweden, das insgeheim Mammut-Waffengeschäfte mit dem Erzschurken Saudiarabien tätigt (siehe hier rechts weiter unten Sprachenvaria: Ekot avslöjar) und jetzt haben wir die so friedliche 'gewaltlose größte Demokratie der Welt', die nur den einen Fehler hat (wie die edelste Demokratie USA und die moralischste Demokratie Israel auch) niemals eine Demokratie gewesen zu sein und in ihrer ganzen Geschichte ständig Kriege geführt zu haben, weil sie ständig bedroht ist (genau wie die USA und Israel auch) und dass sie jetzt eine richtige Supermacht werden will, auf Kosten ihrer 700 Millionen extrem armen Menschen. Und die Massenmedien jubeln. Das kennen wir doch oder?


von Neerja Dasani
am 4. März 2012


Können 611 Menschen ein Land mit 1 Milliarde Menschen repräsentieren? Laut einer neuen Gillette-Reklamekampagne „Gegrüßt sei der Soldat in dir!“ können sie das, insbesondere, wenn zwei von den 611 Bollywood Stars sind. Hier eine andere Frage – wenn ein nationaler Nachrichtenkanal mehrmals halbstündige Werbung dieser Kampagne widmet und sich der hauseigene Moderator der Glaubwürdigkeit wegen dafür hergibt und diskutiert, wie jede Frau in Indien sich einen Soldaten als Partner fürs Leben wünscht, kann er dann noch als Nachrichtenkanal gelten? So viel zur Selbst-Regulierung.
Während die kompromettierte Natur des Programms den jetzt üblichen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, besteht die implizite Kodierung darin fort. Uns wird erzählt, dass Mut, Vertrauen, Kameradschaft, Körperpflege und Integrität typische „Soldatenwerte“ seien, das glattrasierte Männder „männlicher“ seien, also sind Soldaten „männlicher“, und dass Männer mit „Soldatenwerten“ eine bessere Chance haben, als Bräutigam für deine „Tochter/ Schwester“ gewählt zu werden. Diese Leute nahmen sich so wichtig, dass sie an den Präsidenten die Petition richten wollten, die Gate of India [Monument in Bombay/Mumbai. D. Ü.] den Soldaten „neu zu widmen“ - wohl, weil the Gate of India von Bollywood aus nicht sichtbar ist. All das verkauft einen Rasieraaparat.
Dieselbe Partnerschaft hatte früher die „Frauen gegen faule (Bart)Stoppeln“-Kampagne produziert, wo verschiedene Leute Zeit für die nationalen Nachrichten in Anspruch nahmen, um Frauen zu ermahnen, gegen Gesichtshaare aufzubegehren. Offenbar haben das alle völlig falsch aufgefasst. Es ist nicht die Privilegierung einer vorgeschriebenen Maskulinität, die zur Unterwerfung und Ausbeutung von Männern und Frauen führt, die nicht Geschlechts-Stereotypen entsprechen oder nicht können, was das Problem ist. Es ist eigentlich die Lösung. Frauen, um sich selbst als unabhängige und gleiche Wesen darstellen zu können, müssen sich diesem „Krieg“ zur Maskulinisierung der Männer anschließen.
Die unkritische Übernahme all dieses Macho- und militaristischen Zeugs, ist nicht auf diese Kampagnen beschränkt; es scheint in der Tat der Trend der Mainstreammedien zu sein. Seht euch die Reaktion auf jeden größeren Waffendeal an oder das Hin und Her an Vorschlägen zur „teilweisen Aufhebung“ des Armed Forces Special Powers Act [Gesetz für unumschränkte Rechte der Armee. D. Ü.] in Kaschmir und dem Nordosten oder die wachsende Zahl der Schulen für „Spionage-Training“, wo „jüngere“ Kräfte herangezogen werden, um gegen „den maoistischen Aufstand zu kämpfen“. Die Frage, ob die Ausübung von Gewalt (einschließlich der oxymoronischen 'sanften Gewalt') der einzige Weg zum Fortschritt für ein Land ist, taucht gar nicht auf. Sich zu fragen, ob der Supermacht-Aufbauplan nicht vielleicht zu teuer kommt, ist so anti-national, das es gar nicht erwogen wird.
Indiens Militärbudget betrug im vergangenen Jahr 1.5 Trillionen (1 Million Millionen Rupien; 12 Rupien = 1 €). Diese Zahl ist mehr als das Doppelte von dem, was für Erziehung und Gesundheit zusammen ausgegeben wird. Mohandas Gandhis Land hat jetzt die zweifelhafte Ehre, der Welt größter Waffenimporteur zu sein, was es auch eine Weile bleiben wird. Eine nationale Zeitung zitierte einen jubelnden Analytiker, der versicherte, dass „um ein großer Boy zu werden,  man seine Macht zeigen muss“. Und was will dieser big boy mit dieser Macht anfangen? Die Nation rasieren, natürlich.
Die Rolle der Medien in diesem haarstrübenden Plan ist es, den Mythos am Leben zu halten, dass Macht gleich Recht ist. Aber sie sagen uns nicht, weshalb die Macht des einen mehr Recht hat als die des anderen. Die Medien lassen Gehorsam und Loyalität gegenüber der Macht als die normale Lebensweise erscheinen. Wir beginnen die Hierarchie als natürlich anzusehen. Wir verehren jene, die als mächtig gelten und verachten die Machtlosen. Wir verachten leidenschaftlich ganze Völker ohne uns jemals deren Geschichte anzuhören. Wir stellen Grausamkeiten, Ungerechtigkeit und Unterdrückung in unserem eigenen Land nicht in Frage. Wir bestrafen die Wenigen, die es tun, oder bringen sie zum Schweigen, indem wir sie als Verräter brandmarken.

Es gibt einen Witz in Belfast, dass „Fragen in deiner eigenen Gemeinschaft abzufeuern, mehr Mut erfordert als eine Kugel auf eine andere abzufeuern“. Die Schriftstellerin und Professorin Cynthia Enloe diskutiert die Implikationen, diese Fragen nicht zu stellen, in einem provokativen Artikel mit dem Titel „Wirst du zu Khaki?“ [Die britische Indienarmee trug Khaki. Khaki ist Synonym für Uniform. D. Ü.]
Sie meint, dass es klare Anzeichen gäbe eines Prozesses der Internalisierung von militärischen Werten und Vorstellungen: „Wie die Vorstellung, in der Armee deines Landes zu dienen, ist ehrenvoller als Sozialarbeit zu leisten; oder zu glauben, dass nationale Sicherheitsfragen relevanter sind als Ernährungsfragen. Oder high-tech Waffen mehr zu schätzen als low-tech landwirtschaftliche Geräte oder mehr nationalen Stolz zu empfinden, wenn dein Land einen Krieg gewinnt als wenn dein Land einen internationalen Konflikt diplomatisch gelöst hat.“
Die Soziologin Maitrayee Chadhuri sieht diesen Übergang zur Idee von einem starken, mächtigen Staat, zuhause und international, als Pendant zum neo-liberalen Program der „rücksichtslosen Effizienz“ und „Wettbewerbs-Aggressivität“. „Die Vision einer moralischen Autorität im globalen Diskurs wird als eine schlechte Wahl Indiens angesehen“, sagt sie, und fordert eine alternative Sprache des Friedens und der Versöhnung im öffentlichen Miteinander.
Beim Widerstand gegen den Militarismus geht es ebenso sehr um Protest gegen das leichtsinnige Wettrüsten als auch gegen die vielen Machtstrukturen aufzutreten, die uns trennen, sowohl physisch als auch mental. Es geht sowohl um die Zurückweisung von Paranoia als auch um Hinwendung zur kritischen und mitfühlenden Kommunikation. Globale Gruppen wie Food not Bombs, War Resisters International, Women in Black und jetzt die Occupy Bewegung, um nur einige zu nennen, haben unentwegt in dieser Richtung gearbeitet.
Vielleicht ist es an der Zeit, unseren Panzer zu öffnen und auf den anderen zuzugehen. Wäre das nicht sicherer, als auf des Messers Schneide zu leben?
Quelle

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