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Samstag, 19. März 2016

Russlands ultimative tödliche Waffe


Pepe Escobar
18. März 2016


Aus dem Englischen: Einar Schlereth
Von Xian nach Rotterdam
Lasst uns mit etwas klassischer russischer Politik beginnen. Finanzminister Anton Siluanow entwirft Russlands ökonomische Strategie für 2016 sowie das Regierungs-Budget. Siluanow – im Grunde ein Liberaler und für ausländische Investitionen – wird seine Vorschläge dem Kreml am Ende des Monats unterbreiten.

So weit nichts Spektakuläres. Aber dann, vor ein paar Tagen, enthüllte Kommersant, dass Russlands Sicherheitsrat den Präsidentenberater Sergei Glasjew bat, eine alternative ökonomische Strategie auszuarbeiten und sie diese Woche dem Sicherheitsrat vorzulegen. Das ist nicht gerade eine Novität, da der Sicherheitsrat in der Vergangenheit kleine Strategiegruppen um ihre ökonomische Einschätzung gebeten hat.

Der Sicherheitsrat wird von Nikolai Patruschew geleitet, der frühere Chef des Bundessicherheitsdienstes. Er und Siluanow liegen nicht gerade auf derselben Wellenlänge. Und hier beginnt es kompliziert zu werden. Glasjew, ein brillianter Ökonom, ist ein russischer Nationalist, der persönlich von den USA mit Sanktionen belegt wurde.

Glasjew geht kompromisslos vor. Er ist für das Sperren ausländischer Währung für russische Unternehmen (was sinnvoll ist), Besteuerung beim Umwechseln von Rubeln in ausländische Währung (ebenfalls), Verbot ausländischer Darlehen an Firmen in Russland (je nachdem, wenn sie nicht in Dollar oder Euro sind), und - das rauchende Gewehr – Forderung an russische Firmen mit westlichen Darlehen, die Zahlungen einzustellen.

Vorhersehbar drehten einige Sektoren im US-'Think Tankland' durch und erklärten mit größter Sicherheit, dass „der russische Energiesektor nicht in der Lage sein würde, Finanzeure ohne Verbindungen zum Westen zu finden". Nonsense, russische Firmen finden problemlos Gelder bei chinesischen, japanischen oder südkoreanischen Quellen.

Welches Maß an Gehör Glajew im Kreml auch immer finden wird, so zeigt die ganze Episode, dass Moskau keine Illusionen für die nahe Zukunft hegt mit Hinischt auf die „Unumgänglichen" (man braucht nur einen Blick auf die Präsidenten-Kandidaten zu werden, vom 'El Trumpissimo' bis zur 'Hillarator'); oder wie es der russische Vize Außenminister Sergei Riabkow kürzlich ausdrückte '[wir] sollten uns auf Verstärkung des Sanktions-Drucks einstellen“.

Eine Sache ist jedoch völlig klar; Moskau wird sich nicht unterwerfen, um Washington friedlich zu stimmen.

Wünscht jemand den neo-Zarismus?

Man könnte versucht sein zu meinen, dass Glasjew mit seinen Plänen zu einer Art zaristischer Selbst-Versorgung zurückkehren und die Bande zum Westen kappen will. Angenommen, eine Version davon wird vom Kreml angenommen, dann ist sicher, dass es sich in einen enormen Schlag gegen die EU verwandelt, von dem sie sich kaum erholen wird.

Stellt euch vor, Russland stellt die Zahlungen seiner riesigen Auslandsschulden ein - über 700 Milliarden Dollar – auf die der Westen extra Strafgelder bei der Rückzahlung geschlagen hat.

Die Zahlungseinstellung wäre die Vergeltung für die doppelte westliche Manipulation der Ölpreise und des Rubels. Zur Manipulation gehörte die Entfesselung des Ölmarktes auf über 5 Millionen Barrels pro Tag von zusätzlicher Produktion, die von den üblichen Verdächtigen zurückgehalten worden waren plus der Manipulation der Derivate bei NYMEX, was den Preis kaputt machte.

Dann hat die Derivaten-Manipulation des Rubels die Währung zerschlagen. Fast alle Importe nach Russland wurden praktisch blockiert – während die Öl- und Gasexporte konstant blieben. Langfristig würde dies jedoch einen bedeutenden Handelsbilanz- Überschuss für Russland bringen: ein sehr positiver Faktor für das langfristige Wachstum der heimischen Industrie.

Wladimir Jakunin, ehemaliger Chef der russischen Eisenbahn, auf Grund einer Kabinettsumbildung jetzt out, sagte kürzlich zu AP mit deutlichen Worten, dass das Ziel der US-Sanktionen es war, Russland ökonomisch von Europa zu trennen.

Sanktionen, gekoppelt an Spekulationen mit Öl und Rubeln, drückten die russische Ökonomie 2015 in die Rezession. Jakunin erwartet, wie die meisten Wirtschafts/ Geschäftsexperten, dass Russlands Wirtschaftsturbulenzen noch mindestens bis 2017 dauern werden.

Gegenwärtig sind die einzigen Produkte, die der Westen von Russland braucht, Öl und Naturgas. Eine mögliche Einstellung der Schuldenzahlung würde kurzfristig keine Auswirkung auf die Nachfrage haben und wahrscheinlich auch nicht langfristig, wenn es nicht zu einer Finanzkrise im Westen beitrüge, was beinahe 1998 passierte.

Wir erinnern uns alle an den August 1998, als eine russischen Zahlungseinstellung das ganze westliche Finanzsystem bis ins Herz traf. Wenn jetzt ernsthaft eine Zahlungseinstellung erwogen wird an höchster Stelle – wozu natürlich der FSB, SWR, GRU (Auslandsgeheimdienst, Auslandsnachrichtendienst und Militärgeheimdienst) gehören – dann wird das Gespenst der Mutter aller Finanzkrisen im Westen wieder auftauchen. Und für die EU wäre das fatal. Es ist euer Fehler, dass wir nicht plündern können.

Irans Auftritt.

Die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran – wahrscheinlich zu Anfang 2016 – haben letztlich nichts mit dem Atom-Dossier zu tun. Es ist ein ' Pipelineistan Spiel' , da sich alles um Öl und Naturgas dreht.

Die USA – und die EU – haben immer noch feuchte Träume, Russland durch den Iran zu ersetzen bei den Öl- und Naturgas-Importen
nach Europa. Jeder ernste Analytiker weiß, dass das mindestens ein Jahrzehnt dauert und mehr als 100 Mrd. $ kostet an Investitionen, ganz zu schweigen von Gazprom, die mit ihren mächtigen kommerziellen Waffen in ihrem Arsenal sich zur Wehr setzen wird.

Gleichzeitig rechneten die westlichen Finanzmächte in der New York-London-Achse nicht damit, dass Moskau nicht einlenkt und ihre Forderungen nicht annimmt und Putin die Ukraine aufgibt – damit sie vor allem die Landwirtschaft der Ukraine nach Belieben plündern können. Sie haben einfach nichts gelernt aus der Geschichte. Als Putin sie daran hinderte, Russland zu plündern, ist er auch nicht zurückgewichen.

Die ganze trotstlose Kiew-Episode und das endlose NATO-Expansions-Gambit waren ein Versuch, dass Putin sie nicht hindert, die Ukraine zu plündern.

Als Ergebnis bekamen wir eine tektonische geopolitische Verschiebung eine Neu-Konfiguration der gesamten Welt Machtbalance, als Russland und China ihre strategische Partnerschaft vertieften – auf Basis einer gemeinsamen äußeren Drohung, die hauptsächlich von den USA kommt, mit der EU als Trabanten. Der russische Geheimdienst weiß sehr genau, dass ihre Allianz von Russland und China sie unverwundbar macht, während sie getrennt leicht zum Opfer hätten werden können durch das bewährte System 'Teile und Herrsche'.


Die neuen Seiden-Straßen


Was die Abwehr der NATO angeht, hatte Russland genug Zeit gehabt, wiederaufzuüsten und auf defensive sowie offensive Raketen zu setzen, der Schlüssel des nächsten großen Krieges und nicht die obsoleten US-Flugzeugträger. Die russischen Defensiv-Raketen wie die supermodernen S-500 und die offensiven Topol M – jede mit 10 Gefechtsköpfen ausgestattet – kann mühelos alles neutralisieren, was das Pentagon auf Lager hat.

Nach Russland wandten sich die westlichen Finanz-'Herren des Universums' China zu, weil es sich mit Russland verband. Die üblichen Finanz-Verdächtigen manipulierten den chinesischen Börsenmarkt im Versuch, die Wirtschaft zu zerschlagen. Sie nutzten Wall Street- Stellvertreter zur Manipulierung der Bar-Abfindungs-Mechanismen, um als erstes die Preise der chinesischen A-Aktien hochzutreiben und einen gigantischen Boom zu schaffen und dann die Barabfindung umzukehren, um den Markt zum Crash zu bringen.

Kein Wunder, dass Beijing, das sehr wohl merkte, was passierte, massiv intervenierte, u nd genau die Bar-Abfindungs-Manöver verfolgt und sorgfältig die Aufzeichnungen der großen Aktien-Händler in China prüft.

Der Kreml sollte etwas mit der Russischen Zentralbank tun

Die russische Zentralbank hielt die Zinsen hoch, wodurch sie die russischen Öl- und Gas-Produzenten zwang, ihre Operationen aus westlichen Quellen zu finanzieren und dadurch die russische Ökonomie in die Schuldenfalle trieb.

Diese Darlehen an Russland waren Teil des New York-London Finanz-Achsen-Kontroll-Mechanismus. Würde Moskau dem Westen nicht „gehorchen“, könnte der Westen seine Darlehen zurückrufen, nachdem der Rubel zusammenbrach, womit die Rückzahlung unmöglich gemacht worden wäre, so wie sie es mit dem Iran gemacht hatten.

Dies ist der Mechanismus, durch den der Westen – und seine Institutionen wie IWF, Weltbank, BIS, die ganze Gang – herrscht. Beijing ist dabei, entweder diese Konstellation entweder zu ergänzen oder zu ersetzen durch neue und mehr demokratische internationale Institutionen.

Wenn die Russische Zentralbank mit gesünderen Prinzipien geführt worden wäre, hätte sie Geld zu Zinsen unter denen des Westens verliehen und jedes Darlehen in produktive Investitionen gelenkt. Ein Modus operandi, total verschieden von dem der USA – wo die meisten Kredite der Zentralbank an Banken und Finanzhaie für ihre Spekulationen gehen.

Michael Hudson, unter anderen, hat bereits begründet, dass die gesamte FED nur den Interessen ihrer Finanz-Herrscher dient und auf  die amerikanische industrielle Infrastruktur einen Pfifferling gibt, die nach und nach in die Kolonien und/oder an Vasallen und nach China verlegt wurde.

Dann dachten die 'Herren des Universums', dass schweres Geschütz gegen Russland und dann China funktionieren würde. Tat es aber nicht. Es gibt Gründe, alarmiert zu sein; die 'Herren des Universums' werden die Einsätze erhöhen müssen, höher und höher.

Das vor uns liegende Szenario deutet daraufhin, dass Russland sich dem Osten noch mehr zuwendet und gleichzeitig versucht, sich aus der westlichen institutionellen Architektur zu befreien. Die Verschmelzung der von China angetriebenen Neuen Seiden-Straßen, aka ein Gürtel, eine Straße und die von Russland geführte Eurasian Economic Union, wenn auch langsam und voller Tücken, sind irreversibel. Es liegt in ihrem gemeinsamen Interesse, ein pan-eurasisches Emporium zu entwickeln.

Iranisches Naturgas wird zum größten Teil nach Asien gehen und nicht in die EU. Und die chinesische Ökonomie wird sich in den nächsten 15 Jahren verdreifachen, während die USA weiter de-industrialisiert wird.

Was immer Putin und Obama bei ihrem möglichen Treffen Ende des Monats in New York diskutieren, so wird der Druck der Außergewöhnlichen auf den Bären nicht nachlassen. Es zahlt sich also für den Bären aus, eine tödliche Finanz-Waffe in Reserve zu haben.

3 Kommentare:

  1. WIEDER MAL EIN SEEHR GUTER KOMMENTAR. DANKE IHNEN

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  2. Wie weitreichend das Vertragsrecht / Handelsrecht ist zeigt sich am Beispiel der russischen
    “Zentralbank”. Lenin brauchte für seine Revolution in den Jahren 1917/18 goldgedecktes
    Geld. Dies bekam er vom Bankier Warburg gegen die Zusicherung für 99 Jahre die russische
    Zentralbank leiten zu können. Dieser Vertrag läuft 2016/17 aus. Die Auseinandersetzung
    zwischen den USA und Russland lassen sich darauf zurückführen, daß die Russische Föderation
    den Vertrag wohl nicht verlängern möchte (u.a. Sanktionspolitik und militärische Einkreisung).

    www.nestag.at

    Gemeinde und Städtereaktivierung bei BewusstTV
    https://www.youtube.com/watch?v=u9T97IZyYBU

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  3. Das über alle Maßen defensive und dialogbereite Verhalten Russlands gegenüber dem Westen soll einer weiteren Eskalation entgegenwirken. Im Grunde wartet der Kreml höflich und verständnisvoll den Zeitpunkt ab, an dem die 'Herren der Welt' endlich begriffen haben werden, dass sie genau diese nicht länger sein können, egal, wie sie es auch anstellen.

    Putin weiß genau, dass die USA in einem letzten Verzweiflungsschlag immer noch einen Atomkrieg vom Zaun brechen könnten. Deren Armee ist nach wie vor die größte der Erde. Daher der vorsichtige, freundliche und zurückhaltende Umgang mit seinen Todfeinden in Washington. Aus meiner Sicht machen das die Jungs im Kreml wirklich phantastisch.

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