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Samstag, 13. März 2021

Das Papst-Sistani-Rätsel

Franziskus und Sistani legten anti-Kriegs, anti-Genozid und anti-Sektierer Botschaft vor, die von den meisten westlichen Medien nicht verstanden wurden.

Pepe Escobar

10. März 2021

Aus dem Englischen: Einar Schlereth

Franziskus und Sistani in Nadschaf

Nach jedem historischen Maßstab war es ein Game-Changer: das erste Treffen seit dem 7. Jahrhundert zwischen einem römisch-katholischen Papst und einem schiitischen geistlichen Führer, der als "Quelle der Nachahmung" gilt.

Es wird lange dauern, um die volle Tragweite des immens faszinierenden 50-minütigen Gesprächs von Angesicht zu Angesicht, nur mit Dolmetschern, zwischen Papst Franziskus und Großajatollah Sistani in seinem bescheidenen Haus in einer Gasse in Nadschaf nahe dem glanzvollem Imam-Ali-Schrein zu beurteilen.

Eine erklärtermaßen unvollkommene Parallele ist, dass Nadschaf für die schiitische Gemeinschaft der Gläubigen genauso bedeutungsschwanger ist wie Jerusalem für das Christentum.

Die offizielle Version des Vatikans ist, dass Papst Franziskus eine sorgfältig choreografierte "Pilgerreise" in den Irak im Zeichen der "Brüderlichkeit" unternahm - nicht nur im Sinne der Geopolitik, sondern als Schutzschild gegen religiöses Sektierertum, sei es Sunniten gegen Schiiten oder Muslime gegen Christen.

Franziskus kehrte zum Hauptthema zurück in einem äußerst offenen Austausch (auf Italienisch) mit den Medien auf seinem Rückflug nach Rom. Doch das Außergewöhnlichste ist seine offene Einschätzung von Ayatollah Sistani.

Der Papst betonte: "Ajatollah Sistani hat einen Spruch, ich hoffe, ich erinnere mich richtig: 'Die Menschen sind entweder Brüder durch die Religion oder gleich durch die Schöpfung.'" Franziskus sieht die Überwindung dieser Dualität auch als Kulturreise.

Er qualifizierte das Treffen mit Sistani als Übermittlung einer "universellen Botschaft" und lobte den Großayatollah als "Weisen" und "Mann Gottes": "Wenn man ihm zuhört, kann man nicht anders, als es zu bemerken. Er ist ein Mensch, der Weisheit und auch Besonnenheit besitzt. Er sagte mir, dass er seit über zehn Jahren keine 'Leute empfängt, die zu mir kommen, aber andere politische Ziele haben.'"

Der Papst fügte hinzu: "Er war sehr respektvoll, und ich fühlte mich geehrt, sogar bei den letzten Grußformeln. Er steht nie auf, aber er tat es, um mich zu grüßen, zweimal. Ein bescheidener und weiser Mann. Diese Begegnung hat meiner Seele gut getan."

In diesem Bild zeigte sich ein Hauch von Wärme, der in den westlichen Mainstream-Medien fehlte - die zu einem großen Teil versuchten, das Treffen als wahnsinnig hinzustellen, zu sabotieren, zu ignorieren, auszublenden oder das Treffen in die sektiererische Ecke zu schieben, gewöhnlich unter kaum verhüllenden Schleier "schiitischer Droh"-Propaganda.

Sie taten das, weil Franziskus und Sistani im Kern eine Anti-Kriegs-, Anti-Völkermord-, Anti-Sektierer- und Anti-Besatzungs-Botschaft verkündeten, die den Zorn der üblichen Verdächtigen auf sich ziehen musste.

Es gab ein paar verzweifelte Versuche, das Treffen so darzustellen, dass der Papst das quietistische Nadschaf dem militanten Qom im shiitischen Universum vorzog - oder, grob gesagt, Sistani dem iranischen Ayatollah Khamenei. Das ist Blödsinn. Für den Kontext siehe den Kontrast zwischen Nadschaf und Qom in meinem E-Book Persische Miniaturen, das von Asia Times veröffentlicht wurde.

Der Papst hat kürzlich an Ayatollah Shirazi im Iran geschrieben. Teheran unterhält einen Botschafter im Vatikan und arbeitet seit Jahren bei wissenschaftlichen Forschungsprotokollen zusammen. Bei dieser Pilgerreise ging es allerdings um den Irak. Im Gegensatz zu denen des Westens berichteten die Medien der Achse des Widerstands (Iran, Irak, Syrien, Libanon) durchgängig darüber.

Die entscheidende Fatwa

Ich hatte das Privileg, Ayatollah Sistanis Bewegungen seit den frühen 2000er Jahren zu verfolgen, und habe sein Büro in Nadschaf mehrmals besucht.

Im Jahr 2003, als die aktuelle Vogelscheuche, Abu Musab al-Zarqawi, den verehrten Ayatollah Muhammad Baqir al-Hakim vor dem Imam-Ali-Schrein in Nadschaf buchstäblich in die Luft sprengte, plädierte Sistani dafür, keine Rache zu üben: Die amerikanische Besatzungsmaschinerie war zu mächtig und Sistani sah die Gefahren eines sektiererischen sunnitisch-schiitischen Krieges, der zu einer Spaltung führen würde.

Doch 2004 brachte er es einsam fertig, den mächtigen Besatzungsapparat und die schreckliche Provisorische Koalitionsbehörde (CPA) zu Fall zu briengen, als sie ein Blutbad in Erwägung zogen, um den glühenden Kleriker Muqtada al-Sadr loszuwerden, der sich damals in Nadschaf verschanzte.

Im Jahr 2014 erließ Sistani eine Fatwa, die die Bewaffnung irakischer Zivilisten zum Kampf gegen ISIS/Daesh legitimierte - zumal die Takfiris die vier heiligen schiitischen Heiligtümer im Irak angreifen wollten: Nadschaf, Karbala, Kazimiya und Samarra.

Es war also Sistani, der die Entstehung von bewaffneten Verteidigungsgruppen legitimierte, die sich in den Popular Mobilization Units (PMUs) oder Hashd a-Shaabi zusammenschlossen, die später in das irakische Verteidigungsministerium eingegliedert wurden.

Die PMUs waren - und sind - eine Dachgruppe, von denen einige Teheran näher stehen als andere und die unter der strategischen Aufsicht von Generalmajor Qassem Soleimani arbeiteten, bis er am 3. Januar 2020 durch einen amerikanischen Drohnenangriff auf dem Flughafen von Bagdad ermordet wurde.

Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen

Bei aller Wärme zwischen den beiden, war das Treffen zwischen dem Papst und Sistani nicht der sprichwörtliche Rosengarten. Mein Kollege Elijah Magnier, der führende Reporter in Sachen Achse des Widerstands, bestätigte einige verblüffende Details auf Basis seiner Quellen in Nadschaf:

' Sayyed Sistani weigerte sich, einen eigenen Fotografen zu haben und wollte nicht, dass irgendein schiitischer Kleriker oder die Leiter seines Büros in der Al-Rasoul-Straße anwesend waren, wo er Seine Heiligkeit den Papst empfing.... Der Vatikan gab keine Erklärung ab und bezog auch nicht offen Stellung, um die Schiiten anzuerkennen und zu unterstützen, die im Widerstand gegen ISIS und bei der Verteidigung der Christen in Mesopotamien getötet wurden. Sayyed Sistani hielt es also nicht für nötig, ein "gemeinsames Dokument" herauszugeben, wie es der Papst wünschte und anstrebte und wie er es in Abu Dhabi beim Treffen mit dem Scheich von Al-Azhar getan hatte.'

Magnier konzentriert sich zu Recht auf das anschließende Kommuniqué, das von Sistanis Büro herausgegeben wurde - und vor allem auf dessen namentliche Abstimmung von Nein, Nein, Nein .... Jedes Nein klagt den Hegemon an.

Sistani prangert die "Belagerung der Bevölkerung" an - einschließlich der Sanktionen; er bestreitet, dass die Iraker den Verbleib der US-Truppen wünschen; wenn er "Gewalt" anprangert, bezieht er sich natürlich auf die amerikanischen Bombardierungen.

Außerdem ist "Nein zur Ungerechtigkeit" Sistanis Botschaft nicht nur an die Politiker in Bagdad - die in Korruption versinken und keine Grundversorgung oder Arbeitsmöglichkeiten bieten - sondern auch an Washingtons "Sprache des Krieges" im weiteren Nahen Osten, von Syrien und Iran bis Palästina.

Quellen in Rom bestätigten, dass es seit Monaten Verhandlungen gab, die darauf abzielten, Bagdad zu einer Normalisierung der Beziehungen zu Israel zu bewegen. Eine "Botschaft" wurde durch den Vatikan geschickt. Sistani antwortete scharf, eine Normalisierung sei unmöglich. Der Vatikan bleibt stumm.

Ein Grund für das Schweigen ist, dass die Erklärung von Sistanis Büro deutlich macht, dass der Vatikan nicht genug tut, um den Irak zu unterstützen. Laut der von Magnier zitierten Quelle aus Nadschaf "hat der Vatikan zwischen 2014 und 2017 geschwiegen, als die Schiiten Tausende von Männern verloren, die die Christen (und andere Iraker) verteidigten und in all den Jahren seither keine Beachtung oder auch nur eine offene Anerkennungserklärung vom Papst erhielten."

Die Erklärung aus Sistanis Büro bezieht sich ausdrücklich auf "Vertreibung, Kriege, Gewaltakte, Wirtschaftsblockaden und das Fehlen von sozialer Gerechtigkeit, denen das palästinensische Volk ausgesetzt ist, insbesondere das palästinensische Volk in den besetzten Gebieten."

Übersetzung: Der Irak unterstützt die palästinensische Sache.

Eine Krone aus Dornen

Das Zusammentreffen von Katholizismus und schiitischem Islam war eine geopolitische Dornenkrone. Nehmen Sie zum Beispiel die Tatsache, dass Sprecher oder Untergebene eines katholischen POTUS (US-Präsidenten) sowie die amerikanischen Mainstream-Medien den aktuellen Feind als "vom Iran unterstützte Milizen", "von Shiiten gestützte Milizen" oder "mit dem Iran verbundene schiitische Milizen" dämonisieren.

Das ist Blödsinn. Wie ich feststellte, als ich 2017 einige von ihnen im Irak traf, beherbergen die PMUs Brigaden, die nicht nur aus Schiiten, sondern auch aus Irakern anderer Religionen bestehen. Zum Beispiel gibt es den Rat der Gelehrten des Heiligen Ribat von Muhammad; den Rat zur Bekämpfung des Takfiri-Denkens der Sunna Fallujah und Anbar; und die christliche chaldäische Brigade, die von Rayan al-Kildani angeführt wird, der Papst Franziskus traf.

Um fair zu sein, verurteilte Papst Franziskus auf seiner Pilgerreise diejenigen, die die Religion instrumentalisieren, um Kriege anzuzetteln - zum Nutzen Israels, der saudischen Öl-Hacienda, des Imperiums und all der oben genannten. Er betete in einer Kirche, die von der ISIS respektive der Daesh zerstört wurde.

Bezeichnenderweise überreichte Papst Franziskus al-Kildani, dem Chef der Babylon-Miliz der PMUs, einen Rosenkranz. Der Papst betrachtet al-Kildani als nichts weniger als den Retter der Christen im Irak. Und doch ist al-Kildani der einzige Christ auf dem Planeten, der auf der US-Terroristenliste steht.

Man kann sich nie genug daran erinnern, dass die PMUs das Ziel des jüngsten, großartigen Biden-Harris-Bomben-Abenteuers am 25./26. Februar waren: Die Kämpfer wurden tatsächlich auf irakischem, nicht auf syrischem Gebiet bombardiert. Der vorherige oberste Feldkommandeur der PMUs war Abu al-Muhandis, den ich Ende 2017 in Bagdad getroffen habe. Er wurde Seite an Seite mit Soleimani ermordet.

Papst Franziskus konnte seine irakische Pilgerreise nur dank der Hashd al-Shaabi antreten - die absolut wichtigsten Akteure an vorderster Front waren, die den Irak vor der Spaltung durch die Takfiris und/oder vor der Errichtung eines (falschen) Kalifats bewahrten.

Franziskus machte auf seiner abrahamitischen Pilgerreise einige Schritte auf der Spur des Propheten , besonders in Ur in Babylon; aber die Echos reichen noch viel weiter, nach al-Khalil (Hebron) in Palästina, bis ins moderne Syrien und Jordanien.

Eine bloße Pilgerreise wird nichts an den harten Tatsachen im Zweistromland ändern: 36 % Arbeitslosigkeit (fast 50 % unter der Jugend); 30 % der Bevölkerung leben in Armut; ein herannahender NATO-Angriff; der Hegemon kann nicht loslassen, weil er dieses Basis-Imperium zwischen dem Mittelmeer und dem Indischen Ozean braucht; weit verbreitete politische Korruption durch eine eingefleischte Oligarchie.

Franziskus bestand darauf, dass dies nur ein "erster Schritt" sei und "Risiken" berge. Das Beste, worauf man hoffen kann, ist, dass der Papst und sein "bescheidener und weiser" Gesprächspartner weiterhin betonen, dass Teilen und Herrschen, das Schüren religiöser, ethnischer und kommunitärer Streitigkeiten, nur - wem sonst? - den üblichen Verdächtigen nutzen.


Pepe Escobar ist leitender Korrespondent der Asia Times. Sein neuestes Buch ist '2030'. Folgen Sie ihm auf Facebook.-

 

Quelle - källa - source

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