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Montag, 11. März 2013

Chomsky – Kann Zivilisation den Kapitalismus überleben?


Noam Chomsky

11. März 2013


Es gibt „Kapitalismus“ und dann gibt es den „real existierenden Kapitalismus“.


Der Begriff „Kapitalismus“ wird gemeinhin benutzt in Bezug auf das US-ökonomische Sytem mit bedeutenden staatlichen Interventionen, die von Subsidien für kreative Innovation bis zu der Regierungsversicherungspolitik für die Banken „zu groß für den Bankrott“ reichen.

Das System ist äußerst monopolisiert - was das Vertrauen in den Markt zusätzlich einschränkt – und weiter zunehmend. In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil der Profite der 200 größten Unternehmen scharf angestiegen, berichtet der Wissenschaftler Robert W. McChesney in seinem neuen Buch 'Digital Disconnect'.

„Kapitalismus“ ist ein Begriff, der auch gemeinhin benutzt wird, um Systeme zu beschreiben, in denen es keine Kapitalisten gibt, wie z. B. das Arbeiter-eigene Mondragon-Konglomerat im Baskenland Spaniens oder die Unternehmen im Besitz von Arbeitern im nördlichen Ohio, oft mit konservativer Unterstützung, die beide in wichtigen Arbeiten von dem Wissenschaftler Gar Alpervitz diskutiert werden.
Man könnte den Begriff „Kapitalismus“ auch bezüglich der Industrie-Demokratie benutzen, die von John Dewey vertreten wurde, Amerikas führendem sozialen Philosophen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Dewey rief die Arbeiter auf, „Herren ihres eigenen industriellen Schicksals“ zu sein und auch aller Institutionen die unter öffentliche Kontrolle gebracht werden sollten, wie die Produktionsmittel, Börsen, Publizität, Transport und Kommunikation. Anders, argumentiert Dewey, wird die Politik „der Schatten [bleiben], der durch das Big Business auf die Gesellschaft geworfen wird“.

Die beschnittene Demokratie, die Dewey verurteilte, ist in den vergangenen Jahren in die Brüche gegangen. Jetzt ist die Kontrolle strikt konzentriert an der Spitze der Einkommens-Skala, während die große Mehrheit „da unten“ völlig entrechtet wurde. Das gegenwärtige politisch-ökonomische System ist eine Form von Plutokratie, die sich scharf von Demokratie abhebt, wenn wir darunter verstehen, dass politische Entscheidungen signifikant vom Willen der Öffentlichkeit beeinflusst werden.

Es hat über die Jahre ernsthafte Debatten darüber gegeben, ob Kapitalismus mit Demokratie kompatibel ist. Wenn wir uns an die real existierende kapitalistische Demokratie halten – kurz RECD genannt – dann ist die Frage eindeutig beantwortet: Sie sind radikal inkompatibel.

Es scheint mir unwahrscheinlich, dass die Zivilisation RECD und die dazu gehörende stark verdünnte Demokratie überleben kann. Aber würde eine funktionierende Demokratie einen Unterschied machen?

Lasst uns auf das kritischste unmittelbare Problem konzentrieren, dem die Zivilisation gegenübersteht: die Umwelt-Katastrophe. Die Politik und die Haltung der Öffentlichkeit weichen stark voneinander ab, wie es in der RECD oft der Fall ist. Die Natur dieses Abgrunds wir in mehreren Artikeln in der aktuellen Ausgabe von 'Daedalus', der Zeitschrift der Amerikanischen Akademie der Kunst und Wissenschaften untersucht.

Der Wissenschaftler Sims Gallagher findet, dass „Einhundertundneun Länder irgendeine Form von Politik in Bezug auf erneuerbare Energie gesetzlich verankert haben und 118 Länder haben Ziele aufgestellt für erneuerbare Energie. Im Gegensatz dazu haben die Vereinigten Staaten keinerlei konsistente und stabile Politik auf nationaler Ebene angenommen, um die Verwendung von erneuerbarer Energie zu fördern“.

Es ist nicht die öffentliche Meinung, von der die US-Politik weg vom internationalen Spektrum getrieben wird. Ganz im Gegenteil. Die öffentliche Meinung steht der globalen Norm viel näher, als die Regierungspolitik wiederspiegelt. Und sie ist sehr für Aktionen, die notwendig sind, um die Umwelt-Katastrophe zu vermeiden, die von einem überwältigenden wissenschaftlichen Konsens vorhergesagt wird – und die nicht allzu entfernt ist, sondern sehr wahrscheinlich das Leben unserer Enkelkinder beeinträchtigen wird.

Wie Jon A. Krosnick und Bo MacInnis in Daedalus berichten: „Riesige Mehrheiten favorisieren Schritte durch die Bundesregierung, um die Menge der Treibhausgase zu verringern, die von Industrien zur Stromproduktion erzeugt werden. 2006 waren 86 % der Befragten für Einrichtungen oder ihre Förderung durch Steuererleichterungen, um die Menge ihrer Treibhausgase zu verringern. Auch in jenem Jahr waren 87 % für Betriebe, um mehr Strom aus Wasser, Wind oder Sonne zu erzeugen. Diese Mehrheiten blieben zwischen 2006 bis 2010 stabil und sanken danach leicht“.

Die Tatsache, dass die Öffentlichkeit von der Wissenschaft beeinflusst wird, beunruhigt jene sehr, die die Wirtschaft und staatliche Politik beherrschen. Eine aktuelle Illustration ihrer Beunruhigung ist das „Gesetz zur Verbesserung der Umweltbildung“, das von ALEC, dem Amerikanischen Legislativen Börsenrat vorgeschlagen wurde, einer unternehmens-finanzierten Lobby, die Gesetze ausklügelt, um den Bedürfnissen des Unternehmenssektors und des extremen Reichtums zu dienen.

Das ALEC-Gesetz fordert „ausgewogene Unterrichtung“ in der Klimawissenschaft in K-12 Klassenzimmern [K-12 meint vom Kindergarten bis zum Abitur – D. Ü.]. „Ausgewogene Unterrichtung“ ist ein Kode-Begriff, der sich auf die Unterrichtung von Klimaveränderung-Leugnung bezieht, um ein Gleichgewicht zum großen Strom der Klimawissenschaft herzustellen. Er ist analog „zur ausgewogenen Unterrichtung“, wie sie von Schöpfungsvertretern propagiert wird, um den Unterricht der „Schöpfungswissenschaft“ [der Bibel!] in Schulen zu fördern. Das ALEC-GESETZ ist schon in einigen Staaten eingeführt worden.

Natürlich wird all dies in eine Rhetorik gehüllt vom Lehren kritischen Denkens – eine feine Idee, zweifellos, aber man kann sich leicht weit besser geeignete Beispiele vorstellen als eine Frage, von der unser Überleben abhängt, und die nur gewählt wurde wegen ihrer Bedeutung für die Profite der Unternehmen.

Medienberichte präsentieren gemeinhin eine Kontroverse zwischen zwei Seiten in der Klima-Frage. Die eine Seite besteht aus der überwältigenden Mehrheit von Wissenschaftlern, der großen Wissenschaftsakademien der Welt, der professionellen Wissenschaftsjournale und dem Weltklimarat (IPCC).

Sie alle stimmen überein, dass die globale Erwärmung stattfindet, dass es da eine substantielle menschliche Komponente gibt, dass die Situation ernst und vielleicht schrecklich ist, und dass sehr bald, vielleicht innerhalb von Jahrzehnten ein Wendepunkt errreicht werden könnte, an dem der Prozess sich stark beschleunigt und irreversibel wird mit ernsten sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Es ist selten, einen solchen Konsens in komplexen wissenschaftlichen Fragen zu finden.

Die andere Seite besteht aus Skeptikern, einschließlich einiger angesehener Wissenschaftler, die warnen, dass vieles unsicher sei – was bedeutet, dass die Dinge vielleicht nicht so schlimm seien oder aber vielleicht auch schlimmer.

Übersehen wird bei dieser künstlichen Debatte eine viel größere Gruppe von Skeptikern: hoch angesehene Klima-Wissenschaftler, die die regelmäßigen Berichte des IPCC als viel zu konservativ ansehen. Und diese Wissenschaftler haben wiederholt Recht gehabt, unglücklicherweise.

Die Propaganda-Kampagne hat offensichtlich einigen Effekt gehabt auf die US-Öffentlickeit, die skeptischer ist als die globale Norm. Aber dieser Effekt ist nicht so groß, dass er die Herren befriedigt. Das ist es wohl, weshalb Sektoren der Multis ihren Angriff auf das Erziehungssystem starten, der der gefährlichen Neigung der Öffentlichkeit entgegenwirken soll, auf die Folgerungen der wissenschaftlichen Forschung zu hören.

Beim Winter-Treffen des Republikanischen Nationalen Komitees vor ein paar Wochen warnte der Gouverneuer von Louisiana Bobby Jindal die Führung, dass „Wir aufhören müssen, die dämliche Partei zu sein. Wir müssen aufhören, die Intelligenz der Wähler zu beleidigen“.

Im RECD-System ist es von großer Bedeutung, dass wir eine dämliche Nation werden, nicht von der Wissenschaft und Vernunft irregeführt werden im Interesse der kurzfristigen Gewinne des wirtschaftlichen und politischen Systems und auf die Konsequenzen wird gepfiffen.

Diese Auffassung ist tief verwurzelt in der fundamentalistischen Markt-Doktrin, die in der RECD gepredigt wird, obwohl sie sehr selektiv angewandt wird, um einen mächtigen Staat zu erhalten, der dem Reichtum und der Macht dient.

Die offizielle Doktrin leidet an einer Anzahl von bekannten „Markt-Leistungsschwächen“, u. a. das Versagen, die Auswirkungen auf andere im Markt in Rechnung zu stellen. Diese Folgen auf diese „Externalitäten“ können von Bedeutung sein.

Die gegenwärtige Finanzkrise ist ein Beispiel. Sie ist zum Teil verschuldet von den großen Banken und Investitions-Firmen, die „System-Risiken“ ignorierten – die Möglichkeit, dass das ganze System zusammenbrechen würde – wenn sie riskante Transaktionen unternähmen.

Die Umwelt-Katastrophe ist noch viel ernster:
Diese Externalität, die ignoriert wird, ist das Schicksal unserer Spezies. Und es gibt keinen Ort, wohin wir fliehen könnten mit der Kappe in der Hand für einen 'bailout' [eigentlich: finanzielle Rettungsaktion].

Künftig, werden Historiker (sofern es noch welche geben wird) zurückblicken auf das seltsame Spektakel, das im frühen 21. Jahrhundert Form annahm.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit stehen die Menschen einem ernsten Unheil als Ergebnis ihrer Handlungen gegenüber – Handlungen, die die Aussicht auf ein vernünftiges Überleben zerschlagen.

Und jene Historiker werden bemerken, dass das reichste und mächtigste Land der Geschichte, das unvergleichliche Vorteile genießt, alles unternimmt, um ein wahrscheinliches Desaster zu beschleunigen. Anstrengungen zur Erhaltung von Bedingungen für ein gutes Leben für unsere unmittelbaren Nachkommen, werden von den sogenannten „primitiven“ Gesellschaften unternommen: den First Nations [Nordamerikas Indianer], Stammesgesellschaften, Indigenen und Aborigins [Australiens Ureinwohner].

Die Länder mit großen und einflußreichen indigenen Bevölkerungen nehmen die Führung ein bei der Suche nach Erhaltung des Planeten. Die Länder, die indigene Bevölkerungen ausgelöscht oder extrem marginalisiert haben, stürmen auf die Zerstörung zu.

So sucht Ecuador mit einer großen indigenen Bevölkerung Hilfe von den reichen Ländern, um zu ermöglichen, dass seine großen Ölreserven in der Erde bleiben, wo sie hingehören.

Hingegen versuchen die USA und Kanada fossile Energien zu verbrennen, einschließlich des gefährlichen kanadischen Teersands, und zwar so schnell und vollständig wie möglich, und ein Jahrhundert von (eigentlich bedeutungslosen) Energie-Unabhängigkeit zu begrüßen, ohne einen Blick darauf zu werfen, wie die Welt aussehen wird nach dieser extravaganten Hingabe an die Selbstzerstörung.

Verallgemeinern wir diese Beobachtung: In der ganzen Welt kämpfen indigene Gesellschaften dafür, das zu erhalten, was sie machmal „die Rechte der Natur“ nennen, während die zivilisierten und fortgeschrittenen Länder diese Dummheit verspotten.

Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Vernunft vorhersagen würde – wenn sie nicht die verdrehte Form der Vernunft wäre, die den Filter der RECD passiert hat.


Quelle - källa - source

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