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Freitag, 1. September 2017

Hommage an Syrien


Aidan O‘Brien

31. August 2017

Aus dem Englischen: Einar Schlereth


Eine seltsame Sache geschah in voriger Woche. Der US-Präsident hat offiziell die CIA aufgefordert, ihren Krieg gegen Syrien zu beenden. Es ging also nicht um die globale Erwärmung oder „Assad“ oder den Neoliberalismus, es war sogar nicht einmal ein Bürgerkrieg. Der Kriegsmacher in Syrien war die CIA. Natürlich wird die CIA inoffiziell ihren Krieg gegen Syrien weiterführen. Aber wir können für einen Moment die Wahrheit genießen. Und eine „offizielle CIA-Niederlage“.

Die syrische Armee schreitet siegreich voran.
Warum nur genießen? Warum nicht jubeln? Denn dieser Moment könnte der Wendepunkt in dem Jahrhunderte langen westlichen Ansturm gegen das moslemische Volk sein. Was viele den „Bogen des Widerstands“ (Shiiten und säkular) nennen, ist jetzt gefestigt worden, während die westliche imperiale Offensive gescheitert ist.

US-General Wesley Clark hat das Spiel vor Jahren aufgedeckt, als er die US-Absichten im Nahen Osten nach 9/11 aufdeckte: sieben Länder sollten invadiert werden (Irak, Libyen, Syrien, Libanon, Somalia, Sudan und Iran). Frankreichs Außenminister Roland Dumas deckte ebenfalls das Spiel auf, als er enthüllte, dass der britische Staat (eine definitive CIA-Agentur) sich auf einen Krieg gegen Syrien vorbereitet, zwei Jahre vor dem Beginn des syrischen Holocausts 2011. Und der investigative Journalist Seymour Hersh deckte auch das Spiel auf, als er 2007 im New Yorker den Artikel „Die Umleitung“ veröffentlichte. Darin enthüllte er, wie die USA sich wieder einmal mit den Saudi/Sunni Fundamentalisten in und um Syrien verbandelte.

Und als wenn all diese Enthüllungen noch nicht ausreichten – hat auch Wikileaks die Machenschaften der US-Botschaft in Damaskus im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts aufgedeckt. Destabilisierung war ihre Agenda. Die CIA „Diplomatie“ war die Regel. Kurz gesagt, so stand Syrien im Fadenkreuz des Imperiums. Und das ist in der Tat in den vergangenen etwa sechzig Jahren so gewesen. Pläne für ein Chaos in Syrien lagen auf dem imperialen Tisch seit den 50-er Jahren (Operation Straggle). Gibt es diesen Punkt nicht in den westlichen Köpfen?

All diese Verschwörungen platzten wie eine Atombombe über Syrien 2011. Doch der syrische Widerstand dagegen und der endliche Sieg erhält nicht die enorme Anerkennung und Respekt, die es verdient. Syrien erduldete einen Schlag für die Menschheit. Und es gewann einen Sieg für die Menschheit. Und die Menschheit – oder zumindest der westliche Teil davon – schaut einfach weg.


Die westlichen „Menschenfreunde“ machen Syrien für den syrischen Holocaust verantwortlich. Die Berichte von Amnesty International und Human Rights Watch (beide intim mit dem US-Außenministerium verbunden) schütten nur Hohn über die Syrische Arabische Republik aus. Noam Chomsky wollte zu Beginn den Regimewechsel. Und andere Linke beehrten tausendfach die Kurden in Nordsyrien und hegten sonstige revolutionäre Illusionen, statt einmal was Gutes über die Syrische Republik zu sagen.

In der grotesk verdrehten westlichen Darstellung des Krieges in Syrien fehlten und fehlen die vielen Formen des westlichen Imperialismus. Die CIA und ihr modus operandi wurde und wird nicht zur Rechenschaft gezogen: das Kaufen von Informanten, Verrätern, Journalisten, Söldnern, Filmen, Oscars etc.

In einem klassischen Fall von schamlosem Liberalismus – als es in Syrien zu verdeckten und offenen Aktionen des Westens gekommen war, die beiseite geschoben wurden und ein „fremdes“ Individuum ins Licht gerückt wurde: der syrische Präsident.

Und in einer enttäuschenden Vorführung kritischen Denkens kam ein großer Teil der westlichen Linken am Ende dazu, auch mit Fingern auf einen „Fremden“ zu zeigen: den syrischen Präsidenten.

Schließlich war es die Gewohnheit der westlichen Rechten, immer Ausländer oder Fremde schuldig zu sprechen. Die postmoderne (post-revolutionäre) westliche Linke nahm
dieselbe Gewohnheit an. Warum diese schonungslose Kritik? Warum diese Weigerung, den größten anti-imperialistischen Sieg in der postmodernen Zeit anzuerkennen?

Weil ein „Diktator“ dafür verantwortlich ist? Das Leben der Republik stand auf dem Spiel! Will dieser existentielle Punkt nicht in die westlichen Köpfe? Sind wir blind für die genozidalen Ergebnisse unserer westlichen Politik, wenn sie auf schwache Länder der 3. Welt angewandt werden? Sind wir so rein, dass wir kein alternatives politisches Modell akzeptieren können? Syriens Präsident hätte das Schiff verlassen können. Aber er handelte wie ein Präsident. Er blieb, als es leichter gewesen wäre, abzuhauen.

Im Westen geben unsere Präsidenten es auf, Widerstand gegen Ungerechtigkeit zu leisten, beim ersten Anzeichen von Gefahr. In Europa zum Beispiel wagt es niemand, gegen die Feinde des Volkes (die Europäische Zentralbank und die NATO) zu kämpfen. Wir sind es also nicht gewohnt, einen Führer mit Rückgrat zu sehen. Wenn wir einen sehen, denken wir, dass es unglaublich ist. Dass irgendetwas nicht stimmen kann. Er muss eine „Diktator“ sein. Wenn es eigentlich genau umgekehrt ist: die westliche „kapitalistische Demokratie“ ist die Diktatur – besonders, wenn sie in den nicht-Westen exportiert wird.

In den postmodernen Zeiten ist die Sorge um oder die Hilfe für die „Arabische Revolution“ ein Schwindel. Es gibt keine Basis. Deshalb ist für Westler, am Rand zuzuschauen und Syrien über „Revolution“ zu belehren, besonders krass. Um es klar auszudrücken: wir im Westen haben heute keinerlei revolutionäre Glaubwürdigkeit. Was kann uns also irgendwo zu Experten für „Revolution“ machen? Warum sehen wir eine, wo keine ist? Warum wird unser Urteil über Syrien mit den höchsten revolutionären Maßstäben gemessen, wenn eine raubgierige imperiale Macht sich eindeutig daran macht, es zu zerstören? Warum projizieren wir unsere Wünsche nach Veränderung auf ein Volk, das einfach nur einen Holocaust überleben will? Die selbstgerechte Kritik an Syrien ist, um es gelinde auszudrücken, fehl am Platz. Um es derb zu sagen: sie ist ein ahnungsloses Opfer eines CIA-Medien-Blitzkrieges geworden.

Und die neoliberale Natur Syriens? Jedes Land in der heutigen Welt ist mehr oder weniger neoliberal. Aber abgesehen von Libyen ist kein anderes Land so wie Syrien zerfetzt worden. [Hier hat er aber Afghanistan und vor allem den Irak vergessen. D. Ü.] Es muss etwas anderes die Ursache für den syrischen Holocaust gewesen sein.*

Syrien zu erklären, indem man auf den neoliberalen Zusammenbruch der Gesellschaft zeigt, ist deshalb üble Ausflucht. Und der Widerwille, die CIA als die Ursache für die vergangenen sechs Jahre zu bezeichnen, ist feige gewesen.

Wir kennen die „Meriten“ der CIA. Kuba, Chile, Nicaragua, Kongo, Angola, Vietnam, Indonesien, Laos etc. [Bei William Blum könnt ihr die komplette, endlos lange Liste nachlesen. D. Ü.] Die geheimen Kriege und die geheimen Destabilisierungen sind kein Geheimnis mehr.
Weshalb also die Schuldlosigkeit, wenn es um Syrien geht? Mit drei Worten: der Arabische Frühling.

Doch nach sechs Jahren Horror macht die „Frühlings“-Story keinen Sinn mehr. In Syriens Fall ist es ein Blindgang. Seit wann haben die Aktivitäten der CIA einen „Frühling“ hervorgerufen? Es ist eine gut gedeichselte Ablenkung gewesen. Die große Ironie ist also, dass heute nach dem „Sieg“ der Syrischen Republik wir wahrscheinlich eine wirkliche syrische Renaissance erleben werden – einen genuinen Frühling des syrischen Volkes.

Und bevor jemand vom „Russischen Imperialismus“ spricht, lasst uns die Idee beiseitewischen. Tatsache ist, dass die russische Ökonomie kleiner ist als die Kaliforniens. Es hat einfach nicht die ökonomische Kapazität, ein Imperium zu sein. Was anderes zu behaupten, ist eine Farce. Um unseren wichtigsten Punkt zu wiederholen: das Leben der Syrischen Republik stand auf dem Spiel in den vergangenen sechs Jahren. Daher hatte die Republik jedes Recht, jeden Vorteil zu nutzen, der sich bot. In Kriegen sind „Alliierte“ eine Lebensnotwendigkeit.

Was Russlands „Eile“, Syrien zu helfen, angeht – da ist die beste Analogie die kubanische Eile, Angola in den 1970-er Jahren zu helfen. Kubas Eingriff in jenen CIA-Krieg war kein „kubanischer Imperialismus“, sondern eine Akt internationaler Solidarität. Und er änderte die Geschichte des modernen Afrika zum Besseren. Es war der Anfang zum Ende der Apartheid in Südafrika.

Und das genau ist die Bedeutung des syrischen Sieges. Durch den patriotischen Kampf und durch die Niederringung der Killer-Maschine des Westens hat das syrische Volk nicht nur sein Land gerettet, sondern auch seine Region vor weiterer Zerstörung. Und dies ist dann der Fall für den Beginn des Endes der Israel-Apartheid.

Fußnote:
* Ich möchte hier den ‚Linken‘ noch in Erinnerung rufen, wie Karl Marx zum Kampf des Emirs von Afghanistan gegen die Engländer gestanden hat: er hat ihn rückhaltlos unterstützt – im Gegensatz zu der linken Mischpoke, die es auch schon zu seiner Zeit gegeben hat.


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Aidan O‘Brien ist Krankenhelfer in Dublin/Irland.


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