Gleich zu Anfang macht Chris Hedges einen grundlegenden Fehler. Nicht das Volk hat sich von der Kultur getrennt, sondern es ist bewusst durch die Herrschenden von der Kultur getrennt worden. Und können etwa unsere Gebildeten „zwischen Lügen und Wahrheit unterscheiden“? Das ist ja gerade die Crux, dass die Intelligenz heute in den USA und gestern in Deutschland sich zu mehr als 90 Prozent dem Faschismus anpasste. Auch wenn einfache Leute gern auf Intellektuelle schimpfen, sind sie doch auch Vorbild. Wenn der "Herr Professor" es sagt, dann muss es doch stimmen. Das Elend der Denkunfähigkeit liegt an dem gesamten Erziehungssystem (wozu Eltern, Schule, Sonntagsschule, Armee, Lehre, Universität mit allen ihren Medien und ihren Gesetzen gehören). Alle zusammen geben sich die größte Mühe, das Denken nicht zu erlernen. Denn denkende Menschen sind die größte Gefahr für die Eliten.
![]() |
| "Wir das Volk - können nicht lesen." |
Das analphabetische Amerika
Chris Hedges
4. September 2016
Aus dem Englischen: Einar Schlereth
Wir leben in zwei Amerikas. Ein Amerika, jetzt eine Minorität, funktioniert in einer gebildeten, auf Gedrucktem basierenden Welt. Es kann mit Komplexität umgehen und hat die intellektuellen Instrumente, um Illusion von Wahrheit zu trennen. Das andere Amerika, das die Mehrheit darstellt, existiert in einem Glaubenssystem, das nicht auf Realität basiert. Dies Amerika, abhängig von geschickt manipulierten Bildern als Information, hat sich getrennt von der gebildeten, von Gedrucktem abhängigen Kultur. Es kann nicht unterscheiden zwischen Lügen und Wahrheit. Es wird durch simple, kindische Erzählungen und Klischees informiert. Es wird verwirrt durch Zweideutigkeit, Nuancen und Selbstbesinnung. Diese Trennung hat mehr als Rasse, Klasse oder Geschlecht, als Stadt oder Land, Gläubige oder Ungläubige, rote oder blaue Staaten das Land in radikal unterschiedliche und nicht zu überbrückende, antagonistische Einheiten gespalten.
Es gibt mehr als 42 Millionen amerikanische Erwachsene, von denen 20% Abitur haben, aber nicht lesen können oder die genau wie 50 Millionen weitere Bürger auf dem Niveau von 4. oder 5.- Klässlern lesen. Beinahe ein Drittel der Nation ist analphabetisch oder kaum lesekundig. Und ihre Zahl steigt mit geschätzten zwei Millionen pro Jahr. Aber selbst jene, die angeblich les- und schreibkundig sind, sinken in großer Zahl ab in eine Existenz, die auf Bildern basiert. Ein Drittel der Abiturienten und 42 % der Hochschulabsolventen liest nach dem Schulende nie mehr ein Buch. 80 % der Familien in den USA haben im vergangenen Jahr kein Buch gekauft.
