Samstag, 13. August 2011

Mit offenen Augen durch Venezuela (2. Folge)

Aber es stimmt, dass der Einfluss von Chávez ständig wächst, d. h.  genauer gesagt, dass der Einfluss seiner Gedanken wächst. Auch im Lande selbst verbreiten sich seine Gedanken vor allem durch seine Praxis. Die Menschen spüren und sehen die Veränderungen. Der Beweis ist auch, wie ich schon sagte, dass die Verbreitung der Zeitung VEA sabotiert wird. Als ich in die Küstenorte Puerto Colombia und Choroní kam, war es im übrigen genauso. Die VEA war nirgends zu haben. Dann bemerkte ich, dass auch in mehreren Hotels der Fernsehkanal der Regierung nicht zu bekommen war. Und später las ich auch, dass Reden von Ministern und Chávez zum Schweigen gebracht wurden, d. h. ohne Ton gesendet wurden. Was würde Frau Merkel sagen oder tun, wenn ihre Reden ohne Ton gesendet würden?
Der katholische Glaube von Chávez scheint auch echt und tief zu sein. Besonders hat es ihm die Jesus-Figur angetan und in ihr sieht er beinahe einen Vorgänger von Bolívar. Er scheint sogar Fidel missionieren zu wollen und erzählte, dass er ihn so weit brachte zuzugeben, dass er im sozialen Bereich Christ sei. Aber Chávez ist nicht borniert oder Fundamentalist. Er führt nicht wie die Fundamentalisten im Weißen Haus Krieg gegen islamische Länder wie Irak, Afghanistan, Palestina. Er tritt entschieden gegen den Irakkrieg und für das Recht des irakischen Volkes auf Selbstverteidigung ein. Im übrigen ist der Glaube in Venezuela immer noch sehr stark. Ich wunderte mich sehr, volle Kirchen zu sehen, und nicht nur mit alten Frauen sondern mit jungen Menschen. Und ich beobachtete, dass mindestens die Hälfte aller Leute, die an einer Kirche vorbeigehen, den rechten Zeigefinger an die Lippen führen und sich bekreuzigen. Naja, immerhin haben große Teile der Priesterschaft in Lateinamerika eine ziemlich progressive Rolle gespielt.
Jedenfalls habe ich mehrmals gehört, wie Chávez ausrief, seinen Nächsten zu lieben und an die Liebe zu denken. „Un poco más de amor y el mundo sería mejor. Amor, amor. Un poco más.“ (Etwas mehr Liebe und die Welt wäre besser. Liebe, Liebe. Ein bisschen mehr.)
Das ist keineswegs falsch. Wenn man gleichzeitig handelt wie Chávez.
Ich will noch ein konkretes Beispiel von Venezuelas Internationalismus zeigen, worüber Salim Lamrani, französischer Professor an der Universität Sorbonne, am 10. März 2006 geschrieben hat: „Während die Bush-Verwaltung bereit ist, alles zu tun, um einen neuen Wahlsieg von Chávez am 6. Dezember 2006 zu verhindern, fährt Venezuela fort, Reformen durchzuführen, die den Lebensstandard des Volkes weiter anheben sollen. Sein Prestige auf dem Kontinent steigt im gleichen Maße wie der Einfluss der USA sinkt. Die Ursache ist ganz einfach: Während Venezuela über einen Zeitraum von sieben Jahren 28 Milliarden Dollar als  Hilfe für seine Nachbarländer bereitgestellt hat – durchschnittlich 3.6 Mrd. $ im Jahr – haben die USA eine massive Verringerung ihrer Hilfe für 2007 bekannt gegeben: 28.5% weniger für die Entwicklung Lateinamerikas und der karibischen Länder, 10% weniger für medizinische Hilfe und 11% weniger Geld für die Organisation der amerikanischen Staaten (OAS). Das heisst also, dass Caracas jährlich 3.6 Mrd. $ an Lateinamerika vergibt, während Washington seine Wirtschaftshilfe um 1.2 Mrd. $ senkt.“
Es ist also die konkrete Politik und nicht Worte über Sozialismus, mit denen viele so freigebig umgehen, was Washington in Rage bringt.

Auf dem Weg nach Mérida in den Anden

Mein letztes Reiseziel war Mérida in den Anden. Aber ich fuhr in Etappen dorthin. Am ersten Tag westwärts auf der Autobahn an hohen Bergen zur Rechten entlang nach Maracay. Große Zuckerrohrplantagen, Apfelsinen- und Mango- Plantagen. Die Stadt mit ihren 600 000 Einwohnern liegt platt ausgebreitet in der Hitze der Ebene und hatte wohl deswegen sehr viele Parks.
Aber ich fuhr weiter mit einem kleineren Bus nach Puerto Colombia am Karibischen Meer, eine Strecke von 30 km, für die wir zwei Stunden brauchten. Aber das war kein Wunder. Die Straße wurde immer schmaler und immer steiler.

Der Bus schraubte sich hoch zuerst zwischen kahlen Hügeln und dann zwischen den Baumriesen des Regenwaldes mit Bärten, die der Rentierflechte in Skandinavien ähneln, aber meterlang sind. Auf der rechten Seite ging es senkrecht hoch und auf den linken senkrecht runter. Keine muntere Alternative, falls der Buschauffeur, der mit einer Hand steuerte, nur den kleinsten Fehler machte. Die Kurven waren oft so eng, dass er mehrmals zurücksetzen musste. Aber wir kamen an – zuerst in Choroní und dann in Puerto Colombia.


War Caracas schon ungewöhnlich warm für die Jahreszeit gewesen, so war es an der Küste tropisch heiß mit der entsprechenden Vegetation. Als ich zum kleinen Fenster meines Zimmers hinausschaute, sah ich einen Papayabaum mit noch unreifen Früchten, einen großen Brotfruchtbaum und einen riesigen Mangobaum, an dem tonnenweise unreife Früchte hingen. Dahinter gab es noch größere Bäume, wo sich abends alle Papageien versammelten. Die schienen sich in keinem Punkt einigen zu können und schrien wie Straßenjungen.

Ich blieb knapp drei Tage dort. Genoss die schöne Bucht mit dem breiten Sandstrand und schönen Palmenwald, den Abendspaziergang im kleinen Park am Hafen, wo die Fischer ihre Schwertfische und gewaltigen Barracudas direkt in die Kühlwagen für die Hauptstadt luden.

Ich spazierte den Fluss aufwärts, der über gewaltige Felsen herabstürzte. Und später an der Steilküste hoch zu dem großen Krucifix und dem kleinen Leuchtturm in Form eines Schiffes. Ansonsten hatte ich nur drei anmerkenswerte Erlebnisse. Wieder kam ich dazu, als gerade ein Mensch ertrunken war. Ein junger Mann, der von den meterhohen Wogen mitgerissen wurde. Die Polizei passte danach auf, dass man nicht weiter als bis zur ersten kleinen Welle sich hinauswagte. Und dann lernte ich zwei Menschentypen kennen, die eigentlich nicht sonderbar sind, aber die man überall in mehr oder weniger entwickelten Ländern trifft.
     Der erste war Manfred, ein Deutscher aus Thüringen (ehemals   Ostdeutschland), der ein Schild „Pan alemán“ (Deutsches Brot) vor seiner kleinen Boutique aufgehängt hatte, was meine Neugier erregte. Er hatte vor vier Jahren zusammen mit einem Kumpel eine kleine Bäckerei aufgebaut, der jedoch nach einem Jahr genug hatte und abhaute. Die Venezolaner mögen sein Brot, selbst das schwarze, und er kann von seiner Arbeit leben. Er hat ganz ordentlich spanisch gelernt  und ist zufrieden.
Der andere Typ war Gert, ein Deutschstämmiger aus Ungarn, der als junger Bursche nach München kam. Er bekam in jungen Jahren die Bechterew'sche Krankheit, musste mit seiner Fabrikarbeit aufhören, wurde zum Ingenieur ausgebildet, aber dennoch mit 50 Jahren zum Krankenpensionär. Wegen seiner Krankheit zog er erst nach Spanien und landete allmählich in Puerto Colombia. Kaufte ein altes Haus, baute es um, so dass es allmählich zu einer hübschen kleinen posada wurde. Heiratete erneut und bekam noch zwei Kinder (zu den beiden aus der ersten Ehe in Deutschland). Er hatte gerade eine große exklusive Dachwohnung für seine jetzige junge Frau in Macaray gekauft, hatte zwei Autos und verbrachte jedes Jahr sechs Monate in Europa. Aber er arbeite umsonst, für nichts, wie er versicherte. Die Angestellten müssten ständig überwacht werden, die seien faul und stehlen und seien ganz allgemein untauglich. Und mit dem Land gehe es bergab. Es kommen nicht mehr so viele Touristen wie früher. „Am liebsten möchte ich den ganzen Scheiß hinwerfen.“
Etwa die gleiche Litanei hörte ich eine Stunde später nochmal von Hugo (sein Vater war Deutscher), der eine hübsche posada am Fluss Choroní hatte. Die Regierung und Chávez redeten nur blablabla und täten nichts. Die Leute seien so furchtbar faul, wollten nicht arbeiten und auch nichts lernen. Und die Geschäfte gingen schlecht. Aber es sind doch massenhaft Touristen hier. „Ja, Venezolaner, aber an die vermiete ich nicht. Die stehlen und zerstören nur. Und dabei habe ich ihnen so viel geholfen.“
Was soll man sagen? Man fragt sich, für wie blöde die einen halten und warum sie denn nicht abhauen. Das tun sie nicht, denn sie leben natürlich wie die Maden im Speck. Und sie würden über jedes Land schimpfen. Die träumen von einem Land, das es nicht gibt und gewiss nicht dort, wo sie einmal hergekommen sind. Die gehören, wie Chávez sagt, zu den 20%, die man nicht überzeugen kann. Die nicht überzeugt werden wollen. Die halten eisern an ihren Vorurteilen fest. Und komischerweise wollen sie nie diskutieren, wie es gewesen ist, bevor Chávez an die Macht kam.
Um 7 Uhr nahm ich den Bus, stieg in Maracay um und um 12.15 Uhr war ich in der Millionen-stadt Barquisimeto. Die Autobahn verlief längs der andischen Bergkette durch endlose Felder mit Zuckerrohr, Mais, Mango und Apfelsinen. Und riesigen Weideflächen für Rinder, die sehr viel kleiner als bei uns sind. Die letzten 100 km war der Mittelstreifen mit Bougainvilleen in verschiedenen Farben bepflanzt. Sehr schön.
Fand ein großes Zimmer im vierten Stock mit einem Ventilator, separater Dusche und Toilette für 8 Euro. Die Aussicht über die Stadt und auf die umgebenden Berge war hinreißend.
Zuerst aß ich prima für 2 Euro und dann spazierte ich längs der vollständig aufgerissenen Avenue. Sprach mit einigen Arbeitern und fragte, ob man nichts einfach reparieren könne. „Nee – hier gibt es nur eins. Den ganzen Scheiß rausreißen und von Grund auf neu machen. Schau dort – die Rohre sind alle verrottet und gesprungen.“ Und das stimmte in der Tat. Hier war seit Jahrzehnten nichts gemacht worden. Also werden neue Kanalisations- und Wasserrohre, Telefon- und Stromleitungen gelegt. Es werden neue Bordsteine gesetzt, neue Kanaldeckel (viele sind zerbrochen oder völlig verschwunden), es wird neu asphaltiert, neu mit  Bäumen, Sträuchern und Blumen bepflanzt und alles verschönert. Auf diese Weise wird es ordentlich gemacht.
Aber da glauben die Leute, dass die Riesenlöcher schnell mit Schutt und Müll gefüllt werden müssten. Wie ich beobachtete, waren es hauptsächlich die Geschäftsleute und Straßenhändler. Am folgenden Tag las ich in Méridas Tageszeitung Pico Bolívar einen großen Artikel, der diese Einstellung hart kritisierte. Aber die Polizei wurde nicht kritisiert. Die ist viel zu nett. Die steht daneben und schaut zu. Die könnte doch die Rolle von Erziehern übernehmen und vor allem selbst als Beispiel dienen. Im übrigen sah ich dort zum ersten, aber nicht letzten Mal, dass die meisten Polizisten mit Mountainbikes ausgerüstet sind. Gute Idee.
Weiter unten an der Straße schaute ich zwei Schachspielern zu. Der eine war in mittleren Jahren und der andere ein junger Mann, der nebenbei seinen kleinen Verkaufsstand bewachte und er verlor. Da luden sie mich ein, mich zu setzen und zu spielen. Mein Einwand, dass ich so selten spielte und nicht besonders gut sei, nahmen sie nicht ernst. Also setzte ich mich und verlor zweimal in schneller Folge. Beim dritten Mal gewann ich nach einem harten Kampf. Die Ehre war gerettet. Ich dankte und verabschiedete mich. Hinter der Kirche saßen noch viel mehr Spieler mit der Uhr neben sich. Es heisst, dass Barquisimeto die Stadt der Musiker sei, aber ich traf nicht einen.
Nicht viel weiter stieß ich auf den südlichen Rand der Stadt, der steil in ein breites grünes Tal abfiel. Ich sprach mit einem alten Mann, der auf das Ende der Schule wartete, um das Enkelkind abzuholen. Er erzählte, dass es unten im Tal einmal einen Fluss gab, aber nach dem enormen Wachstum der Stadt in den vergangenen 20 Jahren sei der fast verschwunden. Jetzt muss das Wasser für die Stadt von den gegenüber-liegenden Bergen herangeführt werden.
Auf dem Weg zurück kam ich zu dem schönen Bolívarplatz mit hohen Palmen und uralten Bäumen, wo ich zum ersten Mal Leguane in freier Natur sah – bis zu 2.20 m lang – die munter an dem Gemüse und den Früchten nagten, die ihnen jemand hingeworfen hatte. Sie nahmen ein  Salatblatt oder eine Mango ins Maul und kletterten geschickt hoch hinauf in die Bäume.
Auf dem Heimweg sah ich einen großen Buntspecht, der sorgfältig die flachen Leuchtkörper der Straßenlaternen untersuchte und den einen oder anderen Leckerbissen fand. Vor dem Hotel kam ich mit ein paar Straßenhändlern ins Gespräch und irgendwie kam wir auf ALBA. „Chávez hat doch Recht“, sagte der eine, „wir armen Länder müssen zusammenarbeiten, sonst geht es nicht voran. Ihr Europäer mit euren vielen Sprachen habt euch einigen können, warum sollte es uns mit einer Sprache nicht gelingen? Naja, portugiesisch gibt es ja noch, aber das kann man ja zur Not verstehen.“
Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem Bus LENIN (der Name ist hier nicht ungewöhnlich) weiter nach Varela, das mit seinen 200 000 Einwohnern relativ klein ist. Die Straße verlief zuerst durch eine karge Landschaft mit kleinen Bäumen, die Schirmakazien ähnelten. Dann wurde es immer grüner. Viel Zuckerrohr. Die Stadt selbst liegt eingebettet im Grünen zwischen niedrigen Hügeln, die erst weiter weg in hohe Berge übergehen.
Am folgenden Tag nahm ich den Bus um 7.45 und war um 13.15 Uhr in Mérida, Hauptstadt des Staates gleichen Namens. Eine sehr abwechslungsreiche Route hinauf nach Mérida mitten in den Anden, auf der man durch mehrere Wachstumszonen kommt. Die grüne Ebene ging allmählich in Regenwald über und dann in eine Landschaft mit intensivem Gartenanbau und kleinen Dörfern. Überall wurde geerntet, gesät oder gepflügt, beinahe dasselbe wie bei uns: Kartoffel, Mohrrüben, Kohl, Lauch, Rote Beete, Gurken, Melonen, Artischocken und einige Pflanzen, die ich nicht erkannte. Auch große Blumenpflanzungen. Am Straßenrand wuchsen Geranien und in den kleinen Gärtchen um die Häuser herum blühten Rosen, Hortensien und Nelken. Aber dann hörte fast alle Vegetation auf, außer Gras und kleinen Büschen. Die Straße mäanderte sich immer höher hinauf. Einzelne Schafe. Endlich der Pass. Auf dem Weg hinunter sah ich vereinzelt Kühe und Pferde und wieder Gartenanbau bis hinauf an den steilen Hängen. Ziemlich kalt und viele Häuser hatten Schornsteine. In einem hübschen kleinen Dorf wurde Kaffeepause eingelegt. In dem netten Restaurant wurde auch schönes Kunsthandwerk verkauft – Keramik, Ponchos, Flechtwerk. Ein Teil der Häuser hatten einen „Alpen-look“, aber das beruht vielleicht auf europäischem Einfluss.
      In Mérida auf 1600 m Höhe war es immer noch ziemlich kühl und die Zimmer selbst in der unteren Preisklasse hatten warmes Wasser. Die Berge runtherum steigen auf mehrere tausend Meter an. Der höchste – Pico Bolívar – ist 5007 m hoch. Und dort hinauf führt die längste Seilbahn der Welt – 12.5 km. Da der Gipfel ständig in Wolken gehüllt war, ließ ich die Fahrt bleiben. Ich hatte schon in Caracas Pech gehabt. Als ich dort auf 2000 m Höhe anlangte, herrschte dichter Nebel und ich sah nichts. Aber der Spaziergang durch den Wald war trotzdem schön.


Mérida und wieder Caracas

Mérida war die sauberste Stadt von allen, die ich sah. Die Sauberkeit hatte zugenommen, je weiter man sich von Caracas entfernte. Worauf das beruht, kann ich nicht sagen. Die Leute sind ja nicht so verschieden von einem Ort zum anderen. Vielleicht, weil in Barquismeto, Valera und Mérida der Müll abgefahren wird, sobald er zusammengefegt wurde? Dann können die Säcke in der Nacht nicht von Tieren und Vögeln zerfetzt werden.
Mérida ist 450 Jahre alt und mit 400 000 Einwohnern doppelt so groß wie Valera. Sie liegt phantastisch in einem tiefen Tal zwischen zwei hohen Bergketten auf einem hohen, 12 km langen Plateau – hoch über den zwei Flüssen, die in der nordöstlichen Ecke fast zusammenfließen. Die Stadt liegt so hoch über den Dörfern unten, dass man diese oft wegen der Wolken nicht zu Gesicht bekommt.

Die Stadt kann nur nach Südwest hin wachsen und ein wenig nach Westen, wo das Tal nicht so breit ist und das Viertel auf der anderen Seite, die durch hohe Berge begrenzt ist, mit Brücken zu erreichen ist. Folglich zieht sich die Stadt immer mehr in die Länge.
Mérida ist auch eine alte Universitätsstadt und Touristenstadt – relativ gesehen, denn in Venezuela gibt es nicht sonderlich viele Touristen – und hat deshalb eine ganze Menge Tourismus-Agenturen, die alles anbieten, von Wandern, Klettern bis Rafting und Gleitschirmfliegen.
Ich fand ein kleines Hotel im Besitz von Kubanern, die vom Regen in die Traufe kamen, als Chávez an die Macht kam, der gute Freund von Fidel. Als kleine Rache, bekam man dort jedenfalls nicht den Regierungsfernsehsender herein.
In der Halle traf ich ein junges Paar aus der Schweiz. Sie hatten ein ganzes Jahr gearbeitet und gespart und jetzt reisen sie durch ganz Südamerika. Haben auch ganz ordentlich spanisch gelernt. Es freut mich immer zu hören, wenn Leute sich ordentlich auf ihre Reisen vorbereiten. D. h. sie wollen nicht nur glotzen, sondern auch etwas lernen. Später traf ich am Busterminal zwei Schweden, die sich drei Monate Zeit genommen hatten für ganz Süd- und Mittelamerika. Ihr Programm war sehr merkwürdig: von Argentinien nach Mexiko, dann Kolumbien und Venezuela und jetzt wollten sie nach Chile. Die hatten wohl ihren Geografie-Unterricht versäumt und spanisch konnten sie auch nicht. Aber sie lebten immer noch.
Im Bolívarpark gab es einen Stand, wo einige Männer mit Megaphon die Leute aufriefen, einen Aufruf gegen den Irakkrieg und die Bedrohung Syriens zu unterschreiben. Als ich unterschrieb, dankten mir zwei Männer überschwenglich. Das berührte mich peinlich. Warum dankten sie für etwas Selbstverständliches? Vielleicht deshalb, weil Europäer so selten Solidarität zeigen.
Besuchte den zoologischen Garten an der Nordkante der Stadt, wo ein steiler Berg begann. Ich stellte mich ordentlich in die Reihe. Als ich dran war, schaute mich die Dame streng an und fragte: „Was wollen Sie hier?“ Mein erster Gedanke: Was habe ich falsch gemacht? Soll ich verschwinden  und nachhause fahren? Ich habe wohl recht dumm und verständnislos aus der Wäsche geschaut. Da lachte sie und sagte: „Sie sind doch wohl schon 60 oder? Da kostet es nichts.“  Jaso. Ich verbeugte mich und dankte. Obwohl danken muss man Chávez, der alle Museen und Parks für die Allgemeinheit öffnete und teils den Eintritt ganz abschaffte oder nur für Studenten und Pensionäre.
Am dritten Tag war es ziemlich grau und kühl. Ich nahm den Bus nach Tabay, einem kleinen Ort 25 km weiter oben in den Anden. Wie überall in den schmalen Tälern gab es auch dort Gartenanbau in kleinem Maßstab. Der kleine Fluss führte Hochwasser, nachdem es die ganze Nacht geregnet hatte. Und gerade, als wir in das schöne Dorf hineinfuhren, fing es wieder zu regnen an. Der Bus hielt im Zentrum am Bolívarplatz und alle rannten los in die umliegenden kleinen Restaurants, wo die Mädchen im Eiltempo arepas und empanadas buken und servierten, und wie gewöhnlich aßen die meisten Leute 3-4 Stück, während ich kaum eine essen konnte.

Nach einer Weile sprang ich zur Nordseite des Platzes, wo auch die gerade fertig renovierte Kirche lag. Davor waren Leute damit beschäftigt eine Art von Party-Zelten zu zwei gegenüber liegenden Reihen zusammenzuschieben. Und dann kamen eine Menge Kinder mit großen Einkaufstaschen und Kartons. Geschwister und Mütter halfen ihnen auszupacken: Zeichnungen, Malereien, zusammengebastelte und geklebte Modelle von Häusern oder Landschaften, geschnitzte und gestickte Sachen. Einige hatten zwei große Tafeln hergestellt, die zeigten, wie saubere bzw. verschmutzte Natur aussah.
Ich hatte Mitleid mit den Kindern, die sich so viel Mühe gegeben hatten zu zeigen, was sie konnten, und nun goss es in Strömen und kaum jemand kam, um sich alles anzuschauen. Wieviele von ihnen würden im späteren Leben verschont bleiben vor vielen weiteren Frustrationen?
Im übrigen ist Tabay für sein schönes Kunsthandwerk und sein Gemüse bekannt. Daher baut man jetzt eine Halle, um die künstlerischen Produkte ausstellen und besser vermarkten zu können. Für die Gemüseproduzenten wird auch eine zentrale Halle gebaut. Außerdem befindet sich ein Visuelles Museum im Bau, in dem alle murales (Wandmalereien) der Region, die von Kindern, Erwachsenen und Künstlern gemacht wurden, in Ton und Bild dokumentiert und präsentiert werden sollen. Nicht schlecht für so eine kleine Gemeinde.
Die ganze Nacht zum 30 April sass ich im Bus von Mérida nach Caracas. 11 Stunden für die 800 km lange Fahrt, mit zwei Aufenthalten und natürlich wieder in einem tiefgefrorenen Volvo, obwohl ich einen Bus ohne Klimaanlage gebucht hatte. Als ob manche Busse plötzlich von der Landkarte verschwänden. Die Rastplätze waren überall beeindruckend. Riesig, wo man essen  und trinken kann auf großen, offenen Terrassen unter Dach. Das Angebot war enorm. Und immer stehen da mindestens ein Dutzend großer Busse.
Um 6.00 Uhr wurde es hell und wir erreichten die Millionenstadt Valencia, Hauptstadt des Staates Carabobo. In ihrer Nähe fand die Entscheidungsschlacht zwischen Bolívar und der spanischen Kolonialarmee statt – deren Stalingrad. Ich sah im Fernsehen, wie Chávez auf dem Schlachtfeld erklärte, wo genau die verschiedenen spanischen und bolivarianischen Einheiten standen und wo der entscheidende Stoß angesetzt wurde. Er kennt seine Geschichte. Heute liefert Carabobo einen großen Teil des Gemüses, der Apfelsinen, Hühner und Schweine, die Caracas täglich verbraucht.

Zurück in Caracas und wieder ist es ungewöhnlich heiß. Am folgenden Tag, dem 1. Mai, wanderte ich durch die nächst gelegenen Viertel. Überall versammelten sich die Menschen in Gruppen – vor allem vor dem UNT-Büro (Unión Nacional de Trabajadores – Nationale Arbeiterunion, die neue Gewerkschaft), vor Schulen und Kooperativen, die meisten in ihren roten T-shirts. Auf dem Bolívarplatz versammelte sich eine Schar Pensionären, die aufmerksam einer Rede lauschte, wo ein Mann alles aufzählte, was erreicht worden ist und alles, was noch zu tun blieb. Die Hauptmarschsäule begann weit draußen im Armenquartier La Bandera und sollte vor der Residenz des Vizepräsidenten enden.
Die Hauptschlagworte in dem endlosen Meer von roten Hemden waren: Nein zum Yankeekrieg! Gegen den Imperialismus! Für die Verteidigung und Vertiefung der sozialen Umgestaltung! Für den Aufbau des Sozialismus! Ich fand, dass dies ein schöner Abschluss meiner Reise war.
Es bleibt nur noch, ein paar Punkte zu vertiefen und hervorzuheben, die ich nur im Vorübergehen berührte, und zu einer Art Resümee zu kommen. Ich kann mit dem Internationalismus beginnen. Ein Prüfstein ist, wie eine Regierung ihre Minoriäten behandelt und deren Geschichte der Unterdrückung. Und für die neue Politik den Minoritäten gegenüber habe ich viele schöne Beispiele in Zeitungen, Zeitschriften und dem Fernsehen gefunden (u.a. das Auftreten des Präsidenten ihnen gegenüber).
In der Literatur – um ein Beispiel für die Zeit vor Chávez zu geben – gibt es ja Rómulo Gallegos, einer von Venezuelas großen und immer noch geschätzten Verfassern, der im übrigen in Schweden 1955 im Buchverlag der Folket i Bild mit einem Vorwort von Artur Lundkvist erschienen ist. Gallegos war auch für kurze Zeit Präsident und wurde, wie gewöhnlich, 1948 durch einem CIA-inspirierten Coup gestürzt. Er schätzte sehr die Indio-Völker und die schwarzen Menschen und verteidigte unaufhörlich ihre Rechte.
Aber erst jetzt – bald 200 Jahre nach Bolívars Tod – hat man Ernst gemacht und die Gesetze für die gleichen Rechte aller Menschen wiederhergestellt. Und man erinnert an alle Ungerechtigkeiten, die gegenüber den Indios verübt worden sind, und an ihren Widerstand. In der Zeitung VEA z. B. wurde an den Jahrestag des großen Sieges erinnert, den Guaicaipuro, der Großkazike des Volkes in den Tälern von Caracas und Los Teques über die Spanier gewann.
Und am 28. April 2006 widmete VEA eine halbe Seite Miguel. Er war ein schwarzer Sklave, der schon 1552 einen großen Aufstand gegen das brutale Ausbeutungssystem auf den Kaffee- und Kakaoplantagen führte. Er war Sohn eines afrikanischen Königsgeschlechts und wurde sehr von seinen Kameraden im Unglück respektiert. Er begann den Aufstand und es glückte ihm, sich frei zu kämpfen und in die Berge von Yaracuy zu fliehen, wo er zum König gekrönt wurde. Viele weitere Sklaven flüchteten und sie gründeten in den Bergen oder tief im Dschungel freie Gesellschaften, die bis in die moderne Zeit überlebten. Diese freien Sklaven wurden in den USA, auf Kuba, in Guayana oder Venezuela cimarrones genannt und überall mit blindem Hass verfolgt.
Am 2. April 2006 schrieb VEA über den Aufbau und die Verbesserung des Zentrums für Diagnostik und Rehabilitierung für die 9000 Waraos im Orinocodelta ('Menschen auf dem Wasser' , so nennen sich diese Kariben), das innerhalb von 8 Monaten fertiggestellt sein soll. Es soll nicht nur mit den traditionellen Medikamenten ausgerüstet werden, sondern auch mit Experten für traditionelle medizinische Techniken.
In der Zeitschrift Todosadentro vom 29. April 2006 wurde eine Doppelseite den Kulturen im Staat Amazonas gewidmet, dem größten Teilstaat Venezuelas, der den gesamten Süden des Landes umfasst, aber die geringste Bevölkerungsdichte aufweist. José Guariguata, verantwortlich für die Misión Cultura, sagt: „In Amazonas haben wir 20 Ursprungsvölker, wir haben 20 Formen, das Leben zu verstehen, 20 Traditionen über den Ursprung des Lebens und des Menschen. Wie die westliche Welt ihre Erklärung über den Ursprung im Buch der Genesis hat, so haben diese Völker 20 verschiedene Erklärungen.“ Jedes Volk soll sein eigenes Kulturzentrum erhalten und man will auch für Kommunikationsmöglichkeiten für sie untereinander schaffen. Denn bisher leben sie sehr isoliert voneinander.
Und selbst habe ich mehrmals Indios beobachtet, die einkauften oder in das Hotel kamen, manchmal in ihren traditionellen Kleidern – nur ein Hüfttuch und mit kleinen Beuteln statt Koffern. Und sie wurden behandelt wie alle anderen. Aber ich kann nicht beantworten, wie sie im Hilton oder Plaza behandelt werden. Ich würde sagen, dass sie dort hinauskomplimentiert werden.
Ein letztes Beispiel, das ich aus vielen auswähle, sind  die 165 Chilenen, die auf dem Flugplatz von Barquisimeto landeten, die ihr Sehvermögen durch verschiedene oftalmologische Operationen im Rahmen der Misión Milagro (Mission Wunder) wiedererlangen sollen. Sie sind nur ein Vortrupp von insgesamt 1000 Chilenen, die 2006 behandelt werden sollen (VEA vom 2.5.06).
Was die Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche angeht, so fand ich einen interessanten Artikel in La Patria Grande Nr.4, Mai 2005. Dort schreibt der Priester Vidal Atencio ausgehend von Lucas 4.16: „Der revolutionäre venezolanische Prozess hat auch bei den Armen einen Platz für seine Politik gefunden. Mehr als eine Million Menschen von ihrem Analphabetismus zu befreien, den Ausgeschlossenen eine Grundschul- und höhere Bildung zu geben, die Lebensqualität mit Gesundheitsprogrammen, Lebensmitteln und eigenen Heimen zu verbessern, den Boden denen zurückzugeben, die ihn bebauen, ein Schema für eine selbständige Entwicklung auszuarbeiten, ist eine Politik, die nicht im Widerspruch zu dem Projekt von Christus steht, deswegen, weil beide die Befreiung desselben menschlichen Wesens erreichen wollen.“
Dieser Artikel wurde geschrieben, bevor der neue Kardinal Urosa eingesetzt wurde, und er zeigt, dass es auch vorher Kräfte in der Kirche gab, die daran arbeiten und gearbeitet haben, den revolutionären Prozess zu verstehen.
Andererseits gibt es Grund für eine Warnung von Marciano in der VEA (2006-04-27): „Die katholische Hierarchie, deren Struktur die antidemokratischste ist, die es überhaupt gibt, hat kein Recht, sich in den demokratischen Prozess im Lande einzumischen. Und das tut sie, wenn sie ständig die Partei der Opposition ergreift. Sie soll objektiv und unparteiisch sein. Und das scheinen viele in der katholischen Hierarchie nicht zu begreifen.“

Venezuela, USA und die Kultur des Volkes

Wenn man weiss, wie schlecht die Beziehungen zu den USA sind, ist man erstaunt, in Caracas auf vielen Hochhäusern Reklameschilder für amerikanische Produkte zu sehen und in jedem Geschäft deren Produkte wie Pepsi, CocaCola, DelMonte, Marlboro etc. zu finden.

Auch in den zahllosen Internetcafés wird Windows und Dell und HP benutzt.* Und amerikanische Autos sieht man auch viele. Da machen also die Yankees riesige Geschäfte mit Venezuela, erhalten einen erheblichen Prozentsatz ihres Ölbedarfs von Venezuela, und gleichzeitig bellen sie geifernd das Land und seine Regierung an. Das Gleiche gilt eigentlich auch für europäische Produkte wie Nestlé, Knorr, Maggi etc.
Ich dachte vor allem an die vielen Millionen Dollar, die dem Land entzogen werden und die auf vernünftigere Weise verwendet werden könnten. Und schließlich gibt es ja alles, was man für die Herstellung dieser Produkte braucht, im Land selbst.
Die Oligarchie hatte ganz einfach darauf gepfiffen. Die Erdöleinnahmen reichten ihnen. Aber die jetzige Regierung will diese Verhältnisse verändern. Man versucht zielbewusst alles im Lande zu produzieren, was möglich ist. VEA schreibt am 21. April 2006 hierzu: „Das hauptsächliche Kennzeichen der lateinamerikanischen Länder ist die historische ökonomische, wissenschaftlich-technologische, kulturelle und soziale Abhängigkeit ….
Seit sieben Jahren hat der emanzipatorische Kampf begonnen, sich von dieser Unterwerfung zu befreien. Durch Finanzierung kleiner und mittelgroßer Unternehmen versucht man, nationale Produzenten zu fördern, die die importierten Waren ersetzen können …
Der private Sektor in Venezuela importiert ca. 87.30 % des Produktionswertes und der öffentliche Sektor 12.70 %. Von diesen Importen sind 5 % Landwirtschaftsprodukte, 5.7 % Lebensmittelprodukte, Getränke und Tabak, 35.50 % elektrische Materialien und  13.80 % chemische Produkte.“ Und man fährt fort, ein Projekt zu beschreiben für eine besondere Behandlung  von Maismehl.
Der Staat Sucre reaktiviert die Kakaoproduktion, die Jahrzehnte lang daniederlag. Zwischen 2006 und 2010 sollen 16 Millionen Pflanzen gesetzt werden. Kooperativen sollen in neuer Technik und Technologie unterwiesen werden, in Pflege, Produktion, Lagerung und Vermarktung des Kakaos.
In Maracay wird demnächst eine Schule für tropische Landwirtschaft eröffnet, wo die Studenten sowohl theoretisch als auch praktisch unterrichtet werden sollen. (VEA, 2006-04-06)

In Cojedes wird mit kubanischer Hilfe eine Fabrik für Biodünger und Biostimulatoen gebaut, die 30 % des importierten Stickstoff-Düngers ersetzen soll. (VEA, 2006-04-28)
In Lara wird ein Gewächshaus für tropische Pflanzen eingeweiht, um Samen von hoher Qualität herzustellen. (VEA, 2006-05-06) Und am 22. April wird zum zweiten Mal das Sammeln von Samen wildwachsender Bäume organisiert. Beim ersten Mal wurden 5500 Kilo gesammelt, die für Schutzwälder und industrielle Verarbeitung dienen sollen (VEA, 2006-04-28)
Im Staat Monagas wird eine Papierindustrie gebaut, die auf mehrere hunderttausend Tonnen Papiermasse ausgelegt ist. Das gesamte Zeitungspapier und alle Feinpapiersorten müssen immer noch importiert werden. (VEA, 2006-05-01)
Gleichzeitig werden große Bewässerungsanlagen gebaut oder fertigestellt sowie Stichstraßen zum Abtransport von landwirtschaftlichen Produkten. (VEA, 2006-04-07)
Ein ähnliches Bild erhält man, wenn man sich den Kommunikations- und Industriesektor anschaut. Im April 2006 wurden in Caracas Seminare und Ausstellung zur Einführung von Linux, der kostenlosen Programmware für Computer, organisiert.
Autobahnen, die 20-30 Jahre lang gesperrt waren, sind fertiggestellt worden. Es sind große Projekte für Wasserenergie gebaut resp. ausgebaut worden, die täglich 500 000 Barrels (1 Barrel = ca. 159 l) Erdöl sparen. Das völlig neu gebaute Wasserkraftwerk Caruachi spart täglich 75 000 Barrels.
Ein Eisenbahnnetz wird aufgebaut (es gab nur 100 km Bahnlinie, die still gelegt waren) sowie die U-Bahn in Caracas, Valenia und Maracaiba. Denn Chávez sieht weit in die Zukunft. Der Hafen Puerto de Aguas Profundas wird zum größten in ganz Lateinamerika ausgebaut. Es werden Industrieanlagen gebaut und eine Fabrik für Traktoren und eine weitere für Laptops. Es wird gebaut, gebaut im ganzen Land – und das ist überall sichtbar.
„Das Ziel ist“, wie Eddie Salgado vom Símon Bolívar Studienzentrum schreibt, „dass Schlüsselindustrien keine Rohstoffe mehr exportieren. Soziale Produktionsunternehmen sind Einheiten, die von den Personen betrieben und geleitet werden, die dort arbeiten. Es sind Unternehmen, die Verantwortung für die Gesellschaft und die Umwelt insgesamt übernehmen  und die jene, die dort arbeiten, als wichtigste Ressource des Unternehmens betrachten.“
Dass die Wirtschaft seit 2003 nach der großen Erdölsabotage der Reaktion kontinuierlich wächst und dass das wirtschaftliche Wachstum 2005 um 9.4 % betrug – das höchste in ganz Lateinamerika – und die Armut  auf 37 % sank (Natalie Pearson von der AP 060706) kann ja nicht daran liegen, dass die Regierung die Hände in den Schoß legt. Die ganze Propaganda ist also nur dummes Gerede.
Dies ist nur eine kleine und keineswegs systematische Auswahl von ein paar Wochen im April. Trotzdem sind sie Zeugnis des Fortschrittsgeistes, der im Lande herrscht.
Die Wahrheit ist, dass die Fortschritte so enorm und phantastisch sind, dass man wirklich Mühe hat, all das zu glauben. Aber es gibt nun mal Fakten und die kann man kontrollieren. Im übrigen sind alle Budget-Dokumente in Venezuela on oben bis unten öffentlich und für alle zugänglich.
Daher gibt es ja niemanden, der nur den Versuch unternimmt, die Fakten zu widerlegen, und deshalb greift man zu Lügen, die wiederholt und wiederholt werden, endlos ….
Ein interessanter Aspekt der Diktatur, wie es den Mainstreammedien gefällt, die bolivarianische Revolution zu nennen, sind all die Demonstrationen, die ständig stattfinden. Ich erwähnte bereits die ernste Verkehrsunterbrechung nach dem Faddoul-Vorfall, der ohne Polizeieingriff  von alleine zusammenfiel. Aber reaktionäre Demos gibt es weit mehr. Als Chávez gerade die Minimallöhne um insgesamt 50% erhöht hatte, fordern deren Gewerkschaften, die früher niemals das Maul aufgemacht haben, zusätzlich 30 %. Die demonstrieren mal gegen das eine, mal gegen das andere. Gegen Ungerechtigkeiten oder gebrochene Versprechen. Würde man genau nachsehen, bin ich sicher, dass dahinter oft deren eigene Figuren stecken, die immer noch in den Kommunen und im Staat oder der Verwaltung als „Blasen“ sitzen, wie sie einmal von der VEA genannt wurden, die im übrigen dieselben Fehler und Ungerechtigkeiten kritisiert.
Aber es gibt auch Demonstrationen, die wirklich bemerkenswert sind, da sie in einer streng katholischen Gesellschaftg stattfinden. So führte etwa eine Gruppe homosexueller Männer eine Demo vor der Nationalversammlung für das Recht, den Namen nach eigener Wahl zu ändern und dass ihre Menschenrechte respektiert werden,  durch. (VEA, 2006-04-19)
In Maracay gab es starke Proteste gegen die Prostitution und gegen die Untätigkeit betreffs der Obdachlosen und Drogenabhängigen. (VEA, 2006-04-02) Und am 27. Mai demonstrierte La Asociación ProDefensa de los Animales (Verein zum Schutz der Tiere) gegen den Stierkampf als Nationalsport und für die Annahme des Gesetzes zum Schutz der Tiere. (VEA, 2006-04-28) Dieser Verein ist recht aktiv. Ich las von mehreren ihrer Demonstrationen und sah viele ihrer Graffitis.
Es ist ja nicht so, dass Homosexualität in katholischen Ländern besonders selten ist, aber das Tabu ist sehr stark. Und an den Stierkampf und die Prostitution zu rühren, gleicht ja beinahe einer Kirchenschändung. In beiden Fällen geht es auch um viel Geld. Z. B. sind ja Bordelle oft im Besitz der Kirche (ich denke an Freiburg/Bg, wo der SS-Mann, Kriegsverbrecher und Erzbischof alle Bordelle besaß). Doch beharrliche Arbeit zeitigt Erfolge. In Spanien ist der Stierkampf eindeutig auf dem Rückzug.
Einen großen Aufschwung, wie immer nach einer Revolution, hat die Kultur genommen. Außer den 10 Mega-Projekten, die von der Zentralregierung durchgeführt werden – z. B. die minutiöse Wiederherstellung einer alten Residenz, die gleichzeitig Ausgrabungen und Experten in alter Bautechnik erfordert für die Restaurierung der Wand- und Deckenmalereien - sind in jedem Teilstaat in allen Städten und Dörfern alle öffentlichen Gebäude, Kirchen, Theater und Arenen restauriert und renoviert worden. Einige dieser Projekte sind noch nicht abgeschlossen, wie etwa die alte Plaza de Toros (Stierkampfarena) in Caracas, ein schönes Gebäude, das in Ruinen lag, oder die Projekte in den historischen Zentren größerer Städte mit der gründlichen Restaurierung historisch wertvoller Gebäude. Um die Baugerüste hat man riesige Fotos über die Geschichte des Gebäudes und von Modellen der geplanten Arbeit aufgehängt. All dies ist bereits eine große kulturelle Tat.
Aber das ist nicht alles. Das Angebot an Theater- Vorstellungen, Opern, Konzerten, Kunstausstellungen ist enorm. Und eine Weltneuheit ist wohl die Einrichtung durch die Regierung eines großen Preises für „kritisches Denken“ mit einer internationalen Jury. Das Thema ist, neue Ideen und Modelle zu finden und darzustellen für die Zeit nach dem Bankrott des Kapitalismus und dessen Unvermögen, die großen Probleme der Welt zu lösen. Die Wahl des Gewinners war noch nicht abgeschlossen, als ich abreiste.
Aber das Wichtigste von allem läuft unter dem Motto „El pueblo es la cultura“(Das Volk ist die
Kultur): alle Kulturäußerungen der Minoritäten und des Volkes zu aktivieren, wiederherzustellen und zu sammeln. Das  können die mündliche Überlieferung sein, die mündlichen Erzählungen und Sagen, alte Feste und Tänze, Gesänge, Malereien und Skulpturen, Handwerk in allen seinen Formen, aber auch die Ernährung und die Medikamente.
Jeder Teilstaat bekommt im Rahmen der Misión Cultura „Tutoren“ und „Aktivisten“ (oder Ombudsleute) im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte zugewiesen, insgesamt Tausende. Die Lektüre des Jahresabschlussberichtes ist imponierend. Es geht darum, „ … eine große Diskussion in Gang zu setzen über alles, was zusammen la venezolanidad (die venezolanische Identität) ausmacht“, wie Professor Benisto Irady auf einem nationalen Treffen für kulturelle Vielfalt betonte.
Gleichzeitig ist man darauf bedacht, einen maximalen Austausch mit anderen Ländern und Kontinenten herzustellen. Im November 2005 fand ein großes Kulturfestival mit Völkern in Afrika statt. Ähnliche Aktivitäten will man in Zukunft mit Brasilien, Indien, China, Japan etc. einrichten. All dies beweist, dass Venezuela keineswegs nationalistisch im Sinne von 'chauvinistisch' ist, wie Washington und andere gerne behaupten. Ich  glaube umgekehrt, dass das Land viele wertvolle Impulse einer wahrhaft internationalistischen Kultur geben und erhalten kann.
Das absolut wichtigste Ereignis während meines Besuches war ohne Zweifel die Bekanntgabe und das Inkrafttreten des Gesetzes Los Consejos Comunales (komunale Räte, fortan CC genannt) am 9. April 2006 in Carabobo durch Hugo Chávez persönlich im Fernsehprogramm Aló Presidente, ein Ereignis, das Konsequenzen weit in die Zukunft hinein haben kann.
Dieses Gesetz soll dem Volk mehr Macht geben. Chávez sagte: „Wir wollen zeigen, wozu das Volk im Stande ist.“ Er forderte außerdem alle Gouverneure und alle Vorsitzenden der komunalen Leitungen im ganzen Lande auf, den Aufbau der CC voranzutreiben. Er meinte, dass diese Organe eine Ergänzung der repräsentativen und der partizipativen Demokratie seien.
Mit diesem Gesetz glaubt Chávez ein Instrument gefunden zu haben, um dem Einfluss der Oligarchie entgegenzuwirken und den Willen des Volkes zu stärken, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Er meinte, dass dieses neue Instrument zur politischen Reife beitragen werde, um zusammenhängende und fruchtbare Debatten ohne Aggressionen zu führen. „Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern. Es gibt immer verschiedene Auffassungen, aber wir müssen sie mit politischer Reife und Ideen diskutieren.“ (VEA, 2006-04-10)
Das ist beinahe wortwörtlich, was Mao während der Kulturrevolution sagte: „Wir müssen mit Worten kämpfen, nicht mit Waffen.“ Was dann von der Viererband gefälscht wurde in „mit Worten UND mit Waffen“.
Ich will den Text des CC-Gesetzes etwas näher betrachten, den man ein paar Tage später in der ganzen Stadt an jeder Ecke kaufen konnte, wie im übrigen alle Gesetze.
In festen und konkret beschriebenen geografischen Gebieten sollen die CC in Städten 200-400 Familien umfassen, in ländlichen Gebieten mindestens 20 Familien und aufwärts, in indigenen Bereichen mindestens 10 Familien. Versammlungen von Bürgern, die mindestens 15 Jahre alt sind und mindestens 6 Monate dort gewohnt haben können beschließen, eine CC mit verschiedenen Arbeitsgruppen zu schaffen. Zuerst werden provisorische Förder- und Wahlkomitees gebildet in direkter und geheimer Wahl. Sie müssen der Öffentlichkeit ihre Ziele darlegen, müssen eine Zeichnung von den geografischen Grenzen  und eine Volkszählung erstellen.
Sie organisieren auch die konstituierende Versammlung, wo Sprecher/innen für die CC und alle Arbeitsgruppen gewählt werden. Wer gewählt wird, muss auch mindestens 15 Jahre alt sein und darf nur für eine Aufgabe gewählt werden, muss gratis arbeiten, darf keinen politischen Auftrag haben und – er/sie kann auch abgewählt werden.
Danach wird die CC registriert.
Sodann gibt es keinen Bereich, in dem ein CC nicht ein Programm, Vorschläge ausarbeiten und Aktivitäten entwickeln kann oder teilnehmen kann. Von Kinder- und Gesundheitspflege bis zum Bau von Häusern und Wohnungen, Leitung von Betrieben, Wiederherstellung von geschlossenen Fabriken, Bewässerung, Flussregulierung bzw. -reinigung usw.
Für alle diese Tätigkeiten wird eine Komunale Bank (CB) gegründet, die im Besitz aller Bewohner ist. Die Bank erhält Gelder von der Zentralregierung, der Teilstaatregierung, der Kommune und von verschiedenen staatlichen Fonds und Organisationen und natürlich durch eigene ökonomische Aktivitäten. Die Kontrollmechanismen sind genau und streng festgelegt, „damit nicht ein Pfennig weggezaubert werden kann“, wie Chávez sagte.
         All das hört sich sehr gut an – gewiss, doch es gibt ein ABER. Im ersten Kapitel, erster Absatz heisst es:
Dieses Gesetz hat zum Ziel, die Bildung, Integration, Organisation  und das Funktionieren der CC zu schaffen, zu entwickeln und zu regulieren sowie seine Beziehung zu den staatlichen Organen zur Formulierung, Durchführung, Kontrolle und Einschätzung der öffentlichen Politik.
Dieser Artikel übersieht, dass die CC zustandekamen, lange bevor es das Gesetz gab. Die CC sind eine authentische Schöpfung des Volkes und jetzt soll das „Gesetz schaffen“?
Weiter heisst es im Kapitel VII, Absatz 30:
Es wird eine Comisión Nacional del Poder Popular (nationale Kommission der Volksmacht) geschaffen … um
1. die CC auf der nationalen, regionalen und der lokalen Ebene Orientierung zu geben, sie zu koordinieren und einzuschätzen.“
Und dann folgen weitere fünf Absätze, die von Verstärkung, Hilfe, Unterstützung und eventuellen Sonderbeiträgen für die CC von Seiten der nationalen Kommission handeln. Ähnliche Kommissionen sollen im übrigen auch auf regionaler und lokaler Ebene geschaffen werden.
Und das dritte ABER betrifft die Gelder, die vom Staat an die CBs eingezahlt werden.

Ich glaube, es ist leicht einzusehen, dass dies gut funktionieren KANN mit einem Mann wie Chávez an der Spitze, der wirklcih die Teilnahme und Macht des Volkes verstärken will, aber alle drei Punkte können bei einem Regimewechsel, den die Opposition und die Yankees mit allen Mitteln anstreben, zu einem Knüppel gegen die CC und das Volk werden.

Aber nun will ich nicht den Teufel an die Wand malen, sondern hoffen, dass dieses interessante Experiment glückt, weiterentwickelt wird und sicher auch korrigiert und verbessert wird. Dass dies beabsichtigt ist, wurde deutlich von der weiblichen Parlamentsabgeordneten Haydée Machin zum Ausdruck gebracht: „Dieses Gesetz wird nun auf allen Ebenen vom Volk und in allen Sektoren diskutiert, die kontinuierlich ihre Vorschläge an die Nationalversammlung schicken werden … Es gibt eine ganze Skala von Vorhaben und Beschlüssen, wo alle in den CC organisierten Bürger anfangen werden, Funktionen lokaler 'autogobierno' (Selbstverwaltung) auszuüben und allmählich in Netzwerken von Sektoren, Komunen, Großkomunen, Teilstaaten; und um durch die soziale Praxis ein Machtinstrument des Volkes zu schaffen … das gestärkt werden muss als Garantie für das politische und soziale Ziel, das unumgänglich ist für den Erfolg des Bolivarianischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts.“ (VEA 2006-04-10)

* 1- 2 Jahre nach meinem Besuch las ich, dass in Venezuela gleich 2 Fabriken zur Produktion von Linux-Rechnern gebaut worden sind; eine stellt einen schlichten Rechner zum Lernen und einfachere Aufgaben her und die andere einen avancierten Rechner, aber beide zu erschwinglichen Preisen und mit dem kostenlosen Linux.
Klavreström 2011-08-12
aus dem Schwedischen vom Autor

Mit offenen Augen durch Venezuela (1. und 2. Folge)


Mai 2006
Diese ältere  Reportageserie, die es bisher nur auf Schwedisch gab, habe ich nun endlich auch ins Deutsche übersetzt, weil sie einerseits immer noch aktuell ist und weil es andererseits außerordentlich wenig Vernünftiges über Venezuela gibt.

Mit offenen Augen durch Venezuela

Nach knapp fünf Wochen in Venezuela kann man ehrlicherweise nicht eine umfassende Analyse schreiben. Selbst wenn ich spanisch kann und 3000 km durch das Land gereist bin, viele Kilometer zu Fuß und mit sehr vielen Menschen gesprochen und eine ganze Menge von den Presseorganen gelesen habe. Das Land ist einfach zu groß – mit 916500 km² fast dreimal so groß wie Deutschland – hat 27 Mill. Einwohner, ist belastet mit einem schwierigen historischen Erbe, mit enormen sozialen Problemen und muss sich mit gewaltigen außenpolitischen Schwierigkeiten in einer immer komplizierteren globalen Lage herumschlagen.
Folkliga ledare
Bevor ich reiste, habe ich eine ganze Menge an schrecklichen Geschichten gehört und gelesen über die Gewalt im Land, von Straßengangstern, Aggressionen und Diebstählen. Ungefähr dieselben Geschichten, wie ich sie über Daressalaam oder Peshawar, die Bronx und Harlem in NY hörte. Dummes Gerede hier wie da. Ich habe nicht eine einzige Situation erlebt, die nur annähernd bedrohlich oder aggressiv war. Keine Schlägerei und keinen Zank. Nicht einmal in den sogenannten gefährlichen Vierteln.
Die Menschen sind freundlich und behilflich. Man kommt leicht mit ihnen ins Gespräch – mit Männern und Frauen. In Geschäften und Restaurants wird man anfangs oft recht knapp und zurückhaltend bedient. Aber das hängt wohl mit dem afrikanischen Erbe zusammen (der größte Teil der Bevölkerung hat afrikanische Vorfahren). Reserviert und diskret zu Anfang, aber schon beim zweiten Treffen taucht auf den Gesichtern ein breites Lächeln auf.
Mein Interesse, Venezuela zu besuchen, galt Hugo Chávez und der Verwirklichung seiner Politik auf der untersten Ebene. Ich habe bewusst auf Treffen und Interviews mit Partei- und Regierungsleuten verzichtet. Habe also die Froschperspektive gewählt.
Deshalb wohnte und aß ich in einfachen und billigen Hotels (posadas) und Restaurants, wo es sehr gute Möglichkeiten gibt, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Auf meinen Streifzügen durch Caracas – eine Riesenstadt mit mindestens sieben Millionen Einwohnern – wird man von unerhörten Widersprüchen überrascht. Verkommene Straßen, wo Müll zu Bergen gehäuft ist, und Straßen, die sauberer sind als in Hamburg. Häuser aller Kategorien und Größen. Ausgedehnte Slumgebiete und gepflegte Viertel mit kleinen Villen und Viertel mit Luxusvillen, umgeben von Mauern mit Stacheldraht oder Zäunen unter Strom. Eine supermoderne und extrem saubere U-Bahn und Busse und Taxis, die echte Schrotthaufen sind. Parks, die verkommen und verdreckt sind und andere, die sehr gepflegt und sauber sind. Menschen in Lumpen oder nach der neuesten Mode gekleidet.
Aber es gibt kein einheitliches Muster. Ein ungepflegter Park kann in einem besseren Viertel liegen und ein gepflegter Park in einem weniger angesehenen Viertel wie jenes an der U-Bahnstation Gato Negro. Auf den Hügeln um die Stadt im Tal kann ein gutes Viertel neben einem armen liegen. Und da die allermeisten Menschen sehr auf ihr Aussehen und ihre Kleidung achten – die Haare immer frisch gewaschen und die Kleider gebügelt – sind die Klassenunterschiede im Straßenbild nicht so krass.
A propos Straßenbild: es wird beherrscht von tausenden und aber tausenden Straßenhändlern, einem enormen Gedränge und Autos. Man kann auf der Straße beinahe alles bekommen: Essen und Trinken, Werkzeuge, Schuhe, Parfüm und Telefongespräche an den zahlreichen festgeketteten Handies und nicht zu vergessen Millionen CDs und DVDs mit Musik und Filmen aus der ganzen Welt – allerdings sind US-Produkte vorherrschend. Da sie ungeheuer billig sind, kann man davon ausgehen, dass es Kopien sind. Und die Musik wird immer in höchster Lautstärke gespielt und ergibt seltsame Kakophonien.
Die Essens- und Getränkeverkäufe beginnen gleich um sechs Uhr früh an Bushaltestellen, wo Männer und Frauen Kaffee pur, mit Milch oder mit Milch und Zucker aus großen chinesischen Thermokannen in winzigen oder großen Plastikbechern für 20 bis 50 Cent anbieten. Die leeren Becher werden auf die Straße geworfen. Später kommen Bierbüchsen, Cola- oder Limonadeflaschen und die Hunderttausende Papiere, Tüten, Becher hinzu, in denen das Essen verpackt wird. Gut für die Hygiene, schlecht für die Umwelt.
Auf Hygiene wir sowohl auf der Straße als auch in Geschäften scharf geachtet. Das geht so weit, dass in den Supermärkten selbst das Gemüse von den Angestellten mit Handschuhen aufgehäuft wird. Aus Hygienegründen werden auch keine Fliegen geduldet. Erst nach ein paar Tagen, als ich im Hotel die erste Fliege entdeckte, wunderte ich mich. Wieso gibt es nicht mehr Fliegen bei all dem Mist auf den Straßen und Plätzen? Fliegen treiben die Menschen zur Hysterie. Hingegen können hunderte Wespen und Bienen um die Leckerbissen in den Konditoreien schwirren, ohne dass es die Leute kümmert. Die Leute wissen, dass sie Fliegen und anderes Ungeziefer beseitigen und gönnen ihnen dafür auch ein bisschen Süßigkeiten.

Erster Eindruck in Caracas
Zu meiner großen Verwunderung ist die Fettsucht ein mindestens ebenso großes Problem wie bei uns.
Schuld daran haben zum Teil das gute Essen und teils die schlechten Trinkgewohnheiten. Die beliebtesten Gerichte sind arepas und empanadas, die man überall an den Straßen und in tausenden Straßenküchen kaufen kann, wo es oft sogar Sitzplätze gibt. Beide Varianten werden aus Maismehl hergestellt. Arepas sind fertige Küchlein, die geöffnet werden und mit Hack, Hühnchen, Gemüse oder Käse vollgestopft werden. Und empanadas sind ein Maisteig, der zu Taschen geformt wird und dann mit etwa den gleichen Ingredienzen gefüllt wird und danach fritiert wird. Obendrauf werden reichlich die verschiedensten Soßen gekippt. Sicher schmeckt es. Und als Getränke sind Coca Cola und Limonaden (die ebenfalls von Coca Cola hergestellt werden) die großen Favoriten. Und diese Kombination ist natürlich weder gut für die Linie noch für die Gesundheit. Hingegen ist das Essen in Restaurants keineswegs fett und schmeckt ebenfalls sehr gut. Und dort hat man eine große Auswahl an phantastischen, frisch gepressten Natursäften: Mango, Ananas, Apfelsine, Tamarinde, Zuckerrohr, Melone, Passionsfrucht usw. Die kann man auch auf der Straße kaufen und kosten etwa 40 Cent. Hier wären die unbezahlbar!
Das Gedränge auf den Straßen, in der U-Bahn und in Bussen ist – ja, wie soll ich sagen – zivilisiert. D. h. man wird fast nie gestoßen und an Zügen und Bussen stehen die Menschen in der Schlange und schlagen sich nicht um die Plätze. Es geht niemals so brutal zu wie in der Pariser Metro oder in afrikanischen Bussen. Auf Busreisen gilt im übrigen, dass jede Person einen Sitzplatz haben muss.
  Statyernas land    Große Volksmassen versammeln sich auch regelmäßig auf allen Bolívar-Plätzen, die es noch in dem kleinsten Dorf gibt. Die Plätze sind immer sehr schön, sehr gepflegt und sauber, da Simon Bolívar gleich nach seinem Tod beinahe zum Heiligen wurde. Und durch Chávez wurde er zum Held und Symbol der Freiheit erklärt, was er auch in Wirklichkeit gewesen ist. Und zum ersten Mal in der Geschichte versucht man, nach seinen Worten zu leben und Freiheit für alle Menschen und alle die verschiedenen Völker des Landes zu schaffen. Auf diesen Plätzen versammeln sich vor allem gegen Abend wahre Menschenmassen, Alte und Junge und Kinder, um sich unter den riesigen Bäumen und an blühenden Beeten zu erfrischen, um zu reden, Gesängen zuzuhören, Theorien politischer oder religiöser Eiferer zu lauschen, mit den Kindern zu spielen oder den Eichhörnchen oder Iguanen zuzuschauen. Büsten und Statuen von Bolívar sind oft mit Blumen und Kränzen geschmückt. Es herrscht immer eine etwas ruhige und festliche Atmosphäre in den Parks, selbst wenn Kinder Tauben jagen oder Jungens ein bisschen bolzen.
Auf die Plaza Bolívar in Caracas kam jeden Mittwoch und Sonntag Abend ein richtiger Troubadur, der bessere Tage gesehen hatte. In den 70-er Jahren hatte er in Ost-Berlin den dritten Platz bei einem großen Musikwettbewerb gewonnen. Jetzt war er schon recht alt und hatte eine Reihe Vorderzähne verloren, sah aber immer noch gut aus und war sehr charmant. Er hatte ein großes Repertoire von Liedern und Balladen verschiedenster Art, die er mit schöner Stimme vortrug und auf der Guitarre begleitete. Es waren Volkslieder und politische Lieder, Lieder von Parra, Sosa und anderen. Immer hörten viele zu und applaudierten. Er bekam eine Kleinigkeit selbst von Leuten, denen es offensichtlich selbst nicht besonders gut ging.
Im übrigen ist Venezuela das Land der Büsten und Statuen. Ich habe niemals so viele gesehen, nicht einmal in Spanien. Nicht nur Bolívar wird gehuldigt, sondern auch seinen Mitkämpfern Sucre, Paéz, Brion usw., seinem Lehrer Rodriguez,seinem Freund Alexander v. Humboldt; ich fand sogar eine Statue von Charlie Chaplin und Ibn Chaldun, dem großen maghrebinisch-arabischen Historiker, Verfasser der ersten Weltgeschichte. Welches europäische Land würde auf die Idee kommen, einem großen Araber ein Denkmal zu setzen?
Als ich durch Caracas wanderte, dachte ich oft an Humboldt, der vor über 200 Jahren über die Stadt schrieb:
Wir bleiben, geliebter Bruder, ein paar Monate in Caracas. Wir sind hier in dem göttlichsten und reichsten Lande. Wunderbare Pflanzen, Zitterale, Tiger, Gürteltiere, Affen, Papageien und viele wirkliche, halbwilde Indios, eine schöne, interessante Rasse. Caracas hat auf Grund der nahe liegenden Schneeberge das kühlste und gesündeste Klima in Amerika …

Heute sind wir nicht mehr so verblüfft wie er über die Flora und Fauna, da wir viele der schönen Blumen, auch Orchideen im Blumengeschäft um die Ecke kaufen können. Und Papageien im Zoogeschäft. Aber sicher kann man immer noch staunen, z. B. über die gewaltigen Bäume mit großen roten, gelben, violetten, weißen Blüten, die Caoba- oder Mahagonibäume, andere wieder mit großen Dornen oder Dornenbüscheln entlang des ganzen Stammes, 30 m hohe Bambushaine und all die bunten Vögel, die wir nicht kennen. Dasselbe Gefühl hatte ich in Afrika – wie ein Kind, das ständig Mama fragen will: Was ist das? Wie heisst das?
Aber eine Mama gibt es seit langem nicht mehr.

Der Schuss in den Fuß
Im Gewimmel der Straßen in Caracas bemerkt man schnell die zahllosen Kinder und Jugendlichen mit hellblauen Hemden oder Blusen und dunkelblauen Hosen oder Röcken. Alle auf dem Weg von oder zur Schule oder Instituten. Die Regierung setzt stark auf Ausbildung und ist sich sehr wohl bewusst, dass beinahe die Hälfte der Bevölkerung 19 Jahre oder jünger ist. Diese Politik bekam einen extra Kick, als Venezuela als „vom Analphabetismus befreit“ erklärt wurde (Beschluss der UNESCO). Ich erinnere mich meines ersten Frankreich- Besuchs in den 50-er Jahren und mein Erschrecken über alle die Schuluniformen, die ebenfalls blau waren. Ich versöhnte mich einigermaßen mit den hässlichen Uniformen, als ich erfuhr, dass es im Namen der Gleichheit geschah. Hier kleiden die Uniformen allerdings die Mädchen und Jungen sehr gut, so dass ich den Verdacht habe, man habe einen französischen Couturier angeheuert.
Das Gedränge auf den Straßen, Avenuen und Autobahnen ist, wie gesagt, chaotisch. Alle fahren, wie es ihnen passt. Trotzdem sah ich nicht ein einziges, noch so kleines Unglück. Man nimmt praktisch Rücksicht und die Hupe wird selten benutzt. Wie oft sah ich nicht einen Bus mitten auf der Straße halten, weil der Chauffeur eine empanada oder Limonade kaufen musste oder jemand aussteigen wollte. Dafür hat man Verständnis. Und sie weichen sogar Hunden aus. In kleineren Orten können die mitten auf der Straße liegen und alle Autos fahren um sie herum. In Paragua sah ich, wie ein Auto ziemlich dicht an einem Hund vorbeifuhr, ihn vielleicht sogar berührte. Jedenfalls wurde der Hund so wütend und jagte das Teufelsauto bis hinunter zum Hafen und bellte den Chauffeur wie verrückt an.
Im übrigen las ich in einem ziemlich neuen Reisehandbuch (2004), dass die Venezolaner wie besessen rauchten. Wenn das stimmt, dann ist es ihnen innerhalb von zwei Jahren gelungen, die Leute dazu zu bringen, mit dem Rauchen aufzuhören. In Restaurants, Cafés, Bussen, U-Bahn, Flugplätzen und sogar in dem riesigen Nationalpark El Ávila oberhalb von Caracas ist das Rauchen streng verboten. Zigarettenreklame habe ich nirgends gesehen. Da ich wusste, dass im Land Tabak angebaut wird, nahm ich keine Zigarillos mit. Das habe ich sehr bereut, weil sie dort doppelt so teuer und schwer zu bekommen sind.
Da ich die Angewohnheit habe, nicht vor dem Frühstück zu rauchen und außerdem immer sehr früh aufstehe, war es selbst in Großstädten ein Problem, wenigstens eine Tasse Kaffee zu bekommen. Aber ich liebe die Morgenstunden in Großstädten, wenn das Leben sachte erwacht, der Nachtnebel steigt, die Vögel zu zwitschern beginnen und die Menschen, teils munter, teils verschlafen an den Busstationen und U-Bahn- Stationen zusammenströmen. In Caracas tauchten die ersten Kaffeeverkäufer frühestens um 5.30 auf und um 6.00 kamen die ersten Zeitungsverkäufer zu ihren festen Verkaufsplätzen, wo die Lieferwagen schon die großen Zeitungsballen hingeworfen hatten, um sie auszupacken und wie in Frankreich und Spanien auf dem Gehweg auszubreiten. Dann drängen sich allmählich die Leute um sie, nehmen sich ihre Zeitung, werfen ein paar Münzen auf einen Haufen oder halten Scheine hin und warten auf das Wechselgeld.
Erst am sechsten Tag bekam ich die einzige Regierungszeitung VEA zu fassen. Ultimas Noticias, El Naconal, La Voz, die ich zuerst gekauft hatte, gefielen mir nicht. Die unterschieden sich kaum von unsereren Blättern des Mainstream. Dass ich die VEA erst so spät entdeckte, liegt daran, dass viele Kioske die Zeitung boykottieren und sie oft erst spät geliefert wird. In Paragua, dem sehr großen Dorf bzw. Kleinstadt, weit unten im Süden, war sie nirgends zu erhalten. Als ich einen Typ in einem Geschäft fragte, sagte er, dass man sie nicht bekam. Das war natürlich eine faustdicke Lüge!
Es ergab sich, dass ich Zeuge wurde von mehreren großen Skandalen in schneller Folge. Am 2. April wurde der ermordete Unternehmer Filippo Sindoni gefunden, der ein paar Wochen zuvor gekidnapt worden war. Nur zwei Tage später fand man die drei Söhne des Unternehmers Faddoul und deren Chauffeur ermordet, nachdem sie eine längere Zeit als Geiseln gehalten worden waren. Und am folgenden Tag wurde der bekannte Pressefotograf Aguirre ermordet.
Da sah die Oligarchie natürlich ihre Chance. Deren Schmierblätter erschienen mit JUSTITIA (Gerechtigkeit!) in Riesenbuchstaben auf der ersten Seite. Auch am 4. April, als die Faddoul-Kinder gefunden wurden, organisierte die Reaktion eine Demonstration mitten in Caracas, dort, wo die 8-spurige Autobahn und die Hauptschlagader an den feinen Vierteln vorbei-kommen. Ein paar hundert Personen legten sich mitten auf die Straße. Und die Polizei ließ sie machen. Man wagt gar nicht dauszudenken, was geschähe, wenn regierungsfeindliche Demonstranten sich in Deutschland so aufführten.

Über Nacht tauchten überall Anschläge auf mit LUTO ACTIVO! (Aktive Trauer!), auf Laternenpfähle, Bäume, Mauern, auf Autos und Taxis außen oder innen geklebt, selbst in den Dörfern rund um Caracas. Mit dem Ruf nach Gerechtigkeit hatte man also insinuiert, dass die Regierung die Verantwortung für die Schandtat habe oder zumindest Teil daran habe. Und mit Aktiver Trauer! meinte man nichts anderes als Sabotage.
Daraus wurde nichts. Schnell hatte man die Mörder ergriffen. Im Fall Sindoni waren es mehrere portugiesische Geschäftsleute in Zusammenarbeit mit korrupten Polizisten. Vielleicht hatte Sindoni – Freund von Hugo Chávez – ihnen irgendwelche dunklen Geschäfte vermasselt. Im Fall Faddoul waren es bewaffnete Mitglieder der kolumbianischen Todesschwadronen, die nach Venezuela eindringen, um neue Arbeitsaufgaben zu suchen. Die Motive sind noch nicht klar. Nicht einmal Lösegeld wurde verlangt.
Und nun saßen die Kapitalisten da mit dem Fazit in Händen: ihre eigenen Leute hatten in Maskopie mit Mafiosis gekidnapt, erpresst und gemordet. Und für diese Typen hatten sie sich engagiert - und sich wieder einmal selbst entlarvt. Die „Massendemonstrationen“ sind eine klägliche Veranstaltung mit ein paar hundert Leuten geworden, wo man doch ein paar Hunderttausend erwartet hatte. Ein Schuss in den eigenen Fuß sozusagen.
Ebenso übel ging es ein oder zwei Wochen später zu, als ein hoher Priester in einem Hotel mitten in der Stadt ermordet aufgefunden wurde. Mein erster Gedanke war: Was hatte der Satan dort mitten in der Nacht in einem Viertel zu suchen, das nicht gerade übel beleumdet war, aber naja. Mitten ins Schwarze. Es kam heraus, dass er unter Drogen stand und sein Arsch übel zugerichtet war. Der Mörder wurde auch schnell gefunden, aber kein Motiv. Mit dem lahmen Versuch, aus der Angelegenheit einen Vorteil zu ziehen, hatte die Reaktion auch kein Glück.
Von Seite der Regierung wurden ein paar schnelle Schachzüge gemacht. Als erstes wird der gesamte Polizeiapparat reorganisiert und gründlich durchleuchtet. Zweitens wurde eine Maßnahme ergriffen, die vielleicht einmalig in der ganzen Welt ist: Alle Polizisten und Militärs, die in der Öffentlichkeit auftreten, müssen ein Schildchen tragen, auf dem deutlich ihr Name, ihre Einheit und ihre Stationierung zu erkennen ist. Dies sind die Dinge, die Chávez vor allem auszeichnen: er handelt schnell, effektiv und mit einem Gefühl für das Richtige.
Aber er kann auch warten und sehr vorsichtig zu Wege gehen. Als die Beziehungen zur Kirche sehr angespannt wurden, nachdem Dupuy, der päpstliche Nuntius, und mehrere Bischöfe sich tief in den Staatsstreich 2002 verwickelt hatten. Ich glaube, dass Chávez in diesem Fall Hilfe vom neuen Papst erhalten hat. Denn der setzte als neuen Kardinal und Kirchenfürsten nicht einen der ultrareaktionären Bischöfe ein, sondern Jorge Urosa Savino, ein gewiss konservativer, doch vernünftigr Mann, der auf Zusammenarbeit mit Chávez setzt und der ein gewisses Verständnis für dessen Politik zeigt. Er ist „intelligent und schlau (und) zieht es vor, eine Politik in Übereinstimmung mit den Umständen zu führen und sich mit Geschick und Takt zu bewegen“, wie Marciano schreibt, VEAs glänzender Kommentator (2006-04-21). Und allmählich glückte es Chávez, dem gläubigen Katholiken, mehrere wichtige Figuren aus der katholischen Hierarchie auf seine Seite zu ziehen.
Der nächste Skandal war eine ernste Provokation des amerikanischen Botschafters Brownsfield, der sich auf ein Sportzentrum begab, ohne die venezolanischen Behörden zu unterrichten und ohne sich anzumelden, sondern er fing einfach an, Jugendliche zu agitieren und kleine Geschenke zu verteilen. Am Ende wurde er davongejagt, und er bekam wohl auch ein paar Bälle ab oder Tomaten. Natürlich empörten sich die Yankees und redeten von einem ernsten Zwischenfall. Chávez konterte und warnte den Botschafter, dass er seine Koffer packen könne, wenn er sich nicht den diplomatischen Gepflogenheiten entsprechend verhielte.
Kurz bevor ich abreiste, ereignete sich ein wirklich ernster Zwischenfall – und mehr als das. Ohne Vorwarnung, wie es üblich ist, begannen die Amerikaner ein großes Manöver der Kriegsmarine vor der venezolanischen Küste mit Flugzeugträgern und allem durchzuführen. Über die Absicht damit schrieb die VEA (2006-04-25) unter dem Titel 'La intimidación como arma' (Die Einschüchterung als Waffe): „Einschüchterung ist in der Politik oft als Waffe eingesetzt worden … Die Nazis stellten im 1. Weltkrieg die Kommunisten als Verursacher der Hungersnot und allem sonstigen Elend dar, womit man Stimmung schuf für die Invasion ausländischer Mächte in Russland, um die sozialistische Revolution Lenins und die Bolschewiken auszuschalten. Gleichzeitig trieb diese Einschüchterungspropaganda die deutsche Mittelklasse in die Arme der Nazis, um sich vor den Bolschewiken zu retten.
Vor der Pråsidentenwahl im Herbst zielt die Einschüchterungspolitik der Bush-Regierung darauf ab, eine Wiederwahl von Chávez mit den Schrecken eines Krieges mit den USA, einer Invasion venozolanischen Territoriums durch amerikanische Truppen und einer aufgezwungenen blutigen Militätdiktatur in Verbindung zu bringen.
Aber niemand soll sich von dieser apokalyptischen Vision in die Irre führen lassen. Die Bush-Regierung ist nicht in der Lage, noch einen Krieg zu führen. Die sitzt im Sumpf in Irak ohne Aussicht auf einen Sieg und kann sich nicht auf andere internationale Abenteuer einlassen (Iran, Syrien, Korea) ohne Unterstützung des Volkes im eigenen Land; deren Einschüchterungspolitik ist nichts anderes als Arroganz, die niemals Venezuelas Volk, seine revolutionäre Regierung und Streitkräfte einschüchtern kann.“
Als Gegenmaßnahme führte die venezolanische Armee zusammen mit der Miliz eine große militärische Übung zur Verteidigung der Küste durch. Die Miliz umfasst bereits mehr als eine Million freiwillige Männer und Frauen, die sich der amerikanischen militärischen und ökonomischen Verheerungen in der Welt und seit 200 Jahren in Lateinamerika sehr wohl bewusst sind. Außerdem hat Chávez die USA gewarnt, dass alle Erdölanlagen bei einer Invasion gesprengt werden.
Südwärts
Es kam die Osterwoche, Semana Santa, die heilige Woche, wie man auf spanisch sagt. Da fuhr ich nach Süden, um dem größten Trubel in Caracas zu entgehen. Zuerst mit einem drei Wochen alten Volvo Doppeldeckerbus – wie ich ihn in Schweden noch nicht gesehen hatte – 600 km nach Ciudad Bolívar am Orinoco-Fluss. Dank der Klimaanlage im Bus bekam ich eine fürchterliche Erkältung, die mich für beinahe 2 Tage lähmte. Als ich Ciudad Bolívar ankam, war alles bereits voll, aber durch reines Glück erhielt ich ein Zimmer in einer sehr schönen posada im alten Stadtteil, die zum Weltkulturerbe erklärt worden ist.
Am ersten Tag schleppte ich mich zum Platz Bolívar, um wenigsten einen Blick auf das große Haus werfen zu können, wo Bolívar 1819 mitten im Krieg Venezuelas Unabhängigkeit erklärte. Dann ging ich zu der schönen Promenade Orinoco, eine breite Allee längs des Orinoco, der gerade seinen niedrigsten Wasserstand erreicht hatte. In der Regenzeit steigt er um 15 m. Die Kolonialhäuser mit ihren Arkaden waren meist im Besitz von großen Kaufleuten, die alle die Waren in Empfang nahmen, die aus Europa per Schiff eingeführt wurden. In einem dieser Häuser befindet sich heute ein Museum mit der kleinen Druckerpresse, auf der die erste Zeitung Venezuelas 1818 gedruckt wurde. Auch gibt es dort ein paar schöne Skulpturen und Gemälde zu sehen.
Nach zwei Tagen war ich einigermaßen wiederhergestellt, um einen Bus (ohne Klimaanlage) nach Paragua nehmen zu können, 200 km weiter südlich an einem von Orinocos vielen Nebenflüssen, der ebenfalls Paragua heisst. Auf dem Weg dorthin konnte ich zumindest einen Schimmer von den Tepuis – den gewaltigen, bis zu 3000 m hohen Tafelbergen - in der Ferne erhaschen. Sie gehören zu den ältesten Bergen der Erde – es gab sie bereits auf dem ersten und einzigen Kontinent Gondwana. In Jahrmillionen sind die Berge in unterschiedliche Teile zerrissen worden, die im Süden Venezuelas landeten. Dort liegen sie mitten im Dschungel und erheben sich senkrecht aus der Ebene. Und dort oben – die Plateaus sind meistens in Wolken gehüllt – gibt es, abgetrennt von der übrigen Welt ein Leben an Flora und Fauna, das häufig endemisch ist, d. h. es gibt sie nur dort und nirgend anderswo. Dort gibt es auch den höchsten Wasserfall der Welt – fast 1000 m hoch.
Paragua liegt mitten in einem großen Anbaugebiet von Mais mit riesigen Weideflächen für Rinder, und dort erlebte ich auch einen der ersten zeitigen Wolkenbrüche der Säson. Man glaubt, da oben öffnet ein Kerl ein paar Schleusen, so dass die Wassermassen auf einmal herunterklatschen. Obwohl der Wolkenbruch nicht zu den schlimmsten gehörte, verursachte er doch recht große Überschwemmungen.
Paragua, der ca. 600 m breite Fluss ist reich an Fisch, Gold und Diamanten. Unten am Hafen liegen eine ganze Reihe von Baggerschiffen, die Gold und Diamanten fördern. Den Fisch fangen Männer mit ihren schnellen von Yamahamotoren getriebenen Pirogen (so nennen die Leute selbst ihre Boote und das Wort stammt auch aus der Karibik. Allerdings wird gemeinhin heute unter Piroge ein Einbaum verstanden, dessen Seiten durch Bretter erhöht werden, was die Indios nicht machen. Der Oberbegriff ist Kanu.). Und was für Fische! Ich aß jeden Tag einen anderen Fisch in den kleinen Restaurants am Hafen, ohne sagen zu können, welcher am besten war.
100 km weiter flussabwärts mündet der Fluss in das zwweitgrößte Wassermagazin der Welt – ein riesiger See vom 4250 km². Achtmal so groß wie der Bodensee. Flussaufwärts gibt es nur noch kleine Dörfer der Indios, die oft herunter nach Paragua zum Einkauf kommen. Scheu, schön und liebenswert erledigen sie ihre Angelegenheiten.
Als ich eines Morgens im Fluss badete, als das Wasser noch etwas erfrischend war, traf ich ein paar Burschen, die gerade mit einem großen Kübel voll Fisch zurückkamen. Da gab es einen großen, der einem Hecht ähnelte, und eine Menge kleinere, die Barschen ähnelten. Der Fisch wurde geputzt, ein riesiger Topf herbeigeschafft, ein kleiner Junge zündete ein Feuer an und natürlich wurde ich eingeladen. Aber da es schon Mittagszeit war, ging ich zu einem Restaurant, versprach aber, am Nachmitttag wiederzukommen.
Und das tat ich auch. Es war der Abend vor Ostern und die Jungs, deren Kinder und ein Großvater hatten gut gegessen und waren in Feststimmung. Eine gewaltige Gefriertasche stand in der Mitte und alle, außer den Babies, hatte seine Bierebüchse in der Hand. So bald sie leer war, griff man nach der nächsten. Auf der anderen Seite des Flusses hatten hunderte von Menschen ihre Zelte oder einfach Plastikplanen gegen die Sonne aufgeschlagen, es gab eine Band und es wurde getanzt. Auf einem Hügel ein Stück entfernt lag ein großes Militärlager, und deshalb gab es auch eine Fähre, die sogar Autos transportieren konnte. Sie lief an einem Stahlseil entlang und wurde von einer Piroge mit Yamahamotor geschoben.

Wir saßen und tranken und machten Scherze, als plötzlich ein Schrei 50 m entfernt zu hören war: Das Mädchen! Wo ist das Mädchen! Alle rannten dorthin. Ein älterer Mann, bei dem die Jungs zu Besuch waren, schwamm bereits im Fluss. Eine Frau schrie: Nein, nicht dort! Dort! Und zeigte auf eine Stelle weiter weg. Er tauchte und fand nichts. Das Wasser war trübe von dem vielen Regen und er konnte nur den Boden abtasten. Er schwamm zurück zu der Stelle, wo er zuerst gewesen war. Und kam hoch mit dem Mädchen. Die Mutter schrie auf. Ein junger Mann packte das Kind und rannte 100 m bis zur Straße und dem Auto und die Mama hinterher.
Wir saßen noch eine Weile und diskutierten und fuhren dann mit zwei Pirogen auf die andere Seite. Meine Kumpel kannten den Sänger der Band und stellten mich vor: Ein Freund aus Schweden! Und alle applaudierten. Dann spielten sie. Meine Freunde forderten ein junges Mädchen auf, das bereits tanzte, mit mir zu tanzen und das tat sie auch. Wir tanzten etwas frech zum Vergnügen aller. Der zweite Tanz war zu Ende und ich auch. Da trat ein Soldat ans Mikrofon und sagte, dass er vom Krankenhaus die Nachricht erhalten habe, dass man das Mädchen wiederbeleben konnte. Jubel brach aus und alle klatschten in die Hände und man hob die Gläser, d. h. die Bierbüchsen. Nach einer Viertel Stunde begann erneut die Musik. Da kam ein Offizier und teilte mit, dass das Mädchen leider gestorben sei. Und er schlug vor, das Fest aus Solidarität mit der Familie zu beenden. Das wurde einstimmig angenommen und innerhalb einer halben Stunde war alles zusammengepackt und dutzende kleine und große Pirogen jagten zurück nach Paragua. Ein trauriges Ende zum Auftakt für Ostern. Und ich war erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit hier Solidarität geübt wurde – sogar von den Soldaten.
Das Endergebnis der Osterfeiertage war, das von 27 Millionen Venezolanern 14 Millionen ein paar Tage Ferien gemacht hatten. Alle Hotels waren ausgebucht, hunderte Extrabusse waren eingesetzt worden. Und erfreulicherweise hatte es nur sehr wenig Verkehrsunfälle gegeben.
Nur Tage vor dem großen Trubel hatten die Oppositionszeitungen mit Großbuchstaben berichtet: DAS VOLK HUNGERT. Lachhaft. Ich wunderte mich oft, wie viel Essen die Leute auf ihren Tellern an Essständen und in Restaurants zurückließen, und wieviel Essen im Müll landete, selbst in einfachen Vierteln. Ich habe keine Bettler gesehen oder getroffen und die zwei Obdachlosen in einer Nische neben dem Hotel – jung, gesund und immer guter Laune – hatten oft große Esstöpfe vor sich stehen. Ich glaube, sie waren auf die Essensreste der Restaurants rundherum abonniert.
Aber meine Beobachtungen bedeuten nicht, dass das Problem der Armut gelöst sei. Weit entfernt. In der VEA vom 21. April 2006 wurden die Entbehrungen der Obdachlosen auf einer ganzen Seite behandelt. „Arme und Drogenabhängige sind eine andere Seite der Armut, die heute beinahe die Hälfte der Bevölkerung betrifft“, hieß es. Gewiss ist die Armut seit 2003 von 80% (andere Quellen sprechen von 60%) auf weniger als 37% gesunken (Lippmann am 7. Juli 2006), aber für die übrigen Obdachlosen ist das ein geringer Trost. Die Casa-Hogar El Conde ist eine von vier Einrichtungen, die Obdachlose aufnehmen. Dort befinden sich jetzt 80 Personen, die Essen, ein Bett und Behandlung ihrer Krankheiten erhalten. Wer kann, hilft in der Küche, im Garten oder beim Putzen mit.
Eine andere Organisation ist die Misión Negra Hipólita, die im Januar 2005 gegründet wurde und in diesem Jahr spezielle Unterstützung durch den Präsidenten erfuhr. Allein in Caracas hat sie bereits vier Stellen, wo man Obdachlose aufnimmt und ihnen auf verschiedenste Weise behilflich ist. Das Hauptziel ist, diese Leute wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Am 26.4.2006 schrieb die VEA über eine Werkstatt, die von mehreren Organisationen in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für die Mitarbeit des Volkes und soziale Entwicklung gegründet wurde, um „Educadores de Calle“ - auf neudeutsch streetworker oder Straßenerzieher oder Informatoren auszubilden, als Stütze und Hilfe für Obdachlose, um dafür zu sorgen, dass sie wieder in die Gesellschaft integriert werden.
Im übrigen habe ich selbst sowohl in Caracas als auch in Mérida zwei Restaurants für Leute gesehen, denen es schlecht geht. Ordentlich, sauber und luftig. Keine Suppenküchen im Keller. Und in den Schulen erhalten alle Kinder dreimal Essen täglich.
Mercál-Gechäfte, die an die alte kooperative Konsum-Idee anknüpfen, wo man bis zu 50% billiger als in normalen Geschäften einkaufen kann, habe ich eine ganze Menge in armen Vierteln, im Dorf Tabay westlich von Mérida und in Mérida selbst sogar zwei gesehen. Allerdings war der eine Laden geschlossen und als ich im anderen fragte Warum, da konnte man nicht darauf antworten. In vielen Artikeln bekommt man die Vorstellung, dass dort alles 50% billiger sei. Das stimmt nicht. Markenwaren gibt es nur billiger, da sie in großen Mengen eingekauft werden.
Die Misión Mercál ist keine isolierte Erscheinung, sondern hängt mit den anderen misiones zusammen, vor allem mit der Misión Zamora, der großen Landverteilung. Beinahe 2 Millionen Hektar Land sind an 1,5 Millionen Familien verteilt worden. Das Ziel ist nicht nur, die Armut zurückzudrängen und für viele Leute ein anständiges Leben zu schaffen, sondern auch die Erhöhung der einheimischen Produktion an Nahrungsmitteln. Dadurch soll die Abhängigkeit von Importen verringert werden, die Qualität erhöht werden und sollen Milliarden Dollar eingespart werden. Mercál bietet nicht nur den neuen Produzenten sondern auch den vielen Kooperativen, die im Zusammenhang mit der Misión Zamora entstanden sind, sichere und gerechte Aufkaufspreise.
All dies hört sich ziemlich einfach an, aber so ist es leider nicht. Jede einzelne Verbesserung, jedes neue Gesetz, jede Misión muss gegen reaktionäre Politiker durchgesetzt werden (viele Dörfer, Städte und selbst einige Teilstaaten befinden sich immer noch in der Hand der Opposition), gegen Bürokraten und nicht zuletzt gegen korrupte Elemente in Chávez' eigener Partei, die obstruieren, sabotieren und unterschlagen. D. h. genau die gleichen Elemente, mit denen sich bereits Lenin, Mao und andere Revolutionäre herumschlagen mussten. Und dann wird jedes Misslingen, jeder Fehler und jede Verzögerung zu einem Knüppel im Arsenal der Reaktion, um höhnisch auf das Unvermögen der Regierung zu verweisen.
Die Presse in und über Venezuela
Am 2. Juli 2006 lese ich im Expressen (größte rechte Tageszeitung in Schweden) folgendes: „Was Chávez, Argentiniens Kirchner und Boliviens Morales vereint, ist der Populismus und Nationalismus, mehr als die notwendigen sozialen Reformen, derer die ärmsten Bewohner so dringend bedürfen. Besonders im Fall Chávez ist auch der mangelnde Respekt für Demokratie und Meinungsfreiheit ein Eckpfeiler seines politischen Handelns.“
Worauf gründet dieser Demokratieombudsman vom Expressen seine Meinung? Dass es nicht reicht, wenn die Reaktion nur 90% aller Zeitungen besitzt, nur 90% aller Radio- und Fernsehstationen kontrolliert, nur 258 Bücher mit Hetze gegen Chávez herausgeben konnte, während ganze 3 (DREI) pro-Chávez-Bücher erschienen sind? Ist er in Venezuela gewesen? Spricht er nur ein Wort spanisch? Hat er gelesen und gesehen, was die Oligarchie täglich ausspuckt? Dass 95 % ihrer Anklagen und Anzeigen auf Lügen beruhen und jeder Grundlage entbehren, das spielt gar keine Rolle. Und seit wann sind die armen Leute der Expressen ans Herz gewachsen? Pfui Teufel!
Was solche Typen wie ihn (oder sie – der Artikel ist nicht signiert – auch typisch) zur Weißglut bringt, ist nur, dass Chávez gegenhielt, als er von dem Weißen Haus und seinem ausgewählten Präsidenten beleidigt wurde. Dass er nicht gehorsam seine Petrodollar den USA überlässt, wie es die Araber tun. Dass er – das Schlimmste von allem – die ALCA (Asociación Latinoamericano de Libre Comercio – Freihandelsabkommen mit den USA) versenkt hat, das Freihandelsflaggschiff der USA, und stattdessen ALBA (Alternativa Bolivariana para las Americas – Bolivarische Alternative für Amerika – eine demokratisch aufgebaute Handelsorganisation zwischen lateinamerikanischen Staaten. Außerdem hat alba auf spanisch die Bedeutung 'Morgenröte'.) zielstrebig aufbaut.
Dass er Telesur aufbaut – ein Gegengewicht zum westlichen Medienlügenmonopol. So etwas tut man einfach nicht, wenn man Mitglied im feinen, westlichen Demokratieklub sein will.
Nach diesem einen Beispiel von CIA-inspirierter Lügenpropaganda reicht es mir. Man könnte stundenlang weitermachen, jede einzelne Zeitung, Zeitschrift, Radio- oder Fernsehstation aufzulisten und sich mit deren Lügen herumschlagen und man würde dennoch nie fertig werden. Als Faustregel kann man sagen, dass derjenige, der von der Westpresse gelobt wird, ein Stinkstiefel ist und andersherum. Wen es interessiert, der kann bei MediaLens hier hineinschauen http://medialens.org/index.php?option=com_content&view=section&layout=blog&id=1&Itemid=8 , wo die britischen Medien regelmäßig auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht werden, und die auch ausgezeichnete Analysen über die Hetze gegen Chávez haben.
Ich will nur ein kleines Beispiel von den Ansichten geben, die Venezolaner über diese Vorwürfe haben. Zum Beispiel, dass Chávez autoritär sei. In der VEA vom 19.04.06 lesen wir: „Chávez hat weder mehr oder weniger sondern genau dieselbe Autorität, wie sie Rómulo Betancourt und Rafael Caldera zu ihrer Zeit hatten. Trotzdem haben die aktuellen Kritiker sie vorbehaltlos unterstützt. Was ist der Unterschied? Der Unterschied ist, dass Betancourt und Caldera die staatliche Autorität anwandten, um das ungerechte und ungleiche System zu verteidigen, das auf der Herrschaft der Reichen und der Großgrundbesitzer und den Bedingungen der USA basiert, während Chávez die Autorität benutzt, um einen revolutionären Prozess zu befördern mit der Perspektive, die Herrschaft der alten sozialen Klassen zu vernichten.“
Oder Chávez selbst im Interview mit Greg Petras zum Vorwurf, er sei „undemokratisch“:
„Ich lade alle Bürger der ganzen Welt ein zu kommen und frei durch alle Straßen Venezuelas zu laufen, zu reden mit wem man will, Fernsehen zu schauen, Zeitungen zu lesen. Wir bauen eine wirkliche Demokratie auf mit Menschenrechten für alle, mit sozialen Rechten, Ausbildung, Gesundheitsfürsorge, sozialer Sicherheit und Arbeit.“ (The Progressive, Juli 06)
Und genau so habe ich auch Venezuela erlebt.
Ich kann ehrlich sagen, dass ich noch nie in einem Land gewesen bin, wo eine solche Freiheit herrscht wie in Venezuela - wo man Freiheit atmen, geradezu spüren kann.
Zum Schluss noch eine Auffassung über ALCA von Osvaldo Martínez in Patria Grande vom Mai 2005: „ALCA ist nicht ein einfaches Freihandelsabkommen, das man unterschreiben kann oder auch nicht, sondern Ausdruck von höchster Bedeutung für ein Projekt kontinentaler Herrschaft, ein Plan für die systematische Ausplünderung, ein Konzept für die sozio-ökonomische Entwicklung, das die Souveränität und die Funktionen des Nationalstaates beeinflusst.
ALCA ist der Name, unter dem dieses Projekt in gewissen Zusammenhängen auftritt, aber sein wesentlicher Inhalt nimmt verschiedene Formen und Methoden an, um sich gewaltsam durchzusetzen. Deshalb ist man gezwungen zu einem vielfältigen und umfassenden Kampf, um zu verhindern, dass, auch wenn ALCA von der Bühne verschwindet, sich dieses imperialistische Projekt nicht trotzdem in der Wirklichkeit mit anderem Gesicht und unter anderem Namen aufzwingt.“
Gewiss haben die Völker in Lateinamerika eine ganze Menge über die Schliche und Finten des Imperialismus gelernt. Ich war überrascht von dem großen Raum im Regierungsblatt VEA, der dem Internationalismus (von wegen Nationalismus!) gewidmet wurde, aber auch in den Reden des Präsidenten und seinen TV-Auftritten. Und das ist es in der Tat – der INTERNATIONALISMUS – der die wirklichen Sozialisten auszeichnet, eine Wahrheit, die von Marx bis Mao betont wurde. Verschwindet er, dann verschwinden auch schnell alle Gedanken an eine wirklich gerechte Gesellschaft, was leider allzu viele Beispiele beweisen.
Aber der Internationalismus zeigt sich nicht nur in Worten, sondern vor allem in der Praxis. Gewiss ist die große Leidenschaft von Chávez Lateinamerika, d. h. von Mexiko bis Argentinien genau wie für Simon Bolívar. Der Kontinent, der als allererster unter dem Ansturm des weißen Kolonialismus zu leiden hatte und wo die allergrößten Völkermorde der Geschichte verübt wurden (allein die Spanier töteten ca. 60 Mill. der Ursprungsbevölkerung!). Der Kontinent der Armut, der Kontinent der unnötig Kranken, der Kontinent des Analphabetismus. Deshalb ist Chávez so viel an ALBA gelegen, am Aufbau eines gemeinsamen Energieprojektes mit Bolivien, Paraguay, Brasilien und liefert Öl zu solidarischen Preisen an die armen karibischen und mittelamerikanischen Länder, die beinahe von den hohen Erdölpreisen erdrosselt werden. Aber die Gedanken von Chávez umfassen auch die Armen in der ganzen Welt, in den USA, in England, wo er bei seinem vergangenen Besuch auf Einladung von Londons Bürgermeister Livingstone ähnliche Hilfsaktionen bekanntgab wie für die Armen in den USA.
Ich hatte die Gelegenheit, das Fernsehprogramm zu sehen, wo Chávez 100 Menschen aus den USA empfing, die gekommen waren, um ihm für das billige Öl im Winter zu danken. Es waren Leute aus den Gebieten Vermont, Maine und Rhode Island, die mit Hilfsprojekten arbeiten, es waren Schwarze und ein Indianerhäuptling und ein Priester war auch dabei. Sie alle waren sichtlich angetan von seiner einfachen und offenen Art, seinen aufrichtigen Worten über Freundschaft mit dem amerikanischen Volk und wie er spontan und ungekünstelt Menschen umarmte, die ihm kleine Geschenke überreichten. Und wie es – auch sichtlich – ihm lästig war, wenn man ihm zum hundertsten Male dankte. Da sagte er: „Ihr braucht mir nicht zu danken. Ihr habt es doch selbst bezahlt.“ Verblüffte Mienen. Und da erklärte er, dass Venezuela ja Raffinerien in den USA besäße, die zuvor niemals Gewinn abwarfen, weil die Oligarchie das Geld in die eigene Tasche steckte, aber jetzt, nach der Reorganisation bereits nach zwei Jahren 73 Millionen $ auf das Pluskonto einbrachte. „Mit diesem Geld ist das Programm bezahlt worden. Gefundenes Geld,“ sagte er zur Freude der Versammlung.
Es heisst, dass er es um der Macht willen tut und um seinen Einflußbereich auszudehnen. Es ist ja ganz klar, dass ein Kapitalist und alle Kapitalist-Presstituierten einfach nicht begreifen können, wie man Geld verschenken kann und außerdem an das Pack. Man lässt gelten, Geld an eine Stiftung um der eigenen Ehre willen zu schenken. Aber an das Pack?

Hier folgt der zweite Teil.

Donnerstag, 11. August 2011

Imperialisten – Hände weg von Syrien!

Editorial aus Workers World vom 31. Juli 2011



Die US- und französiche Imperialismus haben flagrant in die syrische Krise eingegriffen und offen angedeutet, dass sie handeln werden, um Präsident Bsashir Assad zu stürzen und zu ersetzen. Das ist eine offene Drohung an das syrische Volk. Es ist ein klares Signal, dass progressive Kräfte in den USA dem Kampf gegen diese imperialistische Intervention Priorität geben müssen, egal wie sie ansonsten das Assad Regime einschätzen.
Nichts könnte schädlicher für das syrische Volk sein als eine Intervention der USA, Frankreichs und anderer imperialistischer Mächte oder des NATO-Mitlgieds Türkei. Wo immer in der Welt der Imperialismus eindringt, bringt er Tod, Leiden, politische Reaktion und zunehmende Unterdrückung für die betroffenen Völker mit sich.
Das ist die Lektion aus Irak. Es ist die Lektion aus Afghanistan. Es ist die Lektion des fortlaufenden und völlig illegalen NATO-Krieges gegen Libyen. Es war auch die Lektion früher in Korea und Vietnam und in Mittelamerika in den 80-er Jahren.
Neun Jahre Besatzung des Irak haben mehr als eine Million Iraker getötet, hunderttausende verwundet und mehr als 4 Millionen Iraker zu Flüchtlingen im eigenen Land und im Ausland gemacht. Sie haben die irakische Infrastruktur zerstört und die irakische Gesellschaft zerrissen. Sie haben Rückstände der Kriegsmaschinerie hinterlassen wie weißen Phosphor und abgereichertes Uran, die die Iraker über Generationen hinweg verseuchen werden, wie das Agent Orange in Vietnam. Es hat 6 Millionen zu Analphabeten gemacht in einem Land, das 1970 frei von Analphabetentum war.
Zehn Jahre der US/NATO Besatzung Afghanistans haben zu einer systematischen Abschlachtung von afghanischen Zivilisten geführt. Die Marionetten-Regierung herrscht nur in Kabul und stützt sich auf die reaktionärsten Kriegsherren – sowohl Afghanen als die NATO – unter dem Vorwand, die afghanische Gesellschaft zu verwalten.
Die Imperialisten und ihre Medien verkauften diese Kriege, dass sie „Freiheit“ von Saddam Hussein im Irak und von den Taliban in Afghanistan bringen würden, aber niemand hat an Freiheit gewonnen, nur die korruptesten Elemente sind reicher geworden.
Unterdessen haben die imperialistischen Banken und Multis in beiden Ländern Fuss gefasst, was ihnen ohne diese kostspieligen Kriege niemals gelungen wäre.
Zurück nach Syrien. Am 8. Juli besuchten die Botschafter zweier imperialistischer Länder – der militärischen Supermacht und der ehemaligen Kolonialmacht in Syrien – die Stadt Hama, über 200 km nördlich von Damaskus, um an den Protesten gegen die Assad-Regierung teilzunehmen. Hama war das Zentrum der Moslem-Bruderschaft, der größte Gegner der früheren Regierung von Hafez al-Assad, Vater des gegenwärtigen Präsidenten. Dies ist eine flagrante imperialistische Einmischung in syrische Angelegenheiten.
Zu dieser Arroganz kommen die Erklärungen der US-Außenministerin Hillary Clinton und von Präsident Obama, dass die Assad-Regierung ihre „Legitimität“ verloren habe. Das kann nur das syrische Volk entscheiden. Das kriminelle Regime in Washington hat kein moralisches Gewicht – sein einziges und unglücklicherweise immer noch enormes Gewicht ruht allein auf der destruktiven Macht des Pentagon und des Dollars. Wer immer gegen Washington auftritt, gewinnt Glaubwürdigkeit.
Nur das Volk von Syrien hat das Recht zu bestimmen, wer den syrischen Staat lenken soll. Die Rolle der progressiven Menschen und Organisationen in den imperialistischen Ländern hat zu sein, daran zu arbeiten und zu kämpfen, dass die USA, Frankreich, die Europäische Union und das NATO-Mitglied Türkei sich nicht in syrische Angelegenheiten einmischen.
Imerialisten – Hände weg von Syrien!

Nachbemerkung:

In dem Maße wie die Hetze gegen Syrien zunimmt, in dem Maße tauchen mehr und mehr Dokumente auf, die in das Lügengewebe Löcher reissen. Ein Dokument von meinem Freund Hashim al-Malki habe ich hier veröffentlicht. Außerdem will ich diese deutsche Seite empfehlen, die er mir dieser Tage zugeschickt hat.


Dienstag, 9. August 2011

Fuck NATO! Fuck Obama! So begrüßt man die Bomben in Tripolis!

Jeff Archer, ein alter Kämpe für Aufklärung, die Dritte Welt und Gerechtigkeit, schrieb mir heute: "Hätte vor 30 Jahren jemand gesagt, die NATO werde Afrika bombardieren, den hätte man in die Klapsmühle gesteckt." Wie wahr! Solch eine Phantasie fehlte uns. Dass die Revolution an der nächsten Ecke auf uns warte, wie so viele Revoluzzer vor 40 Jahren meinten, habe ich nie eine Sekunde lang geglaubt. Aber eine Welt, wie wir sie heute vor uns sehen, hätte ich mir nie vorstellen können.
Nun kommen aus aller Welt Proteste gegen die Bombardements in Libyen, Klagen gegen die NATO werden eingereicht, die UNO wird aufgefordert, Untersuchungen anzustellen, es wird gefordert, den Verbleib von über 100 Kindern zu untersuchen, die nach dem Einmarsch der "Rebellen" in Misrata verschwunden sind - aber alles verhallt so wirkungslos wie die Flüche, die den Bombern entgegengeschleudert werden. Als wäre eine Maschinerie von Robotern in Gang gesetzt worden, die außer Kontrolle geraten ist.
Aber so ist es ja nicht. Diese Mordmaschinerie ist von Menschen (?) in Gang gesetzt worden, die wiederum mit jeder Bombe, jeder Rakete Millionenprofite abwirft. Und die Profiteure sind die Waffenindustrie und die Banken, die im Besitz von Privatpersonen sind. Sie sind die großen Mörder und die kleinen Mörder sitzen in den Flugzeugen oder steuern die Dronen von sicheren, weit entfernten Ort ins Ziel.
Und da die militärischen Ziele seit langem zerstört sind, bleiben nur noch zivile Ziele übrig. Doch so eintönig wie tibetanische Gebetsmühlen wiederholen NATO- Zentrale und Pentagon ihr Mantra, dass es sich um Gefechtsstände, Kommando- Zentralen, militärische Ausbildungszentren handele, wenn ganze Familien ausgelöscht werden, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung ausgeschaltet wird, so dass in der Sommerhitze die Nahrungsmittel der Menschen verderben, wenn Schulen, Hospitäler und sogar Ambulanzen zerstört werden. All das, was die Amis systematisch bereits im Irak praktiziert haben. Jede einzelne dieser Handlungen verstößt gegen die Genfer Konventionen, gegen internationales Recht, gegen alle Gesetze der Menschlichkeit und des Anstands.
Und diese Handlungen summieren sich täglich zu Millionen rechtswidrigen Handlungen, begangen von Millionen Menschen, die niemals verfolgt geschweige denn bestraft werden. Und all jene, die sich gegen diese Unmenschlichkeit gewehrt haben und sich immer noch wehren, sind gezwungen, unter Mördern der schlimmsten Sorte zu leben. Sie sitzen hinter dir und vor dir, und sie nehmen Platz an deinem Tisch. Du erhebst dich und gehst, Aber wohin?

Zu diesem Post passt das folgende Interview mit Leonore ausgezeichnet, eine tapfere spanische Frau, die täglich auf ihrem Blog aus Tripolis berichtet.




Sonntag, 7. August 2011

Die Abdichtung der Fukushima Reaktoren ist kein Ziel mehr für Tepco von Kazuaki Nagata

Dieser Artikel ist ein "Glanzstück" journalistischer Schreibe. Der Jounralist hat aber kühn ein Fragezeichen hinter "Weg zur Wiederherstellung gesetzt. Das Ganze ließe sich in zwei Sätzen sagen: Wir wissen nicht, was tun. Also lassen wir es weiter vor sich hindampfen. Und man achte auf die vorsichtige Ausdrucksweise der Herren Professoren. In Ermangelung eines besseren Artikels habe ich diesen genommen.
Der Weg zur Wiederherstellung? Der Präsident Toshio Nishizawa (stehend) der Tokyo Electric Power Co. stellte sich Dienstag Abend den Medien im Tokyoer Hauptquartier des Unternehmens, als er den neuen Plan zur Eindämmung der Atomkrise in Fukushima der Öffentlichkeit vorstellte. KYODO
Die Regierung und Tepco rühmen sich eines Erfolgs bei der ersten Stufe zur Stabilisierung der Reaktoren in Kernreaktor Nr. 1 in Fukushima, aber Experten sagen, dass beim Übergang zur zweiten Phase schwere Aufgaben bevorstehen, deren Ziel es ist, innerhalb von drei bis sechs Monaten ein kaltes Herunterfahren zu ermöglichen.
Der kürzlich überarbeitete und am Dienstag veröffentlichte Plan definiert ein kaltes Herunterfahren mit der Senkung der Temperatur in den Druckkesseln auf unter 100° C. Man plant auch, die Menge der austretenden Radioaktivität zu verringern, um die Strahlung in AKW-Nähe auf jährlich unter 1 Millisievert bis Ende Januar zu drücken, was einem Teil der Evakuierten erlauben würde zurückzukehren.
Wann die 2. Phase zu Ende ist, „wird von den Strahlungsmengen in den verschiedenen Bereichen abhängen, aber wir denken, dass wir bestimmte Werte selbst in dem geräumten Gebiet erreichen (in einem 20 km Umkreis)“, sagte Goshi Hosono, für die Krise verantwortlicher Minister, der betonte, dass die Regierung jede Anstrengung unternehmen werde, um das Gebiet zu entseuchen.
Um die Menge des aus dem Werk entwichenen radioaktiven Materials wesentlich zu reduzieren, muss Tepco auf den Grund des Problems gehen: die Löcher oder Risse in den Sicherheitsbehältern zu stopfen, die es dem verseuchten Wasser ermöglicht, die Gebäude auf dem Gelände und die Umgebung zu überfluten, sagen die Experten.
Der neue Plan jedoch enthält keinen Hinweis auf diese kritische Arbeit in der 2. Phase, obwohl dies in den ersten Plänen stand. Ohne Behebung dieses Problems kann man schwerlich sagen, dass das Entweichen der Radioaktivität unter Kontrolle sei.
„Wenn es um die Eindämmung des radioaktiven Materials geht, ist das Stopfen der Löcher das Wichtigste,“ sagt Tsuyoshi Misawa, Professor für Reaktorphysik am Reaktorforschungsinstitut an der Kyoto Universität und sagt, er sei verblüfft, dass das nicht im Plan steht. Derselben Meinung ist Hisashi Ninokata, Professor für Reaktortechnik am Tokyo Technologieinstitut. „Es scheint unklar, welche Art Pläne sie haben“, sagte er.

Tepco sagte, man wolle sich auf die Zirkulation des Kühlsystems konzentrieren, bei dem das entweichende verseuchte Wasser behandelt und in die Reaktoren zurückgepumpt wird. Auch wenn weiterhin readioaktives Wasser entweicht, wird es beobachtet und kontrolliert, sagt man.
„Betreffs der Eindämmung der Radioaktivität wird ein großer Fortschritt von der Senkung der Temperatur im Innern des Reaktors auf unter 100° C durch das gegenwärtige Kühlsystem der Zirkulation erwartet“, sagte Zengo Aizawa, Tepcos Vizepräsident.
Unterdessen will man erwägen, wie man die Behälter versiegele, sagte Aizawa.
Obwohl das Stopfen der Löcher das Wesentliche ist, wie Misawa und Ninokata betonen,  wird dies schwierig sein, weil die Radioaktivität für die Arbeit gefährlich hoch sei.
Sechs Arbeiter sind einem Strahlungsniveau ausgesetzt worden, der über dem äußersten Limit von 250 Millisieverts jährlich liegt.
Mit kaltem Herunterfahren meint man, die Temperatur des Kerns auf unter 100° zu bringen, doch hat man dies jetzt so definiert, dass man die Temperatur am Boden der Druckbehälter auf unter 100° drückt und das Entweichen der Radioaktivität reduziert, weil man glaubt, der Kern von Einheit 1, 2 und 3 sind geschmolzen und liegen auf dem Boden der Behälter.
Das Kühlsystem hat auf der 4 km langen Strecke von Schläuchen und Bearbeitungssystem viele Probleme gemacht und wurde mehrmals gestoppt.
„Das Problem ist, dass dieses System ordentlich arbeiten muss“, damit die Zirkulation des Kühlwassers korrekt funktioniert, sagte Ninokata. Er fügte hinzu, es sei riskant, das gegenwärtige System zu benutzen und meinte, dass man künftig eine kompaktere Version einsetzen wolle. Tepco sagte, dass man innerhalb von drei Jahren mit dem Bau eines kompletten Zirkulationskühlsystems beginnen werde.
Misawa hob auch hervor, dass die Regierung und Tepco zwar sage, das System habe eine stabile Kühlung erreicht, aber es sei zu früh, die beschädigten Reaktoren als stabil zu bezeichnen.
Den Originalartikel kann man hier lesen.
Nachbemerkung:
Natürlich hatte ich in meiner Einfalt davon geträumt, dass die Japaner zu Millionen losmarschieren und ein AKW nach dem anderen abstellen würden. Ein paar zaghafte Demos war alles. Ihnen müssen offenbar erst noch ein paar von den Dingern um die Ohren fliegen, bevor sie aufwachen.
Stattdessen setzte weltweit eine Mainstreammediakampagne ein, um zu verniedlichen, zu verschweigen, zu vertuschen. Obama stellte sich hin und erzählte dem amerikanischen Volk, wie sicher die amerikanischen AKWs seien. Er verschwieg, dass der Fukushima-Reaktor ein amerikanisches Produkt war, und dass von derselben Sorte 27 Stück in den USA stehen - uralt und verrottet mit jeder Menge Störfällen.  Und die Atomindustrie floriert wie nie zuvor: die Chinesen wollen neue bauen, die Inder und die Polen, als rissen sich alle darum, ihr eigenes Tschernobyl oder Fukushima zu bekommen.
Dabei gibt es inzwischen eine neue Technologie, die es erlaubt, in kürzester Frist ALLE  AKWs abzustellen (siehe meinen Artikel dazu hier). Doch selbst wenn es sie nicht gäbe, müsste der gesunde Menschenverstand uns sagen, dass die Atomindustrie eine Sackgasse ist und ein Verbrechen an der Menschheit, der Natur und unserem Planeten.

Samstag, 6. August 2011

Acht effektive Methoden zur Verblödung, Terrorisierung und Immoblisierung der US-Jugend

Als ich heute morgen den Artikel von Bruce E. Levine '8 Reasons Young Americans Don't Fight Back' (seinen vollstängigen Artikel kann man hier lesen) las, war es nicht gerade ein Schock, da mir einiges seit langem bekannt war, aber es gab doch einige Momente, deren Auswirkungen ich mir zuvor nicht recht klar gemacht hatte. Vor allem muss man sich vor Augen führen, was Levine einleitend schreibt, dass "die herrschende Elite soziale Institutionen geschaffen hat, durch die junge Amerikaner geknebelt werden und ihr Widerstandsgeist gebrochen wird". Dass es sich also um eine bewusste Politik handelt, bei der jeder der einzelnen Momente in den anderen greift. Im Zentrum steht natürlich die Frage sozialer Sicherheit und genau diese wird von 76% aller 18  bis 34-jährigen laut Gallup-Umfrage 2010 total in Zweifel gezogen, ohne Aussicht, daran etwas ändern zu können.
Im ersten Punkt bezeichnet Levine die Schulden, die durch das Studium von den jungen Menschen angehäuft werden, als eine stark "ruhig-stellende" Maßnahme. Ein Beispiel seien die Millionen und aber Millionen revoltierenden arabischen Jugendlichen, die nicht unter dieser Last ächzen. Wenn ein junger Mensch in den USA seine Ausbildung in grundständigen Studiengängen abschließt hat er etwa 25 000 $ Schulden, und bei regelrechtem  Hochschulabschluss steht er im Durchschnitt einem Schuldenberg von ca. 100 000 $ gegenüber, just wenn er vielleicht seine neue Freiheit mit der Gründung einer Familie beginnen möchte. Mit  Ehe und und Familiegründung wird der Berg noch mehr ansteigen.  Angesichts der Krise und der Lage auf dem Arbeitsmarkt sitzt natürlich jedem die Angst im Nacken, die Schuld niemals zurückzahlen zu können.
Gleichzeitig werden sie der harten Konkurrenz des brain-drain ausgesetzt, d.h. all der jungen, bestens ausgebildeten Fachleute aus der Dritten Welt, die von den Multis eingekauft werden und damit den betroffenen Ländern, wo sie kostenlos studierten,  gestohlen werden.
Die zweite Methode ist die Psychopathologisierung und medizinische Behandlung von Verweigerung.  1955 schrieb Erich Fromm, der damals weithin respektierte antiautoritäre Psychoanalytiker der Linken: "Heute droht die Funktion der Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse das Werkzeug zur Manipulierung des Menschen zu werden." Levine schreibt, dass im selben Jahr, als Fromm starb (1980), "Ronald Reagan Präsident wurde und die zunehmend autoritäte Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft ihrer Diagnose-Bibel die 'disruptive mental disorders" (zerstörende mentale Störungen) oder bipolare Trotzstörungen hinzufügte." Diese Störungen werden mit starken beruhigenden antipsychotischen Medikamenten behandelt (z. B. Zyprexa und Risperdal mit einem Jahresumsatz von 16 Milliarden $). Ein großer Teil dieser behandelten Kinder und Jugendlichen gehört zu den lebhaften Widerspruchsgeistern. D. h. sie spuren nicht, wenn die Alten - Lehrer oder Eltern - pfeifen.
Die dritte Methode sind die Schulen, die Gehorsam und keine Demokratie lehren. Die Schüler lernen zu gehorchen und die Strafen und Belohnungen der Autoritäten anzuerkennen. Und sie lernen, dass es sinnlos ist, aufzubegehren und Widerstand zu leisten. Die Maschinerie soll reibungslos laufen. Was Reibungen verursacht, das ist von Übel und muss abgeschliffen werden.
Die vierte Methode ist 'Kein Kind bleibt zurück' und 'Wettlauf zur Spitze'. Das korporative System unter Führung von Demokraten/Republikanern hat autoritäre Schulen noch autoritärer gemacht, hat Kriege verursacht, NAFTA geschaffen, das PATRIOT Gesetz, den Krieg gegen Drogen, die Rettungsaktionen für die Banken und all dies erzeugt Ängste, was unvereinbar mit einer Erziehung zu Demokratie ist. Diese Politik "zerstört Neugier, kritisches Denken, in-Frage-stellen der Autorität und Bekämpfung illegitimer Autorität".
An fünfter Stelle kommt, Leuten, die ihre Erziehung - nicht die Schule - ernst nehmen, Scham beizubringen. Wer die Schule nicht mag, will nicht lernen. Also werden immer mehr Amerikaner (85 %) durch die Schulen gepeitscht und machen irgendeinen Abschluss, doch die Erziehung, die Bildung bleibt auf der Strecke. Je mehr Schule die Amerikaner  genießen, desto politisch ignoranter werden sie. Levine zitiert Mark Twain, der sagte: "Ich ließ niemals die Art meiner Erziehung durch die Schule beeinflussen."
Die sechste Methode ist von großer Bedeutung: die Normalisierung der Überwachung. Levine schreibt: "Während die Nationale Sicherheitsagentur (NSA) Aufmerksamkeit hervorrief, weil sie die Emails und Telefongespräche der Bürger kontrollierte und auch die Überwachung durch Unternehmer in den USA immer üblicher wird, verhalten sich junge Amerikaner ausnehmend still gegenüber der Überwachung durch das System, das in frühem Alter beginnt und zur Routine in ihrem Leben wird." Er beschreibt, wie Eltern zunehmend die PCs, Laptops und Handies ihrer Zöglinge kontrollieren und via GPS genau wissen, wo sie sich aufhalten, und dass viele Eltern sogar die Heime mit Videokameras ausrüsten. Demokratisches Verhalten wird dadurch gewiss nicht erzeugt.
Der siebte Punkt ist das Fernsehen. Schon 2009 hatte das Fernsehschauen in den USA einen neuen Rekord von acht Stunden täglich erzielt (wobei die drei Schirme von Fernseher, PC/ Laptop, iPods, Handies etc aber ohne schulische Benutzung erfasst wurden). Viele Progressive seien über die Inhalte besorgt, die von den Mainstreammedien vermittelt werden, aber schon das bloße Fernsehschauen habe eine beruhigende Wirkung, was man sich auch in Gefängnissen zunutze mache, sagt Levine.                                                                                              Und  dann sagt er etwas, was mir direkt aus dem Herzen gesprochen ist: "Fernsehen ist ein wahr gewordener Traum für eine autoritäre Gesellschaft." Das sage ich seit 40 Jahren, aber instinktiv erfasste ich den gesellschaftsfeindlichen Charakter des Fernsehens schon mit 17 Jahren, als ich das voll gepackte Wohnzimmer meines besten Freundes betrat, dessen Eltern als erste im großen Mietshaus einen Fernseher angeschafft hatten. Und alle riefen: "Still! Ruhe jetzt! Maul halten!" Ich schaute mir das 5 Minuten an und dann ging ich und kam nie wieder - jedenfalls nicht zum Fernsehschauen.
Über die Geist und Gehirn tötende Wirkung des Fernsehens gibt es so viel gute und genaue Untersuchungen, auch was den NachrichtenWERT angeht - und was haben sie bewirkt? Nichts. Nullkommanull. Damit nicht gesagt, dass es keinen Zweck erfülle: es schafft perfekte Untertanen, die ihr Maul halten, höchstens ein bißchen rumquengeln.
Der achte Punkt ist auch bedeutsam: fundamentalistische Religion und fundamentalistischer Konsumismus. Levine hat natürlich recht, wenn er schreibt, dass jede Art von Fundamentalismus den Fokus einschränke und kritisches Denken verhindere und eine 'pacifying' - beschwichtigende, pazifizierende Wirkung habe. Dass der fundamentalistische Konsumismus Selbständigkeit und Entschlusskraft verhindere, das Vertrauen in andere und Solidarität zerstöre. Ferner habe der Nahrungsindustrie-Komplex eine epidemische Kinderfettsucht, Depression und Passivität erzeugt, die ihren Widerstand gegen Herrschaft brechen. Und der Gefängnisindustrie-Komplex bringt junge antiautoritäre Leute "auf Vordermann".
Aber die 'pazifizierende' Wirkung des Fundamentalismus ist nur eine Seite der Medaille. Er kann auch durch entsprechende Kommandos - von außen oder innen (in den USA spricht ja Gott häufig direkt mit seinen Schäflein) - in das Gegenteil verwandelt werden. Dass diese 'pazifizierten' Leutchen wie Berserker über ihre Mitmenschen herfallen.
Und hat Levine auch vergessen, dass die Amerikaner in ihrer 250-jährigen Geschichte fast ununterbrochen mit größter Begeisterung und Hurrageschrei über ihre unmittelbaren und ferneren Nachbarn  hergefallen sind? Auch ohne diese acht Methoden, von denen ja einige recht alt sind.
Und er hat noch etwas vergessen: die stark nationalistische, religiös verbrämte, nicht durchweg institutionalisierte Erziehung - der Fahnenkult, der Armee-Kult, die Schul-Uniformen, das 'Wir sind die Besten', Gottes eigene Volk, das Ammenmärchen von der heroischen Geschichte etc. - die permanent in die Schädel gehämmert wird.

All dies trägt natürlich nicht zur Erziehung von Demokraten bei, geschweige denn von Revolutionären.

Donnerstag, 4. August 2011

Nichts geht über unsere Mythen. Sie sind unser. Wirklich?


Vor ein paar Tagen legte ich den Artikel von Thomas Mountain 'Die Kriegslügen über Libyen sind schlimmer als die über den Irak' (http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=5406 ) in der Übersetzung meiner Freundin Susanne Schuster auf meinen Blog. Wir diskutierten anschließend einen Absatz in dem Artikel: „Saddam Hussein war böse, er überfiel seine Nachbarn in Kriegen, in denen bis zu einer Million Menschen getötet wurden. Er setzte Massenvernichtungswaffen in Form von Giftgas gegen seine Nachbarn und sein eigenes Volk ein, und tötete dabei Zehntausende.“ Wie kommt Mountain dazu, so etwas zu schreiben? Schon die Wortwahl sollte einen doch stutzig machen. Er war böse (genau wie Gaddafi), er überfiel seine Nachbarn (wie Gaddafi), er setzte Massenvernichtungswaffen in Form von Giftgas gegen seine Nachbarn und sein eigenes Volk ein (das toxische Wort GAS und das berühmte gegen das eigene Volk, als sei es weniger schlimm gegen andere). Außer den MVWs tauchte alles in der Hetze gegen Gaddafi auf.
Susanne Schuster schrieb einen freundlichen Brief an Mountain zu dieser Frage und erhielt zu hrer großen Enttäuschung eine schnoddrige Antwort von einem Satz, in dem er seine Auffassung auf Robert Fisk (und sonstige) stützte. Und Robert Fisk hat genau denselben blinden Fleck in der Optik. Er hegt einen geradezu besessenen Hass auf Saddam Hussein, den Iran und ganz besonders gegen die Hisbollah und ihren Führer Nasrallah. Und damit liegen beide gut eingebettet auf der Israel/USA/NATO-Linie. Das fällt vielen Menschen auf (die aufhören, Fisk zu lesen), nur nicht ihnen selbst. Sie schaden sich also selbst und bringen in den Augen vieler auch jene in Diskredit, die ihre Artikel zitieren. Wobei ich da nicht übereinstimme: es gibt niemanden, der nur Unrecht hat oder der nur Recht hat. Unsere größten Feinde können in manchen Punkten Recht haben. Wir alle können uns irren und Fehler machen. Manchmal beharren wir sogar recht lange unwissentlich auf falschen Auffassungen. So erging es mir in der Irakfrage. Ich hatte mich auf linke Quellen gestützt, mit denen dann auch rechte übereinstimmten, aber ich hatte mich nie eingehender mit der Frage beschäftigt.
Erst, als Khomeini in Iran an die Macht kam und schnell alle seine im Exil gemachten toleranten Versprechungen vergaß und Großmachtgelüste bekam, wurde ich durch den Iran-Irak-Konflikt aufmerksam. Ich verfolgte ziemlich genau den gesamten Verlauf und kam zu dem Schluss, dass 1. der Konflikt vom Westen sowie den sunnitischen Scheichtümern und Königreichen gewünscht und unterstützt wurde aus Angst vor Khomeini; 2. die UNO wieder einmal nichts unternahm, um zu vermitteln und den Frieden zu bewahren und 3. Saddam an dem Krieg absolut unschuldig war, sondern im Gegenteil mit einer Engelsgeduld alles versuchte, ihn zu vermeiden. Da bekam mein Bild von Saddam den ersten Riss. Und doch dauerte es noch eine Weile, bis ich mir das Buch von Jeff Archer bestellte, der 5 Jahre über den Irak geforscht hatte und gründlich alle Lügenmärchen zerriss (siehe Jeff Archer's website: http://www.malcomlagauche.com/id12.html ,dort kann man auch direkt bei ihm ein Buch bestellen).
Und da wurde das ganze Bild klar. Saddam hatte die Ölquellen verstaatlicht und innerhalb kürzester Frist aus seinem Land einen modernen, säkularen Staat gemacht. Er hat das Analphabetentum beseitigt, gleiche Rechte für die Frauen durchgesetzt, ebenso für alle Glaubensrichtungen und die verschiedenen Völkerschaften. Außerordentliche soziale Leistungen geschaffen, wie es sie nie in unseren wohlhabenden Gesellschaften gegeben hat. In Wissenschaft und Forschung erreichte der Irak Weltstandard.
Es ist doch sonnenklar, dass all dies eine Bedrohung für Israel und die westlichen Interessen darstellte. Deswegen geiferte Israel Tag und Nacht und hetzte zum Krieg, konnte auch ungestraft den ersten Atomreaktor Iraks zerstören und die übelsten Sabotageakte durchführen. Also die berühmte Dominotheorie, die ja durchaus nicht falsch ist, wie man an Südamerika beispielhaft beobachten konnte.
Kurz und gut, ich hatte jahrelang Unrecht gehabt, habe jahrelang etwas geglaubt, statt zu wissen. Natürlich gibt es reichlich Rechtfertigungen. Die westlichen Lügenkampagnen sind derart massiv und umfassend, dass es ungeheurer Mühen bedarf, sie zu durchschauen. Ich hatte andere Prioritäten und schlicht keine Zeit, mich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen. Alles in Ordnung, aber dann hätte ich den Mund halten sollen und nicht ohne eingehende Recherchen für den NDR ein Buch über den Irak rezensieren sollen, auch wenn es von angesehenen Verfassern und einem angesehenen westdeutschen Verlag herausgegeben worden war. So einfach ist das. Und wenn ich das jetzt zugebe, dann fällt mir gewisse kein Zacken aus der Krone.
Aber kommen wir zurück zu der Frage, warum gibt es so viele Autoren/Journalisten mit blinden Flecken? Weshalb lieben sie ihre Mythen? Einleitend will ich noch ein weiteres Beispiel nennen, um zu zeigen, dass nicht nur Journalisten betroffen sind, sondern auch ganz gewöhnliche Menschen. Vor vielen Jahren fuhr ich mit meiner 11-jährigen Tochter und ihrer Freundin nach Schweden in den Urlaub. Auf dem kleinen idyllischen Zeltplatz an dem herrlichen Ivösjön trafen wir fünf polnische Studenten, eine Frau und vier Männer, die sich Studiengeld mit Obstpflücken verdienten. Meine Mädchen schlossen sich eng an die liebenswürdig Studentin an, und wir alle hatten viel Spaß und viele interessante Diskussionen. Eines Abends am Lagerfeuer kam das Gespräch auf China. Und was sie da über China zum Besten kam, das glich auf's Haar der Propaganda der Moskauer Zentrale. Da fragte ich sie: „Wenn euch eure Sender Berichte über den Westen erzählen, dann glaubt ihr ihnen kein Wort. Dreht automatisch alles ins gerade Gegenteil, was ja auch nicht gerade eine wissenschaftliche Methode ist. Aber in Bezug auf China, da glaubt ihr euren Propagandisten jedes Wort. Wie kommt denn das?“ Allen fiel buchstäblich der Unterkiefer herunter und sie waren eine ganze Weile still. Dann versuchten wir gemeinsam, das zu analysieren, kamen aber nicht allzu weit. Möglicherweise lag diesem Verhalten das weit verbreitete Schreckbild von der 'Gelben Gefahr' zugrunde. Mit diesem Begriff aus der Kolonialzeit versuchte man, Ressentiments gegen die asiatischen Völker, insbesondere China zu schüren. Man schaue sich einmal auf dieser Wiki-Seite http://de.wikipedia.org/wiki/Gelbe_Gefahr die Bilder an, die ja zu hunderttausenden verbreitet wurden, ebenso wie die Räuberpistolen, die in den Boulevardblättern erschienen, die Hetze, angefangen beim deutschen Kaiser Wilhelm II, der die heiligsten Güter in China verteidigen musste bis zu Willi Brandt, der von den Millionen Gelben faselte, die von den Russen in Ostpreußen angesiedelt worden seien und bis hin zur Bundeswehr, die heute immer noch die heiligen Werte am Hindukusch verteidigen muss, und man versteht, wie so ein Begriff (wie der Schwarze Mann) tiefe Ängste auslösen kann. Auch, und das ist das Erschreckende, bei Menschen, die sich für modern und aufgeklärt halten.
Und fängt man an, darüber nachzudenken, wieviele Mythen es gibt, an denen Millionen, ach was, Milliarden Menschen eisern und verbissen festhalten, kann einem schwindlig werden. Da sind in erster Linie die Religionen zu nennen, wobei die Naturreligionen gerechterweise ausgenommen werden müssen. Mir fällt nicht eine ein, die fordert, dass man zu ihrer Ehre andere Menschen abmurksen muss. Aber dies ist ein gesondertes Feld, auf das ich mich jetzt nicht begeben möchte. Ich möchte lieber bei den rein politischen Mythen bleiben. Indien – die größte Demokratie; USA – die beste Demokratie; Israel – die moralisch höchststehende Demokratie. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie oft schon mit diesen Mythen aufgeräumt wurde, sie bleiben bestehen. Den absoluten Rekord halten da die USA. Seit Beginn ihrer bald 250-jährigen Geschichte! Die kleine Zahl religiös verfolgter tapferer Pilgrime, die sich gegen eine Welt von Feinden zur Wehr setzen mussten. Die Indianer und dann gegen die bösen Engländer und so ging es immer weiter bis heute. Die Frage, was sie dort überhaupt zu suchen hatten, stellte sich einfach nicht. Zu Anfang hatten sie zudem auch das Glück, dass die Engländer in Europa nicht sonderlich beliebt waren und viele den Unhabhängigkeitskampf finanziell, materiell, politisch, moralisch und oft unter Einsatz des eigenen Lebens unterstützten. Damals schon setzte eine völlig wahnsinnige Propaganda ein, um Menschen hinüberzulocken. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das Land der Freiheit und der Demokratie, das Land, wo die Ernten dreimal so hoch waren, die Kartoffeln dreimal so dick und wo jeder eine Chance hat. Da wurde ein Potpourri aus Abenteuer, Exotismus, Gewinnmöglichkeiten gemixt, das bis heute seine Wirkung erzielt, ergänzt mit Sex und Jazz und Hollywood. Und nicht zu vergessen, welch magnetische Kraft die Konzentration fast unbegrenzter Macht ausübt.
Aber es gibt ja noch viel mehr politische Mythen. Korea – ach du meine Güte ja – allein Korea. Den Mythos-Knoten entzweizuhauen, würde das Schwertlein des Alexander nicht hinreichen. Von Tokyo bis Berlin (da war sie wieder, die alte Achse), von Washington bis zum Kap, von Stockholm bis Rio – sang man im Chor: Wir verteidigen unsere Freiheit. Nicht nur gegen die Koreaner, sondern ganz schnell auch gegen die Chinesen (gegen den KOMMUNISMUS!!!), die doch am Tag zuvor noch unsere Verbündeten im Kampf gegen den japanischen, deutschen, italienischen Faschismus gewesen sind. Blitzartig wurde die Propaganda umgestellt.
Mit welchen Methoden, Ränken, Lügen unter Umgehung internationalen Rechts, der Genfer Konvention, der Menschenrechte, der UNO-Konvention dieser Krieg geführt wurde, hat als erster Wilfred Burchett eingehend als Kriegsberichterstatter und in Büchern beschrieben. Er war im übrigen der erste westliche Reporter, der nach dem Atombombenabwurf Hiroshima besuchte und die Schrecken schilderte, denen man keinen Glauben schickte. Den Koreakrieg erlebte er auf der koreanischen Seite. Deswegen wurde er angefeindet und seine Stimme ging natürlich in dem allgemeinen Geheul vom Edelmut und der Tapferkeit der amerikanischen Soldaten unter. Außerdem war er natürlich ein Roter (obwohl er das nicht war). Die US-Soldadeska hauste wie gewöhnlich wie die schlimmsten SS-Bataillone in Rußland oder die Fremdenlegion und die französischen Fallschirmjäger in Algerien. Und auch damals schon war die Zahl der amerikanischen Opfer verschwindend gering im Vergleich zu den Millionen Toten der Koreaner und der Chinesen und unter der Zivilbevölkerung. Die Leichenberge erschossener Gefangener und Kommunisten werden erst heute frei gelegt.
Burchett hat später aus Vietnam berichtet und eindeutig für das vietnamesische Recht auf Selbstbestimmung Stellung bezogen. Aber als Vietnam gesiegt hatte und dann in Laos und auch Kambodscha einmarschierte, da passierte das Merkwürdige, dass Burchett weiterhin die Vietnamesen und deren Aggression verteidigte, möglicherweise auf Grund seiner engen Freundschaft mit Ho Chi Minh. Er stimmte auch in die Hasstiraden gegen Pol Pot ein und das Ganze betrachtete er als humanitären Eingriff. Was ist da in ihm oder mit ihm eigentlich vorgegangen? Die Reaktion jedes normalen Menschen ist doch, Stellung für den Schwachen zu beziehen und Angriff zu verurteilen. In der Hauptsache taten das damals nur China, gestützt auf die UNO-Konvention und die erweiterte 10-Punkte Erklärung von Bandung von 1955, die von fast der Hälfte der Menschheit angenommen worden waren.
Damals also begann durch das prinzipienlose Agieren Vietnams, die prinzipienlose Haltung des Ostblocks, des gesamten Westens und großer Teile der Linken das Elend der humanitären Eingriffe, das sich bis heute fortsetzt. Das war auch das Ende der großen Massenbewegungen, die sich mehr oder weniger effektiv für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker der Dritten Welt einsetzen konnten. Die Linke versank in der Bedeutungslosigkeit, in dem Sumpf der Prinzipienlosigkeit, kleinkariertem Gezänk, Konfusion und Opportunismus.
Aber es wurden und werden ständig neue Mythen geschaffen in wachsendem Tempo. Irak, Chile, Afghanistan, Ruanda, Jugoslawien, Darfur, Somalia, Elfenbeinküste, Libyen. Im Grunde kann man alle dreißig Länder, die von den USA seit Ende des 2. Weltkrieges mit Krieg überzogen wurden, hier dazuzählen. Um jeden Fall ranken sich Mythen, die mit der Wirklichkeit so gut wie nichts zu tun haben. Wer will, kann sich in den Anti-Empire-Report (mit offenem Ende) von William Blum vertiefen (http://www.uruknet.de/?s1=1&p=80009&s2=29 ).

Aber der Frage, warum so viele gute Journalisten/Autoren gewissen Fragen ausweichen und einfach die Propagandafloskeln von Pentagon und NATO übernehmen, sind wir noch keinen Schritt näher gekommen. Hier ist also nicht die Rede von Revisionisten oder Renegaten wie ein David Horovitz, der sich von einem trotzkistischen Anti-Imperialisten in einen wütenden Verteidiger des Imperialismus verwandelte oder ein Arthur Koestler, der zu einem blindwütigen Anti-Kommunisten wurde. Oder wie ein großer Teil aus der Palette von K-Parteien und Gruppierungen, die ihren Frieden mit dem System machten und darauf eine Karriere aufbauten.
Hier handelt es sich um ehrenwerte Männer und Frauen wie John Pilger, der viele ausgezeichnete Reportagen und Dokumentarfilme gemacht hat, wie Robert Fisk, der den einen Tag einen guten Artikel über Ägypten schreibt und am nächsten ein völlig unausgewogenen Artikel über Syrien und Assad, der sein persönlicher Feind zu sein scheint, wie Eva Golinger, die auf Lateinamerika und da insbesondere auf Venezuela spezialisiert ist und informiert darüber schreibt, aber plötzlich einen irrwitzigen Artikel über Sri Lanka fabriziert und leugnet, dass es in der Endphase des Krieges gegen die Liberation Tigers of Tamil Eelam furchtbare Massaker gegeben hat. Warum riskieren sie ihren guten Namen? Wollen sie den Anschein erwecken, als ob sie über alles in der Welt bestens im Bilde seien? Sie sind keine Marxisten, bezeichnen sich auch nicht als solche. Sie haben also nicht ihre Partei verraten oder ihr allgemeines Weltbild. Oder doch? Haben sie sich nicht irgendwann geschworen, die Wahrheit zu schreiben und nichts als die Wahrheit mit bestem Wissen und Gewissen? Vielleicht eine Frau, ein Mann an der Seite der einfachen Menschen, des Volkes zu sein? Und hat dann der vielgereiste Robert Fisk nicht gesehen, dass die Menschen im Irak einen Lebensstandard wie Länder Südeuropas hatten, dass Frauen 50 % der Akademiker stellten, dass Saddam und das irakische Volk es nach dem 1. Irakkrieg schafften, in wenigen Jahren die zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen, was die Amerikaner nicht entfernt in 10 Jahren schafften? Ein echtes Wirtschaftswunder, an den das deutsche in keiner Weise heranreicht?
Dieses Festhalten an Mythen hat auch noch eine viel weitere Dimension. Als Beispiel möchte ich meine Nachbarn in meinem kleinen Industriedorf mitten in Småland nehmen. Traditionell stramm antikommunistisch und politisch fest in der Hand der Sozialdemokraten, denen sie tapfer in den Abgrund folgten, den massiven Abbau der sozialen Errungenschaften des viel gepriesenen svenska folkhemmet (schwedischen Volksheim, wo jeder einen sicheren Platz haben sollte, um ein anständiges Leben führen zu können). Und als die Sozis alles verraten hatten, was zu verraten ging, verrieten auch die Arbeiter 'ihre' Partei und wählten rechts.
Wenn ich mit diesen braven alten Sozialdemokraten über Tagespolitik rede, bekomme ich wortwörtlich die neuesten Parolen aus dem Fernsehen wiederholt. Wenn ich widerspreche, erhalte ich zur Antwort: Woher willst du das wissen? Wieso sollen wir glauben, was du sagst? Ich antworte: Ihr sollt gar nichts glauben, weder was ich sage, noch was die Herren in der Kiste sagen. Aber ich zeige euch die Beweise. Dann könnt ihr selbst entscheiden. Aber daran sind sie nicht interessiert. Mit einer Ausnahme. Ein alter Stahlarbeiter, der Zeit seines Lebens recht viel gelesen hat, gestand mir eines Tages, als auch das Fernsehen nicht umhin konnte, Teile der Wikileaks-Dokumente zu behandeln: Aber das hast du ja seit langem gesagt. Und als das öfters passierte, hat er sich von mir einschlägige Literatur geliehen und hat sich informiert. Das halte ich für bewundernswert, und er hat sich damit überhaupt nichts vergeben. Im Gegenteil. Er ist ein Beispiel, dem viele mit ein wenig Anstrengung folgen könnten, nicht zuletzt die Journalisten.

Einar Schlereth

Klavreström, der 4. August 2011