Der katholische Glaube von Chávez scheint auch echt und tief zu sein. Besonders hat es ihm die Jesus-Figur angetan und in ihr sieht er beinahe einen Vorgänger von Bolívar. Er scheint sogar Fidel missionieren zu wollen und erzählte, dass er ihn so weit brachte zuzugeben, dass er im sozialen Bereich Christ sei. Aber Chávez ist nicht borniert oder Fundamentalist. Er führt nicht wie die Fundamentalisten im Weißen Haus Krieg gegen islamische Länder wie Irak, Afghanistan, Palestina. Er tritt entschieden gegen den Irakkrieg und für das Recht des irakischen Volkes auf Selbstverteidigung ein. Im übrigen ist der Glaube in Venezuela immer noch sehr stark. Ich wunderte mich sehr, volle Kirchen zu sehen, und nicht nur mit alten Frauen sondern mit jungen Menschen. Und ich beobachtete, dass mindestens die Hälfte aller Leute, die an einer Kirche vorbeigehen, den rechten Zeigefinger an die Lippen führen und sich bekreuzigen. Naja, immerhin haben große Teile der Priesterschaft in Lateinamerika eine ziemlich progressive Rolle gespielt.
Jedenfalls habe ich mehrmals gehört, wie Chávez ausrief, seinen Nächsten zu lieben und an die Liebe zu denken. „Un poco más de amor y el mundo sería mejor. Amor, amor. Un poco más.“ (Etwas mehr Liebe und die Welt wäre besser. Liebe, Liebe. Ein bisschen mehr.)
Das ist keineswegs falsch. Wenn man gleichzeitig handelt wie Chávez.
Ich will noch ein konkretes Beispiel von Venezuelas Internationalismus zeigen, worüber Salim Lamrani, französischer Professor an der Universität Sorbonne, am 10. März 2006 geschrieben hat: „Während die Bush-Verwaltung bereit ist, alles zu tun, um einen neuen Wahlsieg von Chávez am 6. Dezember 2006 zu verhindern, fährt Venezuela fort, Reformen durchzuführen, die den Lebensstandard des Volkes weiter anheben sollen. Sein Prestige auf dem Kontinent steigt im gleichen Maße wie der Einfluss der USA sinkt. Die Ursache ist ganz einfach: Während Venezuela über einen Zeitraum von sieben Jahren 28 Milliarden Dollar als Hilfe für seine Nachbarländer bereitgestellt hat – durchschnittlich 3.6 Mrd. $ im Jahr – haben die USA eine massive Verringerung ihrer Hilfe für 2007 bekannt gegeben: 28.5% weniger für die Entwicklung Lateinamerikas und der karibischen Länder, 10% weniger für medizinische Hilfe und 11% weniger Geld für die Organisation der amerikanischen Staaten (OAS). Das heisst also, dass Caracas jährlich 3.6 Mrd. $ an Lateinamerika vergibt, während Washington seine Wirtschaftshilfe um 1.2 Mrd. $ senkt.“
Es ist also die konkrete Politik und nicht Worte über Sozialismus, mit denen viele so freigebig umgehen, was Washington in Rage bringt.
Auf dem Weg nach Mérida in den Anden
Mein letztes Reiseziel war Mérida in den Anden. Aber ich fuhr in Etappen dorthin. Am ersten Tag westwärts auf der Autobahn an hohen Bergen zur Rechten entlang nach Maracay. Große Zuckerrohrplantagen, Apfelsinen- und Mango- Plantagen. Die Stadt mit ihren 600 000 Einwohnern liegt platt ausgebreitet in der Hitze der Ebene und hatte wohl deswegen sehr viele Parks.
Aber ich fuhr weiter mit einem kleineren Bus nach Puerto Colombia am Karibischen Meer, eine Strecke von 30 km, für die wir zwei Stunden brauchten. Aber das war kein Wunder. Die Straße wurde immer schmaler und immer steiler.
Der Bus schraubte sich hoch zuerst zwischen kahlen Hügeln und dann zwischen den Baumriesen des Regenwaldes mit Bärten, die der Rentierflechte in Skandinavien ähneln, aber meterlang sind. Auf der rechten Seite ging es senkrecht hoch und auf den linken senkrecht runter. Keine muntere Alternative, falls der Buschauffeur, der mit einer Hand steuerte, nur den kleinsten Fehler machte. Die Kurven waren oft so eng, dass er mehrmals zurücksetzen musste. Aber wir kamen an – zuerst in Choroní und dann in Puerto Colombia.
War Caracas schon ungewöhnlich warm für die Jahreszeit gewesen, so war es an der Küste tropisch heiß mit der entsprechenden Vegetation. Als ich zum kleinen Fenster meines Zimmers hinausschaute, sah ich einen Papayabaum mit noch unreifen Früchten, einen großen Brotfruchtbaum und einen riesigen Mangobaum, an dem tonnenweise unreife Früchte hingen. Dahinter gab es noch größere Bäume, wo sich abends alle Papageien versammelten. Die schienen sich in keinem Punkt einigen zu können und schrien wie Straßenjungen.
Ich blieb knapp drei Tage dort. Genoss die schöne Bucht mit dem breiten Sandstrand und schönen Palmenwald, den Abendspaziergang im kleinen Park am Hafen, wo die Fischer ihre Schwertfische und gewaltigen Barracudas direkt in die Kühlwagen für die Hauptstadt luden.
Der andere Typ war Gert, ein Deutschstämmiger aus Ungarn, der als junger Bursche nach München kam. Er bekam in jungen Jahren die Bechterew'sche Krankheit, musste mit seiner Fabrikarbeit aufhören, wurde zum Ingenieur ausgebildet, aber dennoch mit 50 Jahren zum Krankenpensionär. Wegen seiner Krankheit zog er erst nach Spanien und landete allmählich in Puerto Colombia. Kaufte ein altes Haus, baute es um, so dass es allmählich zu einer hübschen kleinen posada wurde. Heiratete erneut und bekam noch zwei Kinder (zu den beiden aus der ersten Ehe in Deutschland). Er hatte gerade eine große exklusive Dachwohnung für seine jetzige junge Frau in Macaray gekauft, hatte zwei Autos und verbrachte jedes Jahr sechs Monate in Europa. Aber er arbeite umsonst, für nichts, wie er versicherte. Die Angestellten müssten ständig überwacht werden, die seien faul und stehlen und seien ganz allgemein untauglich. Und mit dem Land gehe es bergab. Es kommen nicht mehr so viele Touristen wie früher. „Am liebsten möchte ich den ganzen Scheiß hinwerfen.“
Etwa die gleiche Litanei hörte ich eine Stunde später nochmal von Hugo (sein Vater war Deutscher), der eine hübsche posada am Fluss Choroní hatte. Die Regierung und Chávez redeten nur blablabla und täten nichts. Die Leute seien so furchtbar faul, wollten nicht arbeiten und auch nichts lernen. Und die Geschäfte gingen schlecht. Aber es sind doch massenhaft Touristen hier. „Ja, Venezolaner, aber an die vermiete ich nicht. Die stehlen und zerstören nur. Und dabei habe ich ihnen so viel geholfen.“
Was soll man sagen? Man fragt sich, für wie blöde die einen halten und warum sie denn nicht abhauen. Das tun sie nicht, denn sie leben natürlich wie die Maden im Speck. Und sie würden über jedes Land schimpfen. Die träumen von einem Land, das es nicht gibt und gewiss nicht dort, wo sie einmal hergekommen sind. Die gehören, wie Chávez sagt, zu den 20%, die man nicht überzeugen kann. Die nicht überzeugt werden wollen. Die halten eisern an ihren Vorurteilen fest. Und komischerweise wollen sie nie diskutieren, wie es gewesen ist, bevor Chávez an die Macht kam.
Um 7 Uhr nahm ich den Bus, stieg in Maracay um und um 12.15 Uhr war ich in der Millionen-stadt Barquisimeto. Die Autobahn verlief längs der andischen Bergkette durch endlose Felder mit Zuckerrohr, Mais, Mango und Apfelsinen. Und riesigen Weideflächen für Rinder, die sehr viel kleiner als bei uns sind. Die letzten 100 km war der Mittelstreifen mit Bougainvilleen in verschiedenen Farben bepflanzt. Sehr schön.
Fand ein großes Zimmer im vierten Stock mit einem Ventilator, separater Dusche und Toilette für 8 Euro. Die Aussicht über die Stadt und auf die umgebenden Berge war hinreißend.
Zuerst aß ich prima für 2 Euro und dann spazierte ich längs der vollständig aufgerissenen Avenue. Sprach mit einigen Arbeitern und fragte, ob man nichts einfach reparieren könne. „Nee – hier gibt es nur eins. Den ganzen Scheiß rausreißen und von Grund auf neu machen. Schau dort – die Rohre sind alle verrottet und gesprungen.“ Und das stimmte in der Tat. Hier war seit Jahrzehnten nichts gemacht worden. Also werden neue Kanalisations- und Wasserrohre, Telefon- und Stromleitungen gelegt. Es werden neue Bordsteine gesetzt, neue Kanaldeckel (viele sind zerbrochen oder völlig verschwunden), es wird neu asphaltiert, neu mit Bäumen, Sträuchern und Blumen bepflanzt und alles verschönert. Auf diese Weise wird es ordentlich gemacht.
Aber da glauben die Leute, dass die Riesenlöcher schnell mit Schutt und Müll gefüllt werden müssten. Wie ich beobachtete, waren es hauptsächlich die Geschäftsleute und Straßenhändler. Am folgenden Tag las ich in Méridas Tageszeitung Pico Bolívar einen großen Artikel, der diese Einstellung hart kritisierte. Aber die Polizei wurde nicht kritisiert. Die ist viel zu nett. Die steht daneben und schaut zu. Die könnte doch die Rolle von Erziehern übernehmen und vor allem selbst als Beispiel dienen. Im übrigen sah ich dort zum ersten, aber nicht letzten Mal, dass die meisten Polizisten mit Mountainbikes ausgerüstet sind. Gute Idee.
Weiter unten an der Straße schaute ich zwei Schachspielern zu. Der eine war in mittleren Jahren und der andere ein junger Mann, der nebenbei seinen kleinen Verkaufsstand bewachte und er verlor. Da luden sie mich ein, mich zu setzen und zu spielen. Mein Einwand, dass ich so selten spielte und nicht besonders gut sei, nahmen sie nicht ernst. Also setzte ich mich und verlor zweimal in schneller Folge. Beim dritten Mal gewann ich nach einem harten Kampf. Die Ehre war gerettet. Ich dankte und verabschiedete mich. Hinter der Kirche saßen noch viel mehr Spieler mit der Uhr neben sich. Es heisst, dass Barquisimeto die Stadt der Musiker sei, aber ich traf nicht einen.
Nicht viel weiter stieß ich auf den südlichen Rand der Stadt, der steil in ein breites grünes Tal abfiel. Ich sprach mit einem alten Mann, der auf das Ende der Schule wartete, um das Enkelkind abzuholen. Er erzählte, dass es unten im Tal einmal einen Fluss gab, aber nach dem enormen Wachstum der Stadt in den vergangenen 20 Jahren sei der fast verschwunden. Jetzt muss das Wasser für die Stadt von den gegenüber-liegenden Bergen herangeführt werden.
Auf dem Weg zurück kam ich zu dem schönen Bolívarplatz mit hohen Palmen und uralten Bäumen, wo ich zum ersten Mal Leguane in freier Natur sah – bis zu 2.20 m lang – die munter an dem Gemüse und den Früchten nagten, die ihnen jemand hingeworfen hatte. Sie nahmen ein Salatblatt oder eine Mango ins Maul und kletterten geschickt hoch hinauf in die Bäume.
Auf dem Heimweg sah ich einen großen Buntspecht, der sorgfältig die flachen Leuchtkörper der Straßenlaternen untersuchte und den einen oder anderen Leckerbissen fand. Vor dem Hotel kam ich mit ein paar Straßenhändlern ins Gespräch und irgendwie kam wir auf ALBA. „Chávez hat doch Recht“, sagte der eine, „wir armen Länder müssen zusammenarbeiten, sonst geht es nicht voran. Ihr Europäer mit euren vielen Sprachen habt euch einigen können, warum sollte es uns mit einer Sprache nicht gelingen? Naja, portugiesisch gibt es ja noch, aber das kann man ja zur Not verstehen.“
Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem Bus LENIN (der Name ist hier nicht ungewöhnlich) weiter nach Varela, das mit seinen 200 000 Einwohnern relativ klein ist. Die Straße verlief zuerst durch eine karge Landschaft mit kleinen Bäumen, die Schirmakazien ähnelten. Dann wurde es immer grüner. Viel Zuckerrohr. Die Stadt selbst liegt eingebettet im Grünen zwischen niedrigen Hügeln, die erst weiter weg in hohe Berge übergehen.
Am folgenden Tag nahm ich den Bus um 7.45 und war um 13.15 Uhr in Mérida, Hauptstadt des Staates gleichen Namens. Eine sehr abwechslungsreiche Route hinauf nach Mérida mitten in den Anden, auf der man durch mehrere Wachstumszonen kommt. Die grüne Ebene ging allmählich in Regenwald über und dann in eine Landschaft mit intensivem Gartenanbau und kleinen Dörfern. Überall wurde geerntet, gesät oder gepflügt, beinahe dasselbe wie bei uns: Kartoffel, Mohrrüben, Kohl, Lauch, Rote Beete, Gurken, Melonen, Artischocken und einige Pflanzen, die ich nicht erkannte. Auch große Blumenpflanzungen. Am Straßenrand wuchsen Geranien und in den kleinen Gärtchen um die Häuser herum blühten Rosen, Hortensien und Nelken. Aber dann hörte fast alle Vegetation auf, außer Gras und kleinen Büschen. Die Straße mäanderte sich immer höher hinauf. Einzelne Schafe. Endlich der Pass. Auf dem Weg hinunter sah ich vereinzelt Kühe und Pferde und wieder Gartenanbau bis hinauf an den steilen Hängen. Ziemlich kalt und viele Häuser hatten Schornsteine. In einem hübschen kleinen Dorf wurde Kaffeepause eingelegt. In dem netten Restaurant wurde auch schönes Kunsthandwerk verkauft – Keramik, Ponchos, Flechtwerk. Ein Teil der Häuser hatten einen „Alpen-look“, aber das beruht vielleicht auf europäischem Einfluss.
In Mérida auf 1600 m Höhe war es immer noch ziemlich kühl und die Zimmer selbst in der unteren Preisklasse hatten warmes Wasser. Die Berge runtherum steigen auf mehrere tausend Meter an. Der höchste – Pico Bolívar – ist 5007 m hoch. Und dort hinauf führt die längste Seilbahn der Welt – 12.5 km. Da der Gipfel ständig in Wolken gehüllt war, ließ ich die Fahrt bleiben. Ich hatte schon in Caracas Pech gehabt. Als ich dort auf 2000 m Höhe anlangte, herrschte dichter Nebel und ich sah nichts. Aber der Spaziergang durch den Wald war trotzdem schön.
Mérida und wieder Caracas
Mérida war die sauberste Stadt von allen, die ich sah. Die Sauberkeit hatte zugenommen, je weiter man sich von Caracas entfernte. Worauf das beruht, kann ich nicht sagen. Die Leute sind ja nicht so verschieden von einem Ort zum anderen. Vielleicht, weil in Barquismeto, Valera und Mérida der Müll abgefahren wird, sobald er zusammengefegt wurde? Dann können die Säcke in der Nacht nicht von Tieren und Vögeln zerfetzt werden.
Mérida ist 450 Jahre alt und mit 400 000 Einwohnern doppelt so groß wie Valera. Sie liegt phantastisch in einem tiefen Tal zwischen zwei hohen Bergketten auf einem hohen, 12 km langen Plateau – hoch über den zwei Flüssen, die in der nordöstlichen Ecke fast zusammenfließen. Die Stadt liegt so hoch über den Dörfern unten, dass man diese oft wegen der Wolken nicht zu Gesicht bekommt.
Mérida ist auch eine alte Universitätsstadt und Touristenstadt – relativ gesehen, denn in Venezuela gibt es nicht sonderlich viele Touristen – und hat deshalb eine ganze Menge Tourismus-Agenturen, die alles anbieten, von Wandern, Klettern bis Rafting und Gleitschirmfliegen.
Ich fand ein kleines Hotel im Besitz von Kubanern, die vom Regen in die Traufe kamen, als Chávez an die Macht kam, der gute Freund von Fidel. Als kleine Rache, bekam man dort jedenfalls nicht den Regierungsfernsehsender herein.
In der Halle traf ich ein junges Paar aus der Schweiz. Sie hatten ein ganzes Jahr gearbeitet und gespart und jetzt reisen sie durch ganz Südamerika. Haben auch ganz ordentlich spanisch gelernt. Es freut mich immer zu hören, wenn Leute sich ordentlich auf ihre Reisen vorbereiten. D. h. sie wollen nicht nur glotzen, sondern auch etwas lernen. Später traf ich am Busterminal zwei Schweden, die sich drei Monate Zeit genommen hatten für ganz Süd- und Mittelamerika. Ihr Programm war sehr merkwürdig: von Argentinien nach Mexiko, dann Kolumbien und Venezuela und jetzt wollten sie nach Chile. Die hatten wohl ihren Geografie-Unterricht versäumt und spanisch konnten sie auch nicht. Aber sie lebten immer noch.
Im Bolívarpark gab es einen Stand, wo einige Männer mit Megaphon die Leute aufriefen, einen Aufruf gegen den Irakkrieg und die Bedrohung Syriens zu unterschreiben. Als ich unterschrieb, dankten mir zwei Männer überschwenglich. Das berührte mich peinlich. Warum dankten sie für etwas Selbstverständliches? Vielleicht deshalb, weil Europäer so selten Solidarität zeigen.
Besuchte den zoologischen Garten an der Nordkante der Stadt, wo ein steiler Berg begann. Ich stellte mich ordentlich in die Reihe. Als ich dran war, schaute mich die Dame streng an und fragte: „Was wollen Sie hier?“ Mein erster Gedanke: Was habe ich falsch gemacht? Soll ich verschwinden und nachhause fahren? Ich habe wohl recht dumm und verständnislos aus der Wäsche geschaut. Da lachte sie und sagte: „Sie sind doch wohl schon 60 oder? Da kostet es nichts.“ Jaso. Ich verbeugte mich und dankte. Obwohl danken muss man Chávez, der alle Museen und Parks für die Allgemeinheit öffnete und teils den Eintritt ganz abschaffte oder nur für Studenten und Pensionäre.
Am dritten Tag war es ziemlich grau und kühl. Ich nahm den Bus nach Tabay, einem kleinen Ort 25 km weiter oben in den Anden. Wie überall in den schmalen Tälern gab es auch dort Gartenanbau in kleinem Maßstab. Der kleine Fluss führte Hochwasser, nachdem es die ganze Nacht geregnet hatte. Und gerade, als wir in das schöne Dorf hineinfuhren, fing es wieder zu regnen an. Der Bus hielt im Zentrum am Bolívarplatz und alle rannten los in die umliegenden kleinen Restaurants, wo die Mädchen im Eiltempo arepas und empanadas buken und servierten, und wie gewöhnlich aßen die meisten Leute 3-4 Stück, während ich kaum eine essen konnte.
Ich hatte Mitleid mit den Kindern, die sich so viel Mühe gegeben hatten zu zeigen, was sie konnten, und nun goss es in Strömen und kaum jemand kam, um sich alles anzuschauen. Wieviele von ihnen würden im späteren Leben verschont bleiben vor vielen weiteren Frustrationen?
Im übrigen ist Tabay für sein schönes Kunsthandwerk und sein Gemüse bekannt. Daher baut man jetzt eine Halle, um die künstlerischen Produkte ausstellen und besser vermarkten zu können. Für die Gemüseproduzenten wird auch eine zentrale Halle gebaut. Außerdem befindet sich ein Visuelles Museum im Bau, in dem alle murales (Wandmalereien) der Region, die von Kindern, Erwachsenen und Künstlern gemacht wurden, in Ton und Bild dokumentiert und präsentiert werden sollen. Nicht schlecht für so eine kleine Gemeinde.
Die ganze Nacht zum 30 April sass ich im Bus von Mérida nach Caracas. 11 Stunden für die 800 km lange Fahrt, mit zwei Aufenthalten und natürlich wieder in einem tiefgefrorenen Volvo, obwohl ich einen Bus ohne Klimaanlage gebucht hatte. Als ob manche Busse plötzlich von der Landkarte verschwänden. Die Rastplätze waren überall beeindruckend. Riesig, wo man essen und trinken kann auf großen, offenen Terrassen unter Dach. Das Angebot war enorm. Und immer stehen da mindestens ein Dutzend großer Busse.
Um 6.00 Uhr wurde es hell und wir erreichten die Millionenstadt Valencia, Hauptstadt des Staates Carabobo. In ihrer Nähe fand die Entscheidungsschlacht zwischen Bolívar und der spanischen Kolonialarmee statt – deren Stalingrad. Ich sah im Fernsehen, wie Chávez auf dem Schlachtfeld erklärte, wo genau die verschiedenen spanischen und bolivarianischen Einheiten standen und wo der entscheidende Stoß angesetzt wurde. Er kennt seine Geschichte. Heute liefert Carabobo einen großen Teil des Gemüses, der Apfelsinen, Hühner und Schweine, die Caracas täglich verbraucht.
Die Hauptschlagworte in dem endlosen Meer von roten Hemden waren: Nein zum Yankeekrieg! Gegen den Imperialismus! Für die Verteidigung und Vertiefung der sozialen Umgestaltung! Für den Aufbau des Sozialismus! Ich fand, dass dies ein schöner Abschluss meiner Reise war.
Es bleibt nur noch, ein paar Punkte zu vertiefen und hervorzuheben, die ich nur im Vorübergehen berührte, und zu einer Art Resümee zu kommen. Ich kann mit dem Internationalismus beginnen. Ein Prüfstein ist, wie eine Regierung ihre Minoriäten behandelt und deren Geschichte der Unterdrückung. Und für die neue Politik den Minoritäten gegenüber habe ich viele schöne Beispiele in Zeitungen, Zeitschriften und dem Fernsehen gefunden (u.a. das Auftreten des Präsidenten ihnen gegenüber).
In der Literatur – um ein Beispiel für die Zeit vor Chávez zu geben – gibt es ja Rómulo Gallegos, einer von Venezuelas großen und immer noch geschätzten Verfassern, der im übrigen in Schweden 1955 im Buchverlag der Folket i Bild mit einem Vorwort von Artur Lundkvist erschienen ist. Gallegos war auch für kurze Zeit Präsident und wurde, wie gewöhnlich, 1948 durch einem CIA-inspirierten Coup gestürzt. Er schätzte sehr die Indio-Völker und die schwarzen Menschen und verteidigte unaufhörlich ihre Rechte.
Aber erst jetzt – bald 200 Jahre nach Bolívars Tod – hat man Ernst gemacht und die Gesetze für die gleichen Rechte aller Menschen wiederhergestellt. Und man erinnert an alle Ungerechtigkeiten, die gegenüber den Indios verübt worden sind, und an ihren Widerstand. In der Zeitung VEA z. B. wurde an den Jahrestag des großen Sieges erinnert, den Guaicaipuro, der Großkazike des Volkes in den Tälern von Caracas und Los Teques über die Spanier gewann.
Und am 28. April 2006 widmete VEA eine halbe Seite Miguel. Er war ein schwarzer Sklave, der schon 1552 einen großen Aufstand gegen das brutale Ausbeutungssystem auf den Kaffee- und Kakaoplantagen führte. Er war Sohn eines afrikanischen Königsgeschlechts und wurde sehr von seinen Kameraden im Unglück respektiert. Er begann den Aufstand und es glückte ihm, sich frei zu kämpfen und in die Berge von Yaracuy zu fliehen, wo er zum König gekrönt wurde. Viele weitere Sklaven flüchteten und sie gründeten in den Bergen oder tief im Dschungel freie Gesellschaften, die bis in die moderne Zeit überlebten. Diese freien Sklaven wurden in den USA, auf Kuba, in Guayana oder Venezuela cimarrones genannt und überall mit blindem Hass verfolgt.
Am 2. April 2006 schrieb VEA über den Aufbau und die Verbesserung des Zentrums für Diagnostik und Rehabilitierung für die 9000 Waraos im Orinocodelta ('Menschen auf dem Wasser' , so nennen sich diese Kariben), das innerhalb von 8 Monaten fertiggestellt sein soll. Es soll nicht nur mit den traditionellen Medikamenten ausgerüstet werden, sondern auch mit Experten für traditionelle medizinische Techniken.
In der Zeitschrift Todosadentro vom 29. April 2006 wurde eine Doppelseite den Kulturen im Staat Amazonas gewidmet, dem größten Teilstaat Venezuelas, der den gesamten Süden des Landes umfasst, aber die geringste Bevölkerungsdichte aufweist. José Guariguata, verantwortlich für die Misión Cultura, sagt: „In Amazonas haben wir 20 Ursprungsvölker, wir haben 20 Formen, das Leben zu verstehen, 20 Traditionen über den Ursprung des Lebens und des Menschen. Wie die westliche Welt ihre Erklärung über den Ursprung im Buch der Genesis hat, so haben diese Völker 20 verschiedene Erklärungen.“ Jedes Volk soll sein eigenes Kulturzentrum erhalten und man will auch für Kommunikationsmöglichkeiten für sie untereinander schaffen. Denn bisher leben sie sehr isoliert voneinander.
Und selbst habe ich mehrmals Indios beobachtet, die einkauften oder in das Hotel kamen, manchmal in ihren traditionellen Kleidern – nur ein Hüfttuch und mit kleinen Beuteln statt Koffern. Und sie wurden behandelt wie alle anderen. Aber ich kann nicht beantworten, wie sie im Hilton oder Plaza behandelt werden. Ich würde sagen, dass sie dort hinauskomplimentiert werden.
Ein letztes Beispiel, das ich aus vielen auswähle, sind die 165 Chilenen, die auf dem Flugplatz von Barquisimeto landeten, die ihr Sehvermögen durch verschiedene oftalmologische Operationen im Rahmen der Misión Milagro (Mission Wunder) wiedererlangen sollen. Sie sind nur ein Vortrupp von insgesamt 1000 Chilenen, die 2006 behandelt werden sollen (VEA vom 2.5.06).
Was die Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche angeht, so fand ich einen interessanten Artikel in La Patria Grande Nr.4, Mai 2005. Dort schreibt der Priester Vidal Atencio ausgehend von Lucas 4.16: „Der revolutionäre venezolanische Prozess hat auch bei den Armen einen Platz für seine Politik gefunden. Mehr als eine Million Menschen von ihrem Analphabetismus zu befreien, den Ausgeschlossenen eine Grundschul- und höhere Bildung zu geben, die Lebensqualität mit Gesundheitsprogrammen, Lebensmitteln und eigenen Heimen zu verbessern, den Boden denen zurückzugeben, die ihn bebauen, ein Schema für eine selbständige Entwicklung auszuarbeiten, ist eine Politik, die nicht im Widerspruch zu dem Projekt von Christus steht, deswegen, weil beide die Befreiung desselben menschlichen Wesens erreichen wollen.“
Dieser Artikel wurde geschrieben, bevor der neue Kardinal Urosa eingesetzt wurde, und er zeigt, dass es auch vorher Kräfte in der Kirche gab, die daran arbeiten und gearbeitet haben, den revolutionären Prozess zu verstehen.
Andererseits gibt es Grund für eine Warnung von Marciano in der VEA (2006-04-27): „Die katholische Hierarchie, deren Struktur die antidemokratischste ist, die es überhaupt gibt, hat kein Recht, sich in den demokratischen Prozess im Lande einzumischen. Und das tut sie, wenn sie ständig die Partei der Opposition ergreift. Sie soll objektiv und unparteiisch sein. Und das scheinen viele in der katholischen Hierarchie nicht zu begreifen.“
Venezuela, USA und die Kultur des Volkes
Wenn man weiss, wie schlecht die Beziehungen zu den USA sind, ist man erstaunt, in Caracas auf vielen Hochhäusern Reklameschilder für amerikanische Produkte zu sehen und in jedem Geschäft deren Produkte wie Pepsi, CocaCola, DelMonte, Marlboro etc. zu finden.
Auch in den zahllosen Internetcafés wird Windows und Dell und HP benutzt.* Und amerikanische Autos sieht man auch viele. Da machen also die Yankees riesige Geschäfte mit Venezuela, erhalten einen erheblichen Prozentsatz ihres Ölbedarfs von Venezuela, und gleichzeitig bellen sie geifernd das Land und seine Regierung an. Das Gleiche gilt eigentlich auch für europäische Produkte wie Nestlé, Knorr, Maggi etc.
Ich dachte vor allem an die vielen Millionen Dollar, die dem Land entzogen werden und die auf vernünftigere Weise verwendet werden könnten. Und schließlich gibt es ja alles, was man für die Herstellung dieser Produkte braucht, im Land selbst.
Die Oligarchie hatte ganz einfach darauf gepfiffen. Die Erdöleinnahmen reichten ihnen. Aber die jetzige Regierung will diese Verhältnisse verändern. Man versucht zielbewusst alles im Lande zu produzieren, was möglich ist. VEA schreibt am 21. April 2006 hierzu: „Das hauptsächliche Kennzeichen der lateinamerikanischen Länder ist die historische ökonomische, wissenschaftlich-technologische, kulturelle und soziale Abhängigkeit ….
Seit sieben Jahren hat der emanzipatorische Kampf begonnen, sich von dieser Unterwerfung zu befreien. Durch Finanzierung kleiner und mittelgroßer Unternehmen versucht man, nationale Produzenten zu fördern, die die importierten Waren ersetzen können …
Der private Sektor in Venezuela importiert ca. 87.30 % des Produktionswertes und der öffentliche Sektor 12.70 %. Von diesen Importen sind 5 % Landwirtschaftsprodukte, 5.7 % Lebensmittelprodukte, Getränke und Tabak, 35.50 % elektrische Materialien und 13.80 % chemische Produkte.“ Und man fährt fort, ein Projekt zu beschreiben für eine besondere Behandlung von Maismehl.
Der Staat Sucre reaktiviert die Kakaoproduktion, die Jahrzehnte lang daniederlag. Zwischen 2006 und 2010 sollen 16 Millionen Pflanzen gesetzt werden. Kooperativen sollen in neuer Technik und Technologie unterwiesen werden, in Pflege, Produktion, Lagerung und Vermarktung des Kakaos.
In Maracay wird demnächst eine Schule für tropische Landwirtschaft eröffnet, wo die Studenten sowohl theoretisch als auch praktisch unterrichtet werden sollen. (VEA, 2006-04-06)
In Cojedes wird mit kubanischer Hilfe eine Fabrik für Biodünger und Biostimulatoen gebaut, die 30 % des importierten Stickstoff-Düngers ersetzen soll. (VEA, 2006-04-28)
In Lara wird ein Gewächshaus für tropische Pflanzen eingeweiht, um Samen von hoher Qualität herzustellen. (VEA, 2006-05-06) Und am 22. April wird zum zweiten Mal das Sammeln von Samen wildwachsender Bäume organisiert. Beim ersten Mal wurden 5500 Kilo gesammelt, die für Schutzwälder und industrielle Verarbeitung dienen sollen (VEA, 2006-04-28)
Im Staat Monagas wird eine Papierindustrie gebaut, die auf mehrere hunderttausend Tonnen Papiermasse ausgelegt ist. Das gesamte Zeitungspapier und alle Feinpapiersorten müssen immer noch importiert werden. (VEA, 2006-05-01)
Gleichzeitig werden große Bewässerungsanlagen gebaut oder fertigestellt sowie Stichstraßen zum Abtransport von landwirtschaftlichen Produkten. (VEA, 2006-04-07)
Ein ähnliches Bild erhält man, wenn man sich den Kommunikations- und Industriesektor anschaut. Im April 2006 wurden in Caracas Seminare und Ausstellung zur Einführung von Linux, der kostenlosen Programmware für Computer, organisiert.
Autobahnen, die 20-30 Jahre lang gesperrt waren, sind fertiggestellt worden. Es sind große Projekte für Wasserenergie gebaut resp. ausgebaut worden, die täglich 500 000 Barrels (1 Barrel = ca. 159 l) Erdöl sparen. Das völlig neu gebaute Wasserkraftwerk Caruachi spart täglich 75 000 Barrels.
Ein Eisenbahnnetz wird aufgebaut (es gab nur 100 km Bahnlinie, die still gelegt waren) sowie die U-Bahn in Caracas, Valenia und Maracaiba. Denn Chávez sieht weit in die Zukunft. Der Hafen Puerto de Aguas Profundas wird zum größten in ganz Lateinamerika ausgebaut. Es werden Industrieanlagen gebaut und eine Fabrik für Traktoren und eine weitere für Laptops. Es wird gebaut, gebaut im ganzen Land – und das ist überall sichtbar.
„Das Ziel ist“, wie Eddie Salgado vom Símon Bolívar Studienzentrum schreibt, „dass Schlüsselindustrien keine Rohstoffe mehr exportieren. Soziale Produktionsunternehmen sind Einheiten, die von den Personen betrieben und geleitet werden, die dort arbeiten. Es sind Unternehmen, die Verantwortung für die Gesellschaft und die Umwelt insgesamt übernehmen und die jene, die dort arbeiten, als wichtigste Ressource des Unternehmens betrachten.“
Dass die Wirtschaft seit 2003 nach der großen Erdölsabotage der Reaktion kontinuierlich wächst und dass das wirtschaftliche Wachstum 2005 um 9.4 % betrug – das höchste in ganz Lateinamerika – und die Armut auf 37 % sank (Natalie Pearson von der AP 060706) kann ja nicht daran liegen, dass die Regierung die Hände in den Schoß legt. Die ganze Propaganda ist also nur dummes Gerede.
Dies ist nur eine kleine und keineswegs systematische Auswahl von ein paar Wochen im April. Trotzdem sind sie Zeugnis des Fortschrittsgeistes, der im Lande herrscht.
Die Wahrheit ist, dass die Fortschritte so enorm und phantastisch sind, dass man wirklich Mühe hat, all das zu glauben. Aber es gibt nun mal Fakten und die kann man kontrollieren. Im übrigen sind alle Budget-Dokumente in Venezuela on oben bis unten öffentlich und für alle zugänglich.
Daher gibt es ja niemanden, der nur den Versuch unternimmt, die Fakten zu widerlegen, und deshalb greift man zu Lügen, die wiederholt und wiederholt werden, endlos ….
Ein interessanter Aspekt der Diktatur, wie es den Mainstreammedien gefällt, die bolivarianische Revolution zu nennen, sind all die Demonstrationen, die ständig stattfinden. Ich erwähnte bereits die ernste Verkehrsunterbrechung nach dem Faddoul-Vorfall, der ohne Polizeieingriff von alleine zusammenfiel. Aber reaktionäre Demos gibt es weit mehr. Als Chávez gerade die Minimallöhne um insgesamt 50% erhöht hatte, fordern deren Gewerkschaften, die früher niemals das Maul aufgemacht haben, zusätzlich 30 %. Die demonstrieren mal gegen das eine, mal gegen das andere. Gegen Ungerechtigkeiten oder gebrochene Versprechen. Würde man genau nachsehen, bin ich sicher, dass dahinter oft deren eigene Figuren stecken, die immer noch in den Kommunen und im Staat oder der Verwaltung als „Blasen“ sitzen, wie sie einmal von der VEA genannt wurden, die im übrigen dieselben Fehler und Ungerechtigkeiten kritisiert.
Aber es gibt auch Demonstrationen, die wirklich bemerkenswert sind, da sie in einer streng katholischen Gesellschaftg stattfinden. So führte etwa eine Gruppe homosexueller Männer eine Demo vor der Nationalversammlung für das Recht, den Namen nach eigener Wahl zu ändern und dass ihre Menschenrechte respektiert werden, durch. (VEA, 2006-04-19)
In Maracay gab es starke Proteste gegen die Prostitution und gegen die Untätigkeit betreffs der Obdachlosen und Drogenabhängigen. (VEA, 2006-04-02) Und am 27. Mai demonstrierte La Asociación ProDefensa de los Animales (Verein zum Schutz der Tiere) gegen den Stierkampf als Nationalsport und für die Annahme des Gesetzes zum Schutz der Tiere. (VEA, 2006-04-28) Dieser Verein ist recht aktiv. Ich las von mehreren ihrer Demonstrationen und sah viele ihrer Graffitis.
Es ist ja nicht so, dass Homosexualität in katholischen Ländern besonders selten ist, aber das Tabu ist sehr stark. Und an den Stierkampf und die Prostitution zu rühren, gleicht ja beinahe einer Kirchenschändung. In beiden Fällen geht es auch um viel Geld. Z. B. sind ja Bordelle oft im Besitz der Kirche (ich denke an Freiburg/Bg, wo der SS-Mann, Kriegsverbrecher und Erzbischof alle Bordelle besaß). Doch beharrliche Arbeit zeitigt Erfolge. In Spanien ist der Stierkampf eindeutig auf dem Rückzug.
Einen großen Aufschwung, wie immer nach einer Revolution, hat die Kultur genommen. Außer den 10 Mega-Projekten, die von der Zentralregierung durchgeführt werden – z. B. die minutiöse Wiederherstellung einer alten Residenz, die gleichzeitig Ausgrabungen und Experten in alter Bautechnik erfordert für die Restaurierung der Wand- und Deckenmalereien - sind in jedem Teilstaat in allen Städten und Dörfern alle öffentlichen Gebäude, Kirchen, Theater und Arenen restauriert und renoviert worden. Einige dieser Projekte sind noch nicht abgeschlossen, wie etwa die alte Plaza de Toros (Stierkampfarena) in Caracas, ein schönes Gebäude, das in Ruinen lag, oder die Projekte in den historischen Zentren größerer Städte mit der gründlichen Restaurierung historisch wertvoller Gebäude. Um die Baugerüste hat man riesige Fotos über die Geschichte des Gebäudes und von Modellen der geplanten Arbeit aufgehängt. All dies ist bereits eine große kulturelle Tat.
Aber das ist nicht alles. Das Angebot an Theater- Vorstellungen, Opern, Konzerten, Kunstausstellungen ist enorm. Und eine Weltneuheit ist wohl die Einrichtung durch die Regierung eines großen Preises für „kritisches Denken“ mit einer internationalen Jury. Das Thema ist, neue Ideen und Modelle zu finden und darzustellen für die Zeit nach dem Bankrott des Kapitalismus und dessen Unvermögen, die großen Probleme der Welt zu lösen. Die Wahl des Gewinners war noch nicht abgeschlossen, als ich abreiste.
Aber das Wichtigste von allem läuft unter dem Motto „El pueblo es la cultura“(Das Volk ist die
Kultur): alle Kulturäußerungen der Minoritäten und des Volkes zu aktivieren, wiederherzustellen und zu sammeln. Das können die mündliche Überlieferung sein, die mündlichen Erzählungen und Sagen, alte Feste und Tänze, Gesänge, Malereien und Skulpturen, Handwerk in allen seinen Formen, aber auch die Ernährung und die Medikamente.
Jeder Teilstaat bekommt im Rahmen der Misión Cultura „Tutoren“ und „Aktivisten“ (oder Ombudsleute) im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte zugewiesen, insgesamt Tausende. Die Lektüre des Jahresabschlussberichtes ist imponierend. Es geht darum, „ … eine große Diskussion in Gang zu setzen über alles, was zusammen la venezolanidad (die venezolanische Identität) ausmacht“, wie Professor Benisto Irady auf einem nationalen Treffen für kulturelle Vielfalt betonte.
Gleichzeitig ist man darauf bedacht, einen maximalen Austausch mit anderen Ländern und Kontinenten herzustellen. Im November 2005 fand ein großes Kulturfestival mit Völkern in Afrika statt. Ähnliche Aktivitäten will man in Zukunft mit Brasilien, Indien, China, Japan etc. einrichten. All dies beweist, dass Venezuela keineswegs nationalistisch im Sinne von 'chauvinistisch' ist, wie Washington und andere gerne behaupten. Ich glaube umgekehrt, dass das Land viele wertvolle Impulse einer wahrhaft internationalistischen Kultur geben und erhalten kann.
Das absolut wichtigste Ereignis während meines Besuches war ohne Zweifel die Bekanntgabe und das Inkrafttreten des Gesetzes Los Consejos Comunales (komunale Räte, fortan CC genannt) am 9. April 2006 in Carabobo durch Hugo Chávez persönlich im Fernsehprogramm Aló Presidente, ein Ereignis, das Konsequenzen weit in die Zukunft hinein haben kann.
Dieses Gesetz soll dem Volk mehr Macht geben. Chávez sagte: „Wir wollen zeigen, wozu das Volk im Stande ist.“ Er forderte außerdem alle Gouverneure und alle Vorsitzenden der komunalen Leitungen im ganzen Lande auf, den Aufbau der CC voranzutreiben. Er meinte, dass diese Organe eine Ergänzung der repräsentativen und der partizipativen Demokratie seien.
Mit diesem Gesetz glaubt Chávez ein Instrument gefunden zu haben, um dem Einfluss der Oligarchie entgegenzuwirken und den Willen des Volkes zu stärken, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Er meinte, dass dieses neue Instrument zur politischen Reife beitragen werde, um zusammenhängende und fruchtbare Debatten ohne Aggressionen zu führen. „Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern. Es gibt immer verschiedene Auffassungen, aber wir müssen sie mit politischer Reife und Ideen diskutieren.“ (VEA, 2006-04-10)
Das ist beinahe wortwörtlich, was Mao während der Kulturrevolution sagte: „Wir müssen mit Worten kämpfen, nicht mit Waffen.“ Was dann von der Viererband gefälscht wurde in „mit Worten UND mit Waffen“.
Ich will den Text des CC-Gesetzes etwas näher betrachten, den man ein paar Tage später in der ganzen Stadt an jeder Ecke kaufen konnte, wie im übrigen alle Gesetze.
In festen und konkret beschriebenen geografischen Gebieten sollen die CC in Städten 200-400 Familien umfassen, in ländlichen Gebieten mindestens 20 Familien und aufwärts, in indigenen Bereichen mindestens 10 Familien. Versammlungen von Bürgern, die mindestens 15 Jahre alt sind und mindestens 6 Monate dort gewohnt haben können beschließen, eine CC mit verschiedenen Arbeitsgruppen zu schaffen. Zuerst werden provisorische Förder- und Wahlkomitees gebildet in direkter und geheimer Wahl. Sie müssen der Öffentlichkeit ihre Ziele darlegen, müssen eine Zeichnung von den geografischen Grenzen und eine Volkszählung erstellen.
Sie organisieren auch die konstituierende Versammlung, wo Sprecher/innen für die CC und alle Arbeitsgruppen gewählt werden. Wer gewählt wird, muss auch mindestens 15 Jahre alt sein und darf nur für eine Aufgabe gewählt werden, muss gratis arbeiten, darf keinen politischen Auftrag haben und – er/sie kann auch abgewählt werden.
Danach wird die CC registriert.
Sodann gibt es keinen Bereich, in dem ein CC nicht ein Programm, Vorschläge ausarbeiten und Aktivitäten entwickeln kann oder teilnehmen kann. Von Kinder- und Gesundheitspflege bis zum Bau von Häusern und Wohnungen, Leitung von Betrieben, Wiederherstellung von geschlossenen Fabriken, Bewässerung, Flussregulierung bzw. -reinigung usw.
Für alle diese Tätigkeiten wird eine Komunale Bank (CB) gegründet, die im Besitz aller Bewohner ist. Die Bank erhält Gelder von der Zentralregierung, der Teilstaatregierung, der Kommune und von verschiedenen staatlichen Fonds und Organisationen und natürlich durch eigene ökonomische Aktivitäten. Die Kontrollmechanismen sind genau und streng festgelegt, „damit nicht ein Pfennig weggezaubert werden kann“, wie Chávez sagte.
All das hört sich sehr gut an – gewiss, doch es gibt ein ABER. Im ersten Kapitel, erster Absatz heisst es:
Dieses Gesetz hat zum Ziel, die Bildung, Integration, Organisation und das Funktionieren der CC zu schaffen, zu entwickeln und zu regulieren sowie seine Beziehung zu den staatlichen Organen zur Formulierung, Durchführung, Kontrolle und Einschätzung der öffentlichen Politik.
Dieser Artikel übersieht, dass die CC zustandekamen, lange bevor es das Gesetz gab. Die CC sind eine authentische Schöpfung des Volkes und jetzt soll das „Gesetz schaffen“?
Weiter heisst es im Kapitel VII, Absatz 30:
Es wird eine Comisión Nacional del Poder Popular (nationale Kommission der Volksmacht) geschaffen … um
1. die CC auf der nationalen, regionalen und der lokalen Ebene Orientierung zu geben, sie zu koordinieren und einzuschätzen.“
Und dann folgen weitere fünf Absätze, die von Verstärkung, Hilfe, Unterstützung und eventuellen Sonderbeiträgen für die CC von Seiten der nationalen Kommission handeln. Ähnliche Kommissionen sollen im übrigen auch auf regionaler und lokaler Ebene geschaffen werden.
Und das dritte ABER betrifft die Gelder, die vom Staat an die CBs eingezahlt werden.
Ich glaube, es ist leicht einzusehen, dass dies gut funktionieren KANN mit einem Mann wie Chávez an der Spitze, der wirklcih die Teilnahme und Macht des Volkes verstärken will, aber alle drei Punkte können bei einem Regimewechsel, den die Opposition und die Yankees mit allen Mitteln anstreben, zu einem Knüppel gegen die CC und das Volk werden.
Aber nun will ich nicht den Teufel an die Wand malen, sondern hoffen, dass dieses interessante Experiment glückt, weiterentwickelt wird und sicher auch korrigiert und verbessert wird. Dass dies beabsichtigt ist, wurde deutlich von der weiblichen Parlamentsabgeordneten Haydée Machin zum Ausdruck gebracht: „Dieses Gesetz wird nun auf allen Ebenen vom Volk und in allen Sektoren diskutiert, die kontinuierlich ihre Vorschläge an die Nationalversammlung schicken werden … Es gibt eine ganze Skala von Vorhaben und Beschlüssen, wo alle in den CC organisierten Bürger anfangen werden, Funktionen lokaler 'autogobierno' (Selbstverwaltung) auszuüben und allmählich in Netzwerken von Sektoren, Komunen, Großkomunen, Teilstaaten; und um durch die soziale Praxis ein Machtinstrument des Volkes zu schaffen … das gestärkt werden muss als Garantie für das politische und soziale Ziel, das unumgänglich ist für den Erfolg des Bolivarianischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts.“ (VEA 2006-04-10)
* 1- 2 Jahre nach meinem Besuch las ich, dass in Venezuela gleich 2 Fabriken zur Produktion von Linux-Rechnern gebaut worden sind; eine stellt einen schlichten Rechner zum Lernen und einfachere Aufgaben her und die andere einen avancierten Rechner, aber beide zu erschwinglichen Preisen und mit dem kostenlosen Linux.
Klavreström 2011-08-12
aus dem Schwedischen vom Autor
