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Freitag, 13. Dezember 2019

Das indigene Bolivien ist bereit, in den Krieg zu ziehen gegen den Faschismus.


André Vltchek

12. Dezember 2019


Aus dem Englischen: Einar Schlereth
Nach dem Staatsstreich


Bolivien, Dezember 2019, drei Wochen nach dem faschistischen Staatsstreich. Es ist teuflisch kalt. Das Auto meines Kameraden navigiert vorsichtig durch die tiefen Schlammwege. Enorme schneebedeckte Berggipfel sind in der Ferne gut sichtbar.

Der bolivianische Altiplano; geliebt, aber immer irgendwie feindlich, still, undurchdringlich.

So oft, in der Vergangenheit, bin ich hier dem Tod nahe gekommen. Sowohl in Peru als auch in Bolivien. In Peru häufiger.

Nun, was ich tue, ist total verrückt. Als Unterstützer von Präsident Evo Morales von Anfang an bis heute darf ich nicht hier sein, in Bolivien, im Altiplano. Aber ich bin es, denn diese Lehmhütten links und rechts, sind mir so vertraut und so lieb.

Mein Kamerad ist ein bolivianischer Bauer, ein Einheimischer. Seine Hände sind rot, rauh. Normalerweise redet er nicht viel, aber nach dem Putsch kann er nicht aufhören zu reden. Dies ist sein Land, das Land, das er liebt und das ihm, seiner Frau und seinen Kindern gestohlen wurde.

Wir können hier beide draufgehen, und wenn schon, das ist das Leben; wir kennen das Risiko und wir nehmen es gerne auf uns.

Carlos (nicht sein richtiger Name), mein Fahrer und ein Freund, erklärte:

"Ich rief sie, die Ältesten, und sie sagten, es sei in Ordnung, dass du kommst. Ich habe ihnen deine Essays geschickt. Weißt du, die Leute hier lesen jetzt, sogar tief im Hinterland – in den Dörfern. Nach 14 Jahren Regierung von Evo ist das gesamte Land durch das Mobilfunknetz abgedeckt. Sie lesen deine Sachen, die ins Spanische übersetzt wurden. Sie mochten, was sie lasen. Sie haben zugestimmt, dir eine Erklärung zu geben. Aber sie sagten: "Wenn er nicht wirklich ein russisch-chinesischer linker Schriftsteller ist, sondern ein Camacho-Kumpel, werden wir seinen Kopf mit einem Stein einschlagen."

Camacho; Luis Fernando Camacho, ein Mitglied der faschistischen, von den USA unterstützten revolutionären nationalistischen Bewegung, und seit 2019 Vorsitzender des Bürgerkomitees von Santa Cruz. Ein Hauptgegner von Evo Morales, ein Mann, der sich während der bolivianischen Parlamentswahlen 2019 auf die Seite des Westens und dem dem verräterischen bolivianischen Militär (ausgebildet in den Vereinigten Staaten) stellte und am 5. November 2019 den Rücktritt von Evo forderte.

Ich finde gut, was sie sagen. Wir werden gehen.

Wir fahren hinauf, und dann, auf ca. 4.100 Metern über dem Meeresspiegel, wird es ebener. Eine neue, breite Straße wird gebaut. Natürlich ist es ein Projekt aus der Zeit der Evo-Präsidentschaft.

Aber nicht nur auf den Straßenbau treffen wir überall. In jedem Dorf gibt es Wassertürme und Wasserpumpen und Wasserhähne. Wasser ist kostenlos, für alle. Es gibt Schulen, medizinische Zentren sowie Sportanlagen und sorgfältig gepflegte Felder.

Die Fahrt ist lang und hart. Aber irgendwann sehen wir ein paar Busse und Autos, die auf der Spitze eines Hügels parken.

Es gibt ein kleines Plateau und einen riesigen weißen Lautsprecher, der in der Mitte des Feldes sitzt.

Überall auf dem Platz sind Menschen in bunten Kleidern verstreut: Männer, Frauen und Kinder. Eine Gruppe von Ältesten sitzt in einem geschlossenen Kreis. Sie singen, und ihr Appell wird vom Lautsprecher übertragen. Sie wenden sich an das, was ihnen heilig ist: Mutter Erde. Sie brauchen Kraft, um weiterzumachen, zu kämpfen, sich zu verteidigen.

Ich werde zuerst von den Leuten "gescannt" und darf mich erst dann an die Ältesten wenden. Ich erkläre, wer ich bin, und bald sind die Formalitäten erledigt

"Sie können Aufnahmen machen, aber aus Gründen der Sicherheit nicht unsere Gesichter auf", wird mir gesagt. "Aber später kannst du das Publikum filmen."

Bald danach setze ich mich hin und sie beginnen zu reden:

"Die Situation, in der wir heute in unserem Land, in den Gemeinschaften hier oben, in den Andengemeinschaften leben, ist sehr schwierig. In Wirklichkeit fühlen wir uns frustriert, oft verlassen, weil wir uns während der vorherigen Regierung unter der Leitung von Präsident Evo Morales als Bauern und Einheimische sehr wohl gefühlt haben. Auch wenn wir manchmal nicht allzu viel Hilfe erhalten haben, ist die Regierung, der Präsident Evo Morales, von unserem eigenen Blut, aus unserer eigenen Klasse. Aus diesem Grund haben wir ihn unterstützt. Und wir unterstützen ihn weiterhin."

"Und das, was wir haben, ist jetzt eine Regierung - eine Diktatur. Sie sagen das Gegenteil, aber es ist eine faschistische Regierung. Es ist eine Regierung, die Wiphala, unser Symbol, verbrennt. Es entehrt uns. Wir fühlen uns gedemütigt, wir fühlen uns diskriminiert. Aus diesem Grund erkennen wir, dass wir nicht scheitern können; wir können hier nicht so bleiben, wir werden weiter kämpfen. Es wird Wahlen in unserem Land geben, und wir werden weiterhin diese eine Person unterstützen, die unseren Namen erhöht hat; den Namen der Ureinwohner, der Arbeiter, der Werktätigen und der Armen."