Wie wir hier lesen können, fanden und finden nach der 'Revolution', die von USA und der EU sorgfältig gesteuert wurde, unendlich viele Streiks, Proteste, Sit-ins etc statt, von denen uns unsere Medien herzlich wenig erzählen. Sogar eine Reihe von Menschen, darunter eine Frau, haben sich selbst angezündet, weil sie das Elend nicht mehr ertragen konnten. Und wie wurde ein gleiches Fanal gegen Ben Ali in unseren Medien ausgewalzt!!! Wenn unsere Medien Vorlieben entwickeln, dann müssen wir verdammt vorsichtig sein, weil wir dann nämlich eingewickelt werden sollen.
30. Januar 2012
Ein Jahr nach dem revolutionären Sturz von Ben Ali, gibt es in Tunesien einen Streik nach dem anderen, regionale Aufstände, Sit-ins und Proteste aller Art. Für Hunderttausende von tunesischen Arbeitern und Jugendlichen, die tapfer den Kugeln der Diktatur die Stirn boten, hat sich bei der Suche nach einem Job und etwas Würde nichts grundlegend verändert.
Es ist wahr, dass der Diktator weg ist, aber das System, das die besten der tunesischen jungen Leute zu einer Zukunft von Arbeitslosigkeit und Emigration verurteilt, ist immer noch da. Tatsächlich ist für viele die ökonomische Situation schlimmer geworden.
Die formellen demokratischen Freiheiten haben den tunesischen Armen weder Arbeit noch Brot gegeben. Seit Beginn der tunesischen Revolution ist die Arbeitslosigkeit von 600 000 auf 850 000 in einem Land mit 11 Mill. E. gestiegen. Prozentuell ist sie von 14 auf beinahe 20% gestiegen. In den armen Regionen, wo die Revolution begann, liegt sie bei 40 oder 50%.
Arbeitslosigkeit ist nur die Spitze des Eisberges einer Masse von sozialen Problemen. Ein Gewerkschaftsmitglied aus Gafsa erklärt die Gründe für die wachsende Frustration: „Seit dem Sturz von Ben Ali ist nicht ein Schritt unternommen worden, den scharfen Anstieg der Preise zu stoppen, besonders von Brot und Medizin, oder die regionalen Ungleichheiten zu reduzieren und Arbeit zu fördern.“
In Redeyef, einer revolutionären Hochburg im Gafsa Bergwerk-Bassin sind 62% der Hochschulabgänger arbeitslos. Hier sammelten sich die Massen, um den 5. Januar zu feiern, den Jahrestag des Beginns der Erhebung von 2008 , die der Revolution vorausging. Sie kämpfen immer noch, wie in allen Städten der Gafsa Phosphat-Bergwerke, wo das ökonomische Lebenszentrum der Gafsa Phosphates Company (CPG) und der Tunsisian Chemical Group (GCT) liegt.
Die Gedenkfeier fand im Hauptquartier der UGTT-Handelsgewerkschaft statt. Einer ihrer Führer, der 2008 ins Gefängnis kam, hielt eine zündende Rede: „Es steht außer Frage, dass wir nur eine unserer legitimen Forderungen aufgeben! Die neue Regierung hat keine andere Wahl: Sie muss auf uns hören! Volk von Redeyef! Ihr habt den ersten Schritt in der tunesischen Revolution getan! Es ist an der Zeit, dass ihr die Früchte jener trockenen, herben und traurigen Jahre des Leiden und der Armut erntet!" Die Versammelten beantworteten seine Worte mit „Loyal, loyal mit dem Blut der Märtyrer!“
In Redeyef gibt es immer noch Überreste der Doppelmacht, die während der Revolution entstand, als der örtliche Bürgermeister floh und die Arbeiter selbst die Verwaltung der Stadt in die Hand nahmen. Es gibt immer noch keinen Bürgermeister, sondern das Volk organisiert selbst alle notwendigen öffentlichen Aufgaben.
In einem Versuch, die tausenden arbeitslosen Jugendlichen in der Region zu beruhigen, haben die beiden staatlichen Unternehmen CPG und GCT die Schaffung von 3000 neuen Jobs verkündet. Sie erhielten 17 000 Bewerbungen. Als Ende Dezember die ersten Ergebnisse des Auslesungsprozesses bekannt wurden, gab es in den meisten Städten des Minengürtels Aufläufe. Niemand war mit den Methoden der Auswahl zufrieden. Bewerber, die den Vorzug haben sollten (jene mit Familien, Söhne von pensionierten Bergwerkarbeitern, jene mit den erforderlichen akademischen Qualifikationen) waren nicht zugelassen worden. Für viele war das genau wie unter dem alten Regime.
In Mdhilla und Moularès gingen hunderte von Jugendlichen auf die Straße. Sie bauten brennende Barrikaden, verbrannten Busse und Autos und griffen Büros der Phosphatgesellschaft an sowie das Polizeihauptquartier. Die Behörden erklärten im gesamten Gouvernement von Gafsa ein Ausgangsverbot zwischen 19°° und 6°° morgens.
Die Regierung war gezwungen alle weiteren Ankündigungen des Auswahlprozesses einzustellen und versprach, auf die Forderungen der Arbeitslosen zu hören. Einige begannen einen Sitzstreik.
Endlich, am 5. Jannuar, besuchten drei Minister die Region. Doch sie weigerten sich, die Sit-in Demonstranten zu treffen. Einer von ihnen, ein 40-jähriger arbeitsloser Vater von drei Kindern, Ammar Gharsallah, der wochenlang an dem Sit-in Streik teilgenommen hatte, überschüttete sich mit Benzin und zündete sich an. Ein paar Tage später starb er. Weitere drei Leute, eine Frau und zwei Männer, begingen auf gleiche Weise in der folgenden Woche in Djerba und Sfax Selbstmord. Das ist ein klares Zeichen für die Verzweiflung, der sich Tausende in Tunesien gegenübersehen, wenn ein Jahr nach einer Revolution, die durch einen Akt der Selbst-Zerstörung in Gang gesetzt wurde, weitere zu derselben verzweifelten Handlung greifen müssen, um auf ihr Elend aufmerksam zu machen.
Die Protestbewegung weitete sich auf die Landarbeiter aus, die die Leute im Hungerstreik in Redeyef am 9. Januar verstärkten. Dies ist eine bedeutsame Entwicklung, da sie zeigt, wie andere Sektionen der Gesellschaft instinktiv von der organisierten Arbeiterschaft angezogen werden und sich ihrer Führung unterstellen, in diesem Fall die örtliche UGTT, die eine lange revolutionäre Tradition hat. Und die Bewegung wächst weiter. Am 12. Januar schlossen sich die Bergarbeiter der Protestbewegung an und manche auch dem Hungerstreik. Dem Aufruf der UGTT zu einem Generalstreik folgte ganz Redeyef, das am 17. Januar zur Unterstützung der Forderung der Bewegung zum Stillstand kam. Die Lehrer der Grund und Mittelschulen und die Studenten der Hochschule schlossen sich auch an.
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| Lehrer und Studenten streiken |
Das waren keine leeren Worte. Nach einem kurzen Waffenstillstand, mit dem sie der Regierung eine Chance gaben, ihnen zu antworten, ging die Streik-Bewegung weiter und ergriff außer Redeyef auch Om Larayes, Mdhilla und Kaff Eddour in der Delegation von Metlaoui. Die arbeitslose Jugend stand an der Spitze dieser Bewegung – sie blockierte Züge mit Phosphat-Produkten und stieß mit der Polizei in Mdhilla zusammen. Das Gebäude des Gouvernements Gafsa war von den Demonstranten übernommen worden und der Gouverneur musste sich in ein nahe gelegenes Hotel retten.
| Makthar hat die Zugangsstraßen gesperrt |
Ein ähnlicher Aufstand begann auch am 23. 1. in Sidi Makhlouf mit 24 000 E. im Gouvernement Medenine im Südosten, als der Generalstreik erklärt wurde. Sie verlangen ebenfalls ökonomische Entwicklung, Jobs, Gesundheitsfürsorge etc. Verhandlungen mit dem örtlichen Gouverneur waren nicht erfolgreich und das Volk beschloss, ihn als Geisel im Büro der örtlichen Delegation zu behalten. In Jendouba im Nordwesten blockierten Jugendliche ebenfalls die Straßen wie in Nezfa, im benachbarten Gouvernement Beja. Die britischen Gas Installationen im Sfax-Gouvernement sind ebenfalls von arbeitslosen Jugendlichen blockiert worden, die Jobs verlangen.
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| Spontanstreiks |



