Freitag, 6. November 2020

Arundhati Roy - Die Welt neu erfinden

Ich schätze Arundhati Roy sehr, vor allem ihre dichterischen Fähigkeiten. Doch leider überträgt sie ihre Dichtung auch gerne in die Welt der Fakten. So kann sie sich zum Beispiel nicht von der Mär der “Lebendigkeit des pluralistischen, säkularen und demokratischen Indiens” trennen. Sie meint damit das Indien von Nehru. Wer dessen Geschichte liest, wird vergeblich nach dem Bild suchen.


Arundhati Roy - Die Welt neu erfinden

Mucheli Rishvanth Reddy

2. November 2020

Aus dem Englischen: Einar Schlereth


Was liegt vor uns?

Die Welt neu erfinden. Nur das.

Mit diesen obigen Zeilen beendete Arundhati Roy ihre Einführung, und sie spiegeln wider, was Roy in dem Buch 'Azadi: Azadi: Freiheit. Faschismus. Fiktion'. In den neun Essays dieses Buches, von denen die meisten zwischen 2018 und 2020 bereits veröffentlicht oder als Vorträge gehalten wurden, untersucht Roy die wichtigen Ereignisse dieser Zeit in Indien, die ihren Höhepunkt in dem, wie Roy es nennt, "The Rise and Rise of Hindu Nation" finden, dessen Einflüsse "sich wie eine Epidemie ausbreiten und in der populären Vorstellung wie eine hirntötende Bösartigkeit aufblühen". Sie fängt diese komplexe Bösartigkeit und die Schwierigkeiten, die sie der Sprache bereitet, ein, um sie in ihrer Gesamtheit zu erforschen.

Roy schrieb anschaulich über die Ereignisse in Indien, die verheerende Auswirkungen auf bestimmte Teile der Bevölkerung haben, insbesondere auf Muslime, Dalits, Studentenaktivisten und Intellektuelle, die sich gegen die Machthaber aussprechen; wie etwa die Unruhen in Delhi, deren wirkliche Täter, obwohl sie auf der Kamera bei aufrührerischen Reden festgehalten wurden, nicht einmal in der FIR aufgelistet wurden und auch nie werden, über Verhaftungen von Intellektuellen und Aktivisten, Stimmen der Armen und Marginalisierten sind, wie Sudha Bharadwaj, Arun Ferreria, Veron Gonsalves, Varavara Rao, Gautam Navlakha und viele andere im Zusammenhang mit der Verschwörung zur Gewalt in Bhima-Koregaon und weiteren Verschwörungen zur Ermordung des Premierministers, über die Aufhebung von Artikel 370 und 35A, der vollständigen Abriegelung des Kaschmirtals und der darauf folgenden Brutalität der Streitkräfte gegen ihre eigenen Bürger, Assams NRC und geplante landesweite CAA und NPR, Verhaftungen von Menschen unter dem drakonischen Gesetz zur Verhinderung ungesetzlicher Aktivitäten und Untätigkeit des Staates gegenüber anarchischen Parolen von Mitgliedern der Regierungspartei, einige von ihnen in zentralen Ministerien wie 'Mussalman ka ek ki sthan, Kabristan ya Pakistan! - Ein einziger Ort für den Moslem, der Friedhof oder Pakistan. Sie befasst sich auch mit den Auswirkungen der Dämonisierung und der GST, die verheerende Auswirkungen auf die kleinen und mittleren Industrien hatten und den Großkapitalisten zugute kamen.

Laut Roy werden alle oben genannten und viele weitere Themen von der Regierungspartei genutzt, um Angst zu schüren und die Macht zu gewinnen. Sie schreibt: "Um ihre politischen Errungenschaften zu konsolidieren, besteht die Hauptstrategie der RSS und der BJP darin, ein lang anhaltendes Chaos im industriellen Maßstab zu erzeugen. Sie haben ihre Küche mit siedenden Kochkesseln ausgestattet, die bei Bedarf schnell zum Kochen gebracht werden können". 

Roy schreibt nicht nur über die Sprache der Politik, sondern denkt auch über die Politik der Sprache nach. Im ersten Essay dieser Sammlung mit dem Titel "In welcher Sprache fällt Regen über gequälten Städten" schrieb sie über ihr Aufwachsen in verschiedenen Regionen Indiens und ihr Aufwachsen mit verschiedenen Sprachen. Mit diesem Bewusstsein für die Schönheit und die Grenzen verschiedener Sprachen nutzt Roy die Bedrohungen, die von den Hindutva-Kräften ausgehen, indem sie ganz Indien, einer Nation der "vielfachen Meutereien", einer Bezeichnung, die von VS Naipaul zur Beschreibung des vielfältigen Subkontinents verwendet wird, eine einzige Sprache aufzwingt. Dies erinnert den Leser an George Orwells dystopischen Roman "1984", in dem Orwell beschreibt, wie in seinem imaginären Land "Ozeanien" in jedem einzelnen Moment Worte in der Sprache entfernt werden, um die Vorstellung von Menschen zu beschneiden, weil das Bewusstsein des Einzelnen durch seine Sprache eingeengt ist. Roy findet ein ähnliches Projekt in Indien. Aber der indische Fall ist komplexer als der von Orwell's Ozeanien. Um die Gefahren zu verstehen, die der Sprache in Indien drohen, verwendet Roy den Ausdruck "Projekt des Nichtsehens".

Dieses "Projekt des Nichtsehens", argumentiert Roy, funktioniert auf unzählige Arten. Auf der einen Seite hat der Staat durch die ständige Unterdrückung der Menschen unter Anwendung der Kolonial-Gesetze die Angst in den Menschen ausgelöst und sie gezwungen, nicht die Wahrheit zu sagen und in der Illusion zu leben, den von den Machthabern verkündeten Mythen zu glauben. Zweitens sind wir in der Falle, den Lügen zu glauben, die von den Hindu-Nationalisten verkündet werden. Roy bemerkte, dass "die Geschichte von Hindu-Nationalisten gehandelt wird, diese abgedroschene Geschichte von falscher Tapferkeit und übertriebener Opferbereitschaft, womit Geschichte in Mythologie und Mythologie in Geschichte verwandelt wird". Hindu- Nationalisten wollen die Geschichte neu schreiben und den vergangenen Realitäten mit nonsense-Fiktion konfrontieren. Darin spiegelt sich die Furcht dieser Mythenmacher wider, sich der vergamgenen Wahrheit zu stellen. "Das einzig Gute an dieser zeitgenössischen Mobtradition ist, dass sie versteht, welche Gefahren von der Kunst ausgehen", und sie versucht, alles zu tun, um die Wahrheit sprechende Kunst zu zerstören.

Über die Verantwortung der Literatur nachdenkend, behauptet Roy, dass die Autoren, um dem Widerstand der Hegemonialen entgegenzuwirken, die neue Sprache schaffen müssen. Sie schreibt: "Für mich, oder für die meisten Schriftsteller unsrer Zeit, die in diesen Gegenden arbeiten, kann Sprache nie eine Selbstverständlichkeit sein. Sie muss gemacht werden. Sie muss gekocht werden. Langsam gekocht". Arundhati Roy hat bisher nur zwei Werke der Belletristik geschrieben, und ihr Schwerpunkt lag auf dem Sachbuchschreiben. Aber um die komplexen Zusammenhänge in Indien zu verbreiten und zu verstehen, betont Roy die Bedeutung der Belletristik. Für Roy ist es die Fiktion, die "über die Weite, die Freiheit und den Spielraum verfügt, um einem Universum unendlicher Komplexität standzuhalten". In ihrem Aufsatz "The Graveyard Talks Back" (Erwiderung des Friedhofs) reflektierte sie über ihre Vorstellung von Fiktion und darüber, wie sie diese benutzt, um Dinge festzuhalten, die sie verfolgen, und Dinge, die sich nicht durch Zahlen und Fakten ausdrücken lassen. Roy nahm den Fall von Kaschmir, einem wunderschönen Tal, das jetzt "mit Friedhöfen bedeckt ist und auf diese Weise buchstäblich fast selbst zu einem Friedhof geworden ist". Die Geschichte Kaschmirs und der Kaschmiris, insbesondere in den vergangenen dreißig Jahren im Allgemeinen, wie sie in den Medien dargestellt wird, ist nicht nur die Geschichte von Ausgangssperre, Terror, Tod, gefälschteWahlen und Menschenrechtsverletzungen. Es ist auch eine Geschichte der "Liebe und Poesie". Sie lässt sich nicht zu Nachrichten verflachen". Diese Wahrheit über Kaschmir kann nur durch Fiktion erzählt werden, "denn nur sie kann von der Luft erzählen, die so erfüllt ist von Angst und Verlust, von Stolz und wahnsinnigem Mut und von unvorstellbarer Grausamkeit. Nur die Fiktion kann versuchen, die Transaktionen zu beschreiben, die in einem solchen Klima stattfinden".

Roy krönt all ihre Gedanken im abschliessenden Essay in dieser Sammlung, in dem es um die Hoffnung geht, eine neue Welt zu betreten. Roy sieht die gegenwärtige globale Pandemie als ein Portal, "ein Tor zwischen einer Welt und der nächsten". Diese Pandemie brachte die zerbrechliche und unmenschliche Natur der Weltordnung zum Vorschein. Obwohl das Virus egalitär ist, das nicht zwischen den Menschen unterscheidet, die es angreifen will, hat das System die Pandemie unter gebührender Berücksichtigung sämtlicher religiösen, kasten- und klassenbedingten Vorurteile bekämpft. Aber diese Pandemie bietet Hoffnung, eine Chance, die Welt neu zu überdenken. Roy setzt sie in die Menschen, "die bereit sind, sich unbeliebt zu machen. Die bereit sind, sich selbst in Gefahr zu bringen. Die bereit sind, die Wahrheit zu sagen", um die Nation in die neuere Welt zu führen und sie von den bösen Mächten fernzuhalten, die versuchen, der Lebendigkeit des pluralistischen, säkularen und demokratischen Indiens zu schaden.

Walter Benjamin sagte einmal: "Der Geschichtenerzähler ist die Gestalt, in der der gerechte Mensch sich selbst begegnet". Roy ist ein solcher Geschichtenerzähler. Ihre Essays sind nachdenklich, introspektiv, kritisch und provozieren die Leser, neu über die Welt nachzudenken, in der wir leben. Wir können ihren Meinungen zustimmen oder sie ablehnen. Aber sie werden unserer Vorstellungskraft unweigerlich neue Farben verleihen und die Leser für ihre Reise der "Neuerfindung der Welt" rüsten.

Bevor sie endet, hinterlässt Arundhati Roy ihren Lesern eine Notiz der Hoffnung und Verzweiflung: "Wir können nur hoffen, dass die Straßen Indiens bald von Menschen bevölkert sein werden, die erkennen, dass das Ende nahe ist, wenn sie nicht handeln. Wenn das nicht geschieht, betrachten Sie diese Worte als Andeutungen eines Endes von jemandem, der diese Zeiten durchlebt hat".


Mucheli Rishvanth Reddy studiert derzeit im letzten Jahr seines BA-Studiums in Wirtschaft, Soziologie und Politikwissenschaft an der Christ University in Bangalore. Post-Id: reddyrishvanth@gmail.com


Quelle - källa- source

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