Mittwoch, 29. Juni 2011

MEDIA LENS – "Wikileaks, Libyen, Öl" - ein Beispiel präziser Medienanalyse


Diese englische Webseite (Media Lens - zu deutsch Medienlinse – siehe hier) ist wirklich etwas Besonderes. David Edwards und David Cromwell starteten sie 2001 mit der Aufgabe, englische Medien einer genauen Analyse zu unterwerfen, da beide überzeugt waren, dass „die zunehmend zentralisierte, korporative Natur der Medien bedeutet, dass sie de facto als Propagandasystem der Interessen von Unternehmen und Establishment dienen.“ Zum Schaden der Menschheit und der Umwelt.
Darüberhinaus wollten sie die Menschen dazu bewegen, nicht nur den Medien auf die Finger zu schauen, sondern auch selbst aktiv zu werden und sie aufzufordern, sich an Fakten zu halten sowie Verdrehungen und Fälschungen zu unterlassen.
Langsam aber sicher haben sie mit diesem Programm die Zustimmung von einer Menge Leute gefunden. Zustimmung heisst keineswegs, dass man in allen Punkten mit den beiden Davids übereinstimmt – das tue weder ich noch sicherlich viele andere Leute. Z. B. halte ich ihre Überbetonung von „Gewaltlosigkeit“ für ein Wunschdenken. Aber ich betrachte ihre Arbeit im wesentlichen als wertvoll und wichtig.
Hier möchte ich ihre Herangehensweise an ihrem Beitrag vom 23. Juni 2011 'Drei kleine Wörter: Wikileaks, Libyen, Erdöl' (der komplette Artikel findet sich hier) darlegen.
Zuerst fanden sie einen Artikel in der Washington Post vom 11. Juni, der ein paar wichtige, auf den Enhüllungen von Wikileaks basierende Details beschrieb. Beweis, dass man natürlich auch in den Mainstream-Medien die eine oder andere Wahrheit findet.
Der 2. Schritt war, die englischen Medien auf die drei kleinen Wörter zu durchsuchen.
Da war die Ausbeute recht mager. Eins von dreien wurde hie und da genannt, aber erst am am 25. März und 2. Mai 2011 gab es zwei substantielle Artikel in The Guardian, von denen ersterer ein wichtiges Wikileaks-Kabel – die wichtigsten erwähnte er jedoch nicht - fand, der etwas über mögliche Kriegsursachen aussagte, während der zweite „in die richtige Richtung deutete, aber keine Fakten zur Stützung der Argumente brachte“.
George Monbiot erwähnte alle drei Begriffe am Rande in einem einzigen Artikel zu Libyen in anderthalb Jahren.
Auch der viel gerühmte Johann Hari schrieb nur einen einzigen Artikel über den libyschen Krieg – in Bezug auf Libyens Ölreichtum, was ihn zu der Meinung veranlasste, „dass unser Eingreifen gerechtfertigt ist“. Aber auch er erwähnte mit keinem Wort die wirklich relevanten Wikileaks-Dokumente.
Es ist also bemerkenswert,“ schreibt Media Lens, „dass wir nichts in irgendeinem Artikel in irgendeiner nationalen englischen Zeitung fanden, was über frei verfügbare Fakten berichtete, die von Wikileaks über die westlichen Ölinteressen in Libyen enthüllt wurden.“
Im Gegensatz dazu sei die Washington Post ausführlich auf die Wikileaks-Enthüllungen eingegangen. Danach legt Media Lens kurz und bündig die wesentlichen Punkte des Artikels dar. Und Media Lens wurde auch anderweitig fündig, allerdings nicht in den Mainstream-Medien:
Man vergleiche den Abgrund an rationaler Analyse, der die Mainstream-Medien von dem regimekritischen Real News Network von Paul Jay trennt.“
In einem Interview mit Kevin G. Hall sagte dieser zu Paul Jay: „ … wir sind 250 000 Dokumente [von Wikileaks] durchgegangen. Von denen hatten 10% - volle 10% dieser Dokumente irgendeinen Hinweis in irgendeiner Weise, Form oder Inhalt auf Öl“.
Das heisst ja wohl in Klartext, dass im Wikileaks-Archiv 25000 Dokumente liegen, die sich mit der Problematik des Erdöls und ihres Einflusses auf die Politik befassen, und die Medien bequemen sich nicht dazu, davon zu berichten.
Im März d. J. hat Media Lens die Aufmerksamkeit auf ein Wiki-Kabel von der US-Botschaft in Tripolis vom November 2007 gelenkt, in dem die Herren ihr Leid über die libysche Führung klagten.
Auf diesen Leak bezog sich später dann der amerikanische Analytiker Glenn Greenwald (dessen von mir übersetzte Artikel findet sich hier) und der zum Schluss kam, dass die humanitären Gründe absolut nichts mit dem libyschen Krieg zu tun haben, sondern allein das Erdöl.
Media Lens wundert sich, ob das tatsächlich irgendjemanden erstaunen kann. Und darüber, dass all dies von den englischen Medien vollständig ignoriert wurde. Stattdessen berichte BBC in der vergangenen Woche wie von einem anderen Planeten: „Die NATO setzt eine UN-Resolution zum Schutz von Zivilisten in Libyen durch“.
Media Lens fragt:
„Ist das die ABSOLUTE Wahrheit? Die Heilige Schrift? Natürlich nicht.“ Und die Autoren meinen, dass man doch bloß über drei offensichtliche Fakten nachzudenken brauche:
„Zwar hat die UN-Resolution 1973 eine no-fly-Zone erlaubt, um libysche Zivilisten zu schützen, doch die NATO versucht jetzt offen einen Regimewechsel zu erzwingen und weist alle Friedensanstrengungen zurück. Die UNO hat nicht einen Regimewechsel authorisiert.“
Trotzdem leiern die Medien – wie aus dem Orwell-Buch – das Märchen von der humanitären Hilfe herunter.
Daraufhin fordert Media Lens seine Leser auf, in einem höflichen, nicht aggressiven oder beleidigenden Ton Emails an die folgenden Herausgeber und Journalisten zu schreiben:
Alan Rusbridger, editor of the Guardian
Email: alan.rusbridger@guardian.co.uk
Jackie Ashley
Email: jackie.ashley@guardian.co.uk
George Monbiot
Email: george@monbiot.info
Johann Hari
Email: j.hari@independent.co.uk
Jeremy Bowen at the BBC
Email: jeremy.bowen@bbc.co.uk

Abschließend kann ich nur sagen, daß ich die grenzenlose Geduld der beiden Herausgeber von Media Lens bewundere. Ich hätte sie nicht.
Wer mehr über die Reaktionen der Angesprochenen und die Erfolge von David Edwards und David Cromwell erfahren möchte, möge sich auf ihrer Webseite umsehen.

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