Dienstag, 26. Juni 2012

Erneuerbare Ignoranz

Mir gefiel dieser Artikel, weil er mich an eine Freundin erinnert, die früh heiratete, zwei reizende Töchter bekam, aber nie eine höhere Schulbildung genoss. Obwohl sie sich bald von ihrem wohlbestallten, aber sehr bürgerlichen Ehemann trennte und ihre Kinder allein erzog, fand sie doch immer die Zeit, sich eifrig weiter zu bilden. „Ich will nicht so dumm sterben, wie ich geboren wurde“, sagte sie einmal. Und darum geht es auch in diesem Artikel. 
So viele Menschen sind glücklich, so dumm zu bleiben, wie sie geboren wurden. Sie arbeiten fleissig, heiraten, bauen ein Häusli, ziehen Kinder groß, essen gut und trinken (oft) gerne, lieben Fußball und ihren Fernseher, und ansonsten kümmern sie sich einen Dreck um ihre Mitmenschen, die Gesellschaft und das, was in der Welt vorgeht. Sie sind in keiner Gewerkschaft, demonstrieren nie und Solidarität ist für sie ein Fremdwort. Aber wenn ihre Kameraden höhere Löhne erkämpfen, dann kassieren sie die gerne ab und schauen genau hin, ob sie nicht betrogen worden sind. Was soll man dazu sagen? Sicher hat die Gesellschaft auch ihren Anteil daran, aber ein großer Teil der Schuld trifft sie auch selbst. Dies betrifft natürlich nicht die Milliarden Menschen in der Welt, die niemals die geringste Chance hatten, wenigstens eine anständige Arbeit, eine Wohnung und ausreichend Nahrung für sich und ihre Familie zu erwerben, geschweige denn so einen Luxus wie Bildung. Das würde ich eine Welt für Sklaven, aber nicht für Menschen nennen. Nichtsdestoweniger ist der Artikel lesenswert und gibt Stoff zum Grübeln.

von Herman Daly
16. Juni 2012

Wir werden alle saudumm geboren. Und nachdem wir ein Leben lang Wissen angehäuft haben, sterben wir prompt. Dumme Babies ersetzen die gebildeten Eltern. Wissen ist eine sich erschöfende Quelle; Ignoranz ist erneuerbar. Ja, die Bibliotheken und Datenbanken wachsen, aber Wissen muss letzlich in den Köpfen lebendiger Menschen existieren, um effektiv zu sein und sich weiterzuentwickeln – ungelesene Bücher, nicht gesehene Videos und nicht benutzte Festplatten sind leblos.

Wie Sisyphos wälzen wir den Felsen bergauf, nur damit er wieder hinunterrollt. Fortschritt ist nicht vollständig illusorisch. Jedoch besteht er aus drei Schritten vorwärts und zweieinhalb rückwärts.

Aufeinnanderfolgende Generationen wiederholen frühere Fehler. Sie erfinden auch neue. Jede Lösung für einen gegebenen Fehler wird gewöhnlich in 2 bis 3 Generationen vergessen, und wir müssen erneut lernen. Aber es ist nicht alles schlecht – schließlich sind Babies reizend und glücklich, während alte Leute mürrisch sind – Unwissenheit ist ein Seligkeit. Das Leben besteht aus mehr als Wissen. Die Lebenserwartung ist gestiegen, so dass die Alten mehr wissen, wenn sie sterben, und lassen Babies zurück, die noch mehr zu lernen haben.


Eine massive Überführung von Wissen in jeder Generation ist eine unvermeidbare Notwendigkeit. Dieser Transfer ist nicht automatisch. Er erfordert zwei Entscheidungen. Die Alten müssen entscheiden, welches Wissen der Mühe wert ist, weitergereicht zu werden, und die Jungen müssen entscheiden, welches davon es wert ist, gelernt zu werden. Einiges Wissen passiert beide Filter und wird die Basis für die Leitschnur der Zukunft und für die Entdeckung neuen Wissens. Anderes Wissen passiert eins oder beide Filter und ist verloren. So wie die Welt immer nur eine Ernte vom Massenhunger entfernt ist, so ist sie auch immer nur eine versagende Generation von Massenignoranz entfernt.

Was wissen wir über diese zwei Generationen-Wissens-Filter? Was lassen sie passieren und was wird herausgefiltert? Ich weiss wirklich nicht die Antwort, aber ich habe eine spekulative Idee, die von E. F. Schumachers Reflektionen über Thomas von Aquin und René Descartes stammen. Aquin sagte, dass selbst ungewisses Wissen von den höchsten Dingen mehr wert ist als gewisses Wissen von den niedrigsten Dingen. Descartes glaubte etwas anderes, nämlich dass nur Wissen, das die Gewissheit der Geometrie hat, es wert ist, erhalten zu werden, und ungewisses Wissen aufgegeben werden sollte, selbst wenn es um höhere Dinge geht. Diese beiden Filter haben sehr verschiedene Auswahl-Tendenzen. In ihrer extremen Form stellen sie entgegengesetzte Irrtümer oder Urteile dar über das, welches Wissen zu bewahren oder zu verwerfen ist.

Welchen Irrtum werden wir am wahrscheinlichsten heute begehen? Ich glaube, wir überbetonen Descartes und schenken Aquin zu wenig Aufmerksamkeit. Ich verstehe Aquins „höhere Dinge“ so, dass sie Absichten, Wissen über richtige Absichten bedeuten. Niedrigere Dinge beziehen sich dann auf Techniken – wie man effektiv etwas tut und in der Annahme, dass sie zuerst getan werden sollten. Wir haben unser relativ gewisses Wissen von Technik überentwickelt und haben unser weniger gewisses, aber wichtigeres Wissen von den richtigen Zwecken unentwickelt gelassen. Die Alten scheinen mehr interessiert, Techniken als Absichten zu lehren, und die Jungen pflichtgemäß scheinen mehr interessiert, Techniken als Absichten zu lernen. Folglich entwickeln wir mehr und mehr Macht, die immer weniger Absichten unterworfen ist. Wie der Physiker Steven Weinberg sagt, je mehr Wissenschaft das Universum verständlicher macht und unserer Kontrolle unterwirft, desto mehr scheint es auch, es witzlos zu machen und desto weniger wird unsere Kontrolle von Absichten geleitet.

Diese Gedanken erinnern mich an eine öffentliche Debatte, an der ich in den 70-ern an der Louisiana State Uni teilnahm bezüglich des Baus des River Bend AKWs in der Nähe von Baton Rouge. Ich legte wirtschaftliche und Sicherheitsgründe dar, damit das AKW nicht gebaut wird und, dass es billigere und sicherere alternative Stromquellen gäbe etc. Nach meinem Vortrag brachte ein Atomingenieur von dem MIT für die Gulf States Utilities [ein großes Strom-Unternehmen, das später von Texas Oil übernommen wurde. D. Ü.] seine Widerlegung vor. Die bestand nur aus der Präsentierung eines Reaktormodells und wie es funktioniert. Er antwortete überhaupt nicht auf ein einziges meiner Argumente. Aber die Darstellung der Technik gewann mühelos die Gunst der öffentlichen Debatte. Danach versammelten sich alle um das Modell, deuteten auf dies und jenes, fragten, wie es funktionierte. Die Fragen nach dem „WIE“ der Technik ersetzten völlig die Fragen nach dem „WOFÜR“ und zu welchem Zweck. Ich hätte vielleicht ein Modell von einer Kernschmelze benötigt! Vielleicht hätte ich einen Kurs in Öffentlichkeitsarbeit belegen müssen. Ich hätte genauso gut einen Dixie pfeifen können.

Ich erinnere mich auch an eine Unterhaltung mit einem Freund, der Film-Kurator an der Kongress-Bibliothek war. Er sagte mir, dass die Digital-Aufnahme-Techniken jetzt so fortgeschritten und billig wären, dass die Bibliothek bald alles, was im Fernsehen oder YouTube oder im Radio oder auf Twitter usw. laufe, aufnehmen und bewahren könnte. Historiker und Gelehrte könnten dann entscheiden, was wichtig und wertvoll wäre. Die Bibliothekare würden diese schwierige Qualitäts-Entscheidung vermeiden und würden ein gutes Gefühl haben, dass sie nicht ihre Werturteile künftigen Historikern aufzwingen. Ich verstehe zwar seinen Gesichtspunkt, kann ihn aber nicht teilen, weil er für mich nur ein weiteres Beispiel für die „WIE“ Fragen ist statt für die „WOFÜR“-Fragen – eine Methode, die wahrscheinlich von den künftigen „wertfreien“ Gelehrten fortgeführt wird; die nicht fragen, zu wessen Vorteil die beinahe endlose Speicherung von Schrott aufbewahrt werden soll.

Wissen wird heutzutage als Allheilmittel angeboten. Junge Leute werden gezwungen, sich schwer zu verschulden, um „einen Grad zu erwerben“ und ihnen wird versichert, dass die Wachstumswirtschaft es ihnen erlauben wird, die Schulden mit Zinsen zu bezahlen und doch was zu werden. Viele sind enttäuscht worden. Als jemand, der über 40 Jahre an Universitäten verbracht hat, zweifle ich an der Begeisterung für Wissen; selbst wenn ich für eine stabile stationäreWirtschaft [steady-state] argumentiere, appelliere ich an physische Grenzen und nicht Wissensgrenzen, wobei ich die Frage offen lasse, wieviel quantitative Entwicklung innerhalb eines biophysikalischen stabilen Zustands ohne quantitative Entwicklung tragbar wäre. Auch die „Wissensgrenzen“, an die ich appelliert habe, sind selbst auch Wissen – Wissen über physikalische Grenzen, hauptsächlich die Gesetze der Thermodynamik, statt irgendwelche inhärente Grenzen für Wissen selbst.

Obwohl ich mich sehr bemühe, dass Wissen so weit wie möglich physikalisches Wachstum ersetzt, lässt mich die grundlegende Erneuerbarkeit der Ignoranz zweifeln, dass Wissen die Wachstumswirtschaft retten kann. Außerdem wächst Wissen, selbst wenn es zunimmt, nicht exponentiell wie Geld auf der Bank. Manch altes Wissen wird widerlegt oder aussortiert durch neues Wissen, und manches neue Wissen ist Entdeckung neuer biophysikalischer oder sozialer Grenzen von Wachstum. Neues Wissen muss immer irgendwie eine Überraschung sein – wenn wir seinen Inhalt vorhersagen könnten, würden wir es bereits kennen und es würde nicht wirklich neu sein. Entgegen allgemeiner Erwartung ist neues Wissen nicht immer eine angenehme Überraschung für die Wachstumswirtschaft – häufig sind es schlechte Nachrichten. Zum Beispiel war die Klimaveränderung durch Treibhausgase kürzlich ein neues Wissen, ebenso wie die Entdeckung des Ozonloches.

Eine Sache, die ich über Universitäten gelernt habe, ist, dass Vieles, von dem, was heute gelehrt wird, die Werttheorie der Arbeit
betrifft - „Es fiel mir schwer, es zu lernen, also muss es wert sein, es dir beizubringen“. Dies ist ein schlechter Generations-Filter, findet sich aber auch in der Wirtschaft, die unter allen es besser wissen sollte! Auch viel von aufgegebenem Wissen hätte verdient, bewahrt zu werden

Tatsächlich ist die ganze Geschichte ökonomishen Denkens aus dem Studienplan gestrichen worden, um Platz für Ökonometrie zu schaffen – die Kunst vorzutäuschen, ephemere und dürftige Korrelationen unter den schlecht definierten Variablen messen zu können in einer Welt, wo die zu messenden Beziehungen sich schneller verändern als die Daten für die Schätzung wachsen. Das klassische Konzept der Ökonomen der stationären Ökonomie ist nicht völlig verschwunden, aber beinahe.

Ist es eine Lösung, einfach alles zu bewahren? Nein. Habe ich eine Lösung? Nein. Deswegen werde ich hier aufhören und einfach bitten, dass wir alle, jung und alt, einhalten und ruhig über die richtige Balance zwischen den „WOFÜR“ und „WIE“ -Fragen als Filter für den Generationstransfer von Wissen nachdenken. Lasst uns den Babies helfen, besser mit dem ewigen Problem der erneuerbaren Ignoranz zurechtzukommen.


Herman Daly ist ein amerikanischer ökologischer Ökonom und Professor an der School of Public Policy der Uni Maryland. Er war Senior-Ökonom der Umwelt-Abteilung der Weltbank, wo er zur Entwicklung von Richtlinien für nachhaltige Entwicklung beitrug. Er hat sich intensiv mit den Theorien der stationären Wirtschaft beschäftigt. Er ist Träger des Right Livelihood Award und des NCSE Lifetime Achievement Award. 


Quelle - källa - source

Kommentare:

  1. über Arrogante Ignoranten habe ich in meinem buch "Die Hartz IV Ratte" auch geschrieben. die Elite nutzt die Volksverdummung für ihre Zwecke und wird immer reicher ... http://iris-buecker.de

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  2. Ach ja, Iris, hatte gerade einen kurzen Kommentar geschrieben, der ins Nirwana abgezischt ist. Aber inzwischen schaute ich rasch auf deine Webseite und fand deine Vita ähnlich wie meine - interessant (schau mal in meine Bio - war auch in Afrika). Und dein Buch werde ich mir beim nächsten Deutschland-Besuch holen. Las von Markus Breitscheidel 'Arm durch Arbeit'. Sehr spannend.

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