Samstag, 4. Januar 2020

Der Aufstieg von Modi und die Hindu-Extremrechte


Arundathi Roy hat wieder einen ganz hervorragenden Essay geschrieben, dieses Mal zur Lage der ganzen Nation. Während Modi im gesamten Einzugsbereich des Westens die beste Presse genießt und die Wirtschaft als auf der Überholspur zu China dargestellt wird, hat sich dort in aller Stille eine faschistische Diktatur entwickelt, die in ihrer Widerwärtigkeit gegenwärtig allenfalls von Bolivien und Israel übertroffen wird. Da das Schweigen bei uns mal wieder alle Rekorde der jüngsten Vergangenheit übertrifft, haben wir versucht, ein Gegenkampagne zu starten, um vielleicht eine kleine Bresche in diese Mauer zu schlagen. Hilfe wäre wünschenswert.

Arundhati Roy

2. Januar 2020

Aus dem Englischen: Einar Schlereth
Modi und Kumpane

Während der Protest auf den Straßen von Chile, Katalonien, Bolivien, Großbritannien, Frankreich, Irak, Libanon und Hongkong nachklingt und anhält und eine neue Generation gegen das wütet, was ihrem Planeten angetan wurde, hoffe ich, dass Sie mir verzeihen, wenn ich von einem Ort spreche, an dem die Straße von etwas ganz anderem übernommen wurde. Es gab eine Zeit, in der Dissens der beste Export Indiens war. Aber jetzt, während der Protest im Westen anschwillt, sind unsere großen antikapitalistischen und antiimperialistischen Bewegungen für soziale und ökologische Gerechtigkeit - Märsche gegen große Dämme, gegen die Privatisierung und Ausplünderung unserer Flüsse und Wälder, gegen Massenvertreibungen und die Entfremdung der Heimat der indigenen Völker – weitgehend verstummt. Am 17. September dieses Jahres schenkte sich Premierminister Narendra Modi zu seinem 69. Geburtstag das bis zum Rand gefüllte Reservoir des Sardar-Sarovar-Staudamms am Narmada-Fluss, während Tausende Bewohner der Dörfer, die mehr als 30 Jahre lang gegen diesen Damm gekämpft hatten, zusahen, wie ihre Häuser unter dem steigenden Wasser verschwanden. Es war ein Moment großer Symbolik.

Im heutigen Indien schleicht sich am helllichten Tag eine Schattenwelt an uns heran. Es wird immer schwieriger, das Ausmaß der Krise auch uns selbst zu vermitteln. Eine genaue Beschreibung läuft Gefahr, wie eine Übertreibung zu klingen. Deshalb pflegen wir um der Glaubwürdigkeit und der guten Manieren willen das Wesen, das seine Zähne in uns versenkt hat – wir kämmen ihm die Haare aus und wischen ihm den tropfenden Kiefer ab, um es in guter Gesellschaft sympathischer zu machen. Indien ist bei weitem nicht der schlimmste oder gefährlichste Ort der Welt – zumindest noch nicht – aber vielleicht macht der Unterschied zwischen dem, was es hätte sein können und dem, was es geworden ist, es zum tragischsten Ort.

Genau jetzt sind 7 Millionen Menschen im Tal von Kaschmir, von denen die überwältigende Mehrheit nicht Bürger Indiens sein will und seit Jahrzehnten für ihr Selbstbestimmungsrecht gekämpft hat, unter einer digitalen Belagerung und der massivsten militärischen Besetzung der Welt eingeschlossen. Gleichzeitig haben im östlichen Bundesstaat Assam fast zwei Millionen Menschen, die sich danach sehnen, zu Indien zu gehören, ihre Namen im Nationalen Einwohnerregister (engl.NRC) vermisst und laufen Gefahr, für staatenlos erklärt zu werden. Die indische Regierung hat ihre Absicht angekündigt, das NRC auf den Rest Indiens auszuweiten. Die Gesetzgebung ist auf dem Weg. Dies könnte zur Erstellung von Staatenlosigkeit in einem bisher unbekannten Ausmaß führen.

Die Reichen in den westlichen Ländern treffen ihre eigenen Vorkehrungen für die kommende Klimakatastrophe. Sie bauen Bunker und lagern Vorräte an Lebensmitteln und Trinkwasser. In den armen Ländern ist Indien, obwohl es die fünftgrößte Wirtschaft der Welt ist, schändlicherweise immer noch ein armes hungriges Land – und hier werden andere Arten von Vorkehrungen getroffen. Die Annexion Kaschmirs durch die indische Regierung am 5. August 2019 hat außerdem viel mit der Dringlichkeit der indischen Regierung zu tun, den Zugang zu den fünf Flüssen, die durch den Bundesstaat Jammu und Kaschmir fließen, zu sichern, wie mit allem anderen auch. Und die NRC, die ein System der abgestuften Staatsbürgerschaft schaffen wird, in dem einige Bürger mehr Rechte haben als andere, ist auch eine Vorbereitung auf eine Zeit, in der die Ressourcen knapp werden. Staatsbürgerschaft, wie Hannah Arendt bekanntlich sagte, ist das Recht, Rechte zu haben.

Die Demontage der Idee von Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit wird – in der Tat ist sie bereits das erste Opfer der Klimakrise. Ich werde versuchen, im Detail zu erklären, wie es dazu kommt. Und wie in Indien das moderne Managementsystem, das zur Bewältigung dieser sehr modernen Krise entstanden ist, seine Wurzeln in einem widerwärtigen, gefährlichen Strang unserer Geschichte hat.
Die Gewalt des Einschlusses und die Gewalt des Ausschlusses sind Vorläufer einer Erschütterung, die die Grundlagen Indiens verändern könnte – und seine Bedeutung und seinen Platz in der Welt verändern könnte. Unsere Verfassung nennt Indien eine "sozialistische, säkulare, demokratische Republik". Wir benutzen das Wort "säkular" in einem etwas anderen Sinn als der Rest der Welt – für uns ist es der Code für eine Gesellschaft, in der alle Religionen vor dem Gesetz gleichberechtigt sind. In der Praxis ist Indien weder säkular noch sozialistisch. Es hat immer als Hindu-Staat der obersten Kaste fungiert. Aber der Dünkel des Säkularisieung so heuchlerisch er auch sein mag, ist der einzige schwache Band des Zusammenhalts, der Indien möglich macht. Diese Heuchelei war das Beste, was wir hatten. Ohne sie ist Indien am Ende.In seiner Siegesrede vom Mai 2019, nachdem seine Partei eine zweite Amtszeit gewonnen hatte, prahlte Modi, dass kein Politiker irgendeiner politischen Partei es gewagt hatte, eine Kampagne zum Thema "Säkularisierung" zu führen. Der Tank des Säkularisierung so schien Modi zu sagen, sei nun leer. Es ist also offiziell. Indien geht langsam zur Neige. Und wir lernen, zu spät, die Heuchelei zu schätzen. Denn damit einher geht eine Spur, zumindest als Schein, von erinnertem Anstand.

Indien ist nicht wirklich ein Land. Es ist ein Kontinent. Komplexer und vielfältiger, mit mehr Sprachen – 780, wenn man die Dialekte ausschließt – mehr indigenen Stämmen und Religionen und vielleicht mehr Bevölkerungs-Gruppen, die sich als getrennte Nationen betrachten als ganz Europa. Stellen Sie sich diesen riesigen Ozean vor, dieses zerbrechliche, widerspenstige, soziale Ökosystem, das plötzlich von einem Hindu- Vormachtapparat übernommen wird, der an die Doktrin von "One Nation, One Language, One Religion, One Constitution"(Ein Land, eine Sprache, eine Religion, eine Verfassung) glaubt.

Ich spreche hier von der RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh), die 1925 gegründet wurde – das Mutterschiff der regierenden Bharatiya Janata Partei. Ihre Gründerväter waren stark vom deutschen und italienischen Faschismus beeinflusst. Sie verglichen die Muslime Indiens mit den Juden in Deutschland und glaubten, dass Muslime in Indien keinen Platz in der Hindukultur hätten. Die RSS heute distanziert sich, in typischer RSS Chamäleon-Sprache, von dieser Ansicht. Aber ihre zugrundeliegende Ideologie, in der Muslime als verräterische, permanente "Außenseiter" dargestellt werden, ist ein ständiger Refrain in den öffentlichen Reden der BJP-Politiker und findet ihren Ausdruck in abschreckenden Parolen, die von tobenden Mobs erhoben werden. Zum Beispiel: "Mussalman ka ek hi sthan-Kabristan ya Pakistan" (Nur einen Ort gibt esfür den Muslim - den Friedhof, oder Pakistan). Im Oktober dieses Jahres sagte Mohan Bhagwat, der oberste Führer der RSS, "Indien ist ein hinduistischer Rashtra" - eine Hindu-Nation. "Darüber wird nicht verhandelt."

Diese Idee verwandelt alles, was an Indien schön ist, in Säure.
Dass die RSS das, was sie heute inszeniert, als epochale Revolution darstellt, in der Hindus die jahrhundertelange Unterdrückung durch die früheren muslimischen Herrscher Indiens endgültig auslöschen, ist Teil ihres Projekts der falschen Geschichte. In Wahrheit sind Millionen von Indiens Muslimen die Nachkommen von Menschen, die zum Islam konvertierten, um der grausamen Kastenzugehörigkeit des Hinduismus zu entgehen.

Wenn Nazi-Deutschland ein Land war, das versuchte, seine Vorstellungen einem Kontinent (und darüber hinaus) aufzuzwingen, ist der Drang eines RSS-beherrschten Indien in gewisser Weise das Gegenteil. Hier ist ein Kontinent, der versucht, sich selbst zu einem Land zu verkleinern. Nicht einmal ein Land, sondern eine Provinz. Eine primitive, ethno-religiöse Provinz. Dies erweist sich als ein unvorstellbar gewalttätiger Prozess.

Keine der weißen Rassisten und Neonazi-Gruppen, die heute in der Welt auf dem Vormarsch sind, kann sich der Infrastruktur und der Arbeitskraft rühmen, die der RSS beherrscht. Sie sagt, sie habe 57.000 Shakhas-Zweige im ganzen Land und eine bewaffnete, überzeugte Miliz von über 600.000 "Freiwilligen". Sie betreibt Schulen, in denen Millionen von Schülern eingeschrieben sind, und verfügt über eigene medizinische Missionen, Gewerkschaften, Bauernorganisationen, Medien und Frauengruppen. Kürzlich kündigte sie an, dass sie eine Ausbildungsstätte für diejenigen eröffnet, die der indischen Armee beitreten wollen. Unter ihrem bhagwa dhwaj – ihrem Safranfähnchen – hat sich eine ganze Reihe von rechtsextremen Organisationen, bekannt als Sangh Parivar - die "Familie" der RSS – entwickeltn und vervielfacht. Diese Organisationen, die politischen Äquivalente von Strohfirmen, sind für schockierend gewalttätige Angriffe auf Minderheiten verantwortlich, bei denen im Laufe der Jahre unzählige Tausende ermordet wurden.

Premierminister Narendra Modi ist Mitglied der RSS, seit er 8 Jahre alt ist. Er ist eine Schöpfung der RSS. Obwohl er kein Brahmane ist, war er, mehr als jeder andere in ihrer Geschichte, dafür verantwortlich, sie zur mächtigsten Organisation in Indien zu machen und ihr bisher glorreichstes Kapitel zu schreiben. Es ist ärgerlich, die Geschichte von Modis Aufstieg zur Macht ständig wiederholen zu müssen, aber die offiziell sanktionierte Amnesie um ihn herum macht die Wiederholung fast zu einer Pflicht.

Modi's politische Karriere wurde im Oktober 2001, nur wenige Wochen nach den 9/11-Angriffen in den USA in Gang gesetzt, als die BJP ihren gewählten Ministerpräsidenten im Bundesstaat Gujarat absetzte und an seiner Stelle Modi installierte. Er war zu dieser Zeit nicht einmal ein gewähltes Mitglied der gesetzgebenden Versammlung des Staates. Fünf Monate nach Beginn seiner ersten Amtszeit kam es zu einem abscheulichen, aber mysteriösen Akt der Brandstiftung, bei dem 59 Hindu-Pilger in einem Zug verbrannt wurden. Als "Rache" setzten die Hindu-Bürgerwehrmobs zu einen gut geplanten Amoklauf in dem Staat an. Geschätzte 2.500 Menschen, fast nur Muslime, wurden am helllichten Tag ermordet. Frauen wurden auf den Straßen der Stadt vergewaltigt, und fast 150.000 Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Unmittelbar nach dem Pogrom rief Modi zu Wahlen auf. Er gewann, nicht trotz des Massakers, sondern wegen des Massakers – und wurde für drei aufeinanderfolgende Amtszeiten als Ministerpräsident wiedergewählt. Während Modis erster Kampagne als Premierministerkandidat der BJP – bei der auch ein Massaker an Muslimen, diesmal im Distrikt Muzaffarnagar im Bundesstaat Uttar Pradesh, im Mittelpunkt stand – fragte ihn ein Journalist von Reuters, ob er das Pogrom von 2002 in Gujarat bedauere. Er antwortete, dass er sogar den Tod eines Hundes bedauern würde, wenn dieser versehentlich unter die Räder seines Autos käme. Das war reine, gut durchdachte RSS-Sprache.

Als Modi als 14. Premierminister Indiens vereidigt wurde, wurde er nicht nur von seiner Unterstützungsbasis aus Hindu-Nationalisten, sondern auch von Indiens großen Industriellen und Geschäftsleuten, von vielen indischen Liberalen und von den internationalen Medien als Inbegriff von Hoffnung und Fortschritt gefeiert, als Retter im Safran-Business-Anzug, dessen Person den Zusammenfluss des alten und des modernen Hindu-Nationalismus und des hemmungslosen Marktkapitalismus darstellte.

Während Modi den Hindu-Nationalismus erfolgreich machte, ist er an der Front der freien Marktwirtschaft schwer gestolpert. Durch eine Reihe von Fehlern hat er die indische Wirtschaft in die Knie gezwungen. Im Jahr 2016, etwas mehr als ein Jahr nach Beginn seiner ersten Amtszeit, verkündete er im Fernsehen, dass von diesem Moment an alle 500- und 1.000-Rupien-Banknoten - über 80 Prozent der im Umlauf befindlichen Währung - nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel gelten. So etwas hat es in der Geschichte eines Landes noch nie in diesem Ausmaß gegeben. Weder der Finanzminister noch der Chef-Wirtschaftsberater schienen ins Vertrauen gezogen worden zu sein. Diese "Geldentwertung", sagte der Premierminister, sei ein "chirurgischer Eingriff" gegen Korruption und Terrorfinanzierung. Das war reine Quacksalberei, ein Hausmittel, das an einer Nation mit mehr als einer Milliarde Menschen ausprobiert wurde. Es stellte sich heraus, dass es geradezu verheerend war. Aber es gab keine Unruhen. Keine Proteste. Die Menschen standen geduldig stundenlang vor den Banken Schlange, um ihre alten Geldscheine einzuzahlen – die einzige Möglichkeit, sie einzulösen. Kein Chile, Katalonien, Libanon, Hongkong. Fast über Nacht sind Arbeitsplätze verschwunden, die Bauindustrie kam zum Erliegen, kleine Unternehmen machten einfach dicht.

Einige von uns glaubten törichterweise, dass dieser Akt unvorstellbarer Anmaßung das Ende von Modi bedeuten würde. Wie sehr wir uns doch geirrt haben. Die Leute freuten sich. Sie litten, aber freuten sich. Es war, als ob der Schmerz in die Freude eingewoben worden wäre. Als ob ihr Leiden der Geburtsschmerz wäre, der bald ein glorreiches, wohlhabendes Hindu-Indien hervorbringen würde.

Als Modi als 14. Premierminister Indiens vereidigt wurde, wurde er nicht nur von seiner Unterstützungsbasis aus Hindu-Nationalisten, sondern auch von Indiens großen Industriellen und Geschäftsleuten, von vielen indischen Liberalen und von den internationalen Medien als Inbegriff von Hoffnung und Fortschritt gefeiert, als Retter im Safran-Business-Anzug, dessen Person den Zusammenfluss des alten und des modernen Hindu-Nationalismus und des hemmungslosen Marktkapitalismus darstellte.

Während Modi den Hindu-Nationalismus erfolgreich machte, ist er an der Front der freien Marktwirtschaft schwer gestolpert. Durch eine Reihe von Fehlern hat er die indische Wirtschaft in die Knie gezwungen. Im Jahr 2016, etwas mehr als ein Jahr nach Beginn seiner ersten Amtszeit, verkündete er im Fernsehen, dass von diesem Moment an alle 500- und 1.000-Rupien-Banknoten - über 80 Prozent der im Umlauf befindlichen Währung - nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel gelten. So etwas hat es in der Geschichte eines Landes noch nie in diesem Ausmaß gegeben. Weder der Finanzminister noch der Chef-Wirtschaftsberater schienen ins Vertrauen gezogen worden zu sein. Diese "Geldentwertung", sagte der Premierminister, sei ein "chirurgischer Eingriff" gegen Korruption und Terrorfinanzierung. Das war reine Quacksalberei, ein Hausmittel, das an einer Nation mit mehr als einer Milliarde Menschen ausprobiert wurde. Es stellte sich heraus, dass es geradezu verheerend war. Aber es gab keine Unruhen. Keine Proteste. Die Menschen standen geduldig stundenlang vor den Banken Schlange, um ihre alten Geldscheine einzuzahlen – die einzige Möglichkeit, sie einzulösen. Kein Chile, Katalonien, Libanon, Hongkong. Fast über Nacht sind Arbeitsplätze verschwunden, die Bauindustrie kam zum Erliegen, kleine Unternehmen machten einfach dicht.

Einige von uns glaubten törichterweise, dass dieser Akt unvorstellbarer Anmaßung das Ende von Modi bedeuten würde. Wie sehr wir uns doch geirrt haben. Die Leute freuten sich. Sie litten, aber freuten sich. Es war, als ob der Schmerz in die Freude eingewoben worden wäre. Als ob ihr Leiden der Geburtsschmerz wäre, der bald ein glorreiches, wohlhabendes Hindu-Indien hervorbringen würde.

Aber was schlecht für das Land war, stellte sich als ausgezeichnet für die BJP heraus. Zwischen 2016 und 2017 wurde sie trotz des wirtschaftlichen Abschwungs zu einer der reichsten politischen Parteien der Welt. Ihr Einkommen stieg um 81 Prozent, was sie fast fünfmal reicher machte als ihr Hauptkonkurrent, die Kongresspartei, deren Einkommen um 14 Prozent zurückging. Kleinere politische Parteien waren praktisch bankrott. Diese Kriegskasse gewann die entscheidenden Staatswahlen der BJP in Uttar Pradesh und verwandelte die Parlamentswahlen 2019 in ein Rennen zwischen einem Ferrari und ein paar alten Fahrrädern. Und da es bei Wahlen zunehmend um Geld geht, scheinen die Chancen auf eine freie und faire Wahl in naher Zukunft gering. Vielleicht war die Geldentwertung also doch kein Schnitzer.

Während der zweiten Amtszeit von Modi hat der RSS sein Spiel intensiviert. Es ist nicht mehr ein Schatten- oder Parallelstaat, sondern der Zustand. Tag für Tag sehen wir Beispiele für seine Kontrolle über die Medien, die Polizei, die Geheimdienste. Beunruhigenderweise scheint sie auch erheblichen Einfluss auf die Streitkräfte auszuüben. Ausländische Diplomaten und Botschafter haben mit Mohan Bhagwat vertrauliche Gespräche geführt. Der deutsche Botschafter hat sich sogar bis zum Hauptquartier der RSS in Nagpur aufgemacht, um seinen Respekt zu erweisen.

In Wahrheit sind die Dinge so weit gediehen, dass eine offene Kontrolle gar nicht mehr nötig ist. Mehr als vierhundert rund um die Uhr ausgestrahlte Fernsehnachrichtenkanäle, Millionen von WhatsApp-Gruppen und TikTok-Videos halten die Bevölkerung an einem Tropf mit wahnsinniger Bigotterie.

Im vergangenen November hat das Oberste Gericht Indiens entschieden, was ein Richter einen der wichtigste Fälle der Welt nannte. Am 6. Dezember 1992 hat in der Stadt Ayodhya ein hinduistischer Selbstjustizmob, organisiert von der BJP und der Vishwa Hindu Parishad - dem Welthindu-Rat – eine 460 Jahre alte Moschee bis auf den Grund abgefackelt. Sie behaupteten, dass diese Moschee, die Babri Masjid, auf den Ruinen eines Hindu-Tempels gebaut wurde, der den Geburtsort von Lord Ram markiert hatte. Mehr als 2.000 Menschen, meist Muslime, wurden bei der darauf folgenden kommunalen Gewalt getötet. In seinem jüngsten Urteil stellte das Gericht fest, dass die Muslime nicht nachweisen konnten, dass sie die Stätte ausschließlich und dauerhaft in ihrem Besitz hatten. Stattdessen übergab es das Gelände an einen von der BJP-Regierung zu gründenden Trust, der den Auftrag erhielt, darauf einen Hindu-Tempel zu bauen. Es gab Massenverhaftungen von Menschen, die das Urteil kritisiert haben. Die VHP hat sich geweigert, ihre früheren Erklärungen, dass sie sich anderen Moscheen zuwenden wird, zurückzuziehen. Dies kann eine endlose Kampagne sein - schließlich ist alles über etwas gebaut.

Mit dem Einfluss, den dieser immense Reichtum erzeugt, hat es die BJP geschafft, ihre politischen Rivalen zu kooptieren, aufzukaufen oder einfach zu vernichten. Der härteste Schlag ist auf die Parteien mit Einfluss unter den Dalit und anderen benachteiligten Kasten in den Nordstaaten Uttar Pradesh und Bihar gefallen. Viele ihrer traditionellen Wähler haben diese Parteien - die Bahujanische Samaj-Partei, Rashriya Janata Dal und die Samajwadi-Partei – verlassen und sind zur BJP abgewandert. Um dieses Kunststück zu vollbringen – und es ist nichts Geringeres als ein Kunststück – arbeitete die BJP hart daran, die Hierarchien innerhalb der Dalit und der benachteiligten Kasten, die ihr eigenes internes Universum der Hegemonie und Marginalisierung haben, auszunutzen und aufzudecken. Die überquellenden Kassen der BJP und ihr tiefes, listiges Verständnis von Kasten haben die konventionelle Wahlmathematik völlig verändert.

Nachdem sie sich die Stimmen der Dalit und der benachteiligten Kasten gesichert hat, macht die Privatisierungspolitik der BJP im Bildungswesen und öffentlichen Sektor die Errungenschaften, die durch positive Maßnahmen – in Indien als "Reservierung" bekannt – erzielt wurden, rasch wieder zunichte und drängt diejenigen, die zu den benachteiligten Kasten gehören, aus Arbeitsplätzen und Bildungseinrichtungen hinaus. Unterdessen zeigt das National Crime Records Bureau eine starke Zunahme von Gräueltaten gegen Dalits, einschließlich Lynchmorde und öffentliche Auspeitschungen. Im September dieses Jahres, als Modi von der Bill & Melinda Gates Foundation für den Bau von Toiletten geehrt wurde, wurden zwei Dalit-Kinder, deren Zuhause nur der Schutz einer Plastikplane war, zu Tode geprügelt, weil sie im Freien geschissen hatten. Einen Premierminister für seine Arbeit im Hygienebereich zu ehren, während Zehntausende von Dalits weiterhin als manuelle Aasfresser arbeiten und Menschen-Exkremente auf dem Kopf tragen, ist grotesk.

Was wir jetzt durchleben, ist neben dem offenen Angriff auf religiöse Minderheiten ein verschärfter Klassen- und Kastenkrieg.

Um ihre politischen Errungenschaften zu konsolidieren, besteht die Hauptstrategie der RSS und der BJP darin, ein lang anhaltendes Chaos im industriellen Maßstab zu erzeugen. Sie haben ihre Küche mit einem Set von Kochkesseln ausgestattet, die bei Bedarf schnell zum Kochen gebracht werden können.

Am 5. August 2019 hat die indische Regierung einseitig die grundlegenden Bedingungen der Beitrittsurkunde verletzt, mit der der ehemalige Fürstenstaat Jammu und Kaschmir 1947 den Beitritt zu Indien vereinbart hatte. Sie entzog Jammu und Kaschmir ihre Staatlichkeit und ihren Sonderstatus – zu dem auch das Recht auf eine eigene Verfassung und eine eigene Flagge gehörte. Die Auflösung der legalen Endität des Staates bedeutete auch die Auflösung von Abschnitt 35A der Verfassung Indiens, die den Einwohnern des ehemaligen Staates die Rechte und Privilegien sicherte, die sie zu Verwaltern ihres eigenen Territoriums machten. In Vorbereitung für diesen Schachzug flog die Regierung mehr als 80.000 Soldaten ein, um die bereits dort stationierten Hunderttausende zu ergänzen. In der Nacht des 4. August wurden Touristen und Pilger aus dem Kaschmir-Tal evakuiert. Schulen und Märkte wurden geschlossen. Um Mitternacht wurde das Internet abgeschaltet und die Telefone waren tot. In den folgenden Wochen wurden mehr als 4.000 Menschen verhaftet: Politiker, Geschäftsleute, Anwälte, Rechtsaktivisten, lokale Führungskräfte, Studenten und drei ehemalige Ministerpräsidenten. Die gesamte politische Klasse Kaschmirs, einschließlich derer, die Indien gegenüber loyal sind, wurde inhaftiert. [Meine Güte, wäre das in der Krim passiert, dann wären alle total ausgerastet. D. Ü.]

Die Abschaffung des Sonderstatus Kaschmirs, das Versprechen eines gesamtindischen Nationalen Bürgerregisters, der Bau des Ram-Tempels in Ayodya – all das sind die wichtigsten Gerichte in der Küche der RSS und BJP. Um nachlassende Leidenschaften wieder zu entfachen, brauchen sie nur einen Bösewicht aus ihrer Galerie auszuwählen und die Kriegs-Hund loslassen. Es gibt verschiedene Kategorien von Schurken – Pakistans Dschihadisten, Kaschmir-Terroristen, "Infiltratoren" aus Bangladesh oder einer der fast 200 Millionen indischen Muslime, die stets als Pakistan-Anhänger oder Verräter am Vaterland beschuldigt werden können. Jede dieser "Karten" wird als Geisel des anderen gehalten und oft dazu gebracht, für den anderen einzuspringen. Sie haben wenig miteinander zu tun und stehen sich oft feindselig gegenüber, weil ihre Bedürfnisse, Wünsche, Ideologien und Situationen nicht nur nachteilig sind, sondern sich am Ende gegenseitig existentiell bedrohen. Nur weil sie alle Muslime sind, muss jeder von ihnen die Folgen der Handlungen des anderen erleiden.

In zwei nationalen Wahlen hat die BJP nun gezeigt, dass sie auch ohne die "muslimische Stimmen" eine Mehrheit im Parlament gewinnen kann. Infolgedessen wurden indische Muslime effektiv entrechtet und werden zu den am meisten gefährdeten Personen – eine Gemeinde ohne politische Vertretung, ohne Stimme. Verschiedene Formen des bösartigen sozialen Boykotts drängen sie die wirtschaftliche Leiter hinunter und hinein in Ghettos aus Gründen physischer Sicherheit. Auch haben die indischen Muslime ihren Platz in den Mainstream-Medien verloren – die einzigen muslimischen Stimmen, die wir in Fernsehsendungen hören, sind die wenigen absurden, die ständig und bewusst dazu aufgefordert werden, die Rolle des primitiven Islamisten zu spielen, um die Dinge noch schlimmer zu machen, als sie es bereits sind. Abgesehen davon besteht die einzige akzeptable öffentliche Rede für die muslimische Gemeinschaft darin, ihre Loyalität gegenüber der indischen Flagge ständig zu wiederholen und zu demonstrieren. Während also die Kaschmiris, die aufgrund ihrer Geschichte und vor allem ihrer Geographie brutal behandelt werden, immer noch ein Rettungsboot haben - den Traum von Azadi, von Freiheit - müssen die indischen Muslime an Deck bleiben, um das kaputte Schiff zu reparieren.

(Es gibt noch eine andere Kategorie von "antinationalen" Schurken - Menschenrechtsaktivisten, Anwälte, Studenten, Akademiker, "Stadt-Maoisten" – die verleumdet, ins Gefängnis geworfen, in Rechtsfälle verwickelt, von israelischer Spyware bespitzelt und in mehreren Fällen ermordet wurden. Aber das ist ein ganz anderes Kartenspiel).

Der Lynchmord von Tabrez Ansari zeigt, wie kaputt das Schiff ist und wie tief die Fäulnis ist. Der Lynchmord ist, was man von den Vereinigten Staaten gut kennt, eine öffentliche Aufführung eines ritualisierten Mordes, bei dem ein Mann oder eine Frau getötet wird, um ihre Gemeinschaft daran zu erinnern, dass sie der Gnade des Mobs ausgeliefert ist. Und dass die Polizei, das Gesetz, die Regierung – ebenso wie die guten Menschen in ihren Häusern, die keiner Fliege etwas zuleide tun würden, die zur Arbeit gehen und sich um ihre Familien kümmern – alle Freunde des Mobs sind. Tabrez wurde diesen Juni gelyncht. Er war ein Waisenkind, aufgezogen von seinen Onkeln im Staat Jharkhand. Als Teenager ging er in die Stadt Pune, wo er eine Arbeit als Schweißer fand. Als er 22 wurde, kehrte er nach Hause zurück, um zu heiraten. Am Tag nach seiner Hochzeit mit dem 18-jährigen Shahista wurde Tabrez von einem Mob gefangen genommen, an einen Laternenpfahl gefesselt, stundenlang geschlagen und gezwungen, den neuen Hindu-Kriegsschrei "Jai Shri Ram" zu singen - Sieg für Lord Ram! Die Polizei nahm Tabrez schließlich in Gewahrsam, weigerte sich aber, dass seine verzweifelte Familie und seine junge Braut ihn ins Krankenhaus bringen. Stattdessen beschuldigten sie ihn, ein Dieb zu sein, und stellten ihn vor einen Richter, der ihn wieder in Gewahrsam nahm. Dort starb er vier Tage später.

In seinem neuesten Bericht, der Anfang des Monats veröffentlicht wurde, hat das National Crime Records Bureau sorgfältig Daten über Mafia-Lynchmorde ausgelassen. Nach Angaben der indischen Nachrichtenseite The Quint gab es seit 2015 113 Todesfälle durch die Gewalt des Mobs. Lynchmörder und andere Angeklagte in Hassverbrechen einschließlich Massenmord wurden mit öffentlichen Ämtern belohnt und von Ministern im Kabinett von Modi geehrt. Modi selbst, normalerweise geschwätzig auf Twitter, großzügig mit Beileid und Geburtstagsgrüßen, wird jedes Mal, wenn eine Person gelyncht wird, sehr still. Vielleicht ist es unvernünftig, von einem Premierminister zu erwarten, dass er jedes Mal einen Kommentar abgibt, wenn ein Hund unter die Räder eines Autos kommt. Zumal es so oft passiert.

Hier in den Vereinigten Staaten, am 22. September 2019 - fünf Tage nach Modis Geburtstagsfeier am Narmada-Staudamm - versammelten sich 50.000 indische Amerikaner im NRG-Stadion in Houston. Das dortige "Howdy, Modi!» – Event ist bereits zum Stoff für urbane Legende geworden. Präsident Donald Trump war so gütig, einem besuchenden Premierminister zu erlauben, ihn als besonderen Gast in seinem eigenen Land, seinen eigenen Bürgern, vorzustellen. Mehrere Mitglieder des US-Kongresses sprachen, ihr Lächeln allzu breit, ihre Körper in Anbiederungs-Haltung. Bei einem Crescendo aus Trommelwirbeln und wildem Jubel rief die anbetende Menge "Modi! Modi! Modi! Modi!" Am Ende der Show nahmen Trump und Modi sich bei der Hand und drehten eine Siegesrunde. Das Stadion explodierte. In Indien wurde der Lärm durch die Multi-Beschallung der Fernsehsender tausendfach verstärkt. "Howdy" wurde zu einem Hindi-Wort. Gleichzeitig ignorierten die Nachrichtensender die Tausende von Menschen, die vor dem Stadion protestierten.

Nicht alle die röhrenden 50 000 Menschen im Houston Stadium konnten das betäubende Schweigen von Kaschmir verdrängen. Jener Tag, der 22. September, war der 48. Tag der Ausgangssperre und Kommunikations-Blockade in dem Tal.

Wieder einmal hat Modi es geschafft, seine einzigartige Art der Grausamkeit in einem in der heutigen Zeit unerhörten Ausmaß zu entfesseln. Und wieder einmal hat es ihn bei seinem treuen Publikum beliebt gemacht. Als am 6. August das Gesetz zur Reorganisation von Jammu und Kaschmir im indischen Parlament verabschiedet wurde, gab es Feiern im gesamten politischen Spektrum. In den Büros wurden Süßigkeiten verteilt, und auf den Straßen wurde getanzt. Es wurde eine Eroberung gefeiert - eine koloniale Annexion, ein weiterer Triumph für die Hindu-Nation. Wieder einmal fiel der Blick der Eroberer auf die beiden urzeitlichen Eroberungs-Trophäen: Frauen und Land. Erklärungen von hochrangigen BJP-Politikern und patriotische Popmusikvideos, die Millionen Zuschauer erreichten, legitimierten diese Schamlosigkeit. Google Trends zeigte einen Anstieg der Suche nach den Phrasen "Heirate ein Kaschmir-Mädchen" und "Kauft Land in Kaschmir"

Es war nicht alles auf die rüpelhafte Suche bei Google beschränkt. In den Wochen nach der Belagerung genehmigte das Forest Advisory Committee 125 Projekte, die eine anderweitige Nutzung von Waldflächen vorsah.

In den ersten Tagen der Abriegelung kamen nur wenige Nachrichten aus dem Tal. Die indischen Medien erzählten uns, was die Regierung uns mitteilen wollte. Die stark zensierten Kaschmir-Papiere enthielten seitenweise Nachrichten über abgesagte Hochzeiten, die Auswirkungen des Klimawandels, die Erhaltung von Seen und Schutzzonen für wilde Tiere, Tips, wie man mit Diabetes leben kann und Mitteilungen auf den ersten Seiten der Regierung über die Vorteile, die Kaschmirs neuer, heruntergeschraubter legaler Status dem Volk in Kaschmir bringen würde. Diese «Vorteile» enthalten Projekte, die das Wasser von den Flüssen im Tal kontrollieren und regeln. Oder die Erosion, die von der Entwaldung gefördert wird, die Zerstörung des empfindlichen Himalaya-Ökosystems und die Plünderung von Kaschmirs wunderschönem natürlichem Reichtum durch indische Unternehmen.

Wirkliche Berichterstattung über das Leben der einfachen Leute kam vor allem von Journalisten und Fotografen, die für die internationalen Medien arbeiten – France-Presse, Associated Press, Al Jazeera, The Guardian, BBC, New York Times und Washington Post. Die Reporter, meist Kaschmiris, die in einem Informationsvakuum arbeiten, ohne eines der Werkzeuge, die den modernen Reportern normalerweise zur Verfügung stehen, reisten unter großer Gefahr für sich selbst durch ihr Heimatland, um uns die Nachrichten zu bringen. Und die Nachrichten handelten von nächtlichen Razzien, von jungen Männern, die zusammengetrieben und stundenlang geschlagen wurden, von ihren Schreien, die über Lautsprecher ausgestrahlt wurden, damit ihre Nachbarn und Familien sie hören konnten, von Soldaten, die in Häuser der Dorfbewohner eindrangen und Dünger und Kerosin in ihre Wintervorräte mischten. Es gab Nachrichten von Jugendlichen, deren Körper mit Gewehrkugeln gespickt waren, die zu Hause behandelt wurden, weil sie verhaftet werden würden, wenn sie in ein Krankenhaus gingen.. Nachrichten über von Hunderten Kindern, die mitten in der Nacht abgeholt wurden, von Eltern, die durch Verzweiflung und Angst geschwächt waren. Die Nachrichten handelten von Angst, Wut, Depression, Verwirrung, eiserner Entschlossenheit und glühendem Widerstand.

Innenminister, Amit Shah, sagte, dass die Belagerung nur in der Vorstellung der Menschen existierte; der Gouverneur von Jammu und Kaschmir, Satya Pal Malik, sagte, dass Telefonleitungen für die Kaschmiris nicht wichtig seien und nur von Terroristen benutzt würden; und der Armeechef, Bipin Rawat, sagte: "Das normale Leben in Jammu und Kaschmir wurde nicht beeinträchtigt. Die Menschen tun ihre notwendige Arbeit.... Diejenigen, die sich betroffen fühlen, sind diejenigen, deren Überleben vom Terrorismus abhängt." Es ist nicht schwer, herauszufinden, wen genau die indische Regierung als Terroristen betrachtet.

Stellen Sie sich vor, ganz New York City würde unter eine Informationssperre und eine Ausgangssperre gestellt, die von Hunderttausenden von Soldaten kontrolliert wird. Stellen Sie sich vor, die Straßen Ihrer Stadt wären mit Stacheldraht und Folterzentren übersät. Stellen Sie sich vor, wenn Mini-Abu Ghraibs in Ihren Vierteln auftauchen würden. Stellen Sie sich vor, dass Tausende von Ihnen verhaftet werden und Ihre Familien nicht wissen, wohin man Sie gebracht hat. Stellen Sie sich vor, dass Sie mit niemandem kommunizieren können - nicht mit Ihrem Nachbarn, nicht mit Ihren Lieben außerhalb der Stadt, mit niemandem in der Außenwelt - und das wochenlang zusammen. Stellen Sie sich vor, Banken und Schulen werden geschlossen, Kinder in ihre Häuser gesperrt. Stellen Sie sich vor, dass Ihre Eltern, Geschwister, Ihr Partner oder Ihr Kind sterben und Sie wochenlang nichts davon wissen. Stellen Sie sich die medizinischen Notfälle vor, die psychischen Notfälle, die rechtlichen Notfälle, die Knappheit an Essen, Geld, Benzin. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Tagelöhner oder ein Vertragsarbeiter, der wochenlang nichts verdient. Und dann stellen Sie sich vor, man würde Ihnen sagen, dass all das zu Ihrem eigenen Wohl sei.

Das Entsetzen, das die Kaschmiris in den vergangenen Monaten ertragen mussten, kommt zu dem Trauma eines 30 Jahre alten bewaffneten Konflikts hinzu, der bereits 70.000 Menschenleben gefordert und ihr Tal mit Gräbern bedeckt hat. Sie haben durchgehalten, während alles auf sie geworfen wurde - Krieg, Geld, Folter, massenhaftes Verschwinden, eine Armee von mehr als einer halben Million Soldaten und eine Verleumdungskampagne, in der die ganze Bevölkerung als mörderische Fundamentalisten dargestellt wurde.

Die Belagerung dauert nun schon mehr als vier Monate. Die Führer der Kaschmiri sind immer noch im Gefängnis. Man hat ihnen die Freilassung unter der Bedingung angeboten, dass sie sich bereit erklären, ein Jahr lang keine öffentlichen Erklärungen über Kaschmir abzugeben. Die meisten haben abgelehnt.

Jetzt wurde die Ausgangssperre gelockert, die Schulen wurden wieder geöffnet und einige Telefonleitungen wiederhergestellt. Es wurde "Normalität" erklärt. In Kaschmir ist Normalität immer eine Erklärung - ein Fiat, das von der Regierung oder der Armee ausgestellt wird. Sie hat wenig mit dem täglichen Leben der Menschen zu tun.

Bisher haben sich die Kaschmiris geweigert, diese neue Normalität zu akzeptieren. Die Klassenzimmer sind leer, die Straßen sind menschenleer und die Superapfelernte des Tals verrottet in den Obstgärten. Was könnte für ein Elternteil oder einen Bauern schwerer zu ertragen sein? Die bevorstehende Vernichtung ihrer Identität, vielleicht.

Die neue Phase des Kaschmir-Konflikts hat bereits begonnen. Militante haben gewarnt, dass von nun an alle Inder als legitime Ziele betrachtet werden. Mehr als zehn Menschen, meist arme, nicht-kaschmirische Wanderarbeiter, wurden getötet. (Ja, es sind die Armen, fast immer die Armen, die in die Schusslinie geraten.) Es wird hässlich werden. Sehr hässlich.

Bald wird all diese jüngste Geschichte vergessen sein, und wieder einmal wird es in den Fernsehstudios Debatten geben, die eine Gleichstellung zwischen den Gräueltaten der indischen Sicherheitskräfte und den militanten Kaschmiris herstellen. Sprechen Sie von Kaschmir, und die indische Regierung und ihre Medien werden Ihnen sofort was von Pakistan erzählen, indem sie bewusst die Missetaten eines feindlichen ausländischen Staates mit den demokratischen Bestrebungen der einfachen Menschen, die unter einer militärischen Besatzung leben, vermischen. Die indische Regierung hat deutlich gemacht, dass die einzige Option für die Kaschmiris die vollständige Kapitulation ist, dass keine Form des Widerstands akzeptabel ist – gewalttätig, gewaltlos, in Wort, Schrift oder Gesang. Doch die Kaschmiris wissen, dass sie, um zu existieren, Widerstand leisten müssen.

Warum sollten sie ein Teil von Indien sein wollen? Aus welchem irdischen Grund? Wenn Freiheit das ist, was sie wollen, dann ist Freiheit das, was sie haben sollten.

Das sollten auch die Inder wollen. Nicht im Namen der Kaschmiris, sondern um ihrer selbst willen. Die Gräueltat, die in ihrem Namen begangen wird, beinhaltet eine Form von Korrosion, die Indien nicht überleben wird. Kaschmir wird Indien vielleicht nicht besiegen, aber es wird Indien verzehren. In vielerlei Hinsicht hat es das bereits getan.

Das mag für die 50.000 Jubelnden im Houston-Stadion, die den ultimativen indischen Traum, es nach Amerika geschafft zu haben, ausgelebt haben, nicht so wichtig gewesen sein. Für sie mag Kaschmir nur ein müdes altes Rätsel sein, für das sie törichterweise glauben, dass die BJP eine dauerhafte Lösung gefunden hat. Gewiss, da sie selbst Migranten sind, sollten sie ein differenzierteres Verständnis für die Geschehnisse in Assam entwickeln. Oder vielleicht ist es zu viel verlangt von denen, die in einer Welt, die von Flüchtlings- und Migrantenkrisen zerrissen ist, die glücklichsten Migranten sind. Viele von denen im Stadion von Houston, etwa diejenigen, die ein extra Ferienhaus haben, haben wahrscheinlich auch eine US-Staatsbürgerschaft und einen Indien-Ausweis als Übersee-Bürger.

Das «Howdy, Modi!»Ereignis fand am 22. Tag statt, als beinahe 2 Millionen Menschen in Assam ihre Namen nicht auf der Einwohnerliste fanden.

Wie Kaschmir ist auch Assam ein Grenzstaat mit einer Geschichte vielfältiger Souveränitäten, mit Jahrhunderten der Migration, Kriegen, Invasionen, sich ständig verschiebenden Grenzen, britischem Kolonialismus und mehr als 70 Jahren Wahldemokratie, die die Bruchstellen in einer leicht entzündlichen Gesellschaft nur noch vertieft hat.

Dass die Sache mit der NRC überhaupt stattfand, hat mit der ganz besonderen Kulturgeschichte Assams zu tun. Assam gehörte zu den Gebieten, die die Burmesen nach dem ersten anglo-burmesischen Krieg 1826 an die Briten abgetreten haben. Zu dieser Zeit war es eine dicht bewaldete, dünn besiedelte Provinz, in der hunderte von Gemeinschaften - unter ihnen Bodos, Cachari, Mishing, Lalung, Ahomiya Hindus und Ahomiya Muslime - leben, die alle ihre eigene Sprache oder Sprachpraxis haben, jede mit einer organischen, wenn auch oft undokumentierten Beziehung zum Land. Wie ein Mikrokosmos Indiens war Assam schon immer eine Ansammlung von Minderheiten, die sich um Bündnisse bemühen, um eine ethnische und sprachliche Mehrheit herzustellen. Alles, was das vorherrschende Gleichgewicht veränderte oder bedrohte, wurde zu einem potentiellen Katalysator für Gewalt.

Die Saat für eine solche Veränderung wurde 1837 gesät, als die Briten, die neuen Herren von Assam, Bengali zur offiziellen Sprache der Provinz machten. Das bedeutete, dass fast alle Verwaltungs- und Regierungsposten von einer gebildeten, hinduistischen, bengalischsprachigen Elite übernommen wurden. Obwohl die Politik in den frühen 1870er Jahren umgekehrt wurde und Assamisch zusammen mit Bengali den offiziellen Status erhielt, verschob sich das Machtgleichgewicht auf ernsthafte Weise und markierte den Beginn eines fast zwei Jahrhunderte alten Antagonismus zwischen Assamesen und Bengali.

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten die Briten, dass das Klima und der Boden der Region für den Teeanbau förderlich sind. Da die Einheimischen nicht bereit waren, als Leibeigene in den Teegärten zu arbeiten, wurde eine Menge indigene Menschen aus Zentralindien rantransportiert. Sie unterschieden sich nicht von den Schiffsladungen indischer Zwangsarbeiter, die die Briten in ihre Kolonien in aller Welt transportierten. Heute machen die Plantagenarbeiter in Assam 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung des Staates aus. Schändlicherweise werden diese Arbeiter von den Einheimischen verachtet und leben weiterhin auf den Plantagen, der Gnade der Plantagenbesitzer ausgeliefert mit Sklavenlöhnen.

Ende der 1890er Jahre, als die Teeindustrie wuchs und die Ebenen des benachbarten Ostbengalens an die Grenzen ihres Anbaupotenzials stießen, ermutigten die Briten die bengalisch-muslimischen Bauern - Meister im Anbau in den reichen, schlammigen Flussebenen und den treibenden Inseln des Brahmaputra, bekannt als ‘chars’ – nach Assam auszuwandern. Für die Briten waren die Wälder und Ebenen von Assam, wenn nicht Terra nullius, dann Terra beinahe-nullius. Sie registrierten kaum die Anwesenheit der vielen Stämme Assams und verteilten die Ländereien frei an "produktive" Bauern, deren Produkte Gewinne für den britischen Fiskus erzielen würden. Die Migranten kamen zu Tausenden, fällten Wälder und verwandelten Sümpfe in Ackerland. Bis 1930 hatte die Migration sowohl die Wirtschaft als auch die Demographie von Assam drastisch verändert.

Die einzige Möglichkeit, die abgelegenen, halbnomadischen Siedlungen auf den sich verschiebenden, verschlammten ‘Char’-Inseln des Brahmaputra zu erreichen, ist durch oft gefährlich überfüllte Boote. Die etwa 2.500 Inseln sind vergängliche Gaben, die jeden Moment von dem legendär launischen Brahmaputra zurückgerissen und an einem anderen Ort in anderer Form wieder angeboten werden. Die Siedlungen auf ihnen sind vorübergehend, und die Behausungen sind nur Buden. Doch einige der Inseln sind so fruchtbar und die Bauern so geschickt, dass sie drei Ernten pro Jahr einbringen. Ihre Unbeständigkeit hat jedoch dazu geführt, dass es keine Landtitel, keine Entwicklung, keine Schulen und Krankenhäuser gibt.

Auf den weniger fruchtbaren Inseln, die ich Anfang des vergangenen Monats besuchte, überspült einen die Armut wie das dunkle, schlickreiche Wasser des Brahmaputra. Die einzigen Anzeichen von Modernität waren die hellen Plastiktüten mit Dokumenten, die ihre Besitzer - die sich schnell um Fremde versammelten, die sie besuchten - nicht lesen konnten, sondern immer wieder ängstlich ansahen, als ob sie versuchten, die verblassten Formen auf den verblassten Seiten zu entschlüsseln und herauszufinden, ob sie sie und ihre Kinder vor dem massiven neuen Gefangenenlager retten würden, von dem sie gehört hatten, dass es tief in den Wäldern von Goalpara errichtet wird. Man stelle sich eine ganze Bevölkerung von Millionen von Menschen wie diese hier vor, die so geschwächt, starr vor Angst und Sorge um ihre Dokumentation sind. Es ist keine militärische Besetzung, aber es ist eine Besetzung durch Dokumente. Diese Dokumente sind der wertvollste Besitz der Menschen, sie werden liebevoller betreut als jedes Kind oder Elternteil. Sie haben Überschwemmungen und Stürme und jede Art von Notstand überlebt. Ergraute, sonnengebrannte Bauern, Männer und Frauen, erfahren auf ihrem Land und den vielen Stimmungen des Flusses, benutzen englische Wörter wie "legacy document", "link paper", "certified copy", "re-verification", "reference case", "D-voter", "declared foreigner", "voter list", "refugee certificate" - als wären es Wörter ihrer eigenen Sprache. Das sind sie auch. Die NRC hat einen eigenen Wortschatz erzeugt. Der traurigste Ausdruck darin ist "echter Bürger".

In einem Dorf nach dem anderen erzählten die Menschen Geschichten über spätabendliche Aushänge, die sie auffordern, bis zum nächsten Morgen in einem zwei- oder dreihundert Kilometer entfernten Gericht zu erscheinen. Sie schilderten das Gerangel, dieFamilienmitglieder und ihre Dokumente zusammenzuholen, die verräterischen Fahrten in kleinen Ruderbooten über den rauschenden Fluss in pechschwarzer Dunkelheit, die Verhandlungen mit schlauen Schleusern am Ufer, die ihre Verzweiflung gerochen und ihre Preise verdreifacht hatten, die rücksichtslose Fahrt durch die Nacht auf gefährlichen Straßen. Die schockierendste Geschichte, die ich gehört habe, war die einer Familie, die in einem Pickup mit einem Baustellen-LKW kollidierte, der Fässer mit Teer transportierte. Die Fässer kippten um, und die verletzte Familie wurde mit Teer bedeckt. "Als ich sie im Krankenhaus besuchte", sagte der junge Aktivist, mit dem ich unterwegs war, "versuchte ihr junger Sohn, den Teer auf seiner Haut und die kleinen Steine, die darin eingebettet waren, abzukratzen. Er sah seine Mutter an und fragte: 'Werden wir jemals das Kala-daag [Stigma] des Fremdseins loswerden?'"

Und dennoch, trotz all dem, trotz der Vorbehalte gegenüber dem Prozess und seiner Umsetzung, wurde die Aktualisierung der Einwohnerliste von fast allen in Assam begrüßt (enthusiastisch von den einen, vorsichtig von den anderen), jeder aus seinen eigenen Gründen. Assamesische Nationalisten hofften, dass Millionen bengalischer Eindringlinge, sowohl Hindus als auch Muslime, endlich entdeckt und offiziell zu "Ausländern" erklärt würden. Die indigenen Stammesgemeinschaften hofften auf eine gewisse Entschädigung für das historische Unrecht, das sie erlitten hatten. Sowohl Hindus als auch Muslime bengalischer Herkunft wollten ihre Namen auf dem NRC sehen, um zu beweisen, dass sie "echte" Inder seien, damit der Kala Daag des "fremden" Seins ein für allemal zur Ruhe gelegt werden konnte. Und auch die Hindu-Nationalisten - jetzt in der Regierung in Assam - wollten Millionen von muslimischen Namen aus dem NRC gelöscht sehen. Alle hofften auf eine Art von Abschluss.

Nach einer Reihe von Aufschüben wurde die endgültige aktualisierte Liste am 31. August 2019 veröffentlicht. Es fehlten die Namen von 1,9 Millionen Personen. Diese Zahl könnte sich noch erhöhen durch eine Bestimmung, die es den Menschen - Nachbarn, Feinden, Fremden - erlaubt, Berufung einzulegen. Am Ende gab es mehr als 200.000 Einsprüche gegen den Entwurf.

Eine große Anzahl derer, die ihre Namen auf der Liste vermisst haben, sind Frauen und Kinder, die meisten von ihnen gehören zu Gemeinden, in denen Frauen in ihren frühen Teenager-Jahren verheiratet wurden, wodurch ihre Namen geändert wurden, was üblich ist. Sie haben keine "Link-Dokumente", die ihr Erbe zu belegen. Eine große Zahl sind Analphabeten, deren Namen oder Elternnamen im Laufe der Jahre falsch abgeschrieben wurden: ein H-a-s-a-n, der zu einem H-a-s-s-s-a-n wurde, ein Joynul, der zu Zainul wurde, ein Mohammad, dessen Name auf verschiedene Weise buchstabiert wurde. Ein kleiner Fehler und du bist raus. Wenn dein Vater gestorben ist, oder sich von deiner Mutter getrennt hat, wenn er nicht gewählt hat, nicht gebildet war und kein Land hatte, bist du draußen. Denn in der Praxis zählt das Erbe von Müttern nicht gezählt. Unter all den Vorurteilen, die bei der Aktualisierung des NRC im Spiel sind, ist vielleicht das größte von allen das eingebaute, strukturelle Vorurteil gegen Frauen und gegen die Armen. Und die Armen in Indien bestehen heute hauptsächlich aus Muslimen, Dalits und Stammesangehörigen.

Alle 1,9 Millionen Menschen, deren Namen vermisst werden, müssen sich nun an ein Ausländertribunal wenden. Zur Zeit gibt es 100 Ausländertribunale in Assam, und weitere 1.000 sind in Vorbereitung. Die Männer und Frauen, die ihnen vorstehen, die so genannten "Mitglieder" der Tribunale, halten die Schicksale von Millionen Menschen in ihren Händen, haben aber keine Erfahrung als Richter. Sie sind Bürokraten oder junge Juristen, die von der Regierung eingestellt und großzügig bezahlt werden. Wieder einmal sind Vorurteile in das System eingebaut.

Regierungsdokumente, auf die Aktivisten Zugriff hatten, zeigen, dass das einzige Kriterium für die Wiedereinstellung von Mitgliedern, deren Verträge ausgelaufen sind, die Anzahl der Einsprüche ist, die sie abgelehnt haben. Alle, die Berufung bei den Ausländergerichten einlegen müssen, müssen auch Anwälte einstellen, vielleicht Kredite aufnehmen, um ihre Gebühren zu bezahlen oder ihr Land oder ihre Häuser zu verkaufen, und sich einem Leben in Schulden und Armut ergeben. Viele haben natürlich kein Land oder Haus zu verkaufen. Einige haben Selbstmord begangen.

Nach der ganzen aufwendigen Übung und den Millionen von Rupien, die dafür ausgegeben wurden, sind alle Beteiligten im NRC bitter enttäuscht von der Liste. Die Migranten bengalischer Herkunft sind enttäuscht, weil sie wissen, dass rechtmäßige Bürger willkürlich ausgelassen wurden. Assamesische Nationalisten sind enttäuscht, weil die Liste die 5 Millionen angeblichen Infiltratoren", die sie zu entdecken erwarteten, bei weitem nicht ausschließt und weil sie das Gefühl haben, dass zu viele illegale Ausländer es auf die Liste geschafft haben. Und Indiens regierende Hindu-Nationalisten sind enttäuscht, denn es wird geschätzt, dass mehr als die Hälfte der 1,9 Millionen Nicht-Muslime sind. (Der Grund dafür ist ironisch. Bengalische muslimische Migranten, die so lange mit Feindseligkeiten konfrontiert waren, haben Jahre damit verbracht, ihre "Erbschaftspapiere" aufzuheben. Hindus, da sie weniger gefährdet sind, haben es nicht.)

Richter Gogoi ordnete die Versetzung von Prateek Hajela, dem Hauptkoordinator des NRC, an und gab ihm sieben Tage Zeit, Assam zu verlassen. Richter Gogoi hat keinen Grund für diese Anordnung angegeben.

Die Forderung nach einer neuen NRC hat bereits begonnen.

Wie kann man überhaupt versuchen, diese Verrücktheit zu verstehen, außer man wendet sich der Poesie zu? Eine Gruppe junger muslimischer Dichter, bekannt als die Miya-Poeten, begann, ihren Schmerz und ihre Erniedrigung in der Sprache zu schreiben, die ihnen am vertrautesten erschien, in der Sprache, die sie bis dahin nur in ihren Häusern verwendet hatten – die Miya-Dialekte Dhakaiya, Maimansingia und Pabnaiya. Eine von ihnen, Rehna Sultana, schrieb in einem Gedicht mit dem Titel "Mutter":
"Ma, ami tumar kachchey aamar porisoi diti diti biakul oya dzai".
Mutter, ich bin so müde, ich bin es leid, mich dir vorzustellen.

Als diese Gedichte gepostet und auf Facebook weit verbreitet wurden, wurde plötzlich eine private Sprache öffentlich. Und das alte Gespenst der Sprachpolitik erhob sich wieder. Gegen mehrere Miya-Dichter wurde Anzeige erstattet, weil sie die assamesische Gesellschaft verleumdet haben sollen. Rehna Sultana musste untertauchen.

Dass es in Assam ein Problem gibt, lässt sich nicht leugnen. Aber wie soll es gelöst werden? Wenn die Fackel des Ethno-Nationalismus einmal entzündet ist, kann man nicht wissen, in welche Richtung der Wind das Feuer tragen wird. Im neuen Bundesland Ladakh wurde dieser Status durch die Abschaffung von Jammu und Kaschmir gewährt – und besonders zwischen Buddhisten und schiitischen Muslimen schwelen Spannungen. In den Staaten im Nordosten Indiens haben sich bereits alte Gegensätze entzündet. In Arunachal Pradesh sind es die Assamesen, die unerwünschte Einwanderer sind. Meghalaya hat seine Grenzen zu Assam geschlossen und verlangt nun von allen "Außenstehenden", die länger als 24 Stunden bleiben, sich nach dem neuen Meghalaya Residents Safety and Security Act bei der Regierung zu registrieren. In Nagaland sind die 22 Jahre dauernden Friedensgespräche zwischen der Zentralregierung und den Naga-Rebellen wegen der Forderung nach einer separaten Naga-Flagge und einer eigenen Verfassung ins Stocken geraten. In Manipur haben Dissidenten, die über eine mögliche Einigung zwischen den Nagas und der Zentralregierung besorgt sind, eine Exilregierung in London angekündigt. Die indigenen Stämme in Tripura fordern eine eigene NRC, um die hindu-bengalische Bevölkerung zu vertreiben, die sie zu einer winzigen Minderheit in ihrer eigenen Heimat gemacht hat.

Weit davon entfernt, sich von dem Chaos und der Not, die durch Assams NRC geschaffen wurden, abschrecken zu lassen, trifft die Modi-Regierung Vorkehrungen, um es in den Rest Indiens zu importieren. Um die Möglichkeit zu verhindern, dass Hindus und andere Unterstützer in die Komplexität des NRC verwickelt werden, wie es in Assam geschehen ist, hat man einen neuen Gesetzentwurf zur Änderung der Staatsbürgerschaft erstellt. (Nach der Verabschiedung im Parlament ist es nun das Citizenship Amendment Act). Er besagt, dass alle nicht-muslimischen "verfolgten Minderheiten" aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan – also Hindus, Sikhs, Buddhisten und Christen – in Indien Asyl erhalten sollen. Standardmäßig wird die CAB sicherstellen, dass diejenigen, denen die Staatsbürgerschaft entzogen wird, nur Muslime sind.

Bevor dieser Prozess beginnt, ist geplant, das nationale Bevölkerungsregister zu aktualisieren. Dies wird eine Tür-zu-Tür-Befragung beinhalten, bei der die Regierung zusätzlich zu den Basisdaten der Volkszählung plant, ihre Sammlung von Iris-Scans und anderen biometrischen Daten zu ergänzen. Es wird die Mutter aller Datenbanken sein.

Die Vorarbeiten haben bereits begonnen. In einer seiner ersten Amtshandlungen als Innenminister hat Amit Shah eine Mitteilung herausgegeben, die es den Regierungen der Bundesstaaten in ganz Indien erlaubt, Haftanstalten & Ausländertribunale einzurichten, die mit Beamten besetzt werden ohne Rechtserfahrung, die aber mit drakonischen Befugnissen ausgestattet werden. Die Regierungen von Kamataka, Uttar Pradesh und Haryana haben bereits mit der Arbeit begonnen. Wie wir gesehen haben, entstand das NRC in Assam aus einer ganz besonderen Geschichte. Es auf ganz Indien auszudehnen, ist reine Bosheit. Die Forderung nach einem neuen Register ist bereits 40 Jahre alt. Dort haben die Menschen ihre Dokumente seit mehr als 50 Jahren gesammelt und gut aufbewahrt. Wieviele Menschen in Indien können «gesetzliche Dokumente» vorweisen? Vielleicht nicht einmal unser Premierminister, dessen Geburtsdaten, Universitätsgrad und Ehestatus alle Gegenstand nationaler Kontroverse gewesen sind.

Uns wird gesagt, dass der indische NRCeine Maßnahme ist, um mehrere Millionen "Infiltratoren" – «Termiten", wie unser Innenminister sie gerne nennt – aus Bangladesh aufzuspüren.

Was stellt er sich vor, wie sich eine solche Sprache auf die Beziehung Indiens zu Bangladesch auswirken wird? Nochmal, es wird mit Phantomzahlen um sich geworfen, die in die zweistellige Millionenhöhe gehen. Es besteht kein Zweifel, dass es in Indien sehr viele Arbeiter ohne Papiere aus Bangladesch gibt. Es besteht auch kein Zweifel daran, dass sie eine der ärmsten und am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen des Landes bilden. Jeder, der behauptet, an den freien Markt zu glauben, sollte wissen, dass er eine freie Stelle in der Wirtschaft nur dann ausfüllt, wenn er Arbeit tut, die andere nicht tun, für Löhne, die niemand sonst akzeptiert. Sie machen eine ehrliche Tagesarbeit für einen ehrlichen Tageslohn. Sie sind nicht die Unternehmensschwindler, die das Land zerstören, öffentliche Gelder stehlen oder die Banken in den Bankrott treiben. Sie sind nur ein Köder oder ein Trojanisches Pferd für das eigentliche Ziel der RSS, ihre historische Mission.

Der eigentliche Zweck eines gesamtindischen NRC, gekoppelt mit der CAB, ist die Destabilisierung und Stigmatisierung und Bedrohung, der indischen Muslim-Gemeinden, insbesondere der ärmsten unter ihnen. Sie soll eine ungleiche, gestaffelte Gesellschaft formalisieren, in der eine Gruppe von Menschen keine Rechte hat und der Gnade oder dem guten Willen einer anderen Gruppe ausgeliefert wird – ein modernes Kastensystem, das neben dem alten bestehen wird, in dem die Muslime die neuen Dalits sind. Nicht fiktiv, sondern tatsächlich. Rechtlich gesehen. An Orten wie Westbengalen, wo die BJP auf einem aggressiven Übernahmeplan besteht, haben die Selbstmorde bereits begonnen.

Hier ist M.S. Golwalkar, der oberste Führer der RSS im Jahr 1940, der in seinem Buch ‘Wir oder Unsere Nation’ definiert:
‘Seit jenem bösen Tag, als die Muslime zum ersten Mal in Hindustan landeten, bis zum heutigen Tag kämpft die Hindu-Nation tapfer, um es mit diesen Plünderern aufzunehmen. Der Rassengeist ist erwacht.
In Hindustan, dem Land der Hindus, lebt und sollte die Hindu-Nation leben...
Alle anderen sind Verräter und Feinde der Nationalen Sache, oder wohlmeinend ausgedrückt, Idioten... Die ausländischen Rassen in Hindustan... dürfen im Land bleiben, aber der Hindu-Nation völlig untergeordnet, ohne Ansprüche, ohne Privilegien, noch weniger irgendeine Vorzugsbehandlung - nicht einmal die Bürgerrechte.’

Er fährt fort:

‘Um die Reinheit seiner Rasse und Kultur aufrechtzuerhalten, schockierte Deutschland die Welt, indem es das Land von den semitischen Rasse - den Juden - reinigte. Rassenstolz in seiner höchsten Form hat sich dort manifestiert, eine gute Lektion für uns in Hindustan, von der wir lernen und profitieren können.’

Wie übersetzt man das in moderne Begriffe? Zusammen mit dem Bürgerergänzungsgesetz ist das national-Register die indische Version der deutschen Nürnberger Gesetze von 1935, durch die die deutsche Staatsbürgerschaft nur denjenigen vorbehalten war, die von der Regierung des Dritten Reiches Einbürgerungspapiere - Legacy Papers - erhalten hatten. Die Gesetzesänderung gegen Muslime ist die erste dieser Art. Andere werden ohne Zweifel folgen, gegen Christen, Dalits, Kommunisten - alles Feinde der RSS.

Die Ausländertribunale und KZs, die bereits in ganz Indien schon bereit stehen, sind im Moment vielleicht nicht dafür gedacht, Hunderte von Millionen Muslimen aufzunehmen. Aber sie sollen uns daran erinnern, dass nur Hindus als Indiens echte Ureinwohner gelten und diese Papiere nicht brauchen. Selbst die 460 Jahre alte Babri Masjid hatte nicht die richtigen Papiere. Welche Chance hätte ein armer Farmer oder ein Straßenverkäufer?

Das ist die Verruchtheit, die die 50.000 Menschen im Houston-Stadion bejubelten. Das ist es, was den Präsidenten der Vereinigten Staaten mit Modi verbunden hat, um ihn zu unterstützen. Es ist das, was die Israelis als Partner wollen, mit dem die Deutschen Handel treiben wollen, an das die Franzosen Kampfjets verkaufen wollen und das die Saudis finanzieren wollen.

Vielleicht kann der gesamte Prozess des All-India NRC privatisiert werden, einschließlich der Datenbank mit unseren Iris-Scans. Die Arbeitsmöglichkeiten und die damit verbundenen Gewinne könnten unsere sterbende Wirtschaft wiederbeleben. Die Gefangenenlager könnten von den indischen Äquivalenten von Siemens, Bayer und IG Farben gebaut werden. Es ist nicht schwer zu erraten, welche Konzerne das sein werden. Selbst wenn wir das Zyklon B Stadium nicht erreichen, kann man viel Geld verdienen.

Wir können nur hoffen, dass sich eines Tages die Straßen Indiens mit Menschen füllen werden, die erkennen, dass das Ende nah ist, wenn sie nicht handeln.

Wenn das nicht geschieht, betrachten Sie diese Worte als Andeutungen eines Endes von einem, der diese Zeiten durchlebt hat.

Arundhati Roy studierte Architektur in Neu Delhi, wo sie heute lebt. Sie ist die Autorin der Romane Der Gott der kleinen Dinge, für die sie 1997 den Booker Prize erhielt, und The Ministry of Utmost Happiness. Eine Sammlung ihrer Essays aus den letzten 20 Jahren, My Seditious Heart, wurde kürzlich bei Haymarket Books veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei "The Nation" veröffentlicht -


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Quelle - källa - source

Kommentare:

  1. Alle Volksgruppen lassen sich integrieren. Nur die Muslime nicht. Denen steckt das Messer, die Gewalt und der Terror in der Hirnhaut.
    Mit der Beschneidung geben auch, wie die Juden, die Muslime jegliche Art von Menschlichkeit ab.

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  2. Und was ist unter deiner Hirnhaut? Ein großes Loch. Deswegen wirst du genau so blöde sterben, wie du geboren wurdest.

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  3. Oreus ist nur einer von den hirntoten Rechten, die genau diese Zusammenhänge nicht verstehen oder lesen. Vielleicht sollte man ihm einen Köder hinwerfen = Oreus wenn diese stupiden Kriege und der Rassismus aufhören, denn kommen keine Flüchtlinge mehr, also tu was für dein Land hop hop.

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