Samstag, 6. Juni 2020

Die Befreiung des amerikanischen Volkes



Gilad Atzmon
6. Juni 2020
Aus dem Englischen: Einar Schlereth


Ich bin ein Jazz-Musiker. Ich habe mein ganzes erwachsenes Leben dem Studium der schwarzamerikanischen Musik und Kultur gewidmet. Jazz ist mit Sicherheit der wichtigste und vielleicht der einzige bedeutendste amerikanische Beitrag zur Weltkultur. Und die nächste Frage ist, wo steht der amerikanische Jazz jetzt? Warum haben die Schwarz-Amerikaner das Interesse an ihrer eigenen phantastischen Schöpfung verloren?

Eine Antwort ist, dass der Jazz aus dem Widerstand hervorgegangen ist. Er wurde getrieben von der Missachtung des ‘Amerikanischen Traums’: satt dem Mammon nachzujagen, dem Reichtum und der Macht, haben unsere schwarzen Gründungsväter ihr Leben der Sache der Schönheit gewidmet. Sie haben sich buchstäblich selbst umgebracht auf der Suche nach neuen Stimmen, Klängen, Farben. Sie hinterließen uns ein goßes Erbe, aber ihr Nachwuchs wechselen zu neuen künstlerischen Bereichen wie Hip Hop und Rap.

Für die Leute, die Jazz zu einer Kunstform machten, war Musik ein revolutionärer Geist. Für Bird bedeutete ‘Now’s the Time’, dass die Zeit reif für eine soziale Veränderung war. Für John Coltrane bedeutete ‘Alabama’ die angemessene Antwort auf die Bombe des KuKluxKlan auf die Baptistenkirche, wobei vier afro-amerikanische Mädchen getötet wurden.
Coltrane spielt ‘Alabama’
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Wenn Jazz etwas bedeutete, dann bestimmt nicht die Sprache der Opferrolle. Ganz im Gegenteil war Jazz eine Botschaft der Herausforderung: alles, was ihr könnt, können wir, das Volk der Schwarzen, besser. Und das ist die Wahrheit; niemandem gelang es, besser als Trane, Bird, Miles, Elvin, Sonny, Blakey, Duke, Ella und viele andere zu spielen. Diese Künstler bettelten nicht darum, dass Wall Street sie bezahlt, sie baten nicht andere darum, ihrem Kampf beizutreten, sondern sie ließen uns andere bitten um ihre Schönheit, ihre Kunst und ihren Geist, um uns zu erleuchten und zu befreien. Es dauerte nicht lange, dass die amerikanische Elite merkte, dass Jazz der beste Botschafter Amerikas in der ganzen Welt war. Und all das geschah, während die Schwarz-Amerikaner Gegenstand der Apartheid waren, besonders im Süden. Es wäre durchaus richtig zu glauben, dass die Verwandlung des Jazz in die ‘Stimme Amerikas’ der bedeutendste Faktor bei der Befreiung des Schwarzen Südens war.

Traurigerweise verlor der Jazz seine Seele vor ein oder zwei Jahrzehnten. Er wurde aus einer Stimme des Widerstands zu etwas, das nach und nach in eine ‘akademische Angelegenheit’, ein ‘System des Wissens’ reduziert wurde. Heutzutage sind viele junge Jazzmusiker “Musikhochschul-Absolventen”. Sie mögen sehr schnell und ausgefeilt sein, aber sie haben wenig zu sagen. In den meisten Fällen ziehen sie es vor, nichts zu sagen. Manche glauben vielleicht, etwas zu sagen würde ihren ‘künstlerischen Zielen’ schaden, indem der Unterschied zwischen Kunst und Politik verwischt wird. Ich fürchte, sie haben Unrecht. Damit Jazz eine sinnvolle Form wird, sollte er besser durch und durch revolutionär sein. Der Jazz ist in erster Linie der Klang der Freiheit.

Seit geraumer Zeit sind wir Zeuge geworden, dass der Jazz in eine bedeutungslose technische Übung herabgesunken ist. Der Jazz ist für uns gestorben. Hat dieser künstlerische Niedergang den Kollaps der amerikanischen Zivilisation vorweggenommen und Amerikas Selstverständnis von einer ‘freien Gesellschaft’?
Warum starb der Jazz? Weil die Schwarz-Amerikaner ihr Interesse an ihrer ursprünglichen Kunstform verloren haben. Warum verloren sie das Interesse? In erster Linie, weil ihre Kunst, wie alle anderen Aspekte der amerikanischen Kultur, die Finanzen, Medien, Geist und Träume besetzt wurden.

Gemeinsam mit anderen Jazz-Künstlern und Humanisten hasse ich Rassismus in allen Formen. Ja, ich möchte, dass die Menschen ihre Eigenheiten feiern. Ich gehöre zu den Typen, die möchten, dass die Deutschen wieder Philosophie schreiben und Symphonien komponieren. Ich will sehen, dass die Menschen ihre eigenen einzigartigen Kulturen zelebrieren, solange sie es nicht auf Kosten anderer tun. Mehr als allles andere möchte ich, dass die schwarzen Menschen stolz daauf sind, was sie sind. Ich möchte, dass sie uns wieder auf den Weg der Schönheit führen, mit dem sie uns mehr als irgendein anderes Volk vertraut machten. Ich hoffe, dass Schwarz-Amerika uns einen jungen Trane, einen neuen aufsteigenden Bird, eine neue Sarah Vaughan, einen Miles-Charakter geben wird. Ich möchte erleben, dass Schwarz-Amerikaner uns mit ihren Talenten hypnotisieren, ihre Größe zelebrieren. Ich möchte, dass sie wieder die Amerikanischen Botschafter werden, statt die Opfer von Amerikas Missbrauch. Ich nehme an, dass, anstatt amerikanische Soldaten loszuschicken, um andere Völker in kriminellen Neocon-Kriegen zu befreien, die Zeit reif ist, dass Amerika sich selbst befreit.
Schaut meinen Blogg ‘Liberating the American People’ an

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