Freitag, 30. März 2012

INDIEN: GMOs und der Premierminister



Eine falsche Technologie mit so hohen sozialen und ökologischen Risiken im Namen der 'Wissenschaft' dem Volk aufzuzwingen, ist anti-wissenschaftlich und anti-demokratisch.

von Vandana Shiva
am 28. Märy 2012
Dr. Vandana Shiva

In einem Interview mit dem Journal 'Science' (24. Febr. Ausgabe) hat sich Premier Manmohan Singh auf zwei risikoreiche Technologien konzentriert – genetisch verändertes Saatgut und Feldfrüchte in der Landwirtschaft und Atomenergie – als grundlegend für den Fortschritt der Wissenschaft in Indien und die „Rettung für das Auffinden eines sinnvollen neuen Weges der Entwicklung unserer Wirtschaft“. Er sprach auch über vom Ausland finanzierte NGOs, die diese Entwicklung blockierten.
Was Dr. Singh in dem Intrview sagte, betrübte mich, weil er jeden Kontakt sowohl mit der Wissenschaft als auch mit dem Volk verloren zu haben scheint, dessen Willen er vorgeblich in einer Demokratie zu repräsentieren hat. Die Stimmen der Bürger in Indien als 'ausländisch' und gedankenlos zu bezeichnen, ist eine Beleidigung der Demokratie, des Volkes von Indien und der wissenschaftlichen Gemeinde. Die wissenschaftliche Gemeinde hat die Aufgabe, die Wissenschaft im öffentlichen Interesse zu entwickeln und die Sicherheits-Aspekte risikoreicher Technologien zu verstehen wie die nukleare und genetische Ingenieurskunst.
Dr. Singhs Erklärungen trivialisierten auch den Regulierungsrahmen für Bio- und Atomsicherheit. Die Biotechnologie und die Atomwissenschaft haben Sicherheitsimplikationen im Kontext mit der Gesundheit der Umwelt und der Öffentlichkeit. Wir haben nationale und internationale Gesetze für Biosicherheit im Kontext mit genetisch veränderten Organismen (GMOs) und Atomsicherheit im Kontext mit Atomenergie und Dr. Singh sollte gesetzlich an diesen Rahmen gebunden sein. Die Debatte über die Sicherheit ist grundlegend für unsere Wissenschaft, unsere Demokratie und unsere ökologische Nahrung und Gesundheitssicherheit.
Dr. Singh führt die Nation in die Irre, indem er so tut, als ob die Stimmen, die zu Vorsicht mahnen, nur die von „vom Ausland finanzierten NGOs“ seien. Die wichtigste Stimme zur Biosicherheit ist die von Dr. Pushpa Bhargava, der Vater der Molekularbiologie in Indien und vom Obersten Gericht ernannt für das Kontrollkomitee für GMOs, die gesetzliche Behörde, die laut dem  Umweltschutzgesetz von 1989 über die Biosicherheit der GMOs wacht. Die wichtigste Stimme für Atomsicherheit ist die von Dr. A. Gopalakrishnan, der frühere Vorsitzende des Vorstands der Atomenergiebehörde. Dr. Singh sollte auf diese wichtigen Experten für die Entwicklung einer verantwortlichen und demokratischen Wissenschaft hören, statt einen Buhmann von „ausländischer Einmischung“ aufzubauen und eine Hexenjagd auf Bürgergruppen zu starten, die das eigentliche Blut und Leben einer Demokratie sind.
Der Angriff auf Bewegungen, die sich mit Sicherheitsfragen der GMOs und Atomenergie befassen, muss im weiteren Kontext der riesigen Gelder ausländischer Unternehmen gesehen werden, die auf GMOs und Atomkraftwerke drängen. Dr. Singh hat deren Druck nachgegeben und hat Indiens Nahrungs- und Energie-Souveränität geopfert. Er hat das Indo-US-Abkommen für zivile Atomnutzung unterzeichnet, dem auch das Parlament zugestimmt hat, aber lediglich durch den „Geld-für-Stimmen“ Skandal. Dr. Singh hat auch die Indo-US-Landwirtschafts-Initiative unterzeichnet, die Indiens Nahrungs- und Landwirtschaftssysteme in die Hände von globalen Unternehmen wie Monsanto, Cargill und Walmart legen will. Aber das Drängen auf Direktinvestitionen im Detailhandel (FDI) ist vom Parlament abgelehnt worden.
Die jüngsten Wahlen in Uttar Pradesh und anderen Teilstaaten zeigen, dass das Volk diese Politik der UPA (regierende Partei), die die Interessen der globalen Unternehmen im Auge hat und gleichzeitig auf dem Auskommen und den demokratischen Rechten des Volkes herumtrampelt, ablehnt.
Wir haben uns immer noch nicht erholt von dem ungeheuren Preis, die wir bezahlen mussten, als unsere Saat-Souveränität für Baumwolle nach dem Auftritt von Monsanto zerstört wurde: die Saatkosten stiegen um 8000%, der Preis für Pestizide stieg bei gleichzeitigen Missernten und Zunahme der Verschuldung der Bauern. Und mit den Schulden kamen die Epidemie der Bauernselbstmorde. Heute ist 95% unserer Baujmwollsaat im Besitz und wird eingesammelt von Monsanto durch Lizenz-Abkommen mit 60 indischen Saatgesellschaften.
Dr. Singh spricht von dem „doppelten Pech“ der Krankheiten, aber bezeichnet es als eine „Glücksfall“. Er spricht jedoch nicht von dem „doppelten Pech“ der Nahrungs- und Landwirtschafts-Krise – 250 000 Bauern haben Selbstmord begangen und die Hälfte aller indischen Kinder sind unterernährt. Die GMOs sind bei diesem doppelten Pech keine Lösung. Sie verschärfen und vertiefen die Schuldenkrise, die in Verbindung steht mit kapitalintensiver, nicht-nachhaltiger Landwirtschaft, die auf dem Saatmonopol beruht, das wiederum Nahrungssysteme zerstört, die nahrreiche Nahrung produzieren. Die Lösung der Bauernselbstmorde und Kinderunterernährung liegt in der Agro-Ökologie und der Entwicklung von ökologisch intensiver, billiger Agrikultur, die die Produktion von nahrhafter Nahrung erhöht, wie wir in dem Navdanya-Bericht mit dem Titel „Gesundheit pro Acre (=¼ ha)“ gezeigt haben.
Der Navdanya-Bericht „Der GMO-Kaiser hat keine Kleider“ liefert empirische Beweise über die GMO-Erträge. Die GMOs haben versagt, die Erträge zu steigern oder den Verbrauch von Pestiziden zu verringern. Die Häufigkeit von Ungeziefer und Unkraut ist auch nicht gesunken. Die GMOs haben im Gegenteil die Verwendung von Chemikalien erhöht und haben zum Auftauchen von Super-Schädlingen und Super-Unkraut geführt.
Eine verfehlte Technologie mit extrem hohen sozialen und ökologischen Kosten Indien auf undemorkatische Weise aufzuzwingen im Namen der „Wissenschaft“, ist anti-wissenschaftlich und anti-demokratisch. Das ist anti-Wissenschaft, weil wirkliche Wissenschaft auf den neuen Disziplinen von Agro-Ökologie und der Epigenetik beruht und keineswegs auf der obsoleten Idee von genetischem Determinismus und genetischem Reduktionismus. Die neueste Energie- Wissenschaft ist erneuerbare Energie und nicht die Atomenergie.
Der Premierminister wird unter dem Einfluss von globalen Multis vor nichts halt machen, um die Saat-, Nahrungs- und Energiesouveränität der Nation zu vernichten, und auch die Gesundheit und die Ernährungssicherheit. Sein Angriff auf die NGOs sollte im Zusammenhang mit dem Angriff auf den gesetzlichen Rahmen für Biosicherheit in Indien gesehen werden. Es ist ein Versuch, die Biosicherheitsregeln abzuschaffen und sie mit der Regelungsbehörde von Indien für Biotechnologie (BRAI) zu ersetzen, die die Einzelstaaten der Macht berauben wird, die sie laut Verfassung und den gegenwärtigen Biosicherheitsgesetzen haben. Doch 13 Staaten haben Bt brinjal (genetisch veränderte Auberginen) gestoppt. Das Moratorium für Bt brinjal den NGOs, die „von den USA und Skandinavien bezahlt werden“ zur Last zu legen, heisst die Bedenken der Staaten beiseitezuwischen. Die vorgeschlagene BRAI wird die Bürger auch des Rechts auf Gerechtigkeit und Biosicherheit berauben, indem sie keine Gerichte anrufen dürfen. Die Multis werden von Kontrollen befreit und die Bürger werden kontrolliert.
Dr. Singhs Angriff auf die NGOs ist Teil des größeren Angriffs auf die Demokratie und die Rechte des Volkes, um auf undemokratische Weise die Multis in den vitalen Sektoren der Nahrung und Energie zu befördern.
Die Debatte über die Genmanipulation und Atomenergie ist ein Testfall für den intensiven Konflikt zwischen der Herrschaft der Multis und der Demokratie, zwischen korporativer Wissenschaft, die auf Risiken setzt und der öffentlichen Wissenschaft, die Sicherheit fordert. Es ist ein Wettkampf zwischen Wissenschaft und Demokratie einerseits und Propaganda und Diktatur andererseits.


Vandana Shivas Webseite ist hier.

Kommentare:

  1. 250.000 Bauern, die Selbstmord begangen haben - hätte "nur" jeder zehnte gesagt, wenn schon, denn schon und mindestens einen Abgeordneten oder Monsantovertreter mitgenommen, wäre Indien heute schöner und gerechter.

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  2. Mit der Politik Indiens habe ich mich bisher, wenn überhaupt, dann nur am Rande beschäftigt.
    Aufgefallen ist mir, und nicht nur mir, allerdings das seltsame Verhalten Manmohan Singhs.
    Entweder ist er dauerstoned oder er ist die geborene Schlaftablette.
    Selten sie man Menschen, die sich derart teilnahmslos, roboterhaft verhalten.
    Welchen Knall er nun nicht gehört hat weiß ich nicht. Aber mit Gewissheit sind es einige.

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