Samstag, 14. Januar 2012

Japan: „Atomkraft Goodbye!“ Die Gewerkschaften werfen ihr Gewicht ihinter die zunehmenden Proteste

Diese Nachricht nenne ich deshalb gut, weil ich und auch Freunde manches Mal sagten, was ist nur mit den Japanern los. Die lassen sich wohl alles gefallen. Ja, von wegen. Unsere unabhängigen, objektiven und so wahrheitsliebenden Medien haben uns dies alles nur verschwiegen. Dreimal darf man raten, wer wohl dahintergesteckt hat. In Wirklichkeit ist der Teufel los in Japan. Und wie wir sehen, liegt dieser Höhepunkt mit einer Massendemonstration schon wieder über drei Monate zurück. Es braucht also einzelne mutige Menschen, wirkliche Nachrichten zusammenzustellen und in die Welt zu schicken. Danken wir also Jason Combs.
anti-AKW Demo in Shinyuko/Tokyo
von Jason Combs
am 11. Januar 2012
Am 19. September 2011 versammelten sich 60 000 Menschen in Tokyos Meiji Park mit einem „Goodbye, Atomkraftwerke!“ Diese Demo war die größte seit den Protesten 1060 gegen das US-Japan Streitkräfte-Abkommen, ein Militärpakt, der Japan fest an die US-KalteKriegs-Politik band.
Unter den Marschierern fanden sich Mütter aus dem Distrikt Fukushima, Gewerkschaftler aus und dem Umkreis der großen Gewerkschaften, Mitglieder der Oppositionsparteien, Umweltschützer, Studenten, Anti-Kriegs-Aktivisten und religiöse Demonstranten. Aus Fukushima kamen ganze Busladungen und sogar obdachlose Arbeiter aus Osaka, die als Tagelöhner angeheuert wurden, um atomaren Mist wegzuräumen.
Massendemo am 19. September 2011
Polizei hielt den Marsch stundenlang auf, hielt Tausende auf engstem Raum zusammengesperrt ohne Zugang zu Wasser oder Toiletten und hofften, dass die Leute aufgäben und nachhausegingen. Aber die Demonstranten gaben nicht auf.

Eine Katastrophe, die immer größer wird

Monate sind vergangen seit der großen Katastrophe. Warum sind die Leute böse?
Die Situation in Fukushima ist immer noch kritisch. Die Reaktoren liegen immer noch offen da und TEPCO pumpt weiterhin Wasser direkt auf die Brennstäbe, das verdampft und an die Luft Radioaktivität abgiebt. Es ist immer noch kein geschlossenes Kühlsystem installiert worden.
Die Strahlung hat das Wasser, die Luft und die Nahrung verseucht. Kinder, die besonders anfällig für Strahlung sind, essen verseuchte Nahrung in den Schulen von Fukushima. Was hat die Regierung getan? Sie hat für Kinder das Strahlungsniveau heraufgesetzt!
Die Strahlung hat bei 45% der Kinder in dem 20 km Evakuierungs-Umkreises gefährliche Ausmaße angenommen. Beinahe 10% zeigen bereits Anzeichen von Thyreoidal-Unregelmäßigkeiten, was das Krebsrisiko erhöht. Gewerkschaften und Eltern in Fukushima und anderswo sagen den Schulvorstehern und Erziehungsbehörden wütend ihre Meinung.
Die Leute sind wütend, weil die Regierungsbehörden atomare Sicherheit versprachen und logen. Sie akzeptierten überholte Werke und verheimlichten Sicherheits-Übertretungen, hielten Informationen über die Kernschmelze viele Tage lang zurück, haben die Evakuierung schlecht durchgeführt und ignorieren immer noch die Sicherheit und die Wohlfahrt der Menschen. Die Leute beginnen zu begreifen, dass die Situation schlimmer war und ist, als die Regierung zugeben will.
Laut Naoto Kan, dem damaligen Premier, wollte Tepco mitten in der Kernschmelze einfach aufgeben, was er aber verboten hat. Stattdessen entwarf die Regierung für den schlimmsten Fall Evakuierungspläne für die 30 Millionen des gesamten Gebietes von Tokyo. Kan gab zu, dass in einem solchen Szenario Japan aufgehört hätte, als Staat zu funktionieren.
Bevor Kan zurücktrat, hat er noch rasch ein Gesetz durchgebracht, das die Entwicklung von erneuerbaren Energien fördern soll. Aber der jetzige Premier Yoshihiko Noda hat seine Abgesicht angekündigt, der Atomindustrie unter die Arme zu greifen und Japans Reaktoren wieder in Gang zu bringen.
Heute leben 34 % aller Familien wegen der Evakuierung immer noch getrennt. Es gibt keine genauen Statistiken, weil viele Leute in aller Eile aufgebrochen sind, ohne sich bei den Behörden zu registrieren. Konservative Schätzungen sprechen von 55 000 Menschen, die in anderen Präfekturen leben und über 100 000 Menschen in anderen Teilen von Fukushima, die nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren wollen.
Die Notunterkünfte, die gleich nach der Katastrophe geschaffen wurden, sind im wesentlichen im Juni geräumt worden. Der Winter naht und viele Leute, auch alte, leben jetzt in Wohnwagen ohne Gas und Heizung – eine unmögliche, unangemessene und vorübergehende Lösung.

Wut auf die Atom-Maschinerie

Am 19. September-Demo war die bisher größte in einer Serie von Aktionen gegen die Atom-Energie, die Japan erschütterten.
Am 20. März, nur neun Tage nach dem Tsunami hielten Doro-Chiba und andere militante Gewerkschaften ihre jährliche anti-Kriegs und anti-Atomwaffen-Versammlung ab mit anschließendem Marsch durch Tokyos Shibuya Distrikt. Beim Marsch am 31. März am Tepco-Haupquartier vorbei verhaftete die Polizei Aktivisten der Zengakuren, der radikalen All-Japan Förderation der Studentenselbstverwaltung, bei der von Tepco angeheuerte Schläger die Demonstranten angriffen. Am 11. Juni demonstrierten 10 000 Menschen auf mehreren Demos in Tokyo, und auch anderswo, wie in Osaka in Westjapan, gab es Demonstrationen, die von vielen Gewerkschaftern unterstützt wurden.
Am 11. September, sechs Monate nach dem Unfall, demonstrierten 10 000 politische und gewerkschaftliche Aktivisten gegen Atomenergie und die Polizei verhaftete mehrere. Die gesamte Zahl der Versammlungen, Streiks und Demos, die seit dem 11. März 2011 in Japan stattgefunden haben, läßt sich überhaupt nicht schätzen. Zum Beispiel gab es auch kürzlich einen Streik von Eisenbahnern, die sich weigerten, mit Zügen durch radioaktiv verseuchte Gebiete zu fahren. Und nun will man 10 Millionen Unterschriften sammeln mit der Forderung, die Atomenergie zu beenden. Die sollen nächstes Jahr (2012) der Regierung übergeben werden.


Die Gewerkschaften treten auf den Plan

Entscheidend für die Massendemo am 19. September war die Billigung und Unterstützung der Gewerkschaften, einschließlich der großen Gewerkschaften Zenroren und Zenrokyo, die ihr Gewicht in den Anti-Atom-Kampf einbrachten. Japan ist ein Land mit sinkenden Löhnen, Schlupflöchern bei Arbeitsgesetzen, unsichere Anstellungen, gestrichene Zusatzleistungen, hinausgeschobenen Pensionen, massiver Privatisierung und zunehmend regressiver Besteuerung. Die Gier der Unternehmen und die Inkompetenz der Regierung, die zur Vertreibung von Hunderttausenden führte und die Maßnahmen, die seit dem Unglück unternommen wurden, das Budget auf dem Rücken der Arbeiter auszugleichen und an der Atomkraft und ihrem Export festzuhalten, haben die Mitglieder vieler Gewerkschaften in Rage gebracht, und sie haben die Führer gezwungen, eine politische Stellung zu beziehen in der Frage der Atomenergie.
Selbst viele Rengo-Gewerkschaftler waren auf der Demo. Das ist bedeutsam, weil Rengo Japans größte Gewerkschaft ist, die auch die AKW-Arbeiter vertritt, und die für die Regierung und für die Atomenergie eintritt. Anfang Oktober hat aber Rengo verkündet, dass sie ihre pro-Atomkraft-Linie aufgebe.
Die „Goodbye, Atomkraftwerke!“ Demo ist ein gutes Beispiel, was Gewerkschaften erreichen können, wenn sie sich darauf konzentrieren, die Arbeiter zu Massenaktionen zu mobilisieren, statt die Energie der Mitglieder in der Kollaboration mit der Regierung und den Unternehmen zu verschleissen. Sie markiert einen großen Schritt vorwärts bei der Ausbreitung und Vertiefung der anti-Atomkraft-Bewegung – eine Bewegung, die Japan mehr denn je benötigt.
Feedback an den Gewerkschafter Jason Combs im Tokyo-Gebiet sailorjay@yahoo.com

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