Sonntag, 21. Oktober 2012

SYRIEN: Straßenbilder aus Damaskus

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Franklin Lamb
20. Oktober 2012
Die halbe Stunde Fahrt von der libanesischen Grenze bei Maznaa bis Damaskus ist immer angenehm auf der breiten, gut asphaltierten und unterhaltenen Schnellstraße zwischen der Hügellandschaft mit großen Herden von Ziegen und Schafen, die träge den Verkehr unten beobachten. Als ich die Herden genauer anschaute, bemerkte ich, dass mir die Zahl der Hirten ungewöhnlich groß erschien, um die Herden zu hüten. Beim zweiten Blick merkte ich, dass es Soldaten waren, die zwischen und hinter den Büschen die Straße im Blick hatten.
Die erhöhte Sicherheit in Damaskus hat hunderte von shabab (Junge Leute), Volkskomitees, Nachbarschaftskomitess und wahrscheinlich auch Geheimagenten jeden Alters in Aktion treten lassen, um buchstäblich hunderte Checkpoints im zentralen Damaskus und in den Vororten zu bemannen. Manchmal hat man das Gefühl, dass man alle 50 m auf einen stößt.
Damaskus ist gegenwärtig ruhig mit wenigen Ausnahmen wie die Stadtteile Tadamon, Al-Qadam und Al-Asali, wo sporadische Zusammenstöße in den vergangenen zwei Tagen von Freunden diskutiert werden. Wie in Libyen im vergangenen Sommer sind viele Medienberichte keineswegs genau, wenn sie diese Stadt als chaotisch und mit einer Bevölkerung in Panik beschreiben. Vergangene Nacht war ich mit Freunden in der Altstadt in einem Restaurant bis 1 Uhr und dann fuhren wir in Damaskus herum und da waren immer noch etliche Cafés offen, obwohl nicht so viele, wie vor der Krise, wie uns die Bewohner erzählten.


Es werden auch viele Sicherheitsmaßnahmen um Regierungsgebäude herum strikt angewendet; es wurden auch Zementwälle errichtet und nahe gelegene Straßen wurden gesperrt, was Verkehrsstaus verursachte.
Die Syrier nehmen es mit der Sicherheit sehr genau. Ein Regierungsbeamter sagte mir: „Sehen Sie, wenn sich jemand vornimmt, ein Selbstmordbomber zu werden, dann ist es schwierig , ihn zu stoppen. Aber wir tun unser Bestes und führen viele Autodurchsuchungen auf's Geratewohl durch.“ Eine Checkpoint-Erfahrung hier ist nicht wie im Libanon, wo normalerweise ein herankommender Fahrer das Fenster runterdreht, kurz grüßt mit einem grinsenden „kefack habibi?“ (Wie geht’s, meine Lieber?) und der oft schläfrige Soldat das Fahrzeug einfach durchwinkt. Dagegen werden an syrischen Checkpoints high tech Waffen und Sprengstoff-Suchgeräte eingesetzt und die meisten Autos werden untersucht, von unten bis oben. In der von Regierungsgebäuden und Wohnungen von hohen Beamten werden auch Metalldetektoren eingesetzt.
Gestern hatte ich eine Erfahrung mit einem Metalldetektor und mit etwa einem halben Dutzend Sicherheitsbeamten. Als ich durch das Gerät ging – wie auf den Flughäfen - nachdem ich meine Taschen geleert und das Telefon abgelegt hatte - ging ein lauter Alarm los. Ich sollte nochmals durchgehen. Mit demselben Ergebnis. Als dann drei Leute mit den neuen Handgeräten kamen, löste ich wieder den Alarm aus.


Schließlich ging mir ein Licht auf.


Ich hatte vor kurzem einen Pacemaker einige Zentimeter unter der Brustwarze eingesetzt bekommen. Und plötzlich erinnerte ich mich, dass mein Kardiologe in Beirut mich davor gewarnt hatte, durch einen Metalldetektor zu gehen oder ein Handgerät näher als einen halbe Meter an meinen Pacemaker heranzulassen, weil es sonst elektronische Probleme geben könnte.
Zu spät für diese Vorsicht. Ich öffnete mein Hemd und deutete auf die zehn Quadratzentimeter Erhöhung auf meiner Brust und sagte „Batterie“. Da niemand verstand, hoben zwei der Leute ihre Kalashnikows und es wurde brenzlig. Später sagten sie mir, dass sie ziemlich sicher gewesen waren, es mit einem weiteren Selbmordattentäter zu tun zu haben, die Damaskus plagten, und dass die Beule ein Bombe wäre.
Die Situation wurde entschärft durch einen Mann in mittleren Jahren, der offenbar der Kommandeur der Truppe war. Als er auf mich zukam – ich stand unterdessen mit erhobenen Händen da – sagte ich: „Batterie! Batterie!“ Er starrte auf meine Brust und antwortete: „Yalla, batterie, cardio, nam?“ (Ah, für Ihr Herz, nichtwahr?) Nach weiterem Gerede und der Passkontrolle konnte ich weiterfahren. Heute Morgen hat mir eine junge Dame am Hotelempfang freundlicherweise einen Zettel auf Arabisch geschrieben, dass ich einen Pacemaker habe, der wahrscheinlich Alarm bei Metalldetektoren auslösen könne. Wenn niemand meiner Traumärztin im Hisbollah Herzzentrum in Beirut einen Tip gibt, wird sie mich mich beim nächsten Termin nicht ausschelten.


Sanktionen als willkürliche Waffen gegen Zivilisten


Die Legalität der vom Westen auferlegten Sanktionen gegen Syrien und Iran wird sowohl an der Uni in Damaskas als auch von Beamten und hiesigen NOGs diskutiert. Ein recht überzeugendes Argument ist, dass dieser Typ von Saktionen nach internationalem Gewohnheitsrecht illegal ist und, wie mit dem Verbot von Splitterbomben im Jahr 2008, auch durch eine internationale Konvention verboten werden sollte. Und zwar weil diese Sanktionen politisch sind und offensichtlich einen Regime-Wechsel bezwecken sollen. Sie sind auch durch und durch willkürlich und zielen und gefährden die zivile nicht-kämpfende Bevölkerung, insbesondere die armen, jungen, kranken und alten Bürger.
In Washington und Europa wird behauptet, dass die abgestuften Sanktionen nur die Führung des Regimes und seine Politik treffen. Das ist Nonsense. Wie in Irak, wo die von den USA organisierten Sanktionen nachweislich die Hauptursache für den Tod von nahezu einer halben Million Kindern waren, sind auch hier die wirklich Betroffenen nicht die Regierungsbeamten.
Die gegen Syrien und Iran angewandten Sanktionen verletzen auch Art. 2 (Absatz 4) der UN-Charta, der vorschreibt, dass alle Mitglieder in ihren internationalen Beziehungen sich der Drohungen und Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder die politische Unabhängigkeit irgendeines Staaten oder sonstiger Methoden, die mit den Zielen der Vereinten Nationen nicht vereinbar sind, enthalten sollen.
In Diskussionen mit Beamten, aber auch mit beliebigen Bürgern von Damaskus – Ladenbesuchern und Angestellten in einem zentralen Supermarkt – und Studenten ist es möglich, eine ziemlich gute Vorstellung davon zu bekommen, wie die westlichen Sanktionen die Familien hier treffen.
Eine progressive Journalistin, die Teilzeit arbeitet bei einer US-NGO und der Assad-Regierung gegenüber kritisch ist, aber noch kritischer gegen die desperaten Rebellengruppen, teilte mir ihre ziemlich representative Analyse der gegenwärtigen Situation in Damaskus hinsichtlich der Sanktionen mit:
„Ich denke, die unserem Land auferlegten Sanktionen haben eine enorme Auswirkung in der gegenwärtigen Krise. Die Preise sind im Schnitt um wenigstens 40 % gestiegen, besonders Konsumwaren und Grundnahrungsmitel wie Fleisch, Milch, Brot, Gemüse, Früchte etc. Eier und Hühner sind um das Doppelte gestiegen und sind in kleinen Läden gar nicht zu haben. An manchen Tankstellen in manchen Stadtteilen gibt es lange Schlangen. Die Sanktionen haben auch viele Leute gezwungen, ihre Fabriken in Aleppo und Damaskus wegen Mangel an Rohstoffen zu schließen und das treibt die Preise hoch. Meine Tochter arbeitet in einem Zubehörgeschäft für Haushaltswaren. Sie müssen Sachen aus der Türkei importieren. Kleider sind auch teurer geworden, weil türkische Waren nicht hereinkommen. Ich glaube, ihr Unternehmen wird bald schließen. Sie können mit ihr sprechen, wenn es Sie interessiert. Mein Sohn erwägt wegzugehen, weil er keine Arbeit findet. Junge Männer hier sind sehr frustriert und manche der Arbeitslosen schließen sich Gangs an und werden von Jihad-Gruppen angeheuert, die ihnen Geld und Waffen und Indoktrinierung bieten. Als Mutter mache ich mir große Sorgen, dass er Probleme bekommt, aber junge Leute hören ja nicht. Die Krise hat auch Unternehmer gezwungen, Leute zu entlassen, um die Kosten zu drücken. Viele Händler haben das Land bereits verlassen und haben ihr Geld auch rausgebracht. Manche, vor allem Kriegstreiber haben von der Krise profitiert. Schmuggelwaren sind teuer, wenn es welche gibt. Die Sanktionenn haben die gewöhnlichen Leute getroffen, mehr als das Regime. Uns geht es sehr viel schlechter als vor 20 Monaten.“
Was mich gestern abend bekümmert hat, war, dass ein Geschäftsmann, mit Verbindungen zur Führung, mir versicherte: „Wir können zehn Jahre kämpfen, um Al Qaida und die Fanatiker von Damaskus fernzuhalten. Mach dir keine Sorgen, mein Freund.“
Keine Sorgen? Ich war sprachlos. Denn genau am 12. August 2011 hat ein Freund genau dieselben Worte zu mir gesagt, Khaled Kane, ein guter Mann und damals stellvertretender Außenminister von Libyen. Zehn Tage später, nicht zehn Jahre, fiel Tripolis in die Hände der Rebellen. Dann folgte Verhaftung, Folter, und jetzt schmachtet Khaled mit schlechter Gesundheit in einem Gefängnis in Misrata.

Quelle - källa - source 

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