Donnerstag, 9. März 2017

Die USA und der russische Teufel: 1917 – 2017



William Blum

8. März 2017


Aus dem Englischen: Einar Schlereth


Konservative haben schwere Zeiten gehabt, um über Präsident Trumps oft wiederholte Antwort zu kommen auf Bill O‘Reillys Bezeichnung von Wladimir Putin als „Mörder“, worauf Trump antwortete: „Es gibt eine Menge Mörder. Wir haben eine Menge Mörder. Glauben Sie, unser Land ist so unschuldig?“

Man konnte fast etwas Mitleid mit O‘Reilly haben, als er kämpfte, seine Gesichtszüge bei so einer Blasphemie wieder zu ordnen. Hat irgendein US-Medienstar des Establishments jemals so etwas aus dem Mund eines amerikanischen Präsidenten gehört? Von jemandem der Linken ja, aber vom Präsidenten?

Senator John McCain hat sich im Parkett vom Kongress empört, „ein moralisches Gleichheitszeichen zwischen dem Henker und Schläger und KGB-Oberst und den Vereinigten Staaten zu ziehen.“ (1)

Oh ja, der berüchtigte KGB. Kann irgendetwas Gutes gesagt werden über eine Person, die mit so einer Organisation verknüpft war? Wir hätten es nicht gern, wenn ein US-Präsident mit so etwas zu tun gehabt hätte. Oh, wartet mal, ein Präsident der USA war nicht nur ein CIA-“Oberst“, sondern Direktor der CIA! Ich spreche natürlich von George Herbert Walker Bush. Und was die Schlägerei und Metzelei angeht … Wie viele Amerikaner erinnern sich an den Dezember 1989 und die Bombardierung und Invasion des Volkes von Panama, was von eben diesem Bush durchgeführt wurde? Viele tausend wurden getötet oder verwundet; weitere tausend wurden obdachlos.
Versuch mal gleichzuziehen, Wladimir!

Und im Fall, dass sich jemand fragt, für welche gute Sache das geschehen ist? Offiziell, um den Diktator Manuel Noriega wegen Drogenvergehen zu verhaften. Wie kann das eine Begründung für große Zerstörung und Metzelei sein? Es sollte niemanden überraschen, dass Noriega kurz vor der Invasion noch auf der CIA- Gehaltsliste gestanden hat. (2)

Es ist die „moralische Gleichwertigkeit“, die für die stolzen Amerikaner wie O‘Reilly und McCain so schwer zu schlucken ist. Der republikanische Mehrheitsführer im Senat Mitch McConnell kam mit dem Einwurf: „Und nein, ich denke nicht, dass es eine Gleichheit gibt zwischen der Art, wie die Russen sich aufführen und der Art, wie es die USA tun.“ (3) Von anderen Senatoren kam dasselbe Thema als Echo, alle waren sie inspiriert von der guten alten „amerikanischen Außergewöhnlichkeit“, was in die Köpfe jedes anständigen Amerikaners von Kindesbeinen an gehämmert wird … Wer dürfte wagen, die Moral von (uhhh!) Russland mit Gottes erwähltem Land vergleichen, selbst in Moskaus gegenwärtiger nicht-kommunistischen Form?


Die kommunistische Form begann natürlich mit der Oktoberrevolution von 1917. Im Sommer 1918 konnten 13 000 Mann amerikanischer Truppen in dem neu geborenen Land gefunden werden, der künftigen Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken. Zwei Jahre und 1000 Tote später zogen sich die US-Truppen zurück, nach ihrem Versagen bei ihrer Mission den Bolschewistischen Staat „in seiner Wiege zu erwürgen“, wie Winston Churchill es so charmant ausdrückte. (4) [Und nach Hinterlassung ihrer Waffen für Kolschak und Denikin, damit die schön weiterkämpfen und noch möglichst viel zerstören. D. Ü.]

Die US-Außenpolitik ist seither nicht viel nobler gesinnt gewesen. Ich denke, liebe Studenten, es ist für mich an der Zeit, wieder einmal meine exakte historische Zusammenfassung zu präsentieren:

Seit dem Ende des 2. Weltkrieges haben die Vereinigten Staaten:


  • Versucht, mehr als 50 ausländische Regierungen zu stürzen, von denen die meisten demokratisch gewählt waren.
  • Haben Bomben auf die Menschen in mehr als 30 Ländern geworfen.
  • Versuchten mehr als 50 ausländische Staatschefs zu ermorden.
  • Versuchten populistische oder nationalistische Bewegungen in mehr als 20 Ländern zu unterdrücken (5).
  • Und sie war, obwohl das nicht einfach zu kvantifizieren ist, weltführend beim Foltern; nicht nur Folter, die direkt von Amerikanern Ausländern angetan wurde, sondern auch durch Lieferung von Folterausrüstung, Folter-Handbüchern, Listen von Menschen, die gefoltert werden sollten und persönliche Anleitung durch US-Instruktoren. (6)


Wo nehmen die USA den Nerv her, über Russland zu moralisieren? Und den Nerv, Putin einen „Mörder“ … einen „Schlächter“ … einen „Schläger“ zu nennen? Es wäre schwer, einen weltbekannten Killer, Schlächter oder Schläger zu nennen – von Diktatoren, Massenmördern oder Folterern ganz zu schweigen – nur aus den vergangenen 75 Jahren, der nicht ein enger Verbündeter der USA war.
Warum also hasst die amerikanische Machtelite Putin so? Es kann auf die Periode von Boris Jeltsin zurückdatiert werden.

Während der westlichen finanziellen [auch materiellen wie Maschinen, Erdöl etc. D. Ü.] Plünderung der sterbenden Sowjetunion, konnte man die USA dabei erwischen, wie sie sich zugunsten von Jeltsin in die Wahlen von 1996 einmischte. Unter Jeltsins Herrschaft explodierte die Armut und die Lebenserwartung für Männer sank um fünf Jahre, alles im Namen der „Schocktherapie“. Die US/westliche Destabilisierung der Sowjetunion erlaubte es dem globalen Kapitalismus, sein Elend ungehindert von unpassendem Sozialismus zu verbreiten. Russland kam unter die Kontrolle der Oligarchen, denen es nur um die eigene Bereicherung ging und die ihrer Milliardär-Partner im Westen. Der Machtübergang an Wladimir Putin im 21. Jahrhundert führte zu einer Anzahl Reformen, die die verhängnisvolle Plünderung des Landes durch die Oligarchen-Banditen eindämmte. Putin und seine Alliierten schworen, ein unabhängiges, kapitalistisches Russland aufzubauen, das in der Lage wäre, seine eigenen Angelegenheiten zu bestimmen frei von westlicher und amerikanischer Vorherrschaft. Diese Orientierung stellt Putin in direkte Konfrontation mit den Plänen des Imperialismus für eine unipolare globale Hegemonie.

Washingtons Abscheu vor Putin wuchs, als er die US- Kriegspropaganda verspottete, die zur Invasion des Irak 2003 führte. Dann spielte der russische Führer eine entscheidende Rolle, dass der Iran sein Nuklearprogramm einschränkte und dass Syrien, seine Vorräte an chemischen Waffen auslieferte. Washingtons mächtigen neo-Konservativen wollten so gerne direkte militärische Schläge gegen diese beiden Länder führen, was zum Regime-Wechsel geführt hätte, nicht zu diplomatischen Abkommen, bei denen die Regierungen an der Macht blieben.

Schließlich, als die USA die ukrainische Regierung 2014 stürzten, war Putin gezwungen zu intervenieren zu Gunsten der bedrohten ethnischen Russen auf der Krim und in der östlichen Ukraine. Das wiederum wurde von den westlichen Medien in eine „russische Invasion“ verdreht. (7)

Dieselben westlichen Medien haben routinemäßig Putin angeklagt, Journalisten zu ermorden, erinnerten aber nie ihr Publikum an die diesbezügliche amerikanische Liste. Die US-Armee ist im Verlauf ihrer Kriege in den vergangenen Jahrzehnten verantwortlich für den gewollten Tod vieler Journalisten. Im Irak z. B. gibt es eine Video von 2007, von Chelsea Manning geleakt und von Wikileaks veröffentlicht von dem kaltblütigen Mord an zwei Reuters-Journalisten; beim Abschuss einer Luft-Boden-Rakete auf die Büros von Al Dschasira in Baghdad starben drei Journalisten und vier wurden verwundet; und bei der US-Attacke auf das Hotel Palestine in Baghdad, eine bekannte Journalisten-Residenz, im selben Jahr starben zwei ausländische Kameraleute.

Für mich ist der Trump-Honigmond vorbei. Es war niemals wirklich Liebe; kaum viel mehr als faszinierende Neugierde; hauptsächlich, dass er nicht Hillary Clinton war; dass er kaum einen Krieg mit Russland beginnen würde oder Russia Today (RT) in den USA schließen würde, von dem ich und viele andere täglich abhängen; und dass er nicht politisch korrekt war bezüglich des Islamischen Staates. Trumps obige „moralische Gleichstellung“ gab mir etwas Hoffnung. Aber all das verschwand mit der Ernennung in hohe Ämter von einem kriegsliebenden, mit Medaillen behängten General nach dem anderen, vermischt mit einem Milliarden-Goldman-Sachs-Beamten nach dem anderen; seine offensichtliche Befürwortung seiner Mexikanischen Mauer; und am schlimmsten von allem seine Erhöhung des Militär-Budgets um 54 Mrd. Dollar … das wird sicher auf Kosten von Menschenleben und Gesundheit und der Umwelt gehen. Was für eine Art Mann ist das, der da unter uns weilt?

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Das Wort „Narzissmus“ ist gefallen. Der Kolumnist der New York Times Frank Bruni (v. 28. Februar 2017) fängt das gut ein: „Warum habe ich das Gefühl, dass Kampfjets der Bizeps von Donald Trump sind, Kriegsschiffe seine Brustmuskeln und was er mit den vorgeschlagenen 54 Mrd. Dollar Pentagon-Zuschlag macht, Armbeugen sind?“

Wird es nie ein Ende der nie endenden Kriege Amerikas geben? Wie sollten wir auf den Terrorismus antworten?

Ich hatte nicht geplant, auf diesen Gegenstand so bald zurukzukommen, wegen der unangenehmen Erfahrung des vergangenen Sommers, als wenigstens 50 meiner Abonnenten absprangen, weil ich sagte, dass Terrorismus von Islamisten in gewissem Sinn von ihrer Religion motiviert wurde, eine Hypothese, die zurückgewiesen wurde von denen, die ich als die „politisch korrekten“ ansehe, die das als ungerechten Angriff auf eine alte und edle Religion nahmen. Die Tatsache, dass ich, ein Linker, ein Genosse, so etwas sagen würde, war besonders schwer für sie zu begreifen.

Seither habe ich regelmäßig eMails erhalten, die betonten, dass weder ich noch die Medien das Recht hätten, kategorisch die brutalen terroristischen Aktionen zu verurteilen, die eine Reaktion sind auf die Jahrzehnte von westlicher, besonders amerikanischer Gewalt gegen die Moslems im Nahen Osten und sonstwo; und dass, würde der Westen seine Bombardements unterließe, keine neuen Terroristen geschaffen würden. Liberale Kolumnisten wiederholen oft diese Gefühle, aber gleichzeitig können sie nicht die Rolle akzeptieren, die von dem radikalen islamischen Glauben bei der Anstiftung zum islamischen Terror gespielt wird.

Nicht jeder amerikanische Soldat im 2. Weltkrieg war ein kluger und überzeugter anti-Faschist; noch waren all jene, die in Vietnam kämpften, kluge und überzeugte anti-Kommunisten; aber sie glaubten zutiefst an die amerikanische Einzigartigkeit. Ich gehe weiter zu der Annahme, dass islamistische Terroristen zutiefst glauben an die wichtigsten Grundsätze des Islam, obwohl viele von ihnen vielleicht zur ISIS hingezogen werden aus einer Vielzahl von Gründen und nur eine flüchtige Kenntnis des Koran haben und nur selten eine Moschee betreten.

Warum wohl schreien Terroristen routinemäßig „Allah Akbar“ (Gott ist groß), wenn sie blutige Attacken ausführe.

Warum denn lehrt der Islam so viel, dass nicht-Moslems der Feind sind, dass „Ungläubige“ hingerichtet werden müssten?

Warum sprechen sie von ihrer Pflicht, den „Dschihad“ zu führen, der gewöhnlich als Kampf gegen die Feinde des Islam oder gegen die „Ungläubigen“ definiert wird?

Warum sprechen sie von „Märtyrern“, was oft als Ehrenbezeigung für Moslems gilt, die ihr religiöses Gebot erfüllt haben, insbesondere das des „Dschihad-führens“ oder historisch bei der Ausdehnung des Islam?

Warum sprechen sie von den Märtyrern, die in das Paradies eingehen nach dem Tod und himmlische Belohnung erhalten? Sogar, dass sie auf Erden wiederauferstehen werden, um abermals als Märtyrer zu sterben und abermals ins Paradies einzugehen.

Jaja, ich weiß Bescheid über die furchtbaren Verbrechen der IRA-Katholiken und der israelischen Juden, aber auf der Skala der menschlichen moralischen Evolution kann man das nicht mit Routine-Kopf-Abschlagen vergleichen; das Auspeitschen; die Zerschlagung 2000 Jahre alter Monumente; das entschiedene Alkohol-Verbot, der Musik, der Gays und des Sex; die Bedeckung der Gesichter der Frauen; die gewaltsame Erzwingung des religiösen Gesetzes usw. usw. einschließlich des schlimmsten von allem: die nicht enden wollenden Selbstmord-Attentate. Die ISIS hat das Unmögliche geschafft: sie lässt die US-Außenpolitik halbwegs anständig erscheinen.

Gelegentlich antworte ich auf Kritiker mit etwas in diesem Sinn: Selbst wenn ich vollständig eure Prämissen gelten lasse, habe ich dennoch das Gefühl, dass es zu spät ist. Wir können nicht das Leid ungeschehen machen, das die US- Politik und der Westen verursacht haben. Das Scheunentor ist weit offen und alle Pferde sind entflohen. Da ist eine ganze Generation oder zwei Generationen in der moslemischen Welt, die sich einer blutigen Rache am Westen verschworen haben. Es scheint so zu sein: entweder sie oder wir.

Die Ursache des Terrorismus zu erklären ist nicht dasselbe, ihn zu entschuldigen. Es könnte anders sein, wenn die Terroristen sich darauf konzentrierten, nur jene im Westen zu töten, die Schlimmes gegen ihr Volk begangen haben, aber ihre Akte der Gewalt sind oft willkürlich; sie greifen Westler beliebig an, oft zusammen mit Moslems; oft nur Moslems.

Wie ich in der Vergangenheit betont habe, müssen wir dies beachten: Von den 1950-er bis zu den 1980-er Jahren hat die USA alle möglichen schlimmen Handlungen gegen Lateinamerika begangen, einschließlich zahlreicher Bombardierungen, ohne dass die Einheimischen auf die unzivilisierte, barbarische Art der Vergeltung wie die ISIS zurückgriffen. Die lateinamerikanische Linke hat ihre Rache geübt an konkreten Vertretern des amerikanischen Imperiums, wie Diplomaten, Militärs und Unternehmen – nicht Märkte, Theater, Nachtclubs, Hospitäler, Schulen, Restaurants oder Kirchen.

Frankreich, der Platz zahlreicher terroristischer Attacken hat experimenntiert mit Ent-Radikalisierungszentren in einem Versuch, den heimischen Extremismus zu bekämpfen. In den Zentren nahmen die Einquartierten an intensiven Kursen in französischer Geschichte und Philosophie teil. Aber nach fünf Monaten wurde das Experiment aufgegeben als eine totale Pleite (8). Meine Vermutung ist, dass ein Grund für das Versagen der ist, dass französische Beamte, wie ihre amerikanischen Gegenstücke politisch zu korrekt waren, wenn es um Fragen der Religion ging. Wenn ich ein Lehrer an einem diesem Zentren gewesen wäre, hätte ich die Studenten gefragt, wie sie wüssten – ich meine wirklich wüssten – dass „Märtyrer“ ins Paradies kämen. Schließlich erwägen sie, ihr Leben für diesen Glauben zu geben. Sie ernsthaft mit dieser Frage zu konfrontieren vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, würde ihr Denken vielleicht ein wenig verwirren und es öffnen für andere herausfordernde Fragen und Gedanken.

Ich will hier festhalten: Ich unterstütze nicht die USA, die ISIS in Syrien zu bekämpfen. Ich traue nicht der Motivation des Pentagon oder der Wahl ihrer Bomben-Ziele. Sie hängen wahrscheinlich immer noch am Regime-Wechsel. Ich würde den Job Russland und seinen Alliierten überlassen.

William Blum hat geschrieben ‚Killing Hope: US Military and CIA Interventions Since World War 2‘; ‚Rogue State: A guide to the World‘s Only Superpower‘; ‚West-Bloc Dissident: A Cold War Memoir‘; ‚Freeing the World to Death: Essays on the American Empire‘
Signierte Kopien sind erhältlich hier: www.killinghope.org oder BBlum6@aol.com


Fußnoten:
  1. Siehe Washington Post vom 9. Febr. 2017
  2. Siehe William Blum ‚Killing Hope‘ (Kap. 50)
  3. AP v. 6. Febr. 2017
  4. Winston Churchill ‚The Second World War‘ Vol. IV (1951, S. 428)
  5. William Blum ‚Rogue State: A Guide to the World‘s Only Superpower‘, Kap. 18
  6. Ebenda, Kap. 5
  7. Siehe Bob Parry ‚The Politics Behind ‚Russia-Gate‘ Consurtiumnews.com, März4, 2017
  8. Washington Post, 25. Febr. 2017

    Quelle - källa - source







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