Mittwoch, 23. Januar 2013

Die Bürde des Schwarzen Mannes

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Heute haben wir uns richtig dran gewöhnt, dass alle Begriffe auf den Kopf gestellt werden: Weiß ist schwarz, Krieg ist Frieden, Invasion ist Rettung, Rückfall in die Zeiten von Dickens ist globaler Fortschritt usw. Aber solche Verdrehungen hat es auch schon früher gegeben. 'Die Bürde des Weißen Mannes' etwa, die hier von Garikai Chengu zurechtgerückt wird. Im übrigen möchte ich bei dieser Gelegenheit auch den großen senegalesischen Historiker, Anthropologen und Mediziner Dr. Sheikh Anta Diops bahnbrechende Forschungen verweisen u. a. in "The African Origin of Civilization" (Der afrikanische Ursprung der Zivilisation).
Da fällt mir ein Erlebnis in Tansania ein. Wir hatten ein Haus weit außerhalb von Tanga gemietet, eine Stadt an der Küste im Norden Tansanias, und ich ging eines Abends sehr spät nachhause in einer Nacht ohne Mond und dann ist es in Afrika wirklich stockdunkel. Ich ging den Pfad entlang wie Hans Guckindieluft und folgte dem schmalen helleren Streifen zwischen den Bäumen. Plötzlich stolperte ich fast über eine Familie, die vor ihrem Häuschen auf Matten ihr Abendessen einnahm. Die Leute lachten und sagten 'Karibu' (Willkommen). Eine Frau hielt ihr Kleinkind im Arm und ich wollte ihm die Hand reichen. Da fing es furchtbar an zu schreien und klammerte sich an die Mamma. Die Eltern erklärten mir, dass man, wenn die Kinder unartig sind, zu sagen pflegte: Dich holt der weiße Mann. Und ich erzählte ihnen, dass es bei uns genau umgekehrt sei, dass sie aber Recht hätten. Denn schließlich haben nicht die Schwarzen Europa überfallen, geknechtet und ausgebeutet und sogar die Menschen geraubt. Als mir das in dem Moment richtig bewusst wurde und das Kind immer noch schrie, kamen mir die Tränen und ich verabschiedete mich schnell. Zumal mir außerdem bewusst war, dass es sich bei den „Weißen“ hier um Deutsche gehandelt hat.

Keine Angst, Afrika. Wir gehen, wenn wir fertig sind.

Garikai Chengu
29. Februar 2012


So viel ist über „die Bürde des weißen Mannes“ gesagt worden – wie das zusammenbrechende amerikanische Imperium und das vergangene britische Imperium die Bürde geschultert haben, Afrika zu zivilisieren und über Jahrhunderte die globale Ökonomie voranbrachten. Das Gegenteil ist wahr.
Tatsache ist, dass nicht nur die westliche Zivilisation von den schwarzen Afrikanern des alten Ägypten erfunden wurde, sondern auch, dass es Afrika ist, das über Jahrhunderte das Wachstum der globalen Ökonomie angetrieben hat.

Die afrikanischen natürlichen Ressourcen, die Arbeit, das Land, die Sklaverei und die qualifizierten Auswanderer haben – wie jeder anständige Wirtschaftshistoriker euch bestätigen kann – die Ökonomie der Welt viele, viele Jahrzehnte lang angetrieben.
Bis heute ist Afrika der Maschinenraum für das Wachstum der Welt. Kurz gesagt, treibt es das globale ökonomische Wachstum im Ausland an, und dass es so wenig davon profitiert ist „die Bürde des schwarzen Mannes“. Dass die Afrikaner wissen, dass direkt unter ihren Füßen immense Reichtümer und direkt über ihren Köpfen in den höchsten Ämtern liegen, macht die Bürde nur noch schwerer.

Die Wurzeln der „westlichen“ Zivilisation, Technologie, Religion, Kultur und Wissenschaft findet man nicht in Griechenland, sondern im Schwarzen Ägypten. Tatsächlich waren es schon 4000 v. u. Z. bis 500 n. u. Z. schwarze Imperien, vom prähistorischen ZinghReich in Mauritanien bis zum alten Reich in Ägypten, die an vorderster Stelle bei der Entwicklung von Technologie, Politik und Kultur standen. Weit entfernt davon, dass sie „die Eingeborenen zivilisierten“, haben Europäer Kommunitarismus, Kooperation und Spiritualität – was es in ganz Afrika gab – durch eine korrupte, aggressive und unmenschliche Form von Zivilisation ersetzt.

Zuerst gab es das brutale Kidnapping von Millionen von Afrikanern, um die indigenen Amerikaner zu ersetzen, die von den Europäern ausgelöscht wurden. Der Sklavenhandel brach den afrikanischen Ökonomien das Rückgrat, während die Sklaven den Plantagenbesitzern Kapital schufen, um die industrielle Revolution in Europa anzustoßen.

Die Afrikaner wurden ihres Landes beraubt und in die Goldminen und auf Gummiplantagen gezwungen. Der nackte Raub afrikanischen Bodens und der Mineralien wie Gold, Kupfer, Gummi, Elfenbein und Zinn hielt bis in das achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert an. Der Kulminationspunkt war die schändliche Berliner Konferenz von 1884, wo Europa vergnügt Afrika aufteilte und den „Kampf um Afrika“ formalisierte.

Nach dem 2. Weltkrieg waren die Europäer ernsthaft geschwächt durch die Jahre ununterbrochener industriellen gegenseitigen Abschlachtens. Um die Sache noch schlimmer zu machen, begannen überall Befreiungsbewegungen. Dies machte am Ende die Kosten der Eindämmung „der unruhigen Eingeborenen“ höher als man an Profit herausholen konnte. Als die englische Macht schwand, gab es den Stab des Kolonialismus an das amerikanische Imperium weiter.

Armut und Uneinigkeit sind die entscheidenden Momente gewesen, die eine Weiterführung der neokolonialen Ausbeutung ermöglicht haben. Aber dank der in die Höhe schnellenden Mineralpreise und der chinesischen win-win Investitionen beginnt das Niveau der Armut zu sinken.

Die Uneinigkeit jedoch besteht fort. Amerika sorgt dafür. Washington schürt die Uneinigkeit, indem es reaktionäre neo-liberale politische Parteien auf dem ganzen Kontinent finanziert und gelegentlich einen „guten Diktator“. Doch Muammar Gaddafi war ein 'böser Diktator', der von Washington gejagt und ermordet werden musste. Nicht zuletzt deswegen, weil er Pläne für einen afrikanischen IWF hatte, für eine Afro-Währung auf Goldbasis und für die Vereinigten Staaten von Afrika. Im Grunde waren Oberst Gaddafis Pläne für Afrika genauso gut wie ein handgeschriebener Selbstmordbrief direkt an die Adresse der NATO. Indem es Gaddafi verlor, hat Afrika auch Libyen verloren. Denn die NATO wird sicherstellen, dass Gaddafis Pläne in ihren Anfängen erstickt werden.

Dann gibt es da natürlich noch den US Africa Command (AFRICOM), der ganz sicher eine Militär-Basis in Libyen errichten wird. In der Tat hatte jede afrikanische Regierung, der Amerika Geld geboten hatte, um AFRICOM zu beherbergen, von Gaddafi das Doppelte bekommen, um abzulehnen.

Herr Obama will uns glauben machen, dass hunderte von spezialtrainierten US-Sondereinheiten gegen die Tsetse-Fliege kämpfen werden, gegen das Dengue-Fieber und durch den afrikanischen Busch rennen werden, um ugandische Rebellen zu verscheuchen. Alles für Freiheit und Demokratie. Ganz zufällig in einem der ölreichsten Gebiete der Erde. Es ist seit 20 Jahren der größte Festland-Ölfund von 2 Mrd. Barrels südlich der Sahara.

Der neue Kalte Krieg zwischen Amerika und China wird sich um Ressourcen drehen, nicht um Ideologie. Afrika wird im Zentrum stehen. Sollte Amerikas geballte Macht und Teile-und-Herrsche-Politik triumphieren, dann wird Afrika in einen großen Kriegsschauplatz mit vielen Darstellern, Akten und einem tragischen Ende verwandelt werden. Sollte Chinas sanfte Macht und win-win ökonomische Politik triumphieren, könnte es ein wirkliches afrikanisches Jahrhundert werden.

Bis jetzt produzieren Afrikaner immer noch billige Arbeit, oft Sklavenarbeit und verschiffen Rohstoffe für Pfennige in den Norden. Im Tausch kaufen die Afrikaner Fertigprodukte mit Aufpreis aus dem Norden. Diese schiefen Handels-Beziehungen dienten seit Jahrhunderten dem Aufbau des Westens und der Unterentwicklung Afrikas.

Würde dieser Trend beendet, würde dies dem schwarzen Mann erlauben, sich von eine Jahrhunderte alten Bürde zu befreien. Die Umkehrung dieses Trends ist der Kampf dieser Generation. Davon abgesehen hat Afrika eine helle Zukunft, denn alle Bestandteile sind vorhanden für einen wirtschaftlichen Boom, der der günstigen afrikanischen Demographie zugutekäme - ein Warenboom, eine aufblühende Mittelklasse und ein zunehmender Enthousiasmus für Technologie und mehr als 600 Millionen Handies – mehr als in Amerika oder Europa.

Wenn die Afrikaner resolut ihre Fähigkeiten entwickeln, ihr eigenes Rohöl zu raffinieren, ihr Gold und Platin zu veredeln und die Fähigkeit, ihre Diamanten zu schneiden und zu schleifen, werden sie bestimmt ein afrikanisches Jahrhundert erschaffen. Wenn die Afrikaner entschieden ihre Ressourcen verteidigen und sie in Fertigprodukte verwandeln, werden sie am Ende „die Bürde des schwarzen Mannes“ in Afrikas Renaissance verwandeln.


Quelle - källa - source

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