Dienstag, 8. Januar 2013

Syrien: Umkipp-Punkt oder Wende-Punkt?


Heute morgen kam dieser Artikel des alten Nahost-Hasen Franklin Lamb herein, den ich gleich übersetzt habe, weil er erstens bestätigt, was ich gestern über Assads Rede hier geschrieben habe, zweitens wissenswerte Details über die Persönlichkeit Assad und sein Ansehen in der Bevölkerung liefert und drittens aufschlussreiche Insider-Informationen von wohl unterrichteter Seite bietet. Die Informationen des Scheichs, den Lamb wohl seit längerem kennt, halte ich vor allem deshalb für interessant, weil sie andeuten, dass Syrien und Assad sehr viel mehr Freunde auch in der arabischen Welt haben, als man mit dem dummen Gerede vom 'isolierten' Assad zu beschwören versucht. Und es stimmt ja auch, was er über die enormen inneren Schwierigkeiten Saudiarabiens und der Golfstaaten sagt. Die ahnen vielleicht zum Teil, dass ihr Thron eigentlich ein Schleudersitz ist.


Franklin Lamb


8. Januar 2013


Das Opernhaus in Damaskus, der Ort der gestrigen Rede des Präsidenten, liegt in bequemem Gehabstand von meinem Hotel. Es wurde im Mai 2004 vom Präsidenten und seiner Frau eingeweiht, womit ein Projekt seines Vaters Hafez fertiggestellt wurde, der sogar die Oper bis ins Detail plante, das aber Ende der 70-er aufgeschoben wurde. Sie liegt am Umayyad Platz. Und in diesem Mehrzweck-Kultur-Zentrum wurde zuletzt, kurz bevor die Krise ausbrach, Mozarts 'Hochzeit des Figaro' gegeben.

Die Oper mit beinahe 1400 Sitzplätzen war gestern bei der Rede des Präsidenten gestopft voll und wie bei der Abschluss-Szene in Mozarts Oper wurde das Ende von Assads Rede mit „einem die ganze Nacht währenden Fest gefeiert“ von den vielen Anhängern des Präsidenten hier in Damaskus. Bashar a-Assads Ruhm, als er versuchte, die Bühne zu verlassen und von den Massen an Bewunderern umringt wurde, mag nicht dem Caesars während der Keltischen Kriege vergleichbar sein, als er ebenfalls eine heimische Krise schilderte und die Herausforderung als einen Verteidigungs-Krieg, um „Rom“ zu retten. Und natürlich wird Syriens Präsident seinen Kritikern nicht so nobel erscheinen wie John Kennedy in Wiens Opernhaus. Aber Assad stellte bei seiner einschneidenden Rede zu seinem Publikum eine Verbindung her. Er glänzte durch seine Darbietung, den Inhalt und vor allem durch die Erklärung und Verteidigung der Situation seines Landes aus seiner Sicht.
Zwar nannte er ausländischen Rat zur Beendigung der Krise willkommen, bestand aber darauf, dass das syrische Volk in seiner ganzen Geschichte des Widerstands gegen Besatzung und Bevormundung Befehle von gewissen Regierungen zurückgewiesen hätten, mit denen er in der gegenwärtigen Krise die „Herren der Marionetten“ meinte, die täglich Tod, Zerstörung und Entsagung in der ganzen Syrischen Arabischen Republik verursachten.

Obwohl zugegebenermaßen übermüdet, wurde ich, als ich Bashar al-Assads Rede anhörte, an Macbeths oder Brutus' Monolog erinnert. Ich konnte nicht anders, als in meinen Gedanken, den Appell von Brutus im 3. Akt, 2. Szene in Shakespeares 'Julius Caesar' zu vertauschen:


„Wer ist hier so roh, daß er nicht wünschte, ein Syrier zu sein? … Wer ist hier so schlecht, daß er sein Vaterland nicht liebte? Ist es jemand, er rede … Ich halte inne, um Antwort zu hören." (Übersetzung von Dorothea Tieck)

Nach seiner Rede an die Nation sagte eine einheimische Journalistin, die manchmal kritisch gegenüber der Regierung ist, auf meine Frage nach der anhaltenden Popularität Assads in dieser tragischen Periode des syrischen Volkes: „Das ist wahr. Und das kommt teilweise durch die Tatsache, dass er bescheiden ist, sogar demütig – und gut erzogen im Gegensatz zu einigen regionalen Monarchen, die im Grund Analphabeten und uninteressiert an der Welt außerhalb ihrer Lehnsgut-Paläste sind“. Und sie fuhr fort: „Vor der Krise war es nicht ungewöhnlich, dass er ohne Sicherheitsbeamte im Stadtzentrum persönlich herumfuhr, das Auto voller Kinder und Einkäufe erledigte oder mit ihnen zum Essen fuhr oder sie von der Schule abholte.

Du hast seinen beinahe jungenhaften Charme gestern gesehen, als er die Halle betrat und zum Podium lief und Mitglieder des Publikums begrüßte. Als er fertig war, hatte er es nicht eilig, als er die Hände schüttelte. Bashar al-Assad genießt das Bad in der Menge und ist keineswegs persönlich ein mürrischer, distanzierter Typ, wie einige Kritiker ihn fälschlicherweise beschreiben.“

Nach der Rede, kam das nette Zimmermädchen, das täglich mein Zimmer in Ordnung bringt, herein, um etwas zu erledigen. Ich las und sah die Nachrichten. Man zeigte einen Abschnitt aus der Präsidenten-Rede. Sie strahlte, als sie Bashar sah, ging spontan quer durch das Zimmer und umarmte den Fernseher und küsste den Schirm. Im merkte, dass sie nasse Hände hatte und fürchtete, dass sie einen Schlag bekommen könnte.

Ein bekannter Scheich in Damaskus mit guten politischen Beziehungen, gab mir in der Nacht seine Ansicht über die Botschaft von Assad an das syrische Volk und die ausländischen Freunde des Landes und an jene, die neutral sind, aber nicht Feinde der Regierung. Und er sagte, dass der Präsident demnächst noch zwei Reden halten wird, die nächste vielleicht sogar in einem „FDR Kamingespräch“-Format [berümte informelle Gespräche Franklin D. Roosevelts zwischen 1933 und 1944, die im Radio übertragen wurden. D. Ü.].

Der Sunni-Scheich bezog sich auf die gestrige Rede als die erste von drei „Sieges“-Reden, die er erwartete. Er sprach auch über die UAE [Vereinigte Arabische Emirate] und Saudiarabien in Beziehung zu dem, was in Syrien passierte und die Tatsache, dass die genug eigene Probleme haben. Im Fall von Saudiarabien auf dem Hintergrund der zunehmenden Iran-Saudi-Beratungen über Syrien, die schlechte Gesundheit von König Abdallah und den offensichtlichen Kampf um die Nachfolge, der sich seit kurzem verschärft hat, und dass einige Potentaten der königlichen Familie entschieden gegen die Kampagne zur Unterminierung des Assad-Regimes sind. Die syrische Regierung wird, trotz der bösen Zungen, von vielen als reinrassige arabische Nationalisten angesehen mit einer Geschichte gegenseitigen Respekts für andere Länder.

Der Scheich sieht auch Anzeichen in der Obama-Verwaltung, sich aus dem geheimen Krieg gegen Syrien zurückzuziehen, teilweise wegen der brüchigen und oft inkohärenten Aussagen, die von den verschiedenen Sprechern der falsch bezeichneten „Koalition“ kommen. Assad hat in seiner Rede, die manche Historiker und Nahost-Analytiker wohl als historisch bezeichnen werden, einen neuen Plan für seine Landsleute sowie für Freund und Feind gleichermaßen und für die internationalen Gemeinschaft angeboten, um die Krise unmittelbar zu beenden.


Er umfasst der Reihe nach:
  • die ausländischen Länder stellen die Finanzierung der Rebellen ein;
  • Syriens Regierung legt die Waffen nieder und erklärt eine Amnestie;
  • eine nationale Konferenz und Dialog;
  • das Entwerfen einer Verfassung, die von einem Referendum gebilligt wird;
  • eine Regierungskoalition bis zur Abhaltung der Wahlen, voraussichtlich 2014.


Ein Kongress-Angestellter im Komitee für ausländische Beziehungen des US-Senats hat heute eine e-Mail-Nachricht geschickt, dass die Obama-Verwaltung bereit sein könnte, Bashar al-Assads „Opernhaus“-Formel zu akzeptieren, angesichts der sich schnell verändernden geopolitischen Realität der Region und der militärischen Patt-Situation vor Ort in Syrien. Beide Fakten deuten darauf, dass es keine realistische Alternative für die gegenwärtige gewählte Regierung gäbe oder dass es irgendeine realistische Aussicht gäbe, dass das Regime das Handtuch werfen oder in Bälde kollabieren würde.

Dieser Kongress-Angestellte, der mit Nahost-Fragen arbeite, glaubt auch, dass der kommende neue Außenminister John Kerry und der ebenfalls neue Verteidigungsminister Chuck Hagel, der einen harten Kampf um die Senats-Bestätigung vor sich hat, aber ihn wahrscheinlich gewinnen wird, einverstanden sein würden.

Im Gegensatz zu Präsident Assads Rede schien einer der Führer der sogenannten Opposition, George Sabra, nicht in der Lage zu sein, etwas zur Beendigung der gegenwärtigen Krise beizutragen. Sabra sage: „Niemand kann überhaupt daran denken, einen Dialog oder eine Zusammenarbeit mit dem Regime zu führen. Das ist keine Möglichkeit. Das steht außer Frage.“

Seine Ansicht wird wohl nicht mit der sich entwickelnden internationalen Ansicht übereinstimmen.

Quelle- källa - source

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