Montag, 28. Januar 2013

Eine Vergewaltigung pro Minute? Tausend Leichen pro Jahr? Indien? Uganda? Quatsch – USA natürlich


Einar Schlereth
28. Januar 2013


Viele von euch haben ja den kürzlichen Artikel „Vergewaltigung und Neo- Kolonialismus“ auf diesem Blog gelesen. Da ging es um die Mehrfachvergewaltigung einer indischen Studentin in einem Bus, die später ihren üblen Verletzungen erlegen ist. Hier im Westen gab es ein großes Tratra darum mit viel Häme, in etwa: Na da sieht man's wieder einmal. Die da unten. Triebtäter halt. Aber Julian Vigo warf mal einen Blick auf die englische Kriminal-Statistik. Und siehe da, es zeigte sich, dass in England jährlich 80 000 Vergewaltigungen gemeldet (!) werden. Und rechnet man die winzige Bevölkerung Englands auf die riesige Bevölkerung um, dann sieht es so aus: „Laut polizeilichen Angaben der beiden Länder gibt es 1.8 Vergewaltigungen auf 100 000 Einwohner in Indien gegenüber 28.8 Vergewaltigungen auf 100 000 in England.“ Also gut 15 mal mehr Vergewaltigungen in England als in Indien. Wo sitzen also die Triebtäter?

Aber das ist alles noch gar nichts. Naja, wir wissen es ja schon, die Amerikaner sind immer am besten. Die führen die meisten Kriege – was heißt die meisten – sie führen Krieg in Permanz – die 30 Jahre Frieden in ihrer Geschichte waren ein Unfall. Sie werden halt ununterbrochen bedroht. Genau wie ihre Brüder, die Israelis. Deswegen die innige Liebe, die ja fast an Inzucht grenzt. Naja, sie haben sich ständig 'at the balls'. Manchmal gehen sie sich auf 'the balls'. Wie die Beziehungskisten halt so sind. Die USA hat auch die allermeisten Gefängnisinsassen, mehr als die restliche Welt zusammen. Sie foltern am meisten, sogar völlig legal. Und so weiter.
Nun hat die renommierte US-Verfasserin Rebecca Solnit einen langen, sehr langen Artikel zu dem Problem der Vergewaltigungen geschrieben – allerdings hat sie die an Männern außen vor gelassen.

Sie schreibt, dass man nicht lange zu suchen braucht, denn selbst die „gang rapes“ (Mehrfachvergewaltigungen) sind ständig in den Nachrichten. Und das Muster ist ähnlich wie in Indien, obwohl es ja in den USA keine Kasten gibt. Hoppla, wirklich? Also sagen wir mal: nicht im indischen Sinne. Geht es um eine Berühmtheit, oder um besonders abnorme Fälle - wenn etwa 83-jährige Omas vergewaltigt werden - dann wird das auch groß herausgestrichen, aber die tausende alltäglichen Fälle, die permanent geschehen, fallen schnell der Vergessenheit anheim. Die obigen 1000 Leichen – das war also keine Gesamtzahl für die USA.

Rebecca Solnit möchte über die alltäglichen Fälle sprechen, denn „alle 6.2 Minuten wird in diesem Land über eine Vergewaltigung berichtet und die geschätzte Gesamtzahl ist wahrscheinlich fünfmal so hoch, was bedeutet, dass eine Vergewaltigung sehr nahe an einer Minute liegen mag“. Und dann listet sie auf, wo überall vergewaltigt wird. Keineswegs nur in schummrigen Slums und tief in der Bronx, sondern überall. An Volks-, Mittel-, Hochschulen und Universitäten und die Armee ist nicht ausgenommen. Panette hat kürzlich von 19 000 sexuellen Übergriffen im Jahr in den Streitkräften gesprochen. Nicht zu vergessen der Arbeitsplatz und das traute Heim, wo jährlich 1000 Morde an weiblichen Partnern stattfinden.

Und obwohl es sich hier um ein gigantisches Problem handelt, wird darüber nicht groß gesprochen. Man spricht lieber über die Selbstmorde männlicher Armeeangehöriger – ca. 12 in der Woche und findet jede Menge Erklärungen dafür. Die schlechten Zeiten, die schlechte Ökonomie, die Arbeitslosigkeit. Genau wie in Indien, wo auch jede Menge Erklärungen und Entschuldigungen gefunden werden. Kürzlich ist man dort sogar darauf verfallen, dem hohen Bleigehalt in Luft, Wasser, Nahrung die Schuld an der zunehmenden Gewalt zu geben. Der sind zwar alle ausgesetzt, aber komischerweise werden nur die Männer besonders gewalttätig.

Rebecca Solnit versucht sich auch in Erklärungen, wobei die m. E. Vernünftigste die ist, dass Vergewaltigung bis hin zu Mord mit Authorität zu tun hat, ja, aber vor allem mit Macht, Kraft, roher Kraft. Ich bin stark und habe das Recht, zu verlangen was immer ich möchte. Sex, Unterwerfung, Gehorsam, Gefolgschaft. Und da kommt meiner Meinung hinzu, dass dies überwiegend feige Lumpen sind. Die haben ein sehr sicheres Gespür für Schwäche und Angst. An einen starken Kerl würden sie sich nie ranwagen.

Diese männliche Authorität auf der niedrigsten Stufe – die relative Kraft gegenüber Schwachen – verleiht diesen Typen das Recht zu bestimmen, was die Frau, Mädchen, Kind (oder auch Knabe) zu tun haben oder zu lassen haben, ob sie leben dürfen oder sterben müssen. Oder zu Krüppeln geschlagen oder halt „nur“ einfach verprügelt werden. „Eine Frau wird alle neun Sekunden verprügelt in diesem Land. Es ist die Nummer Eins der Verletzungen von Frauen; von den zwei Millionen jährlich sind eine halbe Million derart, dass sie ärztlich versorgt werden müssen und 145 000 Fälle Übernachtung im Krankenhaus erfordern." Rebecca Solnit.

Ich frage mich auch, was all die Männer machen bzw. nicht machen, die schließlich Zeugen dieser Übergriffe werden. Die meisten genießen es wohl. Ich weiß nur, dass ich immer mit Vergnügen solche Typen verprügelt habe. Vielleicht ein Dutzend Fälle. Rechnet man das hoch auf alle Männer, dann müssten Millionen von solchen Kanaillen Prügel beziehen, die sie nicht so schnell vergessen. Aber das geschieht nicht. Warum? Angst, Schiß, Feigheit. Vergesst nicht, diese Kerle, die sich an Frauen vergreifen, sind feige.

Der Artikel ist wirklich eine scheußliche Lektüre. Und er macht mir – als Mann – auch bewusst, wie sehr Frauen dadurch in ihrer Bewegungsfreiheit, in ihren Rechten, ihren Menschenrechten eingeschränkt werden. Das wir alle das zulassen, ist eine Schande. Ja, eine Schande, die uns alle trifft. Hätte der hoch geehrte Friedenspreisträger O den Kampf gegen diesen Terror aufgenommen, hätte er echte Lorbeeren, echten Change gewinnen können.

Aber nein, als feige Kanaille geht er mit seinen Drohnen lieber gegen wehrlose Menschen los – die meisten auch hier wieder Frauen und Kinder.


Kommentare:

  1. es hätte mich schon sehr gewundert, wenn in dieser "disziplin" nicht auch die usa spitzenreiter im internationalen vergleich wären. da allerdings amerikanische oder indische männer, selbst bei anderer erziehung, kaum brutaler sein dürften als vergleichbare europäer, dürfte es m.e. an der brutalen lebenswirklichkeit in diesen ländern liegen. wo sollte achtung vor frauen, schwächeren oder einfach nur dem leben herkommen, wenn morgens bei sonnenaufgang die hungerleichen der letzten nacht quasi per müllabfuhr entsorgt werden, um die "richtigen" menschen nicht zu stören, oder die durchschnittliche lebenserwartung jugendlicher um die 20 liegt wie in etlichen stadtvierteln der usa.

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  2. Es ist krank, daß es so unglaublich oft passiert und immer häufiger auftritt. In gewissen Sinne ist dies der Gradmesser einer Gesellschaft, und was sie dagegen tut. Es nimmt immer mehr überhand, was das Versagen der vielbeschworenen Zivilgesellschaft nur zu klar offen legt, so daß es nur eine Entscheidung geben kann:
    Es muß eine Gemeinschaft aufgebaut werden, in der es wieder wichtig wird näher zu rücken und sich für die Probleme der anderen zu interessieren, um ihnen zu helfen. Verantwortung für andere übernehmen sollte das Ziel sein, und nicht das durch die tolle Technologie für virtuelle Welten falsche Freunde schaffen, die nicht real existieren und uns immer mehr von den echten Menschen trennen.
    Für jemanden einstehen, ohne nachzudenken und auch nicht den Geringsten Gedanken an Angst ... das würde in der Anwendung breiter Massen auch die Taten der "Bösen" eindämmen, wenn man das so sagen kann.
    Gemeinschaften bilden, das ist ein wichtiger Teil der Lösung.

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