Samstag, 26. Mai 2012

Gebleichte Vaginas – die indische Zangsvorstellung von hellerer Haut

Aber dies ist es ja nicht allein – es fügt sich ein in eine allgemeinere körper- und frauenfeindliche Haltung, die besonders von den Kirchen und religiösen Eiferern bewusst gesteuert wird.
[Mein Kommentar ist sehr lang geworden, deswegen wird er am Ende des Artikels fortgeführt.]

Amrit Dhillon

23. Mai 2012

Eine neue Vagina aufhellende Creme wird den selbsthassenden Frauen feilgeboten. 

Die indische Zwangsvorstellung von heller Haut ist schon immer ein geschmackloses Phänomen gewesen. Die Weißmachercreme-Industrie ist gigantisch, da sowohl Männer als auch Frauen sich dieses Zeug ins Gesicht schmieren, um ihre Haut ein bisschen heller zu machen.

Schwangere Frauen auf dem Lande glauben, sie würden hellere Babies gebären, wenn sie Mengen von „weißen“ Milchprodukten wie Milch, Sahne, Yoghurt und Butter konsumieren. Dunkle Models und Schauspielerinnen bemühen sich verzweifelt, ihre Haut aufzuhellen, wenn ihre Haut als nicht wünschenswert angesehen wird.

Jetzt hat ein indisches Unternehmen diese bizarre selbsthassende Zwangsvorstellung auf eine neue Ebene gehoben mit einem „femininen“ Hygieneprodukt, das nicht nur verspricht, die Genitalien der Frauen „frisch“ zu halten, sondern auch die Haut um die Vagina herum aufzuhellen.

Die Schönheitscreme-Industrie ist gigantisch.

Die Fernsehreklame Clean & Dry Intimate Wash zeigt eine attraktive, moderne Frau, die zuhause sitzt und schwermütig aussieht. Ihr Partner (wahrscheinlich ihr Mann) ist im selben Raum und scheint sie zu ignorieren.

Die nächste Szene zeigt sie in der Dusche, wo eine kurze Animationsfolge die unansehnliche Farbe um ihre Genitalien (dankenswerterweise unscharf) zeigt, die sich in eine hellere Fleischfarbe verwandelt.


In der nächsten Szene ist der Partner weit mehr an ihr interessiert und die neue selbstbewusste Frau, jetzt in Shorts und kokett aussehend, nimmt seine Autoschlüssel, steckt sie in ihre Tasche und lädt ihn ein, sie zu jagen.

Er antwortet, indem er sie liebevoll in die Arme nimmt. Offenbar steht jetzt alles gut zwischen ihnen, nachdem ihre Vagina hellhäutiger ist. Der Reklametext darunter lautet: „Das Leben für Frauen wird nun frischer, sauberer und noch wichtiger, schöner und intimer sein.“

Diese Schönheitsmanie macht mich verrückt. Wenn manche Juden unter Selbsthass zu leiden pflegten, so wussten sie zumindest, dass es deswegen war, weil frühere Generationen jahrhundertelanger Verfolgung ausgesetzt waren. Wenn manche Afroamerikaner wenig Selbstbewusstsein hatten und versuchten, ihre Haut heller zu machen und ihr Haar glatter, so wussten sie wenigstens, dass eine Geschichte der Sklaverei einen Schatten auf ihr Selbstvertrauen geworfen haben muss.

Aber was kann diesesn indischen Hass auf die Farbe ihrer eigenen Haut erzeugt haben? Ja, ich weiss, dass der britische Raj weiß war, aber die Mogul-Herrschaft in Indien dauerte viel länger und die Moguln waren nicht weiß, weswegen der „koloniale Komplex“ nicht ganz hinhaut.

Wenn die Theorie stimmte, würden die Inder sich nach schrägen Augen sehnen, da die Moguln Mongolen aus Zentralasien waren, aber die Inder beziehen sich auf deren Volk aus dem Nordosten abfällig als „Schlitzaugen“.

Was so abstoßend an diesem Produkt ist, das ist, weil es sich eines doppelten Selbsthasses schuldig macht – der Rasse und des Geschlechts. Indische Frauen sollen sich ihrer dunklen Hautfarbe schämen und, als Frauen, auch ihrer Genitalien, die dunkel sind und, angeblich, nicht anziehend.

Im Westen haben vor ein paar Jahren Unternehmen versucht, ein schändliches Vaginal-Spray zu vermarkten, um die Geschlechtsteile der Frau frisch zu erhalten. Aber Ärzte und Feministinnen erklärten, dass eine tägliche Dusche oder Bad alles wäre, damit eine Frau frisch wäre.

Auf jeden Fall, warum muss der Mann nicht sein Organ mit Duftspray besprühen? Und warum hat niemand ein „hautzusammenziehendes“ Mittel produziert, um das Aussehen der Truthahn-Innereien ähnlichen männlichen Genitalien zu verbessern?

Zum Glück ist das indische Produkt jetzt umstritten, und Ambika Soni, Minister für Information und Rundfunk (eine Frau), hat den Indischen Rat fur Werbestandards aufgefordert, es zu verbieten.

Frauengruppen haben sich empört und auf das Produkt geschimpft. Eine Frau hat online geschrieben: „Dies ist der Gipfel der Beleidigung – die Haut der Vagina weiß zu färben.“

Aber ich frage mich, wie es so weit kommen konnte. Man fragt sich, wieso das Reklameteam keine Bedenken dagegen hatte.

Warum niemand in dem Unternehmen sich fragte, ob so ein Produkt für Frauen beleidigend sein könnte. Weshalb die Schauspielerin und der Schauspieler in der Werbung sich nicht bewusst waren, dass die Idee, für die sie warben, widerlich war.

Es ist schlimm genug, dass Schönheitscremes durchscheinen lassen, dass eine dunkelhäutige Frau niemals eine Karriere machen kann oder einen Mann bekommt, bevor sie nicht schöner ist.

Aber etwas zu verkaufen, das so äußerst frauenfeindlich ist – dass weibliche Genitalien irgendwie schmutzig und abstoßend seien, weshalb europäische Kunst über Jahrhunderte weg Frauen ohne Pubishaar darstellte – zeigt ein erstaunliches Maß an Ignoranz darüber, dass die Welt über solche rückständigen Vorstellungen hinweggeschritten ist.

Es ist wirklich an der Zeit, dass die Inder ihre Haltung zu ihrer eigenen Hautfarbe verändern. Wie die Afro-Amerikaner ihre 'Black is Beautiful'- Kampagne in den USA lancierten, so braucht Indien eine ähnliche selbstbestätigende Bewegung. Und zwar schnell.

Quelle - källa - source

Fortsetzung meines Kommentars:

Die 60-er Jahre des vorigen Jahrhunderts brachten ja nicht nur politisch frischen Wind in die muffigen Universitäten und die Regierungsämter, sondern ein wesentliches Element des 'freier-atmen-könnens', eines allgemein freieren Lebensgefühls nach der braunen und der schwarzen Diktatur, war die Befreiung der Liebe von den schlimmsten Fesseln und die Befreiung des Körpers von unnötiger Kleidung – die Nacktheit.

Man schaue sich das Buch über die FKK-Bewegung in der DDR an (siehe die links unten), wo es lockerer als in unseren FKK-Bädern zuging und die Bilder von den nackten Menschen und vor allem von den Frauen. Sie haben noch alle ihre Haare und Härchen, wo sie sein müssen: unter den Armen und zwischen den Schenkeln. So sehen Frauen normalerweise aus. Das halte ich für schön und sexy.

Und genau das wusste auch die katholische Kirche, für die jedes Stückchen unbekleidete Haut, jedes Haar, das Haupthaar, das unter den Achseln und – oh Heiliger Strohsack – das 'da unten' sündhaft war und absolut bedeckt gehalten werden musste. Aus gleichem Grunde war ja auch das Waschen und Baden lange Zeiten verpönt und verboten. Mit einem Wort: die guten Christen haben gestunken wie die Kanalratten.

Langsam, langsam gegen Ende des 19. Jh. und Anfang des 20. Jh. lockerten sich die Zwänge. Welch skurrile Formen das annehmen konnte, sieht man an den ersten Badekleidern – unförmige Säcke, die sich im Wasser mit Luft füllten, so dass man nicht zu viel von den Formen sah – obwohl Männlein und Weiblein getrennt badeten.

Nun, das Nacktsein kulminierte in den 60-er Jahren, wurde aber relativ schnell wieder in die 'geordneten Bahnen' gebracht. Und etwa gleichzeitig schwappte aus den USA auch die Beseitigung aller Körperhaare nach Europa über. Mit den Achseln ging es los, dann die Arme und die Beine und schließlich die Muschi.

Und diese Diktatur ging natürlich mit der entsprechenden Gehirnwäsche einher, so dass heute Frauen, ohne rot zu werden, sagen können: Weil es so eklig ist.

Was die Kirche früher mit Gewalt durchsetzen musste, dem unterwerfen sich die Frauen und zunehmend die Männer heute freiwillig. Man langt sich an den Kopf.

Aus den Frauen wurden Barbie-Puppen, d.h. im Grunde Babies. In Paranthese: Man höre sich Songs an, Jazz, Pop, Rock egal, mit dem endlosen Gejaule 'My baby, my baby'. Deswegen ist die US-Gesellschaft in großen Teilen eine pädophile Gesellschaft (das Pendant findet sich im katholischen Klerus). Das zeigt sich ja besonders auch dort, wo der männliche Teil völlig freie Hand hat – an der Front. Mädchen und Babies vergewaltigen gehört nicht nur zur beliebten Freizeitbeschäftigung, sondern auch zum Dienst.

Besonders erniedrigend ist das, was im Artikel über die indischen Frauen hier oben geschildert wird. Dazu gehört aber auch, dass viele japanische und chinesische Frauen ihre Augen zu „Kulleraugen“ operieren lassen. Natürlich ist dies die Folge der weißen weltweiten Vorherrschaft, die heute fröhliche Urständ feiert.

Was die dunkle Hautfarbe betrifft, die es im übrigen in tausend Schattierungen gibt, kann ich nur Heinrich Barth zustimmen, dem großen, echten Afrikaforscher, Humanist, Historiker, Sprachwissenschaftler, Anthropologe etc. und der einzige Afrikaforscher, der kein Rassist war und folgedessen längst vergessen, der in seinem 4-bändigen Opus Magnum irgendwo schreibt:

Sieht man hier die Menschen in ihrer Nacktheit und Schönheit, möchte man meinen, dass dies die natürliche Hautfarbe des Menschen ist.' [Aus dem Gedächtnis zitiert.] Wie Recht er hatte, konnte er nicht wissen. Nun ist es bewiesen, dass wir alle vor bloß 30 000 Jahren schwarz waren. Warum konnte es nicht dabei bleiben? Wieviel Elend wäre der Menschheit erspart geblieben.

(Siehe auch diesen Artikel hier und hier.)

Kommentare:

  1. Den feministischen Beißreflex gegen alles vermeintlich Frauenfeindliche halte ich für vollkommen überzogen und verfehlt.

    Die eigentlichen Drahtzieher sind doch die skrupel- und zügellosen Unternehmer, die so ein Zeug auf den Markt bringen. Wir wissen doch zur Genüge, wie so etwas funktioniert: Am Anfang steht die Idee, ein neues Marktsegment zu "erfinden". Dafür werden dann Produkte entwickelt und über immer raffiniertere PR-Maßnahmen wird eine Nachfrage erzeugt. Das hat nicht das Geringste mit Frauenfeindlichkeit zu tun, sondern nur mit einer verkommenen, ungezügelten Marktwirtschaft. Und da werden je nach Produktidee Männern, Frauen, Kindern und Greisen künstlich Bedürfnisse implantiert und dabei werden die Grenzen des Machbaren immer weiter ausgedehnt, vollkommen unabhängig von der Zielgruppe. Wer das nicht sehen will, ist in den 80-Jahren stehen geblieben. Sorry, heute können wir es uns einfach nicht mehr erlauben, uns in Geschlechter, Religionsgruppen etc. spalten zu lassen. Jegliches Sektierertum spielt nur noch dem neoliberalen Wahnsinn in die Hände.

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  2. Deine Kritik verstehe ich nicht recht. Wenn du die genannten Bücher über die 'Nacktbewegung', über Liebe, Sex etc. in der DDR liest, wird eines sehr klar: durch die ökonomische Befreiung/Gleichstellung - und selbst die war bei weitem nicht vollkommen - bekamen die Frauen in der DDR ein ganz anderes Selbstwert- Gefühl. Und ist es nicht merkwürdig, dass etwa in Deutschland oder besonders hier in Schweden, wo die Sozis mehr als ein halbes Jahrhundert an der Macht waren, von ökonomischer Gleichberechtigung der Frauen keine Rede sein kann. Die Spaltung der Geschlechter findet von oben statt!

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  3. Haben Sie gewußt, daß die Geschichte der Schönheitschirurgie mit jüdischen Männern begann, die sich ihre Hakennasen wegoperieren ließen um den permanenten Diskriminierungen zu entkommen?
    Auch heute sind alle Bemühungen um mehr "Attraktivität" bei Lichte betrachtet Versuche, einen höheren Sozialstatus zu erreichen.
    Lieber eet, viele Dank für den schönen Beitrag! An einer Stelle habe ich jedoch andere Informationen: es gab nicht rassistische Afrika-Forscherinnen, u.a. Mary Henrietta Kingsley (1862-1900).
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Kingsley

    @foehnix:Du klingst mir wie ein junger, weißer, heterosexueller Mann, richtig?

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  4. @foehnix

    "Die eigentlichen Drahtzieher sind doch die skrupel- und zügellosen Unternehmer, die so ein Zeug auf den Markt bringen."

    Und warum wird es auf den Markt gebracht? Weil der Bedarf vorhanden ist...
    Der Bedarf lässt sich allerdings steuern, aber nicht das, auf was er fußt.

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