Montag, 28. Mai 2012

Die Politik der Sprache und die Sprache der politischen Regression (2. Teil)

Hier kommt der 2. Teil des wichtigen Artikels von James Petras, der zu den wenigen amerikanischen Kritikern gehört, die einen Durchblick haben.


James Petras
Statt von „Enthaltsamkeit“ in seiner Verbindung mit harter Selbst-Disziplin zu sprechen, sollten die Linken sie deutlich als Politik der herrschenden Klassen gegen die Arbeiter- und Angestellten-Klassen beschreiben, die Ungleichheit und noch mehr Reichtum und Macht an der Spitze erzeugt. „Enthaltsamkeit“-Politik ist daher ein Ausdruck dafür, wie die herrschenden Klassen den Staat benutzen, um die Last der Kosten ihrer Wirtschaftskrise auf die Arbeiterklasse zu wälzen.

Die Ideologen der herrschenden Klassen kooptierten Konzepte und Begriffe, die von der Linken ursprünglich benutzt wurden, um Verbesserungen des Lebensstandards voranzubringen, und stellten sie auf den Kopf. Zwei dieser Euphemismen, die von der Linken übernommen wurden, sind „Reform“ und „strukturelle Anpassung“.

„Reform“ bezog sich jahrhundertelang auf Veränderungen, die Ungleichheiten verminderten und die Vertretung des Volkes stärkten. „Reformen“ waren positive Veränderungen, die öffentliche Wohlfahrt beförderten und den Missbrauch der Macht durch oligarchische oder plutokratische Regime einschränkten. In den vergangenen drei Jahrzehnten jedoch haben führende akademische Ökonomen, Journalisten und internationale Bank-Beamte die Bedeutung von „Reform“ in das Gegenteil verwandelt: sie bezieht sich jetzt auf Beseitigung der Arbeiter-Rechte, das Ende der öffentlichen Regulierung des Kapitals und die Beschneidung öffentlicher Subsidien, die Nahrung und Treibstoff für die Armen erschwinglich machen. Im heutigen Vokabular der Kapitalisten bedeutet „Reform“ die Umkehr der progressiven Veränderungen und die Wiederherstellung der Privilegien der privaten Monopole. „Reform“ bedeutet das Ende der Job-Sicherheit und Erleichterung massiver Entlassungen von Arbeitern, indem Abfindungen herabgesetzt oder beseitigt werden. „Reform“ bedeutet nicht mehr positive soziale Veränderungen; sie bedeutet jetzt die Rückgängigmachung der hart erkämpften Veränderungen und die Wiederherstellung der unumschränkten Macht des Kapitals. Sie bedeutet eine Rückkehr zur früheren und brutalsten Phase des Kapitals, bevor die Arbeiterorganisationen bestanden und als der Klassenkampf unterdrückt wurde. Doch nun meint „Reform“ Wiederherstellung der Privilegien, der Macht und des Profits für die Reichen.


In ähnlicher Weise haben die linguistischen Kurtisanen des Ökonomieberufs den Begriff „strukturell“ übernommen wie etwa in „strukturelle Anpassung“, um der ungezügelten Macht des Kapitals zu dienen. Noch in den 70-er Jahren bezog sich „strukturelle“ Veränderung auf Umverteilung von Land von den Großgrundbesitzern auf die Landlosen; eine Verschiebung der Macht der Plutokraten auf das Volk. „Strukturen“ bezogen sich auf die Organisation der konzentrierten privaten Macht im Staat und der Wirtschaft. Heute jedoch bezieht sich „Struktur“ auf die öffentlichen Institutionen und die öffentliche Politik, die aus den Arbeiter- und Bürgerkämpfen hervorgingen, um soziale Sicherheit herbeizuführen, um die Wohlfahrt, Gesundheit und Altersversorgung zu schützen. „Strukturelle Veränderungen“ sind jetzt ein Euphemismus für die Zerschlagung der öffentlichen Institutionen, die Beendigung der Beschränkungen des räuberischen Betragens des Kapitals und die Zerstörung der Möglichkeit der Arbeiter zu verhandeln und für ihre sozialen Fortschrite zu kämpfen oder sie zu erhalten.

Der Begriff „Anpassung“ wie in „struktureller Anpassung“ ist an sich ein nichtssagender Euphemismus, der Feinabstimmung impliziert, die sorgfältige Regulierung öffentlicher Institutionen und Politik in Richtung Gesundheit und Balance. Aber in Wirklichkeit stellt „strukturelle Anpassung“ eine frontale Attacke gegen den öffentlichen Sektor dar und eine komplette Beseitigung der Schutzgesetze und öffentlichen Behörden, die zum Schutz der Arbeit, der Umwelt und der Verbraucher eingerichtet wurden. „Strukturelle Anpassung“ verdeckt einen systematischen Sturm auf den Lebensstandard des Volkes zum Wohle der Kapitalistenklasse.

Die Kapitalistenklasse hat eine Bande von Ökonomen und Journalisten herangezüchtet, die brutale Politik in harmlose, ausweichende und betrügerische Sprache kleiden, um die Opposition des Volkes zu neutralisieren. Zu allem Unglück neigen viele der „linken“ Kritiker dazu, sich auf dieselbe Terminologie zu stützen.

In Anbetracht der weit verbreiteten Korruption der Sprache, so durchgängig in den jetzigen Diskussionen über die Krise des Kapitalismus, sollte die Linke aufhören, sich auf diese verlogene Euphemismen zu stützen, die von der herrschenden Klasse übernommen wurden. Es ist frustrierend zu sehen, wie leicht die folgenden Begriffe in unsere Diskussion sich einschleichen:

Marktdisziplin
  Der Euphemismus „Disziplin“ lässt an ernste, bewusste Charakterstärke angesichts der Herausforderungen denken im Gegensatz zu unverantwortlichem, realitätsfernem Verhalten. In Wirklichkeit, bezieht es sich in Verbindung mit „Markt“ auf Kapitalisten, die sich an arbeitslosen Arbeitern schadlos halten und die übrigen Angestellten einschüchtern zu mehr Ausbeutung und Überstunden, wobei mehr Profit für geringere Kosten erzeugt wird. Es verhüllt auch die Fähigkeit der kapitalistischen Oberherren, ihre Profitrate zu erhöhen, indem sie die sozialen Kosten der Produktion, wie Arbeiter- und Umwelt-Schutz, Krankenkasse und Pensionen beseitigen.

„Markt-Schock“
  Dies bezieht sich auf Kapitalisten, die brutale, massive und abrupte Entlassungen handhaben, Lohnkürzungen sowie Gesundheits- und Pensionspläne streichen, um die Börsennotierung zu verbessern, die Profite zu erhöhen und größeren Bonus für die Bosse herauszuschinden. Indem man den harmlosen, neutralen Begriff „Markt“ mit „Schock“ verbindet vernebeln die Apologeten des Kapitals die Identität der Verantwortlichen dieser Maßnahmen, ihre brutalen Folgen und die immensen Vorteile, die die Elite genießt.

„Markt-Forderungen“
  Diese euphemistische Phrase zielt darauf ab, eine ökonomische Kategorie zu vermenschlichen, die Kritik weg von Fleisch und Blut wirklicher Machthaber zu lenken, von deren Klasseninteressen und den Arbeitern in ihrem despotischen Würgegriff. Statt „Markt-Forderungen“ sollte es heissen: „die Kapitalistenklasse befiehlt den Arbeitern, ihre Löhne und Gesundheit zu opfern, um mehr Profit für die multi-nationalen Unternehmen sicherzustellen“ - ein klares Konzept, das besser geeignet ist, den Zorn der Betroffenen zu entzünden.

„Freie Wirtschaft“
  Ein Euphemismus, der aus zwei realen Konzepten geknüpft wurde: private Wirtschaft für privaten Profit und freien Wettbewerb. Indem man das dahinterliegende Bild von privatem Gewinn für die Wenigen gegen die Interessen der Vielen beseitigt, haben die Apologeten des Kapitals ein Konzept erfunden, das die inviduellen Tugenden der „Wirtschaft“ und „Freiheit“ betont im Gegensatz zu wirklichen ökonomischen Bosheiten wie Gier und Ausbeutung.

Freie Marktwirtschaft
  Ein Euphemismus, der freien, fairen und gleichen Wettbewerb auf nicht regulierten Märkten impliziert und die Wirklichkeit der Marktbeherrschung durch Monopole und Oligopole schönfärbt, die von massiven staatlichen Rettungs-Paketen in kapitalistischen Krisenzeiten abhängig sind. „Frei“ bezieht sich insbesondere auf die Abwesenheit öffentlicher Regulierung und staatlicher Intervention zur Verteidigung der Arbeiter-Sicherheit und auch des Konsumenten- und Umwelt-Schutzes. Mit anderen Worten verhüllt „Freiheit“ die bewusste Zerstörung der bürgerlichen Ordnung durch Privatkapitalisten durch ungehemmte Ausübung der wirtschaftlichen und politische Macht. „Freie Marktwirtschaft“ ist der Euphemismus für die absolute Herrschaft der Kapitalisten über die Rechte und die Lebensgrundlage von Millionen Bürgern und dem Wesen nach die wahre Verweigerung von Freiheit.

„Wirtschaftliche Erholung“
Diese euphemistische Phrase meint die Erholung der Profite der riesigen Multis. Sie verhüllt die totale Abwesenheit von Erholung des Lebensstandards der Arbeiter- und Mittelklassen, die Beseitigung sozialer Zuschüsse und wirtschaftliche Verluste der Hypothekeninhaber, Schuldner, die Langzeitarbeitslosigkeit und den Bankrott kleiner Geschäftsleute. Mit dem Begriff „wirtschaftliche Erholung“ wird schöngefärbt, wie die Massenverarmung zur Schlüsselbedingung für die Erholung der Profite der Multis wurde.

„Privatisierung“  Dies umschreibt die Überführung von Unternehmen der öffentlichen Hand, gewöhnlich die profitablen, an private Großkapitalisten mit guten Beziehungen zu Preisen weit unter ihrem wahren Wert, was zum Verlust von öffentlichen Diensten führt, von stabiler öffentlicher Anstellung und höheren Konsumkosten, da die neuen privaten Besitzer die Preise hochtreiben und Arbeiter entlassen – alles im Namen eines weiteren Euphemismus - „Effizienz“.

„Effizienz“
  Effizienz bezieht sich nur auf die Bilanz eines Unternehmens; sie spiegelt nicht die großen Kosten der „Privatisierung“ wider, die von anderen Sektoren der Wirtschaft getragen werden. Zum Beispiel erhöht die „Privatisierung“ des Transports die Kosten von nach- und vorgelagerten Unternehmen indem es diese weniger konkurrenzfähig macht verglichen mit der Konkurrenz anderer Länder; „Privatisierung“ beseitigt Dienstleistungen in Regionen, die weniger profitabel sind, was zum lokalen ökonomischen Kollaps und Isolation von nationalen Märkten führt. Häufig investieren öffentliche Beamte, die mit Privatkapitalisten verbandelt sind, bewusst weniger in öffentliche Unternehmen und stellen inkompetente politische Kumpel als Teil der Vetterles-Wirtschaft ein, um diese Dienste zu verschlechtern und öffentlichen Missmut zu fördern. Das schafft eine günstige öffentliche Meinung für „Privatisierung“ des Unternehmens. Mit anderen Worten ist „Privatisierung“ nicht das Ergebnis inhärenter Ineffizienz öffentlicher Unternehmen, wie die kapitalistischen Ideologen gerne behaupten, sondern eine bewusste politische Handlung, um Gewinne des Privatkapitals zu fördern auf Kosten öffentlicher Wohlfahrt.

Schlussfolgerung


Sprache, Konzepte und Euphemismen sind wichtige Waffen im Klassenkampf „von oben“, von kapitalistischen Journalisten und Ökonomen entworfen, um Reichtum und Macht des Kapitals zu fördern. In dem Maße, wie Progressive und linke Kritiker diese Euphemismen und deren Referenzrahmen übernehmen, werden die von ihnen vorgeschlagenen Kritik und die Alternativen durch die Rhetorik des Kapitals eingeengt. Euphemismen in „Anführungsstriche“ zu setzen, kann als Zeichen von Missbilligung gelten, aber das trägt nichts bei zu einem anderen analytischen Rahmen, der notwendig ist für einen erfolgreichen Klassenkampf „von unten“. Gleichermaßen bedeutend ist, dass es die Notwendigkeit  eines fundamentalen Bruchs mit dem kapitalistischen System umgeht einschließlich seiner korrupten Sprache und verlogenen Konzepte. Die Kapitalisten haben die wichtigsten Gewinne der Arbeiterklasse beseitigt und wir sind wieder unter die absolute Herrschaft des Kapitals gefallen. Dies muss erneut die Frage einer sozialistischen Umformung des Staates, der Wirtschaft und Klassenstruktur aufwerfen. Ein integraler Bestandteil dieses Prozesses muss die vollständige Zurückweisung der Euphemismen sein, die von kapitalistischen Ideologen benutzt werden und ihre systematische Ersetzung durch Begriffe und Konzepte, die wahrhaft die harte Wirklichkeit reflektieren, die deutlich die Verursacher dieses Niedergangs identifizieren und die die sozialen Akteure politischer Transformation definieren.

Quelle - källa - source

Kommentare:

  1. Alles in allem ist dieser Artikel ein wunderbares Beispiel dafür, wie das verkommene Polit-Betrügerpack, das sich auch selbst gerne die Taschen übervoll macht, da es über die Höhe auch noch selbst entscheidet wie ja jeder andere Angestellte auch in diesem Fast-Staat BRD, uns, die Bürger verarscht nach Strich und Faden und eigentlich nur das durchsetzt, was der Feudalherrschaft, also den Edelleuten oder besser Geld-Selbstdruckern, entscheidet und ihm zugute kommt.

    Im Grund hat sich seit Jahrhunderten und länger nichts wirklich geändert.

    Und es wird sich auch so lange nichts wirklich ändern, solange Eigentum, Besitz die Basis unserer Sozial-/Geldordnung ist. Das werden diese Verbrecher vor dem Herrn natürlich nicht freiwillig aufgeben wollen. Eher geben sie 5 Mrd. Menschen auf, damit sich am Status Quo nichts ändert: 99 Prozent buckeln für 1 Prozent. Wobei der Grad der Buckelei und die Anzahl der Buckelisten je nach Land und sozialer Stellung variiert.

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    1. Und selbst wenn "sie" ein paar Milliarden umlegen, muss es rotzdem weiter Verlierer geben, die "denen da oben" die Schuhe putzen und den Arsch lecken, denn das eine bedingt das andere.
      Aber warum die ganzen Anstrengungen, Ausflüchte, der ganze Wahnsinn, wenn man nur eine einzige alles entscheidende Sache ändern muss?

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