Donnerstag, 22. September 2011

Indien: Widerstand gegen den Diebstahl von Samen durch die Multis


Diesen Artikel vom 19. September 2011 hat die bekannte indische Professorin Vandana Shiva geschrieben. Sie ist Philosphin, Umweltaktivistin und Öko-Feministin. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben, war Beraterin der Regierung und erhielt 1993 den Right Livelihood Award, den Alternativen Nobelpreis (die deutsche Wiki-Seite liegt hier). Ich übersetzte bereits für Tlaxcala einen Artikel von ihr, den ich hier auch auflegen werde, da er seine Aktualität nicht verloren hat.

Wir befinden uns in einem Nahrungsmittel-Notstand. Spekulation und die Verwendung von Nahrung für Bio-Treibstoff haben zu einem unkontrollierten Preisanstieg beigetragen, was der Milliarde Menschen, denen das Recht auf Essen verweigert hat, noch mehr Menschen hinzufügte. Industrielle Landwirtschaft treibt Arten in die Vernichtung durch die Verwendung von giftigen Chemikalien, die unsere Bienen und Schmetterlinge, unsere Regenwürmer und Bodenorganismen töten, die erst die Fruchtbarkeit der Erde hervorbringen. Pflanzen- und Tierarten verschwinden, da Monokulturen die Bio-Vielfalt ersetzen. Industrielle, globalisierte Landwirtschaft ist verantwortlich für 40% Treibhausgas, das dann die Agrikultur destabilisiert und Klimachaos verursacht, was neue Bedrohungen für die Nahrungssicherheit mit sich bringt.
Aber die größte Bedrohung für uns ist die Kontrolle des Saatguts und die Übernahme der Nahrungsmittel aus den Händen der Bauern und Gemeinden durch eine Handvoll von Multis. Die Monopolkontrolle von Baumwollsamen und die Einführung von genetisch veränderter Bt Baumwolle (GM) hat bereits zu einer Epidemie von Bauern-Selbstmorden in Indien geführt. Eine Viertel Million Bauern haben sich wegen Schulden das Leben genommen, weil sie die hohen Kosten des nicht erneuerbaren Samens nicht bezahlen können, was Firmen wie Monsanto Milliarden-Gewinne an Royalties einbringt.
Ich startete 1987 Navdanya, um der Herausforderung von GM-Saatgut, Saat-Patenten und Saat-Monopolen zu begegnen.
Wir haben Erfolg gehabt und die Saatgut-Souveränität zurückgewonnen und haben sechzig Gemeinde-Saatbanken geschaffen, damit Saatgut ein Gemeingut wird. Wir haben bewiesen, dass Bio-Vielfalt und ökologische Landwirtschaft mehr Nahrung und Nährwert pro Hektar erzeugt als die Monokultur und die Kosten für den Planeten und die Bauern senkt.
Aber unsere Anstrengungen sind wie ein kleines Licht in einem sehr dunklen Raum. Wir halten die Flamme der Möglichkeiten und Alternativen am Leben. Der Nahrungs-Notstand erfordert jedoch umfassendere Maßnahmen.
Die Nahrungs-Bewegung muss besser integriert werden, von der Saat bis zum Tisch, vom Dorf zur Stadt, vom Süden zum Norden. Wir müssen stärker werden bei der Herausforderung der korporativen Kontrolle unseres Nahrungssystems und der Rolle der Regierungen, die den Missbrauch unseres Saatguts und Böden, unserer Körper und unserer Gesundheit nur vermehren, statt zu stoppen. Michelle Obama hat einen organischen Garten am Weißen Haus, aber die Obama-Verwaltung fördert die Genetisch Veränderten Organismen in den USA und weltweit. Das US-Indien-Agrikultur-Abkommen – von Präsident Bush und Premierminister Singh 2005 unterzeichnet zusammen mit dem US-Indien-Atomabkommen – hat in seinem Vorstand Vertreter von Monsanto, ADM und Walmart. Die Entführung unseres Nahrungssystems bedeutet die Entführung unserer Demokratie.
Deshalb müssen wir die Nahrungs-Demokratie in das Zentrum der Verteidigung unserer Freiheit und unseres Überlebens stellen. Wir werden entweder eine Nahrungs- Diktatur eine eine gewisse Zeit und dann den Kollaps unseres Nahrungssystems und unserer Gesellschaften haben oder wir müssen Erfolg haben beim Aufbau robuster Nahrungs-Demokratien, die auf stabilen Ökosystemen und stabilen Gemeinden ruhen. Eine andere Alternative ist undenkbar.
Der Originalartikel liegt hier.

Donnerstag, 22. September 2011


Der große Landraub: Indiens Krieg gegen die Bauern


„Die Erde, auf der das Meer und die Flüsse und die Gewässer, die Nahrung und die Stämme der Menschen entstanden sind, auf der dieses atmende, quirlige Leben besteht, bietet uns vor allem die Freude des Trinkens.“
Prithvi Sukta, Atharva Veda


In Indien reisst der Staat mit Gewalt Land von den Bauern an sich und übergibt es an private Spekulanten, Grundstücksunternehmen, Bergwerkgesellschaften und die Vergnügungsindustrie [EPA]

Land ist Leben. Es ist die Basis des Lebensunterhalts für Bauern und indigene Völker in der gesamten Dritten Welt und ist auch zu dem wichtigsten Anlagegut der globalen Ökonomie geworden. Da die Forderungen nach Ressourcen der Globalisierung steigen, erweist sich Land als ein Schlüsselgut von Konflikten. In Indien sind 65% der Menschen vom Land abhängig. Gleichzeitig braucht die globale Ökonomie, getrieben von Finanzspekulationen und grenzenlosem Konsumismus, Land für Bergbau und Industrie, für Städte, Schnellstraßen und Plantagen für Biotreibstoff. Die spekulative Wirtschaft der globalen Finanzwelt ist hundertmal größer als der Wert der wirklichen Güter und Dienstleistungen, die auf der Erde produziert werden.
Finanzkapital ist hungrig nach Investitionen und Profit der Investitionen. Es muss alles auf dem Planeten in Güter verwandeln – Land und Wasser, Pflanzen und Gene, Mikroben und Säugetiere. Die Verwandlung von Land in eine Ware treibt zum Landraub der Unternehmen in Indien an, sowohl durch Schaffung von Sonderzonen als auch  durch ausländische Direktinvestitionen in Grundstücken.
Land ist für die meisten Menschen in der Welt die Tierra Madre, Mother Earth, Bhoomi, Dharti Ma. Land ist die Identität des Volkes; es ist die Grundlage der Kultur und Wirtschaft. Das Band mit dem Land ist ein Band mit Bhoomi, unserer Erde; 75% der Menschen der Welt leben vom Land und werden vom Land getragen. Die Erde ist der größte Arbeitgeber auf dem Planeten: 75% des Reichtums der Menschen im globalen Süden ist Land.
Die Kolonisierung basierte auf der gewaltsamen Aneignung von Land. Und jetzt führt die Globalisierung als Neukolonisierung zu massivem Landraub in Indien, Afrika, Lateinamerika. Land wird geraubt für spekulative Investitionen, für spekulative Städteerweiterung, für Bergwerke und Fabriken, für Land- und Schnellstraßen. Land wird von Bauern geraubt, nachdem sie in Schulden gefangen und in den Selbstmord getrieben wurden.
Indiens Landprobleme
In Indien wird der Landraub erleichtert durch die giftige Mischung vom kolonialen Landerwerbungsgesetz von 1894, der Deregulierung von Investitionen und Handel durch die neoliberale Politik – und mit dem Auftauchen der Herrschaft unkontrollierter Gier und Ausbeutung. Er wird erleichtert durch die Schaffung eines Polizeistaates und der Anwendung kolonialer Aufruhrgesetze, die Verteidigung öffentlicher Interessen und nationaler Interessen als antinational definieren.
Die Weltbank hat seit vielen Jahren sich bemüht, Land in Ware zu verwandeln. 1991 hob das strukturelle Anpassungsprogramm der Weltbank die Landreform auf, deregulierte Bergbau, Straßen und Häfen. Während die Gesetze des unabhängigen Indien, das Land in den Händen der Ackerbauern zu belassen, aufgehoben wurden, blieb das Gesetz von 1894 unangerührt.
Derart konnte der Staat zwangsweise Land von den Bauern und indigenen Völkern erwerben und den privaten Spekulanten, Grundstücksunternehmen, Bergbaugesellschaften und der Industrie übergeben.
Kreuz und quer in Indien, von Bhatta in Uttar Pradesh (UP) bis Jagasingphur in Orissa und Jaitapur in Maharashtra erklärte die Regierung unseren Bauern, unseren annadatas [telugu = Bauer] den Krieg, um ihr fruchtbares Ackerland zu rauben.
Das Instrument ist das koloniale Landerwerbungsgesetz, das von den ausländischen Herrschern gegen Indiens Bürger angewandt wurde. Die Regierung benimmt sich wie die ausländischen Herrscher, als sie das Gesetz 1894 einführten, um sich Land mit Gewalt für den Profit von Unternehmen anzueignen – für JayPee Infratec in Uttar Pradesh für die Yamuna Schnellstraße, POSCO in Orissa und AREVA in Jaitapur – Landraub für privaten Profit und nicht, so sehr man der Phantasie freie Zügel lässt, für öffentliche Zwecke. Das ist heute üblich im Land.
Die Kriege um Land haben ernste Konsequenzen für die Demokratie unseres Landes, unseren Frieden und unsere Ökologie, unsere Nahrungssicherheit und den Lebensunterhalt der Landbevölkerung. Die Kriege um Land müssen aufhören, wenn Indien ökologisch und demokratisch überleben will.
Während sich die Regierung in Orissa vorbereitet, das Land der Leute in Jagatsingphur an sich zu reissen, Leute, die seit 2005 einen demokratischen Kampf gegen den Landdiebstahl führen, lässt Rahul Gandhi verlauten, dass er gegen die Zwangslanderwerbung in einem ähnlichen Fall in Bhatta in Uttar Pradesh sei. Der Umweltminister Jairam Ramesh gab zu, dass er grünes Licht für das POSCO Projekt gab – unter starkem Druck. Man mag fragen: „Druck von wem?“ Dieser sichtbare Doppelstandard in der Landfrage muss aufhören.
Die Missachtung des Landes
In Bhatta Parsual, Greater Noida (UP) wurden 2400 ha Land von der Infrastruktur-Gesellschaft Jaiprakash Associates erworben, um Luxuswohn- und Sportanlagen zu bauen – einschließlich einer Formel 1 Rennstrecke – unter dem Vorwand, die Yamuna Schnellstraße zu bauen. Insgesamt muss für die 165 km Schnellstraße Land von 1225 Dörfern erworben werden. Die Bauern haben gegen diese ungerechte Landnahme protestiert und am 7. Mai 2011 starben vier Menschen und viele wurden verwundet bei einem Zusammenstoß zwischen Demonstranten und der Polizei. Wenn die Regierung ihre Landkriege im Herzen von Indiens Brotkorb weiterführt, wird es keine Chance für Frieden geben.
Auf jeden Fall kann Geld nicht die Verfremdung des Landes ersetzen. Wie der 80-jährige Parshuram, der sein Land an die Yamuna Schnellstraße verlor, sagte: „Du wirst nie begreifen, wie es sich anfühlt, landlos zu werden.“
Während das Land den Bauern für 300 Rupiahs (6 $) pro m² von der Regierung genommen wird – vermittels des Landerwerbungsgesetzes – wird es an 'Entwickler' für 600 000 Rupiahs (13 450 $) pro m² verkauft – eine 200000-fache Steigerung des Wertes – und folglich des Profits. Dieser Landraub und diese Profite tragen zu Armut, Enteignung und Konflikten bei.
Auf ähnliche Weise hat am 18. April die Polizei in Jaitapur, Maharashtra, das Feuer auf friedliche Demonstranten gegen das Atomkraftwerk eröffnet, das für eine Siedlung neben der kleinen Hafenstadt geplant ist. Eine Person starb und zumindest acht wurden schwer verletzt. Das Jaitapur AKW wird das größte in der Welt werden und wird von der französischen Gesellschaft AREVA gebaut. Nach der Fukushima Katastrophe haben sich die Proteste intensiviert – genau so wie die Sturheit der Regierung.
Heute braut sich eine ähnliche Situation in Orrissas Jagatsinghpur zusammen, wo 20 Bataillone eingesetzt wurden, um den verfassungswidrigen Landerwerb zu unterstützen und Indiens größte Auslandsinvestition – das POSCO Stahlwerk – zu schützen. Die Regierung hat das Ziel, 40 Betel-Farmen zu zerstören, um den Landraub zu ermöglichen. Betel bringt den Bauern einen jährlichen Verdienst von 400 000 Rupiahs (9000 $) per 0.4 ha ein. Die Anti-POSCO-Bewegung hat ungezählte Male in ihrem 5-jährigen friedlichen Kampf staatliche Gewalt erfahren und unternimmt jetzt eine weitere – vielleicht die letzte – gewaltlose und demokratische Widerstandsaktion gegen einen Staat, der Gewalt einsetzt, um undemokratischen Landraub für Unternehmensprofite zu ermöglichen und Gesetze sowie die Verfassungsrechte der Menschen übersieht.
Die größte Demokratie der Welt zerstört ihre demokratischen Grundlagen in ihren Landkriegen. Die Verfassung erkennt die Rechte der Menschen und Panchayats (Dorfräte) an, demokratisch über Fragen von Land und Entwicklung zu entscheiden, aber die Regierung missachtet diese Entscheidungen, wie es deutlich gemacht wurde beim POSCO Projekt, als drei Panchayats sich weigerten, ihr Land aufzugeben.
Die Anwendung von Gewalt und Zerstörung der Lebensgrundlage, der sich im gegenwärtigen Trend widerspiegelt, ist nicht nur gefährlich für die Zukunft der indischen Demokratie, sondern für das Überleben des indischen Nationalstaates. Wenn man bedenkt, dass Indien behauptet, eine wachsende und blühende Wirtschaft zu haben, aber nicht in der Lage ist, 40% seiner  Menschen zu ernähren, dann ist dies eine nationale Schande.
Land ist nicht dafür da, um Zementdschungel zu bauen als Beweis für Wachstum und Entwicklung; es ist der Erzeuger von Nahrung und Wasser, die Grundlage menschlichen Überlebens. Somit ist klar: was Indien heute braucht, ist nicht eine Landraubpolitik durch eine verbessertes koloniales Landerwerbsgesetz, sondern eine Landerhaltungspolitik, die unser wichtiges Öko-System bewahrt, wie die fruchtbare Ganges-Ebene und die Küstenregionen wegen ihrer ökologischen Funktion und ihrem Beitrag zur Nahrungssicherheit.
Fruchtbares Land an private Unternehmen zu geben, die zu neuen Zamindars (erblicher Adel) werden, kann nicht als öffentlicher Nutzen definiert werden. Zahlreiche private Autobahnen und Super-Schnellstraßen zu bauen, ist keine notwendige Infrastruktur. Die wirkliche Infrastruktur, die Indien braucht, ist die ökologische Infrastruktur für Nahrungs- und Wassersicherheit. Unser fruchtbares, Nahrungsproduzierendes Land unter Zement und Fabriken zu begraben, heisst die Zukunft unseres Landes begraben.

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