Mittwoch, 28. September 2011

Kein Wasser, kein Strom in Tripolis


Aus die 'Junge Welt' 29.08.2011 

Von Rüdiger Göbel
Notdürftige Trinkwasserausgabe am Sonntag in Tripolis
Notdürftige Trinkwasserausgabe am Sonntag in Tripolis

Die von der NATO gestützten Aufständischen in Libyen haben am Wochenende erklärt, die Hauptstadt Tripolis vollständig erobert zu haben. Unter Kontrolle haben sie offensichtlich nichts, vielmehr herrscht in der Millionenmetropole Chaos. Nach dem Einmarsch der Gegner von Staatschef Muammar Al-Ghaddafi hat die Bevölkerung mit Stromausfällen, Trinkwassermangel sowie explodierenden Lebensmittel- und Treibstoffpreisen zu kämpfen. Berichte über Exekutionen von Gefangenen reißen nicht ab. Und so verwundert es kaum: Wer kann, flieht aus der »befreiten« Stadt. Schwarzafrikanische Arbeitsmigranten, die seit Tagen von Aufständischen als »Söldner« Ghaddafis verfolgt und gelyncht werden, warten auf ihre Evakuierung.

Der Bevölkerung in Sirte droht in diesen Tagen ein ähnliches Schicksal. Die zwischen der Rebellenhochburg Bengasi und Tripolis gelegene, strategisch wichtige Küstenstadt wird von Aufständischen belagert. Stündlich wurde ab Sonntag abend mit einem Sturmangriff auf den Geburtsort Ghaddafis gerechnet. Die Rebellen erklärten Kapitulationsverhandlungen für gescheitert und warteten darauf, daß »die NATO ihnen den Weg freibombt«, wie dpa es formulierte.

Der Chef des sogenannten Nationalen Übergangsrats, Mustafa Abdel Dschalil, bat am Samstag dringend um humanitäre Unterstützung für Tripolis. Alle Hilfsorganisationen seien darüber informiert worden, daß dringend Medikamente und chirurgisches Material benötigt würden, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Daneben mangele es auch an Nahrungsmitteln und anderen lebensnotwendigen Dingen. Laut Dschalil warteten 32 Schiffe darauf, Tripolis mit Wasser und Medikamenten zu versorgen. Auch sollten Kraftstoff und Gas zum Kochen an die Bevölkerung ausgegeben werden.

In Interviews mit der Süddeutschen Zeitung und dem Tagesspiegel bot der Vizechef des libyschen Übergangsrats, Ali Tarhuni, Ghaddafis Anhängern an, sie in die Sicherheitskräfte des künftigen Libyens zu integrieren. Ausgenommen seien aber jene, die »Blut an den Händen« hätten. Dschalil versprach Ghaddafi und seinen Vertrauten einen »fairen Prozeß«, wenn sie sich ergäben. Andernfalls drohten standrechtliche Hinrichtungen.

Ghaddafi selbst ist offensichtlich um Verhandlungen mit den Aufständischen über eine Übergangsregierung bemüht. Dies erklärte sein Sprecher Mussa Ibrahim am Samstag abend gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Ghaddafi hat demnach seinen Sohn Al-Saadi zum Verhandlungsführer bestimmt. Vor wenigen Tagen hatte der US-Fernsehsender CNN auf seiner Website berichtet, Al-Saadi sei um Kontaktaufnahme mit den US-Behörden und den Aufständischen bemüht. Der »Übergangsrat« lehnte das Gesprächsangebot als »wahnwitzig« ab. »Wir verfolgen sie als Kriminelle. Wir werden sie schon bald verhaften«, sagte Mahmud Schammam, der im Übergangsrat als »Informationsminister« fungiert.

Ungeachtet der Berichte über Chaos und Tod in Tripolis stellte sich die Bundesregierung am Wochenende deutlich auf die Seite der NATO-Angreifer. Eine Teilnahme Deutschlands an einer möglichen UN-Mission in Libyen wolle man prüfen, erklärte Kanzlerin Angela Merkel. Einmal mehr stellt sich das Kabinett damit gegen die Bevölkerung. Die Mehrheit der Deutschen ist gegen einen möglichen Einsatz der Bundeswehr in Libyen. In einer Emnid-Umfrage für das Magazin Focus votierten 56 Prozent der Befragten gegen ein Eingreifen der Bundeswehr zur »Absicherung eines Friedens« in dem nordafrikanischen Land. Nur 37 Prozent würden einer solchen Intervention zustimmen.
 

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