Freitag, 9. September 2011

April 2011 in Syrien: Eine andere Wirklichkeit von Eva Myrdal und Hashim al-Malki

Ich bin leider gezwungen hier einen Artikel aufzulegen, der von "demokratischen" Elementen in TLAXCALA gelöscht worden ist. Da es ein Augenzeugenbericht von renommierten Persönlichkeiten ist, hat er angesichts der grotesken Lügen über Syrien und Assad seine Gültigkeit behalten. Die Übersetzung aus dem Schwedischen besorgte ich.


Das Außenministerium „rät von allen Reisen nach Syrien ab“ und schreibt, dass „es Straßensperrren vor allem um Damaskus und Daraa herum gibt“. Aber Freunde vor Ort sagten uns, dass es ruhig wäre außer in Daraa an der Grenze zu Jordanien und nördlich von der Grenze zu Libanon nach Lattakia an der Küste. Wir reisten also am 18. April zum dritten Mal in die Ferien nach Syrien.

Vier Wochen lang fuhren wir mit Taxi und Bus und gingen zu Fuß durch Damaskus und fuhren Richtung Osten bis Palyra und Deir ez-Zur am Euphrat und längs dem Euphrat bis Halabiyye und zur irakischen Grenze nach Dura Europos und Mari bei Abu Kamal.
Was wir in Damaskus und im Osten sahen, war eine ganz andere Wirklichkeit als das, was die internationalen Medien von der Küste und Daraa zeichnen. Was wir als kommendes Problem mit religiöser sektiererischer Mobilisierung zu einer ethnischen Säuberung mit saudischer politischer Untestützung wurde von den internationalen und schwedischen Medien gar nicht angesprochen. Und dieselben internationalen Akteure waren nicht an denjenigen Bewohnern des Landes interessiert, die hart für eine ökonomische Veränderung und einer politischen Veränderung für mehr Rechtssicherheit und demokratische Rechte arbeiten.

Sie zeigten auch kein Interesse für den starken Ausdruck an Unterstützung für Präsident Bashar al-Assad, wie er sich zum Beispiel in der einzigen Massendemonstration zeigte, die es in diesen Monaten in Syrien gab, die am 29. März zur Unterstützung des Präsidenten.

In dem Teil des Landes, durch den wir reisen, sehen wir nicht eine einzige Demonstration; Straßensperren gibt an den Ein- und Ausfahrten von Damaskus, Palmyra und Deir ez-Zur und die sind wie die schwedischen Verkehrskontrollen. Busse und Autos werden an den Straßenrand gewunken. Flüchtig schaut das uniformierte Personal in unsere ausländischen Pässe und in Personalausweise der Mitfahrer. Die Kofferräume werden nicht geöffnet.

„Das verschlossene Land“ schreiben Journalisten in Schweden. Aber nicht für Touristen geschlossen. Du hast dein Touristenvisum, zeigst deinen Pass und bekommst einen Einreisestempel. Auf einer kleinen Karte muss man wie früher auch eine Adresse in Syrien angeben. Wir geben eine Vorstadt von Damaskus an – so groß wie Solna – aber der Straßenname fällt uns nicht ein und keiner fragt.

Im Hotel registriert man sich mit Pass wie überall in der Welt, aber wenn man das Hotel verlässt, weiss niemand, wohin du fährst.

Wenn man Fernbusse nimmt, muss man als Ausländer wie früher auch den Pass im Reisezentrum der Polizei zeigen, aber man wird weder heute noch früher von dem Polizisten notiert, sondern stempelt nur das Billett. Und als unser Bus auf der Wüstenstraße nach Deir ez-Zur zusammenbricht und wir mit dem nächsten Bus mitfahren dürfen, schaut niemand weder unser Billett noch Pass an.

Damaskus wird nicht von Militär geprägt. Foto: Eva Myrdal
DN.se schreibt von Panzern und Demonstrationen. Wir sehen keine.
Am Freitag, den 6. Mai bekommen wir ein sms aus Schweden. DN.se schreibt, das Panzer in die zentralen Teile von Damaskus gerollt sind und Demonstrationen nach dem Freitagsgebet begonnen haben. Genau an dem Tag zwischen ein Uhr am Tage und ein Uhr nachts aus familiären Gründen vier Mal das Zentrum von Damaskus im Taxi auf dem Weg von und in die Vorstadt Oudsayya im Norden zur Vorstadt Sayyida Zainab im Süden und wir sehen keine Dmonstrationen, keine Militärfahrzeuge, keine Polizisten. Was bedeutet, dass Damaskus auch an diesem Tag nicht der Platz von Massendemonstrationen wie im Winter in Kairo, Alexandria oder Tunis war. Und dass Damaskus nicht durch die Anwesenheit von Soldaten geprägt wird.


"Die sind schwarz maskiert und schießen auf die Polizei“

2005 beschloss der 10. Kongress der Baath-Partei die liberale Marktpolitik unter dem Namen „soziale Marktpolitik“. In der syrischen Presse bringt man heute seine Wut über zum Beispiel „den der Konkurrenz ausgesetzten Kollektivverkehr [zum Ausdruck], der nicht funktioniert, die abgeschafften Subventionen für Benzin, den Ausverkauf von staatlichem Eigentum und Korruption“. Die Debatte für und gegen die „soziale Marktwirtschaft“ wird offen geführt. Aber von dieser Diskussion sieht man nichts in den internationalen Fernsehkanälen.
Es werden auch nicht weiter nachgeforscht, wie die beschlossenen Reformen durchgeführt werden, obwohl sogar die eigene Zeitung der Baath-Partei am 11. Mai geschrieben hat, dass die liberale ökonomische das Volk nicht satt gemacht hat, und dass es die höchste Priorität der stattfindenden Reformen es sei, dies zu ändern.

Jetzt hat der Volkshumor die Fernsehstation in Katar von Al Dschasira in „al-Khinzira“, die Sau, umgetauft.
Wenn man nicht den Sturz von Präsident Bashar al-Assad auf der Tagesordnung hat, gewinnt man nicht die Akzeptanz von Al Dschasiras aggressiver, weiblichen Nachrichtenmoderatorin Leila al-Shayb zum Beispiel. Am 13. Mai stellte sie Raja al-Nasir, einer der Führer der Oppositionspartei al-Ittihad al-Ishtiraky al-Arabi al-Dimukrati (Arabische sozialistische demokratische Union) zur Rede, weshalb die Partei nicht den Rücktritt des Präsidenten fordere.

Aber er entgegnete: „Wir wollen nicht die Staatsmacht stürzen, wir wollen eine Änderung des Rechtssystems. Das nimmt Zeit in Anspruch, aber der Prozess ist im Gange.“ Und das scheint er auch zu sein.

Kurden, die nach Syrien wegen Verfolgung zum Beispiel in der Türkei in den 20-er Jahren gekommen sind und deren Abkommen erhielten im April 2011 die Staatsbürgerschaft. Der Ausnahmezustand, der am 27. September 1958 eingeführt wurde, wurde am 21. April 2011 aufgehoben, und im Zusammenhang damit wurde auch das Höchste Gericht für die Sicherheit des Staates abgeschafft und das Demonstrationsrecht gesetzlich geregelt. Die Veranstalter müssen jetzt die Erlaubnis beim Innenministerium unter Nennung von Zeit und Weg beantragen. Eine Demonstration ist erlaubt, wenn sie nicht die allgemeine Ordnung stört und nicht die Absicht hat, gegen andere Volksgruppen in der Gesellschaft zu hetzen. Das Komitee gegen Korruption wurde am 5. Mai 2011 mit dem Richter Mohammad al-Ghafri als Vorsitzendem gegründet, und ein neues Gesetz zur Presse- und Redefreiheit wird ausgearbeitet.

Es gibt viele Parteien neben der führenden Baath auch solche, die nicht in der Regierungskoalition al-Jabha al-Wataniya al-Taqaddumiya (Progressive Nationale Front) sitzen, die 1972 mit der Baath-Partei als führende Kraft gebildet wurde. Die Moslemische Bruderschaft ist verboten. Nun gibt es einen Beschluss zur Ausarbeitung eines Gesetzes zum Recht, neue Parteien zu gründen.

Im syrischen Fernsehen, staatlich und privat, werden viele und große Begräbniszüge gezeigt. Die erschossenen Polizisten und Soldaten kommen aus kleinen Orten aus dem ganzen Land, und die Särge werden aus Daraa, Lattakia, Baniyas und Horns in ihre Heimatstadt oder -dorf transportiert. Ehefrauen und Kinder, Verwandte und Freunde sprechen dazu. Dass diese Individuen erschossen wurden, kann unmöglich Lüge sein. In Syrien ist ein Begräbnis nicht etwas innerhalb einer Kernfamilie von Trauernden, sondern eine soziale Angelegenheit für das ganze Viertel, Dorf, Stamm. Wer ist es also, der Polizisten und Soldaten erschießt? Bekannte aus Baniyas sagen über Telefon über das, was in der kleinen Industriestadt an der Küste passiert: „Wir wissen nicht, wer sie sind. Die kommen auf Motorrädern hierher und sind schwarz maskiert.“ Im internationalen Fernsehen sehen wir Flimausschnitte mit Motorradfahrergruppen von 43-4 Stück nebeneinander, die „Allah Akbar“ rufen. Ok, sagen die syrischen Moslems, das sagen wir auch, „Gott ist groß“, gewiss, selbstverständlich, aber dann, was wollen sie damit in diesem Zusammenhang sagen?

Die zentrale Rolle des Landes für den Handel zwischen dem östlichen und westlichen Teil Eurasiens und dem Mittelmeerraum und für die Interessen der wechselnden Imperien seit 2000 v. Chr. hat Syrien ein Mosaik von Glaubensbekennern und ethnischer Minoritäten gebracht, auch wenn heute die Mehrheit sich als Araber bezeichnet und mit einem Familienhintergrund im sunnitischen Islam. Syrien hat außerdem Flüchtlinge der unterschiedlichsten ethnischen Gruppen und Glaubensrichtungen seit mindestens dem 11. Jahrhundert aufgenommen; hierher flüchteten auch fast 2 Millionen säkuläre, christliche, shiitische und sunnitische Iraker vor den politischen und sektiererischen Verfolgungen nach der Besatzung 2003. In diesem Land ist es nicht vielversprechend, dass die Facebookgruppe „Die syrische Revolution“ und ähnliche Akteure Filme auflegen, wo die Demonstranten zum Beispiel skandieren:

Bidna nihki å al-makshof, alawiyyah

ma bidna nshof= Wir wollen offen reden:

Alawiten wollen wir nicht sehen.

la Iil-Shi'a la li-Hizbullah bidna sunni

yurufallan = Nein zu den Shiiten, nein

zur Hisbollahh, wir wolllen einen Sunni

haben, der Gott anerkennt.

oder andere sektiererische Schlagworte, aber nicht eine einzige konkrete oder ökonomische Forderung.

Wer in einer drusischen Familie geboren wurde, muss ein ungutes Gefühl haben gegenüber dem religiösen Führer Salafi Shaykh abd al-Salam al-Khalil i al-Hrayk (im Bezirk Dara'a), was genau westlich von dem Gebiet liegt, wo viele Drusen wohnen. In kurzen Videos im Netz behauptet er, dass die Regierung drei Schulen in Daraa geöffnet habe, wohin sie drusische Frauen gebracht haben, die sich nackt zeigen, um Unzucht und Prostitution zu verbreiten.
Drusische Frauen hüllen sich ja nicht in schwarz von Kopf bis Fuß und haben nicht schwarze lange Handschuhe an. Und der Shayk nimmt auch die Gelegenheit wahr, den Sultan al-Atrash zu verunglimpfen, der den syrischen Aufstand gegen die Franzosen führte, weil er ein Drus war.

Unser Taxichaffeur, der nachhause kommen will zum Freitagsgebet in der Moschee des Viertels in Deir ez-Zur am 29. April war bekümmert über die Agitation. „Freitag soll ja Salaam, Friede“, sagte er (und ein echter Schwede mit protestantischem Hintergrund kann sich ein gemütlichen Sonntag mit etwas Nachdenklichkeit in der Kirche, gefolgt von ein bißchen Geschnatter vor der Kirche). „Aber jetzt ist das nicht so. Nach dem Freitagsgebet tauchen immer drei bis vier Personen auf, die dafür agitieren, dass wir auf die Straße gehen sollen. Man sollte nicht die Moscheen auf diese Weise anwenden.“

Man will keine Situation haben wie in Irak oder Libyen. Foto: Eva Myrdal
Der Stadtteil Salihiye in Damaskus klettert am Berg Oassioun hoch. Hanbalitiska (eine der vier sunnitischen Rechtsschulen) Flüchtlinge erhielten hier eine Freistatt vor den Kreuzfahrern, die Jerusalem 1159 besetzten sowie Flüchtlinge aus Harran (nördliches Mesopotamien) vor den Mongolen Ende des 12. Jahrhunderts; moslemische Flüchtlinge kamen hierher aus Kreta 1895-1911 und Kurden kamen gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Hier liegen versteckte Juwelen mittelalterlicher religiöser Architektur versteckt.

Wenn in den Nachrichten davon gesprochen wird, dass „die Demonstrationen sich jetzt auf Damaskus ausgeweitet haben“, kann es ein Stadtteil sein, den man meint. Ein Freund, der dort oben wohnt, berichtete am Sonntag, den 24. April, dass ein salafitischer Prediker im Gebiet aktiv ist und ein Dutzend Leute zusammenbekommen hat, die marschierten und „Allah Akbar“ riefen und dass einige davon bewaffnet waren und in die Luft schossen.

Abd al-Halim Khaddam war Syriens Vizepräsident bis 2000 und wurde 2006 aus der Baath-Partei ausgeschlossen. Jetzt wohnt er in Paris. Er arbeitet politisch mit dem saudischen reichen Prinz Bandar bin Sultan zusammen, Chef des saudischen Sicherheitsrates und Finanzierer von fanatischen Sunnisektierern, die versuchten, das palästinensische Flüchtlingslager Nahr al-Barid 2007 zu übernehmen, ein Jahr nach Israels militärischem Angriff auf das Land.

In der Tageszeitung Asharq al-Awsat vom 16. Mai wird abd al-Halim Khaddam gefragt: „Willst du einen militärischen Angriff auf Syrien wie den gegen Libyen haben?“ Und er antwortet: „Richtig, das ist es, was wir wollen.“

Aber das, was alle wollten, mit denen wir sprachen, war keine Situation wie die in Irak oder Libyen.
Das schwedische Original liegt hier.

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