Montag, 24. März 2014

Einige Bemerkungen zu "HEUTE HAT JEDE FREIE PERSON IN DER WELT GEWONNEN"


Einar Schlereth

24. März 2014


Natürlich fand ich den Artikel von the Saker gut, sonst hätte ich ihn nicht übersetzt. Gleichwohl stimme ich in einigen Punkten nicht mit ihm überein, die ich euch aber separat mitteilen wollte, um eure Lektüre nicht zu beeinflussen.
Den Wert von Putins Rede schätzt er im großen und ganzen richtig ein, aber darauf will ich später zurückkommen. Zuerst will ich die politischen und geostrategischen Fragen behandeln.

Einige Bemerkungen zu 'HEUTE HAT JEDE FREIE PERSON IN DER WELT GEWONNEN"

The Saker hat direkt vorwurfsvoll auf die Enthaltung Chinas bei der Abstimmung im Sicherheitsrat  reagiert und konstatiert, dass Russland in seinem Widerstand gegen das Imperium allein dasteht, dass Putin der einzige ist, der den Mut hat, nein zu sagen. Ich bin der Meinung - die ich zu meiner Freude auch in dem Artikel vom 22. 04. 2014 auf The 4th Media von Pepe Escobar bestätigt sah - dass Putin und Xi eine sehr enge Zusammenarbeit pflegen und ihre Karten planmäßig ausspielen. Beide spielen sie auf Zeit, die sie dringend brauchen, um sich noch besser für den Ernstfall zu rüsten und ihre Länder innerlich und äußerlich zu festigen. Warum sollte China auch sein Veto auf den Tisch legen, wenn eines genügte, um die Resolution zu Fall zu bringen? China hat ja gerade im Ostchinesischen Meer seine Entschlossenheit gezeigt, sich nicht weiterhin alles gefallenzulassen. Außerdem treibt China gemeinsam mit Russland die konkreten Verbindungen in hohem Tempo dreifach voran: eine zweite Eisenbahnlinie, eine neue Pipeline und ein Internet-Fiberkabel. Das wird für beide Länder von hohem Nutzen sein. Pepe benutzt das alte chinesische und in diesem Fall sehr passende Sprichwort: "Die Hunde bellen und die chinesisch-russische Karawane zieht weiter."
Und auch im Fall Syrien hat China deutlich Farbe bekannt und die Bedeutung  von Tartus, der russischen Basis, klar erkannt, indem es auf dem Höhepunkt der Krise ebenfalls Kriegsschiffe vor Syriens Küste legte. Der Riss, den manche Beobachter im Fall der Abstimmung sogleich sahen, beruht auf Wunschdenken.

Noch einen zweiten Punkt sehe ich ganz anders. The Saker geht davon aus, dass der Anschluss der Krim der vorläufige Abschluss der Geschichte war, und dass jetzt die EU/USA und Russland versuchen müssen,  das Auseinanderfallen der Ukraine zu verhindern. Aber das wird mit der Bande, die in Kiew das große Wort führt, einfach nicht möglich sein. Putin hat einen sehr geschickten Schachzug  seit langem in die Diskussion gebracht und Lawrow hat den Plan einer Föderalisierung des Landes vor kurzem mit Kerry besprochen, der sofort darauf angesprungen ist. Russland spielt die Karte der Demokratie, einer legalen Föderation, wodurch die Situation beruhigt werden könnte und die Russen in der Ukraine von den Faschisten und den ultra-Nationalisten getrennt würden.

Sehr  gut, aber was bedeutet das langfristig? Dass die russische Bevölkerung im Süden und Osten von ihren "Brüdern" im Westen nichts erwarten können und allein auch nicht auf die Beine kommen können. Also werden sie auf den Anschluss an Russland drängen. Und für diese Ansicht bringt Dmitri Orlow eine Reihe guter Gründe vor. Das Interview mit ihm könnt ihr hier sehen. Er hat den Kollaps in der UdSSR vorausgesagt und sieht die USA ebenfalls auf den Kollaps zusteuern.

Zur ukrainischen Frage nennt er ebenfalls die oben genannten Gründe, aber darüber hinaus weiß er zu berichten, dass die Armee überwiegend zu Russland tendiert und die Bewaffnung der Rechten und Faschisten verhindert und auch die Kooperation und Unterstützung der "Regierung" in Kiew verweigert. Deswegen lässt die Aufstellung der 20000 Mann Nationalgarde auf sich warten. In einer Föderation könnten die Rechten im Westen tun und lassen, was sie wollten. Aber der Osten würde sich früher oder später Russland anschließen. Und die Ukraine würde auch nicht in die NATO kommen, weil das voraussetzt, dass sie die Kontrolle über ihr Land hat, was nicht der Fall ist.

Außerdem ist das Land völlig bankrott. Die Schulden werden nicht weniger, weil die Produktion ständig zurückgeht, und kein Mensch wird ihnen ein bailout anbieten. Die Russen können sich zurücklehnen und abwarten, was passiert. Der Moderator fragte ihn auch nach den Sanktionen und ob die zum Krieg führen könnten. Orlow verneint das. Er sagt, dass die ersten Sanktionen die Russen zum Lachen brachten. Das Ganze waren bloße Gesten und dabei könnten sie es belassen. Sollten sie doch weitermachen und ihren Druck verstärken, dann haben die Russen Gegenmittel, z. B. die militärische Zusammenarbeit, indem sie den Luftkorridor nach Afghanistan schließen, über den die Amis ihre Versorgung nach Afghanistan und den Abtransport ihres Materials wegen des Abzugs durchführen. Und das wäre ein enormer Schlag. Davon hatte der Moderator keinen blassen Schimmer! Also wird es keine weiteren Sanktionen geben. Und die Ukraine wird früher oder später ganz unter Russlands Schirmherrschaft geraten. Denn so, wie die bewaffneten 'Verbrecher', wir Orlow sie nennt, in Kiew wüten, wird die ganze Bevölkerung noch schneller in die Arme der Russen getrieben.

Dabei hat Orlow noch nicht einmal ein weiteres wichtiges Faustpfand der Russen genannt: das Gas. Wenn sie den Gashahn zudrehen, dann gehen in Europa nicht alle, aber viele Lichter aus und viele Maschinen kommen zum Stillstand. Für die Russen kein Problem, denn ihr Gas werden die Chinesen mit Kusshand übernehmen. Und eins sagte Orlow auch noch: Russland braucht nicht die USA, kein bisschen, aber die USA/EU brauchen die Russen in vielerlei Hinsicht.

Zuletzt möchte ich noch auf einen Absatz in der Rede zurückkommen, der für Putin als gläubigen Christen (bei The Saker weiß ich das nicht) stimmig sein mag, aber für mich problematisch war. Ich zitiere:
"Heute revidieren viele Länder ihre moralischen Werte und ethischen Normen, lösen ethnische Traditionen und Unterschiede zwischen Völkern und Kulturen auf.
...

Diese Zerstörung traditioneller Werte von oben führt nicht nur zu negativen Konsequenzen für die Gesellschaft, sondern ist auch dem Wesen nach anti-demokratisch, da sie auf Basis abstrakter, spekulativer Ideen durchgeführt wird, entgegen dem Willen der Majorität, die nicht die Veränderungen akzeptiert, die durch die vorgeschlagene Revision der Werte geschehen.
...
Wir wissen, dass es mehr und mehr Leute in der Welt gibt, die unsere Haltung der Verteidigung traditioneller Werte verteidigen, die die geistige und moralische Grundlage der Zivilisation in jedem Land jahrtausendelang gewesen sind: die Werte der traditionellen Familien, des wirklichen menschlichen Lebens, einschließlich des religiösen Lebens, nicht nur der materiellen Existenz, sondern aud der Geistigkeit, der Werte des Humanismus und der globalen Vielfalt."
Ich stimme zu, dass die Änderung traditioneller Werte von oben Diktatur bedeutet,  etwa so,  wie in Albanien alle Moscheen geschlossen wurden. Damit besiegt man nicht den Glauben. Ganz im Gegenteil. Aber wenn Putin von "tradionellen Werten" spricht, die die "geistige und moralische Grundlage in jedem Land jahrtausendelang gewesen sind: die Werte der traditionellen Familien, des wirklichen Lebens, einschließlich des religiösen Lebens, nicht nur der materiellen Existenz", dann wird mir, der ich in keiner Weise gläubig bin und ein Leben lang unter dem christlichen Terror lebte, mulmig zumute. Da er Christ ist, gehe ich davon aus, dass er auch die christlichen Werte meint und bei der Tradition an die Kirchen denkt.

Aber gerade die Kirchen und das Christentum in jeder Form sind ja wahrlich nicht Hüter des "Humanismus und der globalen Vielfalt" gewesen. Im Gegenteil, sie haben die Vielfalt des Denkens, des Glaubens - kurz die globale Vielfalt bekämpft, wo immer es ging, und mit brutalsten Mitteln noch dazu. Und "nur die materielle Existenz" ist wohl ein Seitenhieb auf den Marxismus, der jedoch völlig ins Leere geht, da gerade Marx es war, der konsequent für die Geistesfreiheit war und Zwang gegenüber der Religion als sinnlos ansah. Dass die Sorte 'Marxisten' in der UdSSR so vieles in den falschen Hals bekamen und enorme Fehler begingen, kann man wirklich nicht Marx anlasten.

Also das mit den "jahrtausendealten Werten" - knappe 2000 Jahre der Geschichte der Menschheit - ist reichlich übertrieben und bezieht sich zudem auf das 'christliche Abendland'. Aber es gibt tausenderlei Denk-, Lebens-, Glaubens- , Traditions- und Kultur-Formen, die alle ihre Berechtigung haben, solange sie NICHT die Rechte anderer einschränken.

Und noch etwas. Den Optimismus Sakers in Bezug auf die internationale Kooperation und Solidarität kann ich auch nicht teilen. Das erinnert mich allzu sehr daran, wie uns die Gewerkschaften die EU schmackhaft machten, was ihnen und allen anderen ja auch voll gelungen ist. Und zwar, dass die Gewerkschaften zu einer gewaltigen Kraft würden, die geschlossen für die Rechte aller Arbeiter Europas in den Kampf ziehen würden.

Pustekuchen. Die Gewerkschaften wurden mit der Speerspitze Thatcher zuerst in England und dann im übrigen Europa in die Bedeutungslosigkeit verwiesen resp. total zerschmettert. Aber eine Menge Gewerkschaftsbosse konnten sich fette Pfründen unter den Nagel reißen. Sie können schreien: Wir haben gesiegt!

Kommentare:

  1. Nun, mit den religiösen Werten meinte Putin ganz sicherlich nicht NUR die "christlichen Werte", denn in Russland gibt es so ziemlich jede Religion der Erde und jede kann frei und ungehindert ausgeübt werden - bis hin zum Schamanismus und den Naturreligionen.
    Putin geht es in diesem Absatz einzig darum, dass "Geld" nicht das BESTIMMENDE in der Welt sein darf, sondern das es außer dem materiellen Sein auch ein geistiges Sein gibt, das gepflegt werden muss, damit der Mensch "vollständig" ist. Dazu gehören die Religionen AUCH, aber ebenso die geistige Bildung der Menschen (Literatur, Kunst, Theater, Sport, etc.p.p.)
    Mit den "traditionellen Werten" und der "traditionellen Familie" spielt er auf die aufdringliche Propaganda der Homosexualität einschließlich der Homo-Ehe in Westeuropa an, das er - ähnlich wie ich übrigens - als Ausdruck der Dekadenz der westlichen Gesellschaft sieht. Und er hat recht - immer mehr Menschen auch im Westen sind von dieser Aufdringlichkeit und ordinären Selbstdarstellung der Homosexuellen (ich stelle hier auf die so genannten Gay-Paraden, den Christopher Street Day ab) abgestoßen.
    Das bedeutet NICHT, dass Homosexuelle unterdrückt oder erniedrigt werden, das heißt nur, dass sie nicht das Recht haben so zu tun als seien sie diejenigen, nach denen sich nun alle anderen (nämlich die Mehrheit der Menschen) zu richten habe!
    Sie haben ihren Platz in der Gesellschaft, aber bestimmt keinen Herausragenden und den Menschen immer wieder vorgeführten als: "Das ist schick - das musst Du auch machen!"

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    1. so sieht es aus

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    2. Hesika, ich hoffe sehr, dass Putin das im weiten Sinne gemeint hat. Ich habe es ja nur vorsichtig angedeutet (dass ich ein mulmiges Gefühl habe wegen meiner unmittelbaren Erfahrungen mit Christen). Im übrigen hast du vollständig Recht in Bezug auf die Homosexualität. Nicht nur ihre widerliche Selbstdarstellung geht mir auf den Zeiger, sondern das Ganze zieht ja immer weitere Kreise: dass sie das RECHT fordern, in der Kirche zu heiraten, und wehe dem Pfaffen, der das nicht tut! Dass sie das RECHT auf Adoption von Kindern fordern und in einigen Ländern auch erhalten, wobei auf die Rechte der Kinder total gepfiffen wird. Wahrscheinlich werden sie bald das RECHT einfordern, in allen Gremien prozentual (wie die Frauen) vertreten zu sein (dabei sind sie im Kulturbereich schon überprozentual vertreten). Dass die Russen ihre PROPAGANDA für Kinder verboten haben, finde ich völlig in Ordnung. Aber auch das ist bei uns völlig verdreht und verlogen dargestellt worden.

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  2. Soweit man weiß, ist Putin dem orthodoxen Christentum zugeneigt. Soweit ich weiß, ist das orthodoxe Christentum , wesentlich näher bei den Menschen. Keine abgehoben Priester, sondern im normalen Leben der Menschen verankert. Sehr bodenständige Priester, die in der Mitte der Gesellschaft leben. Die Orthodoxie ist noch ziemlich nahe an der damaligen revolutionären Urkirche. Wo es darum ging, Gemeinschaft aller Menschen, Für einander , statt gegeneinander.
    Also der Gegenentwurf zu der Ordnung, unter der wir derzeit leben. So ist der Entwurf von Putin, der Gegenentwurf zu dem System Mamon.

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  3. Putin ist wahrlich intelligent. Ich denke nicht, dass er an Kirche und übliche Erscheinungsformen des Christentums denkt. Dazu müsste er teilweise dogmatisch zu beobachten sein, was ich nicht sehe. Wenn Sie unter den bekannten pseudo-christlichen Terror gelitten haben, mögen Vorstellungen zurück geblieben sein, die für lange Zeit weitere Auseinandersetzung mit dem Thema blockieren. Sie haben damit aber nur eine Form von Ideologie kennengelernt. Das hat nichts mit echtem Bezug zu Christus zu tun. In diesem geht es grundsätzlich um klare und nicht ideologische Dinge, sondern um Weisheit und Liebe, Verbundenheit mit allen und allem. Das macht einen zerstörerischen Ansatz für jegliches ziemlich ausgeschlossen. Vergessen Sie den Kirchenkram. Dort gilt nicht das, wofür Jesus aufgetreten ist. Wenn sich Putin für die traditionelle Familie ausspricht, kann ich nur zustimmen. Auch wenn Tradition gar nicht geistige und psychische Gesundheit garantiert. Doch unmöglich, die Gesellschaft mit allen Problemthemen gleichzeitig anzusprechen, was hieße, sie zu überfordern. Den einschneidensten Tendezen regulierend gegenüber zu treten ist wohl das, was er macht. Kirche und "Christentum" sind nicht Hüter, da kann ich Ihnen nur zustimmen. Sie sind eine Ideologie, ein Instrument und da ist Geld und Gewaltherrschaft. Geist Christi, Geist Gottes finden sie da nicht, doch es gibt sie ganz sicher. Und da finden Sie auch wirkliche geistige Fähigkeiten. Putins Stärke kann sehr gut damit zusammen hängen.
    Mir gefällt dieser Beitrag. Ich habe die Taktik zur Resolution zwischen RU und China auch so gesehen. Es ist nicht praktikabel, alles auf ein Mal und vorzeitig auszureizen, erst recht, wenn es nicht erforderlich ist.
    Ootis

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