Sonntag, 23. Juni 2013

Brasilien: Hunderttausende erheben sich gegen die Kluft zwischen Arm und Reich und die Korruption


So sehr ich Brasilien, seine Menschen, Kultur, Literatur immer geliebt habe und liebe und die Erfolge des Landes in vielen Bereichen der jüngsten Jahre mit Begeisterung verfolgt habe, seinen Beitritt zu BRICS begrüßte, so misstrauisch bin ich jetzt. Nicht, dass ich die Forderungen für ungerechtfertigt ansähe, dass die Korruption nicht ein altes Übel in Brasilien wäre, sondern wegen des Zeitpunktes. Gerade jetzt, wo die USA einen neuen Krieg einfädeln, Obama unter Feuer geraten ist wegen Snowdens Enthüllungen über das Ausmaß der Ausspionierung und seine Beliebtheit auf einen neuen Tiefpunkt gesunken ist und die Zustimmung zu neuen Kriegs-Abenteuern auch gegen Null sinkt, da entsteht plötzlich dieser Aufruhr in Brasilien, bei dem auch Rufe nach Regime-Wechsel laut wurden. Das weckt mein Misstrauen. Kann es nicht ein großes Ablenkungsmanöver handeln? Und gleichzeitig ein Destabiliserungsmanöver, denn in Washington ist Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff nicht gerne gesehen und ihre Politik noch weniger, obwohl man sie wahrlich nicht revolutionärer oder sozialistischer Gedanken beschuldigen kann. Dabei gilt es auch zu bedenken, dass Brasilien ein junges Land, d. h. dass 41 % unter 24 Jahre alt sind und zu Zeiten der Militärdiktatur noch nicht geboren waren. Da ist es besonders leicht, unwissende junge Menschen nach rechts zu locken. Aus diesem Grunde zögerte ich, über die dortigen Ereignisse zu berichten. Ich hoffe nur, dass Dilma Rousseff genug Einsicht und Verstand hat, die Unruhen nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, sondern sich bemüht, effektive Maßnahmen zur Behebung der Missstände zu ergreifen.
Brasilien und seine fünf Staaten

Brasilien: Hunderttausende erheben sich gegen die Kluft zwischen Arm und Reich und die Korruption


Countercurrents.org


Protests in Fortaleza
Demonstranten marschieren zum Stadion in Fortaleza

Demonstrators confront Brazilian riot police as they attempt to approach the Estadio Castelao during the Confederations Cup soccer match between Brazil and Mexico, in Fortaleza
Truppen blockieren den Marsch
Demonstranten konfrontieren die Krawallpolizei, als sie sich dem Stadion Castelao während des Confederations Fußball-Spieles zwischen Mexiko und Brasilien in Fortaleza nähern.

Brasiliens Behörden gelang es nicht, die landesweiten Proteste zu stoppen, obwohl sie Preiserhöhung bei den öffentlichen Verkehrsmitteln zurücknahmen, was die Unruhen ausgelöst hatte.

Die Menge blockiert Hauptverkehrswege in Sao Paulo und Brasilia. Und in Rio de Janeiro kam es gleich nach der Rücknahme der Erhöhung zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Zuvor hatte es Zusammenstöße vor dem Fußballmatch in Fortaleza gegeben. Mindestens zwei Leute wurden vor einem Stadion in der Stadt verletzt, wo ebenfalls Spiele für den Confederations Cup stattfinden und wo Elite-Polizei eingesetzt wurde.

Manche der mindestens 30 000 Demonstranten warfen Steine auf die Polizei am 19. Juni 2013. Die Polizei schoss mit Tränengas und Gummigeschoßen, als sie den Protestmarsch stoppte.
Bei den Protesten trugen die Demonstranten Transparente, auf denen zu lesen stand: „Ein Lehrer ist mehr wert als Neymar“ mit Bezug auf Brasiliens Starfußballer, der gegen Mexiko Tore schoss.

Vor dem Match sprach Neymar zu Gunsten der Demonstranten. Auf Facebook hatte er eine Botschaft gelegt: „Ich bin Brasilianer und ich liebe mein Land. Ich habe eine Familie und Freunde, die in Brasilien leben. Aus dem Grund wünsche ich mir ein Brasilien, das gerechter, sicherer, gesünder und ehrlicher ist.“

„Vorwärts, vorwärts!“ schrien die Demonstranten, als ein Polizei-Kette den Zugang zum 240 Mill. $ Stadion Castelao blockierte. Eine ungehaltene Frau sagte „Dies ist Diktatur“, als die Polizei mit Gummigeschoßen schoss.

Die Demonstranten sind wütend über die Korruption und die hohen Ausgaben für die Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Aktivisten sagen, dass sie nicht ihre Meinung geändert hätten über die größten Demonstrationen.

Sao Paulos Bürgermeister Fernando Haddad sagte, die Zurücknahme der Fahrpreiserhöhung sei ein „großes Opfer“ und dass andere Investitionen gekürzt werden müssten.

Rios Bürgermeister Eduardo Paes äußerte sich ähnlich – dass die niedrigeren Fahrpreise die Stadt 500 Mill. Reales (225 Mill.$) jährlich kosten würden. Paes gab zu, dass die örtlichen Transportmittel von geringer Qualität wären und erklärte sich bereit, die Fahrpreise zu prüfen.

Die Bürgermeister von Cuiaba, Recife, Joao Pessoa und anderen Städten haben bereits eine Reduzierung der Fahrpreise angekündigt.

Aber die Demonstranten hat diese Geste nicht gerührt.
„Es geht eigentlich nicht länger über den Preis [der Transporte]“, sagte Camila Sena, 18, bei einer Demo in Rios Schwesterstadt Niteroi. „Die Leute verabscheuen das System und verlangen einen Wechsel.“

Eine Demonstration in Belo Horizonte dauerte mehr als 10 Stunden.

Die Kontroverse über die Bus- und Metrofahrkarten sind nur der Auslöser gewesen, der die Demonstranten auf die Straße brachte - es scheint jetzt um viel mehr zu gehen.

Die Ziele dieser bunten Protestbewegung sind sehr breit – Forderungen nach besserer Erziehung und Gesundheitsdiensten. Eine stockende Industrie und Inflation berühren das tägliche Leben der gewöhnlichen Brasilianer und tragen zum Protest bei. Die Demonstranten sind auch über die große Kluft zwischen arm und reich wütend und dass Milliarden $ für Stadien ausgegeben werden und allzu wenig für soziale Programme.

Hunderttausende Menschen sind auf die Straßen gegangen in dem Land von der Größe eines Kontinents. Sie verurteilen die 15 Mrd. $, die für den Confederations Cup und die Weltmeisterschaft 2014 ausgegeben wurden.

„Während ihr Fernsehen schaut, verändere ich das Land. Fußball nein, wir wollen Erziehung“ - stand auf einem Transparent in Fortaleza.

Politiker mit hohen Gehältern, die ihren Verwandten Jobs und Flüge zuschieben, erzeugen Wut. Ungleichheit und die riesigen Kosten für die Durchführung der Weltmeisterschaf und der Olympiade sind Themen der Demonstranten und auch die Korruption, die Verbrechen und die Polizeigewalt.

Die gegenwärtigen Unruhen sind die größten seit 1992, als die Menschen auf die Straßen gingen, um die Absetzung von Präsident Fernando Collor de Mello zu verlangen.

Präsidentin Dilma Rousseff hat gesagt, sie sei stolz, dass so viele Menschen für ein besseres Land kämpften.

Das Dilemma für die politische Führung ist, wie sie auf so verschiedene Klagen einer so großen Gruppe von Leuten, die in Schwung gekommen sind und die sozialen Medien auf ihrer Seite haben, antworten sollen.

Die Demonstranten schimpfen auch auf die ganze politische Klasse Brasiliens, die weithin als korrupt angesehen wird.

„Wir protestieren gegen die Verwendung öffentlicher Mittel für den Bau von Stadien, Geld, das besser für Erziehung verwendet werden sollte,“ sagte der 18-jährige Matheus.

Angesichts der sich ausweitenden Proteste haben die Behörden der Staten und der Zentralregierung versöhnliche Töne angeschlagen und Rousseff hat gelobt, auf die Stimmen der wütenden Jugend zu hören und nannte ihre Forderungen legitim.

„Es ist der Beginn eines tropischen Sturms“, sagte der linke Politiker Givalnildo Manoel zu AFP in Sao Paulo.
Die Proteste wurden organisiert von einer disparaten Gruppe von Aktivisten, die über soziale Medien Unterstützer fanden.
Um die Ordnung aufrechtzuerhalten, schickte Rousseff Bundes-Truppen in fünf Städte, wo der Confederations Cup gespielt wurde, der Anfang des Monats begann.

Die Entsendung von Truppen geschieht ähnlich wie sonst, wenn Verbrechen, Gewalt oder andere Unruhen ausbrachen oder zu den jährlichen Karnevalveranstaltungen und anderen Ereignissen.

Die Demonstanten haben auch angesichts der hohen Steuern die baufälligen Schulen, Krankenhäuser und andere schäbige Regierungsdienstleistungen mit den  28 Mrd. Reales (12.9 Mrd.$) für die Weltmeisterschaft verglichen, die in 12 Städten gespielt wird.

Demonstranten marschieren Richtung Stadion und tragen Transparente, die die Bewohner auffordern, auf die „Straße zu kommen“ und „Gesundheit, Erziehung, nicht Korruption“ zu fordern.

In Sao Paulo haben die Demonstranten die bereits verstopfte Stadt lahmgelegt, so dass viele Unternehmen ihren Angesellten erlaubten, früher nachhause zu gehen oder von zuhause zu arbeiten.

Die Polizei verhaftete mehr als 63 Leute, nachdem Demonstranten eine Polizei-Station niedergebrannt hatten, das Rathaus zu stürmen versuchten, Fenster zerschlugen und versuchten, Geschäfte zu plündern.

„Es ist schwierig, mit der Bewegung voranzukommen, weil sie kein klares Bild bietet, wer sie sind oder was genau sie wollen“, sagte David Fleischner, Politwissenschaftler an der Universität von Brasilia. „Es ist schwer, mit jemandem zu sprechen, den man nicht kennt.“

Im Zentrum Sao Paulos lautet ein Graffiti, das auf das Rathaus gekritzelt wurde: „Das Volk ist erwacht“.

Die Armee wurde in fünf der sechs Staaten entsandt, nach Rio de Janeiro, Bahia, Minas Gerais und Brasilia. Zusätzliche 6000 Mann der Bundespolizei wurden nach Fortaleza entsandt.


Demonstrators run during clashes with riot police near the Estadio Castelao in Fortaleza
Fliehende Demonstranten, als die Polizei versucht, die Menge mit Tränengas zu zerstreuen.
Protesters hold signs before the Confederations Cup Group A soccer match between Brazil and Mexico at the Estadio Castelao in Fortaleza
Demonstranten mit Schildern vor dem Match zwischen Brasilien und Mexiko im Stadion von Fortaleza.

Quellen aus Sao Paulo, Fortaleza, AFP, Reuters, Sky News, BBC

UPDATE von der BBC am 23. Juni 2013 am frühen Morgen
Es gab weitere Proteste in Belo Horizonte und Belem, in denen auch Confederations Cup Spiele stattfinden. Weitgehend friedliche Proteste gab es in Dutzenden von Städten am Samstag.
Am Freitag verkündete Rousseff mehrere Reformen am Freitag in einer Fernsehrede. Sie versprach, dass tausende Ärzte aus dem Ausland engagiert werden sollten, um den Gesundheitsdienst zu verbessern und das die Gewinne aus der Ölförderung in die Erziehung gesteckt werden sollen.


Über diesen Link kommt man am Ende zum Video mit Dilmas Rede, in der sie auch Vertreter der Demonstranten zu einer großen Diskussion einlädt. Ihre Rede wird simultan ins Englische übersetzt.

Quelle - källa - source


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