Donnerstag, 27. Juni 2013

Island hat Übung im Umgang mit Banken


Einar Schlereth

27. Juni 2013

Halldór Laxness, der große isländische Schriftsteller und Nobelpreisträger schrieb 1928-30 den Roman 'Salka Valka' , den ich gerade gelesen habe. Ein merkwürdiges, aber faszinierendes Buch. Er schrieb es 1928-30 in Kalifornien, zu einer Zeit, als er noch stark von kommunistischen Ideen beeinflusst war, obwohl er schon in jungen Jahren zum Katholizismus konvertierte.

Der Roman spielt um die Jahrhundertwende bis in die 20-er Jahre des 20. Jahrhundert in einem abgelegenen Fischerort weit nördlich von Reykjavik. Die Fischer und ihre großen, kinderreichen Familien lebten in einem abgrundtiefen Elend. Krankheiten aller Art, Hunger, Unterernährung, grenzenlose Unwissenheit, Analphabetismus beherrschten diese kleine beschränkte Gemeinde, im wörtlichen Sinne beschränkt von hohen Bergen ringsum, mit der Welt nur über das Meer mit einem monatlichen Bootsverkehr verbunden. An der Spitze der Gesellschaft stand der reiche Kaufmann und Fischereibesitzer Bogesen und am unteren Ende die kleine, in 'Sünde geborene' Salka Valka. (Auf den Roman will ich nicht näher eingehen. Wen es interessiert: 2007 ist bei Steidl eine Werkausgabe von Laxness erschienen.)

Auf mich machte der Roman den Eindruck, als hätte Laxness die gewaltige Stoffmenge nicht voll und ganz in den Griff bekommen, wie ein schöner Flickenteppich, an dem einige Stücke fehlten und der an den Rändern ausfranst. Doch das wusste auch der Verfasser. In seinem Nachwort schreibt er: „Damals hielt ich die Zügel in meiner Erzählung nicht so straff wie es später der Fall war.“ Und er gibt auch zu, dass er damals durch seine viele Reisen und etliche Jahre in Amerika nicht den richtigen Kontakt zu seiner Muttersprache hatte. Sein Isländisch bestand aus verschiedenen Dialekten, untermischt mit Anglizismen, die er allerdings in der zweiten Auflage beseitigte. Er bezeichnet dieses Buch als ein Experiment, das trotzdem viele Leser gefunden hat und bis 1984 in zehn Sprachen übersetzt wurde. Und dennoch, wie ich oben sagte, ist das Buch faszinierend und lehrreich.

So habe ich hier erfahren, dass es schon einmal eine große Bankenkrise nach dem ersten Weltkrieg in Island gab. Damals stimmte das 'althing' – das isländische Parlament – mehrheitlich dafür, die größte Bank des Landes nicht zu retten, sondern bankrott gehen zu lassen. Nur eingebuchtet wurden die Banker nicht. Im Roman hat Laxness die Personennamen geändert und ich konnte bei einer kursorischen Suche nach diesen Vorfällen auch im Internet keine näheren Angaben finden. Ich verlasse mich hier völlig auf den Roman, weil ich nicht glaube, dass er sich einen solchen Fall aus den Fingern gesogen hat.

Aber ich fand noch etwas Interessantes. Dazumal hatte es gerade in Russland die große Umwälzung gegeben, die Oktoberrevolution. Und die isländischen und dänischen Zeitungen überschlugen sich mit Schreckensmeldungen. Eine, fünf, zehn Millionen Menschen sind ermordet worden, dutzende Millionen Kinder sind verhungert, die Frauen sind ins Gemeineigentum überführt worden. Es ist schon phänomenal, wie man Fakten aus dem eigenen Sündenregister herausklaubt und anderen unterschiebt. Ferner würden die Kommunisten in Dänemark und Island Sprengstoff und Waffen aus Russland horten, bekämen säckeweise Gold und schlimmer noch, Bolschewiken aus Russland würden ins Ausland geschleust, um das Volk zu 'ent-christianiesieren' und mit Syphilis zu infizieren. Nun, das ist ungefähr das, was in allen 'unabhängigen, demokratischen' Zeitungen überall in der Welt zu lesen war. Aber die Dänen und Isländer tischten auch einige 'Fakten' auf, die mir zumindest neu waren. So habe der damalige bloschewistische Anführer in Kopenhagen auch überall in der Stadt gefährliche Aasgeier und andere Ungeheuer in Käfigen gehalten, die besonders nachts ein schreckliches Geheul anstimmten und  die bei nächstbester Gelegenheit freigelassen werden sollten, um den Leuten die Augen auszuhacken.

Dies zeugt eigentlich nur von der maßlosen Angst, von der das Bürgerpack nach der russischen Revolution geschüttelt wurde. Natürlich wusste auch der dümmste Bürger, dass nicht die Russen kommen, sie aus den Betten reißen und ihre Frauen vergewaltigen würden. Sondern die Angst galt dem eigenen Volk, das sich ein Beispiel nehmen könnte. Deswegen setzten sie ihre alle ihre Medien ein, um die haarsträubendsten Lügen zu verbreiten und kübelweise Jauche über die Russen und ihre Anhänger auszuschütten. Und es hat funktioniert. Damals wie heute. Auch hier in Schweden. Der Russenhass sitzt so tief, dass auch heute noch, wo Russland ein demokratisches, ein normales kapitalistisches Land ist, das Wort allein schon bei vielen Menschen geradezu einen Koller auslöst. Russen sind zu allem fähig, ihnen wird jede Schandtat zugetraut, vor ihrer Aggression muss man auf der Hut sein und vor allem gewappnet sein. Dass es Schweden war, das 1000 Jahre lang ständig Russland überfallen hat, wird dabei großzügig übersehen.

Und der Russenhass der Skandinavier ist fast genauso groß in Deutschland und allen anderen europäischen Ländern und in allen moslemischen Ländern bis hinunter nach Afrika und Indonesien, d. h. in allen vom Westen ideologisch und ökonomisch dominierten Weltteilen. Teilweise sind es noch die gleichen Vorurteile und Lügen, die vor 100 Jahren in die Welt gesetzt wurden. Da kann man wirklich davon sprechen, dass die westliche – die kapitalistische, kolonialistisch-rassistische, dominierende, globalisierte – Denkungsart mit der Muttermilch eingesogen wurde. Ich stelle mir dies als die schwierigste Aufgabe vor: wie man die Gehirne jemals von all diesem Mist befreien kann.

Kommentare:

  1. "die westliche – die kapitalistische, kolonialistisch-rassistische, dominierende, globalisierte – Denkungsart mit der Muttermilch eingesogen wurde. Ich stelle mir dies als die schwierigste Aufgabe vor: wie man die Gehirne jemals von all diesem Mist befreien kann."

    Lieber Einar Schlereth,

    Ich glaube, dass Du hier zu pessimistisch bist. Das ist meiner Erfahrung nach einfach abhängig von der täglichen Propaganda und liegt auch sehr maßgeblich daran, dass sich viele Bürger an die jeweiligen Machtverhältnisse anbiedern.
    Wenn man bedenkt, dass in der ehemaligen DDR es völlig anders war und die UdSSR für Russland über das eigentlich Vorhandene hinsaus in den Himmel gehoben wurde, dann müssten ja das alle "mit der Muttermilch eingesogen" haben und es sollte Deiner Befürchtung entsprechend, immer noch so da sein, was aber nicht wahr ist. Wer tut nicht so, als ob sie/er davon gar nichts mehr wüsste und kümmert sich um den jeweiligen Alltag, führt nur das Negative an betreffs DDR, da das ja gut ankommt, selbst auf der Basis des Zitates von Martin Niemöller: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

    Den Intelligenten zeichnet ja aus, dass ein Fehler nicht wiederholt wird. Aber mit einer "Denkungsart mit der Muttermilch eingesogen wurde", hat es wohl nichts zu tun.

    Liebe Grüße

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  2. Aber, herr Laxness? Gibt es ein Doppelnatur in ihnen...?

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