Samstag, 11. Juli 2015

Interview mit einem Überlebenden des Anschlags auf das Gewerkschaftshaus von Odessa


Interview mit Oleg Musyka, einem der Überlebenden des Anschlags auf
das Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014
Brigitte Queck
Leiterin des Vereins „Mütter gegen den Krieg Berlin-Brandenburg“ 
Juni 2015

B.Q. : Woher kommst Du ? Was hast Du früher gemacht ?
Oleg : Ich bin Ukrainer und Bürger der Stadt Odessa. Jahrelang habe ich als Matrose der
Schwarzmeerflotte gedient. Ich gehöre seit 2009 der Partei Rodina an und wurde von
meiner Partei zum Berater des Abgeordneten meiner Partei in die Stadtverwaltung der
Stadt Odessa gewählt. Im November 2013 war ich der Verantwortliche des Anti-Maidan
auf dem Kulikower Feld.
B.Q. : Welche Ziele vertrat der Anti-Maidan in Odessa ?
Oleg: Unsere Partei vertrat von Anfang an eine Politik der Föderalisierung der Ukraine.
. Wir strebten eine Zollunion mit Russland, Belorussland und Kasachstan an;
. Die russische Sprache sollte als 2. Staatssprache der Ukraine erlaubt bleiben;
. Die Prinzipien des Sozialismus, als da sind:
a)kostenfreie Bildung,
b) kostenlose medizinische Betreuung,
c) soziale Maßnahmen auf dem Gebiet des Wohnungsbaus,
d) der ständigen Verbesserung des Lebens der Bürger,
sollten auf dem Gebiet der Zollunion gelten.
Mit anderen Worten, wir wollten eine würdige Gesellschaft aufbauen, in der das Wort
Demokratie nicht nur eine Worthülse ist.

B.Q.: Wie viele Opfer gab es tatsächlich am 2. Mai 2015 im Gewerkschaftshaus in Odessa ?
Oleg : Offiziell wird von 48 Opfern gesprochen. In Wirklichkeit kamen 116 Menschen ums
Leben.
B. Q. : Wie ist das zu verstehen ?
Oleg: Nach Verständnis der UNO und auch europäischen Gesetzen, spricht man ab 50
Personen von Genozid (Völkermord). Mit anderen Worten, die derzeitigen Kiewer
Machthaber halten die wahre Zahl der Opfer bewusst geheim.
B.Q. : Warum ist es Deiner Meinung nach überhaupt zu solchen gewaltsamen Ausschreitungen
im Odessaer Gewerkschaftshaus gekommen?
Oleg: Nach der Volksbefragung auf der Krim befürchtete die derzeitige ukrainische Regierung,
dass sich auch in Odessa der russische Einfluss durchsetzen könnte und das wollte sie
unter allen Umständen verhindern.
B.Q. : Wie konnte es zu so einem fürchterlichen Überfall der Rechten auf die Bewegung des
Anti-Maidan überhaupt kommen?
Oleg: Wir hatten ein großes Volksfest auf dem Kulikower Feld organisiert und überall Zelte
und Stände aufgestellt. Schon am frühen Morgen kam die Polizei und wie sich später herausstellte,
sogar in Begleitung hoher Kiewer Beamten, die unsere Zelte nach Waffen untersuchten. 
Das war eine klare Einschüchterung unserer Leute.
Doch die Menschen aus Odessa ließen sich nicht abschrecken. Sie kamen zu Tausenden
auf den Veranstaltungsplatz.
Am selben Tag fand auch ein Fußballspiel statt, zu dem der rechte Sektor per
Internet mobilisiert hatte. Die Anhänger der Rechten fingen nach dem Fußballspiel an, in der
Stadt zu randalieren, das Pflaster aufzureißen, Bürger anzupöbeln und mit Stöcken zu schlagen und 
Steinen zu bewerfen.
Das alles wurde im Fernsehen übertragen, ohne dass die Polizei von Odessa eingriff.
Die Meinung unserer Gruppe war geteilt, ob wir uns diesen Rechten entgegenstellen
sollten. Die Mehrzahl von uns wollte etwas tun und ging diesen Randalierern entgegen.
Da die Rechten an diesem Tag klar in der Überzahl waren, liefen
wir zurück zum Kulikower Feld. Die Rechten schlugen wild, auch auf einfache Passanten,
ein, so dass sich die Leute im nahe gelegenen Gewerkschaftshaus verbarrikadierten.
Anscheinend hatten die Rechten ihre Aktion genau geplant und vorbereitet.
Sie hatten Molotowcocktails, Schlagstöcke und Pistolen bei sich.
Obwohl die Menschen aus dem Gewerkschaftshaus und ihre Angehörigen zu Hause,
die Polizei und die Feuerwehr anriefen, griffen weder die Polizei, noch die Feuerwehr,
die sich unweit des Gewerkschaftshauses befand, in dieses mörderische,
blutige Treiben ein. Nicht mal, als das Gewerkschaftshaus schon lichterloh brannte!
B.Q. : Was geschah danach ?
Oleg : Erst in den Morgenstunden erschienen die Polizei und die Feuerwehr.
Die Überlebenden waren z. T. schrecklich verletzt und traumatisiert.
Etwa 200 Menschen wurden ins Krankenhaus und über 100 Menschen
aufs Polizeirevier gebracht und verhört, wo man schon Listen vorbereitet
hatte, die die Überlebenden unterschreiben sollten. Allesamt wurden
regierungsfeindlicher Handlungen beschuldigt!
Nach 1 Jahr befinden sich noch 21 Menschen in Untersuchungshaft und 10 der
Überlebenden des Gewerkschaftshaus-Massakers sind im Gefängnis, während
diejenigen, die an diesen Verbrechen beteiligt waren, in der Odessaer Stadtverwaltung, ja sogar 
im Kiewer Parlament sitzen !
B.Q. : Wie bitte, die Täter laufen frei herum, ja, sie sitzen sogar im Parlament?
Oleg : Ja, Alexej Gontscharenko ist Parlamentsabgeordneter vom Poroschenko-Block,
Andrej Jusow ist Vorsitzender der Partei Udar von Klitschko und Sewo
Kontscharewskij, derjenige, der die Opfer, die sich durch einen Fenstersprung aus
dem brennenden Gewerkschafshaus retten wollten, unten erschlug, sitzt heute als
Vertreter einer gesellschaftlichen Organisation im Stadtrat Odessas.
B.Q. : Wie ist die politische Situation in Odessa ?
Oleg: Zum Gouverneur der Stadt Odessa wurde Saakaschwili, der ehemalige Minister des
Inneren von Grusinien ernannt, der in seinem Land wegen Korruption gesucht wird.
Wie zum Hohn wurde am 12.6.2015 von der Stadtverwaltung Odessas die Entscheidung
getroffen, ein Denkmal zu Erinnerung an die am 2. Mai 2014 im Gewerkschaftshaus
umgebrachten Menschen zu errichten.
Doch die Menschen der Heldenstadt des Großen Vaterländischen Krieges im Kampf
gegen den Faschismus vergessen nicht, wer deren Mörder sind, die heute ihre
schrecklichen Taten damit rechtfertigen, dass die Opfer gegen die gesetzmäßige,
in Wirklichkeit durch einen blutigen Regimechange zur Macht gekommenemKiewer
Regierung vorgehen wollten.
Die einstmals fraktionsstärkste Partei von Janukowitsch wurde im ganzen Lande
verboten.
Es wurden vom Kiewer Parlament Gesetze verabschiedet, die:
- das Tragen von kommunistischen und russischen Symbolen unter Strafe stellen,
- das Niederreißen von Denkmälern, die an die Zeit der Oktoberrevolution, oder den
Großen Vaterländischen Krieg erinnern, ausdrücklich gestatten,
- das Verbot regierungskritischer Zeitungen,
- das Durchsuchen von Räumlichkeiten gesellschaftlicher Organisationen und
Beschlagnahmung von Computern, anordnen und
- „separatistische Handlungen“, wie z. B. die Weigerung, als Soldat in der ukrainischen
Armee zu dienen, mit dem Tode bestrafen können.
Rechte Schlägertruppen sollen für Angst und Duckmäusertum der Bevölkerung sorgen
und diejenigen, die die Dreckarbeit für die nunmehr Regierenden erledigen, werden
bei Bekanntwerden von deren Morden, z. B. regierungskritischen Journalisten, wie
Oles Busina, durch Zahlung sehr hoher Kautionen der reichsten Oligarchen vor Ort
freigelassen.
B.Q. Ist die Kommunistische Partei der Ukraine noch aktiv ?
Oleg: Seit dem von den USA geförderten Regimechange in der Ukraine am 22.2.2015
wurden neben bekennenden Mitgliedern der Partei der Regionen von Janukowitsch,
vor allem Mitglieder der Kommunistischen Partei verfolgt, eingekerkert, misshandelt
und getötet. Nachdem der gegenwärtige, an der Macht befindliche ukrainische
Präsident Poroschenko am 15. Mai 2015 das Gesetz über das Verbot des Zeigens
kommunistischer Symbole auf dem Territorium der Ukraine unterzeichnet hat, haben
die rechten Schlägertruppen quasi freie Hand, gegen Kommunisten vorzugehen.
B.Q. Spielte der 70. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus in der Ukraine unter diesen
Umständen überhaupt eine Rolle ?
Oleg: Ja, eine sehr große Rolle sogar ! Schon vor dem 9. Mai war von der jetzigen ukrainischen
Regierung das Zeigen kommunistischer Symbole untersagt worden. Trotzdem
marschierten allein in Odessa 45 000 Menschen über die Allee des Sieges unter
Rufen „Bandera raus aus der Ukraine!“ und legten sowohl am Ehrenmal
der im Großen Vaterländischen Krieg gefallenen sowjetischen Soldaten, als auch am Haus
der Gewerkschaften, in dem vor 1 Jahr über 100 Menschen von den Rechten verbrannt
und gemeuchelt wurden, Blumen nieder. Das zeigte, dass die Menschen in Odessa an
diesem Tage ihre Angst bezwungen haben.
B.Q. : Was erwartet ihr von den Menschen in Deutschland, die vor 70 Jahren durch die
Sowjetarmee vom Faschismus befreit wurden ?
Oleg: Wir haben die Hoffnung, dass die Deutschen, die den 2. Weltkrieg überlebten und
wissen, was Faschismus ist, uns im Kampf gegen den Faschismus in der Ukraine
helfen. Sie sollten sich an Friedensdemonstrationen und Mahnwachen gegen den Krieg
beteiligen, bzw. sich an die deutsche Regierung wenden mit den Forderungen:
a) die Finanzierung der ukrainischen Regierung, die einen Genozid am eigenen Volk in
der Ostukraine verübt, einzustellen und
b) die Bestrafung der Täter des Odessa -Massakers von der Ukraine zu fordern.
B.Q. Was erwartet ihr speziell von den Linken, der Friedensbewegung und den
Kommunisten ?
Oleg: Sie sollten an möglichst vielen Diskussionen zum Thema Ukraine teilnehmen;
Offizielle Vertreter der Linken sollten richterliche Einsichtnahmen in die Dokumente
des Odessaer Massakers fordern, sowie auf der Bestrafung der Täter bestehen;
Vertreter von linken Parteien und Organisationen sollten europäische Institutionen
beeinflussen, kein faschistisches Vorgehen gegen Andersdenkende in der Ukraine
zuzulassen und das, was den Anlass zur Gründung der Weltorganisation geführt hat;
nämlich „Nie wieder Faschismus und Krieg!“ zuzulassen, in die Tat umgesetzt wird !
B.Q. : Oleg, vielen Dank für das Gespräch. Wir werden unser Bestes tun, die Wahrheit über die
Lage in der Ukraine zu verbreiten und Euch in Eurem Kampf gegen den Faschismus im Lande
zu unterstützen !

Kommentare:

  1. bah, diese leute haben ihr land an russland verraten und sind bestraft worden. das sind die unbelehrbaren, die immer noch für den kommunismus trommeln obwohl sie ihn selbst erlebt haben. der bevölkerungsanteil sinkt auch in den anderen ostblockstaaten nicht unter ein gewisses level, und ich würde mir auch für mein heimatland wünschen, dass sich die volkswut auf diese bande wieder einmal ordentlich entladen kann.

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    1. ...Volkswut?an russland verraten?ordentlich entladen?hört,hört!

      Warum nicht auch wieder Volkssturm, Vwkübbelwagen und den Volkseintopftag wieder einführer...ähm einführen...

      an die "unbelehrbaren":
      Faschismus gehört ein für allemal abgeschafft.
      an die anderen...
      Greetz

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  2. Ja Greetz, so sieht ein Faschist aus, wie er leibt und lebt. Und zu gerne sprechen sie von Verrat, jene, die als erste ihr Land an den US-Imperialismus verraten haben. Genau wie Hitler, der auch den US-Kapitalisten in den Arsch gekrochen ist, um seinen Feldzug gegen die Kommunisten führen zu können. Eins muss man ihnen lassen: sie haben ehrlicherweise die Farbe braun zu ihrem Symbol gemacht.

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