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Dienstag, 31. Dezember 2019

Der hochverehrte Mörder des Volkes

Josef Stalin
Stefan Lindgren
Clarté 2008


Stalin beging Verbrechen. Ja, Stalin beging Verbrechen gegen das Völkerrecht. Aber wie sah der Zusammenhang aus?


Aus dem Schwedischen: Einar Schlereth

Aus gegebenem Anlass lege ich diesen Artikel abermals auf, den ich in der ‘Clarté’ 2008 veröffentlicht habe. Den kann man durchaus immer noch lesen.

Ist es möglich, dass man wie Brecht Josef Stalin sowohl als einen «hochverehrten» Diener des Volkes und als dessen «Morder» sehen kann? Das ist nicht nur möglich, sondern ist die einzig mögliche Art, sich dem Problem zu nähern, meint Stefan Lindgren.


Stalin rettete die bürgerliche Demokratie für Europa – zum Preis des sowjetischen Sozialismus.
Eine Geschichtsdebatte, die nicht Widersprüche anerkennt – sie mag Stalin betreffen, Churchill, Roosevelt oder auch die Gestalt Hitlers – verfällt in ein Moralisieren und beraubt dem Gegenstand jede wissenschaftliche Ambition. Historische Phänomene und Gestalten muss man in Widerspruchen verstehen, in Bewegung und in ihrem Zusammenhang.

Brecht kannte sowohl den «hochverehrten» und «den Mörder» Stalin. Viele von Brechts russischen Freunden, wurden vom Stalinregime verhaftet. Der Journalist und Schilderer des spanischen Bürgerkrieges Michail Kolzow, der Herold der Faktenliteratur Sergej Tretjakow und auch der ungarische Führer der Räterepublik Béla Kun, den Brecht getroffen hatte. Der Regisseur-Kollegen Meyerhold hatte seine Arbeitsmöglichkeit verloren.

Stalin

Tretjakow, der Brechts engster Freund unter den Russen war, wurde 1937 unter falschen Anklagen verhaftet, was Brecht, der ja auf der Flucht vor dem Nazismus war, immer stärker an der Möglichkeit zweifeln ließ, ins Exil in die Sowjetunion zu gehen. In Schweden half der Freund Per Meurling ihm, eine Lösung auszuhandeln, die bedeutete, dass er über Moskau und Wladiwostok weiter in die USA reisen konnte. Die schwedische Säpå, die ihn bei seinem Schweden-Aufenthalt scharf bewachte, verstand Brechts Zweifel in Bezug auf die Sowjetunion (SU) so, dass es möglich wäre, ihn anzuwerben, was ein grobes Missverständnis war. 1)

Als klar wurde, dass Tretjakow am 9. August 1939 hingerichtet worden war, schrieb Brecht:

Mein Lehrer
der große freundliche
ist erschossen worden,
verurteilt von einem Volksgericht.
Seine Bücher wurden zerstört.
Gespräche über ihn wecken Misstrauen
und sind verstummt.
Nimm jetzt an, dass er unschuldig ist.

 Tretjakow hatte 1933 Brecht geholfen, die SU zu besuchen und Brecht stand ihm gegenüber in Dankesschuld u. a. für den Entwurf für ‘Der gute Mensch von Szechuan’ und seine Theatertheorie hatte viel von den russischen linken Schriftstellern entlehnt. u. a. den Begriff ‘Entfremdung. 2)

Tretjakow verschwand, wurde ermordet und posthum nach Stalin rehabilitiert. Die Schauspielerin Carola Neher, von der es heißt, sie sei eine von Brechts vielen Geliebten gewesen, wurde in der SU verhaftet und verschwand im Gulag. «Der späte Brecht war unentwegt beschäftigt, Klarheit über den Tod der Frau im sowjeitshcen Gefängnis zu gewinnen», schreibt Hans Mayer (Brecht, Suhrkamp, Frankfurt, 1996, S. 35).

Alle diese Ereignisse brachten natürlich die Freunde der SU in Europa in eine schwierige Lage. In «Über die Freiheit in der Sowjetunion» (Gesammelte Werke, Bd. 20: 104) geb Brecht eine mögliche Erklärung: «Dass gewisse kriminelle Cliquen auf der anderen Seite tätig sind, darüber gibt es in Russland keine Zweifel. Das kann man von Zeit zu Zeit an ihren Untaten sehen.»

Im globalen Kampf gegen den Hitler-Faschischmus konnten diese Untaten nicht seine Verteidigung der Sowjetunion und Stalins aufwiegen, diesen wichtigsten Gegner des Hitler-Faschismus und das Versprechen vom Aufbrauch aus dem menschenfressenden Kapitalismus.

Der Zar sprach zu ihnen
mit dem Gewehr und der Peitsche
eines blutigen Sonntags. Dann
dann sprach man zu ihnen mit Geweht und Peitsche
jeden Tag der Weoche, jeden Arbeitstag
vom hochverdienten Mörder des Volkes.

Die Sonne des Volkes
verbrannte seine Anbeter-
Der größte Wissenschaftler der Welt
vergaße das Kommunistische Manifest.
Lenins begabtester Schüler
schlug ihm aufs Maul.

Aber als Jüngling war er tüchtig.
Aber als Alter war er grausam.
In seiner Jugend war er kein Gott.

Der, der zum Gott wird,
wird dumm.

Die Gewichte auf der Waage
sind groß. Aufgewogen
werden sie in der anderen Waagschale
von Klugheit und dem unvermeidlichem Zugewicht
der Grausamkeit.

Die Anbeter sehen sich um:
Lag der Fehler bei Gott
oder unseren Gebeten?

Aber die Maschinen?
Aber die Siegestrophäen?
Aber das Kind ohne Brot?
Aber der blutenden Genossen
unerhörte Angstschreie?

Der der alles befahl
machte nicht alles.

Das, was versprochen wurde, waren Äpfel.Das, was ausblieb, war das Brot.