Sonntag, 6. November 2011

Libyens Befreiungsfront organisiert sich im Sahel


Von Franklin Lamb, den 4. November 2011 am Rande des Sahel, Niger

„Sahel“ bedeutet im Arabischen „Küste“ oder „Küstenlinie“. Wenn man nicht dort vor 5000 Jahren war, als laut Anthropologen die erste Kultivierung von Nutzpflanzen in jener damals üppigen, aber heute halbtrockenen Region begann, wo die Temperaturen 54° C erreichen und nur Kamele und andere angepasste Lebewesen Wasserquellen aufspüren können, scheint dies ein seltsamer geographischer Name für diesen bis zu 800 km breiten Streifen gebackenen Sandes, der von der Atlantikküste bis zum Roten Meer verläuft.
Doch wenn man seinem Rand steht, hat der Sahel den Anschein einer trennenden Küstenlinie zwischen dem endlosen Sand der Sahara und der Grassavannen im Süden. Teile von Mali, Algerien, Niger, Tschad und Sudan und entlang der libyschen Grenze fallen in dieses angebliche Niemandsland.
Heute liefert der Sahel Schutz, Waffen, Sammel – und Lagermöglichkeiten, Trainingsplätze und Verstecke und allgemein eine phantastische Basis für jene, die die wachsende libysche Befreiungsfront (LLF) organisieren. Das Ziel der LLF ist, Libyen von den NATO-installiereten Kolonial-Marionetten zu befreien.
Die Sahelregion ist nur einer der vielen Orte, wo die libysche Konterrevolution [hier benutzt Franklin Lamb einen irreführenden Begriff, denn Konterrevolution wird allgemein seit der Französischen Revolution für die Reaktionäre gebraucht, die die fortschrittliche Revolution rückgängig machen wollten. Ich würde Gegenoffensive vorschlagen, zumal der Widerstandskampf zu keinem Zeitpunkt eingestellt wurde. D. Ü.], unter Leitung von den Gaddafi- und Warfalla-Stämmen, Vorbereitungen für die nächste Phase des Widerstandes treffen.
Als ich kürzlich einen Konferenzraum in Niger betrat, um einige kürzlich aus Libyen Evakuierte zu treffen, von denen ich gehört hatte, dass sie „einen Volkskampf mit Maos Taktik der 1000 Stiche gegen die gegenwärtige Clique, die behauptet, Libyen zu repräsentieren“, beginnen wollen, verblüfften mich zwei Tatsachen.
Erstens, wie viele anwesend waren und die nicht verwahrlost, besessen und verzweifelt aussahen, sondern die offenbar ausgeruht, ruhig, organisiert und methodisch ihren Aufgaben nachgingen.
Mein Kollege, ein Mitglied des Gaddafi-Stammes aus Sirte erklärte: „Mehr als 800 Organisatoren sind allein in Niger aus Libyen angekommen und täglich kommen mehr." Ein Offizier in Uniform fügte hinzu: „Es ist nicht, wie eure westlichen Medien die Situation darstellen, von desparaten Gaddafi-Anhängern, die hektisch Geldbündel und Goldbarren austeilen, um ihre Sicherheit zu erkaufen vor den Todesschwadronen der NATO, die jetzt durch die nördlichen Gebiete unseres Vaterlandes schwärmen. Unsere Brüder haben die Routen ohne Grenzstationen in dieser Region seit Jahrtausenden kontrolliert und sie wissen, wie man nicht entdeckt wird, auch nicht von NATO-Satelliten und Drohnen.“
Der zweite Punkt, über den ich nachdachte, als ich in dem ersten Zusammentreffen saß, war, welchen Unterschied drei Jahrzehnte ausmachen. Ich erinnerte mich an den Besuch beim Fatah-Jugendführer Salah Tamari, der 1982 gute Arbeit im israelischen Gefangenenlager Ansar im Süden Libanons leistete als der gewählte Unterhändler für seine Mitgefangenen.
Tamari bestand darauf, einige von ihnen zu einer neuen PLO-Basis in Tabessa/Algerien zu begleiten. Das war kurz nachdem die PLO-Führung, fälschlicherweise meiner Meinung nach, zustimmte, Libanon im August 1982 zu räumen, statt auf eine Stalingrad-Verteidigung (zugegeben ohne die nichtexistierende Rote Armee) sich einzulassen, und die PLO-Führung offenbar den Versprechen der Reagan-Verwaltung glaubte von einem „von Amerika garantierten palästinensischen Staat innerhalb eines Jahres“.
„Da könnt ihr Gift drauf nehmen“, wie der US-Gesandte Philip Habib sagte. Scheinbar ewig auf Ronald Reagan vertrauend, trug der PLO-Führer Arafat das schriftliche Versprechen von Habib in seiner Hemdtasche mit sich, um es Zweiflern zu zeigen, wie seinem Stellvertreter Khalil al Wazir (Abu Jihad) und den Frauen u.a. im Lager Shatila, die starke Bedenken gegenüber den Beschützern hatten, die sie verließen.
In Tabessa, irgendwo in der endlosen Wüste Algeriens, saßen die ehemals stolzen PLO-Verteidiger, im wesentlichen müßig und in ihrem Lager eingeschlossen und verbrachten ihre Tage, von dem physischen Training abgesehen, mit Kaffeetrinken und Rauchen und sich um ihre Lieben in Libanon sorgend, als die Nachricht von dem israeli-oranisierten Massaker in Sabra-Shabila im September 1982 im Lager Tabessa wie eine Bombe einschlug. Viele Kämpfer hörten nicht auf Tamaris Befehl und begaben sich nach Shabila.
Dies trifft nicht zu auf die Libyen-Evakuierten im Niger zu. Sie haben die neuesten Modelle von Satelliten-Telefonen und Laptops und bessere Ausrüstung, als die meisten Journalisten der reichen Nachrichtenmedien, die in den Medienhotels in Tripolis in den vergangenen neun Monaten antanzten. Ich fragte: „Wie seid ihr alle hierhergekommen und wie habt ihr dies alles so schnell bekommen?“ Das wurde mit einem stummen Lächeln und Abwinken beantwortet von einer jungen Dame mit Hijab, die ich im August zuletzt sah, als sie im Hotel Rixos Pressemitteilungen für den Pressesprecher Dr. Musa Ibrahim austeilte.
An jenem Tag sagte Musa, der neben dem stellvertretenden Außenminister Khalid Kaim, ein Freund vieler Amerikaner und Menschenrechtsaktivisten, stand, dass Tripolis nicht an die NATO-Rebellen fallen würde und dass „wir 6500 gut ausgebildete Soldaten hier haben, die auf sie warten“.
Wie sich herausstellte, war der Befehlshaber der 6500 Mann von der NATO gekauft worden, und er befahl seinen Leuten, keinen Widerstand gegen die einmarschierenden Rebellen zu leisten. Tripolis fiel am nächsten Tag und Khalid wurde verhaftet und sitzt immer noch in einem der Dutzenden Gefängnisse der Rebellen und bittet um den Besuch seiner Familie seine Wächter, die nicht antworten, während ein internationales, von Amerikanern organisiertes Team von Anwälten verhandelt, ihn zu besuchen.
Die LLF hat militärische und politische Projekte in Arbeit. Zu den letzteren gehört, in den für den nächsten Sommer versprochenen Wahlen um jede Stimme zu kämpfen. Ein Mitarbeiter, den ich traf, hat den Job, die Wahlen in Tunesien, Agypten und anderswo in der Region zu studieren nach möglichen Verwendungen in Libyen.
Ein anderes LLF-Komitee stellt die Botschaft der nationalistischen Kampagne plus spezifische Wahlkampfpunkte für ihre Kandidaten zusammen, mit denen sie antreten können und stellt Listen auf mit bestimmten Kandidaten.
Nichts ist bis jetzt fest beschlossen, aber ein libyscher Professor sagte mir, „gewiss werden die Frauenrechte ein wichtiger Punkt sein. Die Frauen sind entsetzt von dem, was der NTC-Vorsitzende Jalil sagte, als er die Unterstützung der Al Quaida-Anhänger suchte, die drohen, Libyen zu kontrollieren, über Polygamie für das künftige Libyen und dass die Frauen nicht mehr die Wohnung bekommen sollen, wenn sie sich scheiden.
Libyen war sehr progressiv bei den Frauenrechten wie auch den Rechten für die Palästinenser.“
Aisha Gaddafi, die einzige Tochter von Muammar, die jetzt nebenan in Algerien lebt mit anderen Familienmitgliedern und ihrem 2 Monate alten Baby, war eine starke Kraft hinter der Gesetzgebung von 2010 durch die Volkskongresse für mehr Rechte für die Frauen.
Sie wurde gebeten, ein Pamphlet zu schreiben über die Notwendigkeit, die Rechte der Frauen beizubehalten, das verteilt werden wird, wenn die Wahlen 2012 tatsächlich stattfinden werden.
Während ihr Land in Ruinen liegt, die wesentlich von den NATO-Bomben verursacht wurden, hat die pro-Gaddafi LLF etliche starke Pluspunkte auf ihrer Seite. Einer ist, dass die Stämme im vergangenen Sommer, gerade als Tripolis fiel, sich gegen die NATO zu erheben begannen und begonnen hatten, eine neue Verfassung zu erarbeiten. Die LLF glaubt, dass die Stämme der Schlüssel sein werden, um Stimmen zu erhalten.
Ein noch stärkerer Pfeil im Köcher der LLF bei ihrer Gegenoffensive sind die 35 Jahre politischer Erfahrung in den hunderten Libyschen Volkskomitees, die es seit langem in jedem Dorf gibt und die Sekretariate der Volkskonferenzen. Gegenwärtig sind sie inaktiv (von der NATO verboten, um die Wahrheit zu sagen), erstehen sie schnell von neuem.
Manchmal waren sie Gegenstand des Spotts von selbsternannten Libyen- “Experten“, aber die Volkskongresse, auf dem 'Grünen Buch' basierend, das Gaddafi schrieb, sind tatsächlich sehr demokratisch, und eine Studie ihrer Arbeit macht deutlich, dass sie zunehmend nicht als Erfüllunsgehilfen von Ideen funktionierten, die aus Bab al Azziza [Gaddafis Residenz. D. Ü.] strömten.
Ein Generalsekretär eines Kongresses, der jetzt in Niger arbeitet, wiederholte was eine der westlichen Delegationen im Juni in einem 3-stündigen Vortrag im Hauptquartier des nationalen Volkskongress-Sekretariats in Tripolis zu hören bekam. Den Teilnehmern wurden die Anwesenheits- und Abstimmungs-Listen gezeigt und auch jede Frage, über die abgestimmt wurde für das vergangene Jahrzehnt und auch die Debatten auf den jüngsten Volks-Kongressen.
Sie zeigen Ähnlichkeiten auf mit den Volkskongressen und Stadtversammlungen in Neu England, wie die örtliche Bevölkerung Entscheidungen trafen, die ihre Gemeinde angingen mit einer offenen Agenda, wo Klagen und neue Vorschläge eingebracht werden können.
Ich habe den 4-Jahres-Amtszeit für Ward 2A in Brookline, Massachusetts, sehr genossen, als ich das College in Boston besuchte, wo ich manchmal neben meinen Nachbarn Kitty und Michael Dukakis saß.
Wir beide gewannen einen Sitz bei der Wahl, aber ich gewann 42 Stimmen mehr als er, doch er stieg politisch auf, während ich in gewisser Weise sank, als ich mich den Studenten für eine demokratische Gesellschaft (SDS) anschloss, der ACLU und den Black Panthers in einem Semester als Anfänger an der Boston Universität im Anschluss an ein anregendes Treffen mit Professor Noam Chomsky und Prof. Howard Zinn in Chomskys Büro an der MIT.
Die Stadtversammlungs-Debatten waren interessant und produktiv und „Mustafa“, der nationale Sekretär der libyschen Volkskongresse, der an der George Washington Universität in WDC studierte und eine Doktorarbeit über die Stadtversammlungen in New England schrieb, behauptete, dass sein Land seine Volkskongresse von deren Muster inspiriert wurden. Zu allem Unglück ist „Mustafa“ jetzt auch von dem NTC eingesperrt, wie ich von gemeinsamen Freunden hörte.
Wer die LLF-Kandidaten sein werden, wenn die Wahlen tatsächlich stattfinden, ist unbekannt, aber manche meinen, dass Dr. Abu Zeid Dorda, der sich gerade von seinem „Selbstmordversuch“ erholt (der ehemalige libysche UNO-Botschafter wurde von NATO-Agenten aus dem Fenster im 2.Stock bei Verhören geworfen, aber hat in Anwesenheit von Zeugen überlebt, und erholt sich in einer Gefängnishospital).
Im Gegensatz zu Medienstories, hat sich Seif al Islam nicht dem ICC ergeben und ebenso wohlauf wie Musa Ibrahim. Beide werden gedrängt, für eine Weile stillzuhalten und auszuruhen und zu versuchen, über die Morde der NATO an Familienmitgliedern und vielen engen Freunden hinwegzukommen.
Viele juristische und politische Analytiker glauben, dass der ICC keine Prozesse in Bezug auf Libyen durchführen wird wegen der ICC-Regeln und seiner Struktur und der Ungewissheit, die „richtigen“ Verdächtigen zu bekommen.
Was immer in dieser Sache passiert, so werden, falls ein Prozess stattfindet, Forscher sich vorbereiten, den ICC-Saal mit Dokumentation über die NATO-Verbrechen in den neun Monaten von 23 000 Flügen und 10000 Bombenangriffen auf ein Land mit fünf Millionen Menschen zu füllen.
Manche ICC Beobachter sind ermutigt von der Forderung aus dem Ankläger-Büro des ICC in dieser Woche, und was BBC berichtete: „Alle Verbrechen zu untersuchen und zu verfolgen, sowohl von Seiten der Rebellen und der pro-Gaddafi-Streitkräfte inschließlich jener, die von der NATO begangen wurden“.
Während die NATO den Fokus und seine Drohnen auf Seral konzentriert, ist es möglich, dass ihre neunmonatige Schlächterei gegen dieses Land und seine Leute am Ende nicht ihr Ziel erreichen wird.

Das Original liegt hier.

Kommentare:

  1. Tod den Neofaschisten Obama, Sarkozzy und Cameron für die begangenen Verbrechen gegen das souveräne Libyen. Tod den NATO-Schweinen, die wehrlose Zivilisten grausam zerstückelten! Schande über Merkel und ihre Regierung, die tatenlos zugeschaut haben und sich an den geschundenen Leibern der Kinder und Fraue ergötzt haben! Auch sie sind Mittäter und gehören unter die Giultine! Die Mörder sind wieder unter uns! Jagt sie alle! In die Hölle mit ihnen! Sieg dem libyschen Widerstand! Schlagt die Ratten, wo ihr sie trefft! Tötet sie alle für ihre Verbrechen! Wartet nicht lange, bevor sich die Ratten organisieren! Trefft sie beim Scheißen, egal wo sie sich befinden! Die Rache ist mein sprach der Herr!

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  2. "Schande über Merkel und ihre Regierung, die tatenlos zugeschaut haben [...]

    Davon kann gar nicht die Rede sein. Nebst Waffenlieferungen in diese Region, entlastung der NATO-Partner an anderen Einsatzorten, war Deutschland selbst mit der Bundeswehr in NATO-Stäben direkt an angriffen beteiligt.

    Sehr interessanter Artikel, besten Dank für's teilen.

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