Freitag, 6. April 2012

UNSERE SUCHT NACH KRIEG BRECHEN


Es gibt mehrere Gründe, weshalb ich diesen Artikel mag, aber das wird jeder selbst herausfinden. Und es gibt natürlich Gründe, weshalb ich die beiden letzten Absätze nicht mag. Nicht nur, weil schon Marx und auch Engels derlei Träumereien vor mehr als 100 Jahren als Phantastereien nachgewiesen  haben, sondern auch weil der liebe Brian Willson auch in der US-Geschichte der jüngsten Zeit tausend Beispiele dafür hätte finden können, dass sowohl theoretisch als auch praktisch derlei Inseln in einer menschenfressenden, rabiaten imperialistischen Gesellschaft kurzfristig vielleicht möglich sind, aber genauso wenig zu etwas führen wie die rituellen anti-Kriegs-Demos, die er selbst anprangert. Trotzdem denke ich, dass man den Artikel durchaus mit Gewinn lesen kann.
 
von S. Brian Willson
am 15. Dezember 2009


Ich bin es leid, gegen den Krieg zu sein. Sind Kriege unvermeidlich? Wenn wir wirklich keine Kriege wollen, müssen wir es ernst meinen, die Gründe zu erkennen und uns entscheiden, sie radikal anzugehen.
Was macht es sonst für einen Sinn? Einen 'Rausch' mit Gleichgesinnten zu spüren bei politischen Aktionen, verlängert nur unsere Sucht nach anti-Kriegs-Demos, die nichts dazu beitragen, Kriege aufzuhalten.
Die stammelnde Präsidentschaft von George Bush II entblößte erfolgreich das US-Imperium für jedermann in seiner grausigen Glorie – legte alle Lügen, schmutzigen Details und unerhörten Konzequenzen der maßlosen Gier bloß.
Dann diente das 'hopium' [unübersetzbar – Zusammenziehung von hope= Hoffnung und Opium. D. Ü.] bei Obamas Wahl als tröstende Beruhigungspille, brachte die Bewegung zum Stillstand, zumindest für eine Weile. Doch, egal wer an der Macht ist, die Kriege gehen weiter ad nauseam. Lernen, weshalb wir das vertikal/hierarchische, patriarchalische politisch- ökonomische System untersuchen müssen, das wir Menschen seit Jahrtausenden anwenden.
Zuerst, lasst uns die US-Geschichte anschauen. Sie enthüllt ein chronisches, niederschmetterndes Muster von Kriegs-Mache – 550 direkte militärische Interventionen seit 1799 in mehr als 100 Ländern.
Mehr als 300 davon sind seit dem 2. Weltkrieg eingetreten, einschließlich Bombardierung von 28 Ländern. Außerdem hat die USA tausende geheime Interventionen durchgeführt, vor allem in „Dritte Welt“-Ländern.
Die weitere Sicht: Seit der Ankunft der „Zivilisation“ um 3500 v. u. Z. (vor 55 Jahrhunderten) hat es 14600 „entscheidende Kriege“ gegeben, die tausende von kleineren, „weniger entscheidenden“ nicht gerechnet, laut der norwegischen Akademie der Wissenschaften
Dies fällt zusammen mit der Entwicklung der Schrift und dem Auftauchen der patriarchalischen, hierarchischen Königreiche, die vielfach später Imperien wurden. Die Herrscher dieser Königreiche gewannen Macht, indem das Surplus manipuliert wurde, das durch die Agrarrevolution zustandegekommen war.
Eine weitere Fügung mit der Ankunft der Zivilisation war eine merkbare Zunahme an Funden von Menschenüberresten, deren Todesursache in Verbindung mit Kriegsverwundungen stand.
Archäologen haben wenig oder gar keine Beweise für systematische Kriege davor gefunden.
Seit 1500 v. u. Z. hat der Forscher Quincy Wright Dokumente von 3000 „Schlachten“ gefunden, bei denen es mindestens 1000 Tote zu Lande und 500 bei Seeschlachten gab, und zusätzlich eine Viertel Million „feindliche Begegnungen“. Die US-Armee allein war in über 9000 „Schlachten und Scharmützel“ zwischen 1775-1900 verwickelt, die meisten gegen einheimische Amerikaner und zusätzlichen 1100 Treffen der US-Marine.
Die Anstrengungen zur Verhütung von Kriegen sind auch gut dokumentiert. Der Historikersoziologe Jacques Novicow dokumentierte mehr als 8000 Friedensverträge zwischen 1500 v. u. Z. Bis 1860 n. u. Z.
Moderne Bemühungen, eine Rechenschaft für Kriege einzuführen umfassen die Haager und Genfer Konvention, die Charta der Vereinten Nationen und die Nürnberger Prinzipien.
Der Kellogg-Briand-Pakt von 1928 verzichtete vollständig auf Krieg. Seit 1950 enthält das Feld-Handbuch der US-Armee Vorschriften des internationalen Rechts, die absolut Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur verbieten. Es hat wenig, wenn überhaupt, geholfen, den Mord an Zivilisten zu verhindern.
Beim Versuch, dieses chronische Muster menschlicher Schlächterei zu verstehen, haben Wissenschaftler wie Lewis Mumford, Thomas Berry, Marija Gimbutus, Riane Eisler und James Hillman die Ereignisse von mehr als fünftausend Jahren der vier patriarchalischen Formen aufgelistet – klassische Imperien, kirchliche, nationalstaatliche und moderne Mega-Unternehmen.
Alle vier können als männlich-beherrschte, vertikale Hierarchien beschrieben werden, deren Funktionieren von striktem Gehorsam ihrer Bevölkerung abhängt.
Zivilisation“ ist gekennzeichnet durch einen dramatischen Übergang von langandauernden dezentralisierten, horizontalen, matriarchalen Gesellschaften zu zentralisierten, vertikal/ klassenorientierten, patriarchalischen Gesellschaften, in denen Gehorsam gegenüber dem König gefordert wurde, Sklavenarbeit benutzt wurde, um riesige Projekte wie Gräber, Bewässerungsanlagen und Getreidelagersysteme zu bauen.
Klassen und soziale Schichtung rissen die Menschen von ihren historischen Wurzeln los als autonome Wesen, die in kleinen kooperativen Stammesgruppen lebten. Diese Trennung der Menschen von ihren engen Verbindungen mit der Erde verursachte eine tiefe Unsicherheit, Angst und Furcht in der Psyche, und Öko-Psychologen wie Chellis Glendinning und Theodore Roszak deuten an, dass diese Zerstückelung einen traumatischen, ursprünglichen Bruch erzeugt hat.
Gezwungen zu werden, in einem Klassensystem zu arbeiten, führt im allgemeinen zu einem Gefühl an mangelndem Selbstwert. Die Menschen wollen diese Scham vermeiden, koste es was es wolle, oft, indem sie „Verteidigungsmechanismen“ annehmen, indem sie Dämonisierung auf andere „unter ihnen“ projezieren, und/oder aus Hochachtung vor den authentischen autonomen Freiheiten sich weigern, an autoritäre Strukturen und Annahme ihrer begleitenden Mythologien und Ideologien zu glauben.
300 Generationen lang hat die Zivilisation Gehorsam gefordert. Dies ist zu einer kulturellen Gewohnheit geworden, die jeden von uns befähigt, uns erfolgreich an unser nicht-indigene Kultur anzupassen.
Beobachter wie Etienne De la Boëtie haben entdeckt, dass praktisch jede vertikale Macht schnell ego-tyrannisch wird, der Konzentration politischer, sozialer und ökonomischer Macht inhärent ist, ob durch Wahlen erreicht (wie in den USA), Waffengewalt oder Erbschaft.
Die Herrschaftsmethode ist im wesentlichen dieselbe – Massenzustimmung wird entweder durch Angst oder Propaganda/Mythos erreicht. Barbara Tuchman beschreibt den historischen Wahnsinn von Ego-Kriegsbesessenen in ihrem Buch von 1984: The March of Folly: From Troy to Vietnam (Der Marsch des Wahnsinns: Von Troja bis Vietnam).
Im wesentliche haben wir, indem wir konditioniert wurden, Gesetzen und Sitten der modernen Gesellschaft zu gehorchen und von den vertikalen politisch-ökonomishen Systemen geformt wurden, entgegen unserer authentischen Natur als kooperative Wesen gelebt, die in der Lage sind, in kleinen Gemeinschaften ohne Autorität von oben selbst-regierend zu leben.
Außerdem haben wir im Westen mit nur 20% der Weltbevölkerung materiell profitiert von 500 Jahren kolonialer Ausbeutung auf Kosten der übrigen 80%. Dies ist nicht nur unmoralisch, sondern ökologisch auch unhaltbar.
In den USA mit nur 4.6% der Weltbevölkerung verschlingt unser unersättliche Konsum mehr als 30% der Ressourcen des Globus. Die Gewohnheit des Gehorsams unserem System gegenüber ist historisch durch unsere persönliche Sucht nach Konsumgütern verstärkt worden, genährt von dem Mythos, dass unser materielles Wohlergehen von unserer „Einzigartigkeit“ als US-Amerikaner kommt.
Unsere Bindung an diesen Mythos und unsere Sucht nach ihren Vorteilen ermöglichen unsere schrecklichen Kriege – die nichts anderes als imperiale Projekte sind, um mit vorgehaltener Waffe die Fortführung unseres American Way of Life zu ermöglichen, nicht zu erwähnen die endlosen Profite für den „Kaiser“ und seinen Hof.
Summa summarum sind wir süchtig nach Krieg, weil wir süchtig nach einer materialistischen Lebensweise sind, die Gehorsam fordert gegenüber einer Infrastruktur des Imperialismus, die alles wie gehabt ermöglicht. Dass dies absolut untragbar ist, wird erst jetzt realisiert.
Das Rezept: Neu-Entdeckung des Öko-Bewusstseins, das bereits in unserem intuitiven genetischem Gedächtnis unabhängig von unserem Gehirn steckt. Ein Leben zu wählen mit weniger Zeug in lokal autarken, Nahrungs-produzierenden und einfachen Werkzeug-produzierenden, handwerklichen Kulturen – das kann Lebensfreude geben. Und kleine Orte mit solchen neubelebenden Kulturen entstehen an vielen Orten mit Leuten, die danach streben, ihre lokale Autonomie wiederherzustellen.
Der Kreis schließt sich – jene, die wir ausgelöscht haben, weil wir sie als „Wilde“ ansahen, waren in der Tat authentisch. Wir sind die Wilden und müssen uns nun an die Authentischen wenden, um Hilfe für unsere Heilung zu finden. 

Quelle - källa - source 

Kommentare:

  1. Brunout kommt von Authenzitätsverlust, wollte ich allein anmerken. Beim ausfüllen einer Rolle (Theaterstück, Film) fühlen sich die wenigsten wohl. Das vergessen insbesondere Diejenen die gerne in Rollen schlüpfen. In kleinstrukturierten Gemeinschaften ist dies nicht notwendig. Sobald der Überblick verloren geht profitiert der Gaukler und Scharlatan - im Moment der Mensch der die ihm zugedachte Rolle als Politiker oder Berater einnimmt.

    Der American Way Of Life wäre so falsch nicht in der ursprünglichen positiven Definition durch Talent kombiniert mit harter Arbeit eine wesentliche Verbesserung seiner Lebenssituation zu erreichen, allein aber auf diesem Weg. Individualismus, Dynamik und Pragmatismus, das alles entspricht nicht dem Erlebten im Alltag. Demzufolge ist der jetzige Gebrauch des Terms schlicht ein ideolgisiertes Rebranding des Merkantilsmus oder einer seiner Vorläufer. Sie haben exakt ausgeführt.

    Das Problem ist der durch Manipulation erzwungene Kollektivismus außerhalb der Grenzen des natürlichen überschaubaren Lebensraums, insbesondere organisiert über Hierarchien, gesteuert über Geld, das zumeist organisiert ist, sodass es ähnlich dem Zorn des Zeus im antiken Griechenland wirkt. Die Zerstörungskraft des Zorns nach außen hin ist enorm und Einschüchterungskraft nach innen unbestritten.

    Geld ist bezogen auf die Ursprungsdefinition des American Way of Life, ein vorauseilender Talenttransfer der zu den sog. Fehlallokationen führt - unausgewogenes Talentpotential in einer Gesellschaft - sog. Arbeitslogiskeit (Differenz zwischen benötigten Talent und vorhandenem). Der stärkere Kollektiv sorgt durch Transfer von Geld/Macht für die Kompensation - sog. Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes. Am Ende bleibt die Zerstörung ... das ist das Optimum bei dem alle nicht mehr benötigten Talente sich können entfalten. Im schlimmsten Fall ist das benötigte Talent verschwunden im größeren Kollektiv und allein als Geld vorhanden...

    Der Weg muss nicht zwingend zurück zur Natur sein, der erste Schritt wäre eher zurück in kleinere Strukturen in überschaubare funktionierende Organisationsformen des Zusammenlebens. Damit sind jene Fertigkeiten gefragt die zu Ende des Artikels wurden beschrieben. Zurück zu natürlicheren Lebensformen macht wohl Sinn, aber die sollen wachsen, wieder zerfallen wenn sich eine Organisationsform als unpassender Pfad erweist, aber den Kollektiv aufrecht zu erhalten und dessen Schiefstände im Talentepool als gesellschaftlichen Fortschritt zu akzeptieren ist eine gefährliche Selbsttäuschung.

    I don't hop because I know the way, I hop because I have feet that can hop - Das ist die Defintion des American Way. Auf dies sollte man sich rückbesinnen.

    Danke, sehr interessanter Artikel.

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  2. Its as if the whole system has to change to avoid a new world war.

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