Samstag, 26. April 2014

HEITERKEIT und FREUNDLICHKEIT (Piter VI)


Einar Schlereth
26.April 2014

Gestern waren wir bei der Heiterkeit. Das wird jedem auffallen, der aus
unseren westlichen Ländern kommt – ich denke an Deutschland, Schweden,
England, Frankreich und nicht an Spanien, Italien – wo die Menschen mit
verbisterten, verbissenen und leblosen Gesichtern aneinander vorbeipreschen
und allenfalls einen Blick für die Schaufensterauslagen haben.

Auch hier haben die Leute einen forschen Gang an sich, aber sie wirken nicht
gehetzt und erschöpft. Vielleicht hängt es mit Putins Klage zusammen, dass die
Arbeitsproduktivität in Russland erheblich niedriger sei als der europäische
Durchschnitt. Dass die Menschen es hier bei der Arbeit etwas mehr 'sutsche'
angehen lassen?

Allein daran kann es aber nicht liegen, dass die Leute hier heiterer, gelassener,
fröhlicher und zufriedener aussehen. Das kommt schon darin zum Ausdruck, dass sie gerne und viel lachen und lächeln. Kinder, Junge, Alte, Männer, Frauen. Dazu gibt es auch eine Statistik, die besagt, dass 70 % der Russen mit ihrem Leben zufrieden sind. Das wird bei uns natürlich nicht veröffentlicht. Allenfalls mit einer bissigen Bemerkung wie Putin-Propaganda abgetan.


Fröhliche Runde im 'Café Sovjet' und im Fernseher laufen alte Sowjetfilme
Heute früh sprach ich mit einem jungen Russen, der unten am Eingang vor einem Bildschirm mit simultanen Bildern von acht Kameras sitzt. Eine ist vorne direkt am Nevsky Prospekt montiert und die restlichen in den Durchgängen und Innenhöfen. Er arbeitet zweimal die Woche 12 Stunden die Nacht durch und verdient im Monat 20 000 Rubel, keine 400 €. Ob er denn davon leben könne, fragte ich. „Prima,“ antwortete er. „Ich habe keine Frau und keine Kinder. Habe eine eigene Wohnung, habe viel Zeit und beschäftige mich gerne mit Meditation.“ Vielleicht sieht er daher so fröhlich und gelassen aus.

Aber man darf nicht vergessen, dass ich traumhaftes Frühlingswetter erwischt habe, was die Leute selbst bei uns etwas heiterer stimmt. Ich sah heute sogar schon die ersten Stare. Und vor den Cafés und Restaurants werden schon Tische und Stühle ins Freie gestellt und Terrassen aufgebaut.

Die Freundlickeit äußert sich darin, dass immer, wenn man etwas dumm aus der Wäsche schaut und nicht weiß wohin, sofort mindestens eine Person herbeieilt, um dir zu helfen. Und dich sogar noch ein Stück begleitet, damit du auch ja auf den richtigen Weg kommst. Es können Polizisten sein, ältere Damen oder auch junge, Arbeiter oder Beamte. Der/die eine oder andere kramt dann auch ein paar Worte Deutsch oder Englisch aus der Schulzeit hervor und dann kommt es  auch oft zu einem kleinen Schnack.

Aber es gibt auch Sachen, die mich reichlich stören. Die Handies! Also in Schweden ist es schon schlimm, aber hier noch schlimmer. Viele tragen sie wie Kleinode vor sich her und jeder zweite Blick geht auf's Display. Sie stehen an den Ecken und schreiben SMS, sitzen kaum in der U-Bahn oder im Bus oder im Café und schon holen sie ihre Dinger raus, rufen an und schreiben unentwegt SMS. Die ältesten Omas und Kinder, die gerade dem Kindergarten entwachsen sind. Ich halte es für eine Seuche, eine Pest. Und überflüssig wie einen Kropf. Aber die Produzenten, die Post und die Anbieter und vor allem die Geheimdienste freuen sich selbstverständlich über alle Maßen.

Hingegen finde ich es gut, dass in sehr vielen Cafés, Restaurants, Hotels – wie hier auch – und auch im Hochgeschwindigkeitszug (gab es vor 2 Jahren noch nicht einmal im ICE in Deutschland) und auf der Fähre Wi-Fi kostenlos angeboten wird. Man kann seine Arbeit und eine ganze Bibliothek mitnehmen, ohne sich tot zu schleppen.

Die Unart, überall englische Namen anzubringen, greift auch hier um sich. Und ausgerechnet englisch/amerikanische Namen, das ist verwunderlich. Auch die vielen amerikanischen Schlitten stören mich gewaltig. Das zeigt halt nur, dass das politische Bewusstsein nicht allzu sehr entwickelt ist. Ich fand es ganz ausgezeichnet, dass die Franzosen schon vor vielen Jahren dem Verhunzen der Sprache via Internet einen Riegel vorgeschoben haben. Und es ging prima. Es gibt für alles auch französische Begriffe. Auch im Deutschen oder Schwedischen.

Verwunderlich ist auch, dass es so wenige Fahrräder gibt. Weil es keine Fahrradwege gibt? Oder weil es wenige Rafahrer gibt? Das weiß ich nicht. Es würde sich anbieten, denn die Stadt ist ebenso platt wie Kopenhagen oder Amsterdam. Da – wie ich schon schrieb – auf den Straßen Motorrad- und Autorennen gefahren werden, benutzt natürlich kaum ein Radfahrer die Rennpiste. Sondern sie jagen, zusammen mit Rollerskatern und – bladern (?) und Tretrollerfahrern mit abenteuerlichem Tempo auf den Gehwegen entlang. Und ich habe bisher keinen Zusammenstoß erlebt.

Angenehm ist, dass man kaum Hunde sieht. Die wenigen sind von Rattengröße und fallen daher nicht so auf. Ob die Hundesteuer so hoch ist und nach Größe bemessen wird? Das kann ich auch nicht beantworten. Fälschlicherweise berichtete ich, dass vereinzelt Katzen herumstreunen. Das war eine Täuschung. Also ich vorgestern früh um 6 Uhr zum Hinterhoffenster hinaussah, stand unten eine junge Frau und fütterte mindestens ein Dutzend Katzen. Deswegen sehen alle, denen man begegnet, gut genährt und nicht verwahrlost aus. Als alter Katyenfreund finde ich das sehr sympathisch.

Im Straßenbild fallen die unendlich vielen Banken auf. Auch die Raiffeisenbank. Die gab es in Bayern so viel und ich hielt sie immer für eine obskure deutsche Provinzbank. Habe ich mich wohl getäuscht. Außerdem gibt es unendlich viel Restaurants, Cafés und Konditoreien mit leckerem Gebäck. Nicht so süß wie bei uns und in Schweden.

Im übrigen kann ich jedem, der vielleicht auf die Idee kommen sollte, auch mal Russland einen Besuch abzustatten, nur empfehlen, zumindest das russische Alphabet zu lernen, da wenig Namen in lateinischer Schrift angezeigt werden. Wenn man das kann, wird man staunen, wieviele Wörter man versteht. Die Russen haben schon immer  gerne Worte aus anderen Sprachen übernommen,
aus dem Französischen, Deutschen, Schwedischen etc. und haben es wie die Schweden gemacht, sie einfach in Lautsprache umgewandelt. Also z. B. steht an vielen schicken Kleider-, Schuh- und Parfümerieläden 'Riv gosch' -in kyrilischer Schrift natürlich, womit natürlich 'Rive Gauche', das  berühmte 'Linke Seineufer' in Paris gemeint ist. Und die allgemeinste Bank ist hier die 'Sperbank', die Sparbank. Und bloß vorher keine Rubel kaufen. Machte ich dummerweise in Helsinki, sogar bei der Forex, wo man doch normalerweise einen guten Kurs bekommt. Die haben mich um fast 800 Rubel beim Wechseln von 100 € beschissen.

Kommentare:

  1. Sehr interessanter Bericht, danke! Nur eine kleine Korrektur: Sberbank ist kein Wortimport aus dem Deutschen, wenn auch die Bedeutung die selbe ist. Es ist Abkürzung von Sberegatelny Bank. Sberegatelny ist ein Adjektiv zu Sberezhenia, was so viel wie Ersparnisse oder Rücklagen bedeutet.

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  2. Toller Reisebericht. Mich würde interessieren: findet das kulturelle Leben in der Familie, Vereinen oder Kneipen statt ? Wird das Abendessen zelebriert wie in Frankreich, Italien, China oder schlingt man es einfach lieblos hinunter wie in Nordeuropa ? Gibt es dort kleine Geschäfte oder mehr große Ketten ? Gibt es Leute die sich mit westlichen Konsumverhalten (McDonalds, Starbrucks, Markenklamotten) für was besseres halten ? Können Normalverdiener am kulturellen Leben teilhaben ? Na ja im USA Suppenküchenstaat und deutschem Hartz4 Rentenniveau Land wohl kaum . Was sagen über 60/70 Jährige über die Sowietzeit ? Wie sehen die Menschen den westlichen Terror gegen Libyen, Syrien, Venezuela, Ukraine, das Elend in Griechenland, Irland ?
    Wie siehst Du die pseudolinke Hetze gegen die Monatgsdemo in Berlin ?
    Viel Reisefreude wünscht Dir Manfred aus Meerbusch/Düsseldorf.

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  3. Du verlangst wirklich zu viel von mir. Ich spreche kein Russisch und 99 % der Leute können nicht auf die einfachste englische Frage antworten. Ich kenne auch niemanden, habe also keinen Familienanschluss. Mit dem franyöschischen Paar im Hotel stellten wir gemeinsam fest, dass die Kneipen, Cafés und Restaurants voll sind und man isst ausgiebig und geruhsam. Es gibt auch all die von dir genannten Ketten, aber die suche ich nicht auf.

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