Mittwoch, 28. Oktober 2015

Kampf indischer Frauen, um das „Apartheid-Kastensystem“ zu stürzen



Einar Schlereth
28. Oktober 2015

Dalit Frauen Kampf (Foto: Thenmozhi Soundararajan)
Nehmt euch doch mal ein paar Minuten Zeit und versucht, euch in die Lage der Dalits – der Unberührbaren – hineinzuversetzen. Seit 1000 Jahren wird man in eine Gruppe Menschen hineingeboren, deren Aufgabe es ist, die Scheißhäuser der Reichen zu säubern, die dafür obendrein selbst auch wie Scheiße behandelt werden. Du hast Frau und Kinder und sie alle sind für alle Schichten, die über dir stehen, auch Scheiße. Stinkender Dreck, den man bei Strafe nicht berühren darf. Diese Unberührbaren reinigen nicht nur Latrinen, sondern haben alle Arbeiten zu tun, die mit Dreck und stinkender Brühe zu tun haben.

Und am allerschlimmsten sind die Frauen der Unberührbaren dran, denn sie stehen ja noch eine kleine Stufe tiefer als ihre Männer, von denen sie auch noch extra unterdrückt werden. Andererseits sind sie nicht so unberührbar, dass sie nicht mit Vorliebe von den höheren Schichten vergewaltigt werden oder auch totgeschlagen werden – straflos natürlich.

Hier könnt ihr eure Kenntnisse über die Dalits vertiefen. Sie werden allgemein als die Nachfahren der indischen Ureinwohner – den Drawiden – angesehen, weshalb man auch von Rassismus sprechen kann. Millionenfach haben die Dalits versucht, sich aus dieser Zwangsjacke zu befreien, indem sie Religionen annahmen, wie den Buddhismus, das Christentum oder den Islam, die Gleichheit aller Menschen vor Gott predigen. Das half ihnen jedoch wenig, da der Hinduismus schlicht auf seine 'heiligen' Bücher verweist, wo geschrieben steht, wer sie sind – nämlich Unberührbare. Die hinduistischen Dalits machen 160 Millionen Menschen aus und zusammen mit den buddhistischen, christlichen und moslemischen Dalits sind es insgesamt 240 Millionen, also ca. 20 % der indischen Bevölkerung mit 1.2 Milliarden.

Die Dalits dürfen nicht mit den zahllosen anderen indigenen Völkern in Indien verwechselt werden, die Adivasis genannt werden. Sie werden heute auf 80 Millionen geschätzt. Indien ist somit das Land auf der Welt mit dem größten Prozentsatz von Ureinwohnern. Sie stellen 7 % der Bevölkerung. Dalits und Adivasis sind zusammen 320 000 000 Menschen, das heißt viermal so viel, wie in Deutschland leben.

Allesamt leben sie zu 99 % in bitterster Armut und fast absoluter Rechtlosigkeit. Die Geschichte der Adivasis ist eine einzige Kette (siehe im Wiki-Adivasi-Artikel) von Aufständen und Kämpfen um ihre Menschenrechte, obwohl im indischen Grundgesetz festgelegt ist, dass alle dieselben Rechte haben. Aber Papier ist überall, wie wir wissen, geduldig. Selbst der Vater der indischen Unabhängigkeit, Jawaharlal Nehru hat nur halbherzige Schritte unternommen, um diese riesige Menschenmenge von ihrem Bann zu lösen. Weder er noch seine Tochter Indira Gandhi, im Gegenteil, sie schlug noch härter zu.

Insgesamt kann man sagen, dass auch die Bedingungen für die Adivasis sich kaum verbessert haben. Das Spezielle an ihrer Lage ist, dass diese Völker in die Urwälder gedrängt wurden, im Gegensatz zu den nordamerikanischen Indigene, die in die Wüsten gedrängt wurden. Aber beide haben gemeinsam, dass Indigene in Indien und den USA wieder verjagt werden sollen, weil sowohl in den indischen Urwäldern als auch in den amerikanischen Wüsten riesige Schätze an Metallen, Öl & Gas und Wasserkraft gefunden wurden.

Nachdem Jahrzehnte lang die Indigenen von ihrem Land vertrieben und in städtische Slums gejagt wurden, haben sie in den 60-er Jahren zu den Waffen gegriffen. Da war das Geschrei groß. Der Abschaum der Menschheit greift zur GEWALT!!! Doch mit richtiger und brutalster Gewalt wurden die Naxaliten militärisch fast ausgerottet. Aber sie reorganisierten sich und sind heute stärker denn je. Sie haben ein Gebiet von der Größe Frankreichs befreit, wo sie von Polizei und Armee in einem heimlichen Krieg bestialisch bekämpft werden. Wen es interessiert, der kann hier das Buch von Jan Myrdal aus dem Zambon Verlag in meiner Übersetzung erwerben.

Durch das faschistische Hindu-Regime von Modi hat es einen starken Rückschlag gegeben. In ganz Indien kommt es täglich zu Übergriffen gegen Dalits – insbesondere gegen Moslems und Christen. Laut Verbrechensregister werden täglich 4 Dalit-Frauen vergewaltigt. In der vorigen Woche ist es in Faiderabad nahe Delhi zu einem Brandanschlag gekommen, bei dem ein Kind und ein Baby lebendig in den Flammen verbrannten. Es kam zu wütenden Protesten und eine Schnellstraße zum Taj Mahal wurde blockiert. Die Proteste wurde noch angeheizt durch die Bemerkung eines Staatsministers „Wenn man Hunde steinigt, kann man dann die Regierung dafür verantwortlich machen?“

Angesichts dieser unerhörten Gewalttaten hat die Bewegung 'All India Dalit Mahila Adhikar Manch (das Forum für Dalit-Frauenrechte oder AIDMAM) zum Widerstand aufgerufen. Zum ersten Mal können diese entrechteten Frauen, viele von ihnen Überlebende von Gewalt, mit eigener Stimme sprechen und ihre Geschichte erzählen. Im vorigen Jahr führten sie einen Marsch in mehreren Staaten Nordindiens durch gegen Massenvergewaltigungen, öffentliche Entkleidung, nackt durch die Straßen peitschen und Hexen-Verleumdung.
Asha Kowtal von #DalitWomenFight (Foto: Rucha Chitnis)
Und jetzt macht AIDMAM eine Tour durch Nordamerika, „um das Schweigen über die Kasten-Apartheid und Kasten-Vergewaltigung zu brechen“ und die Unterstützung von Frauen-Aktivisten in den USA zu finden, die gegen die staatliche Gewalt kämpfen. Rucha Chitnis traf Asha Kowtal, die Vorsitzende von AIDMAN und befragte sie über die Geschichte der Bewegung.

Hier schildert sie den mühsamen Kampf, der Jahrzehnte zurückreicht und erst 2012 durch die Massenvergewaltigung einer Studentin in Delhi, über die in aller Welt berichtet wurde, einen entscheidenden Aufschwung erzielte.

Der erste Marsch 2012 der #DalitWomenFight (Foto: Thenmozhi Soundararajan)

Asha berichtet, dass sie Rashida Manjoo kontaktierten, die Sonderbeauftragte der UNO für Gewalt gegen Frauen und diese schrieb, dass in Indien eine strukturelle Reform nötig sei, um das Problem der Gewalt gegen Frauen anzugehen. Auch Navi Pillay, die ehemalige Hochkommissarin der UNO für Menschenrechte schrieb, dass Indien die Kastenbarrieren niederreißen müsse. „Die Straflosigkeit, die wir bei Polizisten beobachten, sehen wir auch bei höchsten diplomatischen Beamten, die sich weigern, die Kastenfrage in die internationale Diskussion einzubringen. Indien ist es erfolgreich gelungen, die Benutzung dieses Begriffs der Kaste zu vermeiden,“ sagte Asha.


Ihren erschütternden Bericht könnt ihr hier weiterlesen.






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