Samstag, 24. Dezember 2011

ALLEN MEINEN LESER/INNEN DIE BESTEN WÜNSCHE ...

aber wofür? Gesundheit, ja, das ist klar, das wünscht man ja allen Menschen, die guten Willens sind, allen Lieben und Freunden. Ein langes Leben? Da wird es schon brenzlig. Das wünsche ich mir selbst schon lange nicht mehr - ganz im Gegenteil. Und ich weiss, dass es viele, viele tausende Menschen gibt, die sich das auch nicht wünschen, weil sie schlimme Krankheiten haben, wegen bitterer Erfahrungen oder weil sie durch Kriege furchtbare Verletzungen erlitten oder verkrüppelt wurden. Was in einer solchen Situation besonders schlimm ist: wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist Schluss zu machen.

Nun denn: Ein GUTES, NEUES JAHR? Der Standardwunsch. Aber wenn man die Weltlage betrachtet, dann hört sich der Wunsch eher nach einem Sarkasmus an. Also was dann? Heilger St. Florian, verschon mein Haus, zünd andre an? Wie es häufig an Häusern in Bayern geschrieben steht? Das fand ich als Kind schon barbarisch und ungeheuerlich.
Also was dann? Dass die Menschen Vernunft annehmen, das Steuer rumreissen, die bösartigen Kriegstreiber, Kriegsgewinnler, Kriegsenthousiasten zum Teufel jagen und der Toleranz, Gerechtigkeit und Menschlichkeit zum Sieg verhelfen? Kann man das wünschen, wenn man selbst nicht ein Jota davon glaubt?
Ich weiss es ehrlich gesagt nicht.
Deswegen schicke ich euch das Gedicht 'Trotz alledem' von Freiligrath von 1848, das seit langem meine Leitschnur ist und auch für den Rest meiner Tage bleiben wird - und da vor allem die ersten fünf Zeilen. An den Rest glaubte man vielleicht noch vor ungefähr fünfzig Jahren. Also weitermachen, trotz alledem!

Das war 'ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Wien, Berlin und alledem –
ein schnöder scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem!

Das ist der Wind der Reaktion
mit Meltau, Reif und alledem!
Das ist die Bourgeoisie am Thron –
der annoch steht, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Blutschuld, Trug und alledem –
er steht noch, und er hudelt uns
wie früher fast, trotz alledem!

Die Waffen, die der Sieg uns gab,
der Sieg des Rechts trotz alledem,
die nimmt man sacht uns wieder ab,
samt Kraut und Lot und alledem,
Trotz alledem und alledem,
trotz Parlament und alledem –
wir werden unsre Büchsen los,
Soldatenwild trotz alledem!

Doch sind wir frisch und wohlgemut
und zagen nicht trotz alledem!
In tiefer Brust des Zornes Glut,
die hält uns warm trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
es gilt uns gleich trotz alledem!
Wir schütteln uns: Ein garst'ger Wind,
doch weiter nichts trotz alledem!

Denn ob der Reichstag sich blamiert
professorhaft, trotz alledem!
Und ob der Teufel reagiert
mit Huf und Horn und alledem –
Trotz alledem und alledem,
trotz Dummheit, List und alledem,
wir wissen doch: die Menschlichkeit
behält den Sieg trotz alledem!

Und ob der Prinz zurück auch kehrt
mit Hurra hoch und alledem –
sein Schwert ist ein gebrochen Schwert,
ein ehrlos Schwert trotz alledem!
Ja doch: trotz all- und alledem,
der Meinung Acht, trotz alledem,
die brach den Degen ihm entzwei
vor Gott und Welt und alledem!

So füllt denn nur der Mörser Schlund
mit Eisen, Blei und alledem:
Wir halten aus auf unserm Grund,
wir wanken nicht trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
und macht ihr's gar, trotz alledem,
wie zu Neapel jener Schuft:
Das hilft erst recht, trotz alledem!

Nur was zerfällt, vertretet ihr!
Seid Kasten nur, trotz alledem!
Wir sind das Volk, die Menschheit wir,
sind ewig drum, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem:
So kommt denn an, trotz alledem!
Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht!
Unser die Welt, trotz alledem!

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