Donnerstag, 15. Dezember 2011

Nahrungs-Inflation in Indien: Im Dunkeln tappen



von Devinder Sharma
am 14. November 2011


Devinder Sharma
Obwohl der Premierminister Manmohan Singh die steigende Nahrungsmittel-Inflation als ein Zeichen wachsenden Wohlstands ansieht, ist die Wirklichkeit sehr bitter und schmerzlich. Die steigende Nahrungsinflation, die jetzt schon seit 4 Jahren anhält, hat den gemeinen Mann wie nie zuvor getroffen. Die steigenden Petroleumpreise gießen noch Öl ins Feuer.
Jedes Mal, wenn die Nahrungsinflation die zweistellige Barriere überschreitet, waren der Premier Manmohan Singh, der Finanzminister Pranab Mukherjee und der stellvertretende Vorsitzende der Planungskommission Dr. Montek Singh Ahluwalia schnell dabei, einen Stichtag von drei bis sechs Monaten im voraus festzulegen und zu versprechen, dass in der Periode die Preise fallen werden. Während das Versagen, die Preise aufhalten, geschichtsträchtig ist, ist die vollständige Unfähigkeit der Regierung, die dahinterliegenden Gründe zu begreifen niederschmetternd. Ökonomen und Politiker erscheinen hilflos, und deshalb tappen sie fortfahrend im Dunklen.
Seit 4 Jahren bin ich in jeder Mediendiskussion, zu der ich eingeladen werde, erschrocken über die herrschende ökonomische Ignoranz. Sie leiern immer wieder herunter, was die ökonomischen Textbücher als plausible Gründe für die unkontrollierbare Inflation angeben. Ob es irgendein Mitglied des Rates für Wirtschaftsfragen des Premiers ist oder der Planungskommission oder ein hoher Beamter der Reservebank von Indien, die Antworten, die man erhält, sind immer dieselben: Nahrungs-Inflation kommt von geringer Produktion; bei steigenden Einkommen gibt es eine veränderte Nachfrage nach nahrhaften Nahrungsmitteln, wodurch die Preise von Früchten, Gemüse und Milchprodukten steigen; und weil den Bauern ein höherer Preis gezahlt wird, müssen die Verbraucher mehr bezahlen.
Lasst uns jedes Argument für sich betrachten. Der allgemeine Refrain, den man hört, ist, dass die Nahrungspreise steigen, weil die Produktion nicht in der Lage ist, mit der größeren Nachfrage Schritt zu halten. Seit mehreren Monaten schon konnte man Berichte über Nahrungsmittel, die in Lagern vor sich hinrotten, mit Sorge verfolgen. Während man hunderttausende Tonnen von Weizen und Reis verrotten lässt, wird uns gesagt dass es notwendig sei, den Anbau von Feldfrüchten zu erhöhen. Seit die TV-Kanäle die Verschwendung von Getreide beleuchten, hat die Regierung keine signifikante Maßnahme zur Schaffung von zusätzlichen Lagerräumen ergriffen. Bei so einem niederschmetternden Szenario, wie soll da größere Produktion helfen? Woher will die Regierung mehr Lagerraum nehmen? Wird es nicht ebenfalls verrotten?
Jedes Jahr verrotten laut offiziellen Angaben 1.6 Millionen Tonnen Feldfrüchte in den Lagern. Die Menge an Weizen und Reis, die nicht dem Standard entspricht und ungeeignet für den menschlichen Verzehr ist und für die Produktion von Alkohol oder als Viehfutter verkauft werden muss, ist noch um ein Vielfaches höher.
Wenn der Premier Manmohan Singh Inflation mit Wohlstand gleichsetzt, versucht er zu sagen, dass die Leute mit zunehmenden Einkommen ihre Essgewohnheiten verändern. Als Ergebnis sei die Nachfrage nach Früchten, Gemüse und Milchprodukten gestiegen. Auch dies ist unwahr und hat keine wissenschaftliche Basis. Da dies eine häufig gestellte Frage ist, habe ich ein paar Nachforschungen über Produktionszahlen angestellt. Die pro-Kopf-Verfügbarkeit an Obst und Gemüse beträft 480 Gramm. Der pro-Kopf Bedarf für eine ausgewogene Diät beträgt grob 80 Gramm, wobei der aktuelle Verbrauch noch niedriger liegt. Es ist also offensichtlich, dass es mindestens 6-mal mehr an Obst und Gemüse in diesem Lande gibt als erforderlich. Wo ist also der Mangel? Warum steigen die Preise für Obst und Gemüse in den Himmel, wenn es im Überfluss vorhanden ist?
Auf jeden Fall gibt es für das Argument mit den steigenden Einkommen und neuen Gewohnheiten des Verzehrs keine empirischen Beweise. Der Überblick von 2007 von der National Sample Survey Organisation (NSSO) zeigt, dass der Getreideverbrauch ständig sinkt, ohne entsprechende Steigerung des Verzehrs von nahrhaften Eiern, Gemüse, Obst und Milch. Das heisst, dass der Hunger ansteigt und jetzt noch weiter verbreitet und verankert ist. Also ist auch diese Annahme nicht länger wahr.
Das Sinken des Getreidekonsums ist mehr oder weniger einem bestimmten Muster in den urbanen und ländlichen Gebieten gefolgt. Der monatliche pro-Kopf-Verbrauch in den ländlichen Gebieten ist im ganzen Land von 13.4 kg im Jahr 1993-94 auf 11.7 kg 2006-07 gesunken. Der Niedergang ist zwischen 2004 und 2007 noch stärker gewesen, als in nur drei Jahren der Verbrauch von 12.1 kg auf 11.7 kg sank. In den Städten sank der Verbrauch 1993-94 von 10.6 auf 9.6 kg im Jahr 2006-07. In einer hauptsächlich vegetarischen Gesellschaft ist Getreide die wichtigste Nahrungsquelle und deshalb ist seine Bedeutung in Indien so wichtig.
Außerdem müsste sich Indiens Ranking im Globalen Hungerindex von 2010, der vom Internationalen Forschungsinstitut für Nahrungspolitik aufgestellt wurde, verbessert haben. Doch Indien nimmt immer noch den 67. Platz von 81 Ländern ein – also viel schlechter als Pakistan, der Sudan und Ruanda. Wenn die Leute mehr äßen, sehe ich keinen Grund dafür, dass Indien so weit unten auf dem Index steht.
Und wie wahr ist schließlich das Argument, die Nahrungspreise seien gestiegen, weil die Bauern bessere Preise für ihre Produkte erhielten? Reis, Weizen und Zuckerrohr sind im wesentlichen die drei Produkte, wo die Bauern bessere Preise erzielten. Interessanterweise sind es nicht Reis und Weizen, wo die Inflation die Armen trifft. Und beim Zuckerrohr haben sich die Preise, nach einem Anstieg im Jahr 2009, stabilisiert, obwohl die Bauern mehr erhielten. Sondern es sind Obst und Gemüse, die nicht von besseren Preisen betroffen waren, wo die Marktpreise ein Loch in die Taschen der Konsumenten gerissen haben.
Ökonomen müssen verstehen, dass es nicht der Bauer ist, der an der Nahrungsinflation gewinnt. Er bekommt niemals einen hohen Preis für seine Erzeugnisse, selbst wenn die Preise noch so sehr steigen. Zur Anschauung betrachten wir einen Bananenzüchter. Er verdient zwischen 8 und 9 Rupien für das Dutzend, während der aktuelle Preis 50-60 Rupien beträgt. Das wahre Problem liegt also bei den mandis (Händler). Es ist der en gros und der Detail-Handel, der, in Abwesenheit von strenger Regulierung, die Konsumenten ausbeutet, indem er die Preise um 100 bis 300 % anhebt. Weil nicht durchgegriffen wird, hat der Handel freie Hand.
Die Regierung will die Händler nicht kontrollieren, weil, wie der Premier kürzlich sagte, er mehr und mehr Gebrauchsgüter „deregulieren“ will, der Preiskontrolle also entziehen will. Er will, dass der Markt den Endpreis der Landprodukte entscheidet. Mit anderen Worten werden wir bis auf's Blut ausgebeutet, um die Marktreformen am Leben zu erhalten. 
Quelle 

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