Montag, 8. April 2013

Big Brother einst und jetzt

Jürgen Elsässer

Leitartikel in
'Compact' vom 4. April 2013


Die Prognose ist nicht besonders gewagt, dass dieses Jahr noch blutig wird. Der Blitzkrieg in Mali hat der NATO Appetit gemacht. Heißt es bald „Panzer marsch“ Richtung Damaskus? Oder Bomben auf Teheran? Am gefährlichsten wäre sicherlich, wenn es zu einem Waffengang gegen Nordkorea käme. Das würde China mit auf den Plan rufen, das sich als Schutzmacht des schwer erziehbaren Nachbarstaates begreift.

Regt sich jemand auf? Demonstriert jemand? Die Bürger der NATO-Staaten haben sich damit abgefunden, dass aus dem früheren Verteidigungsbündnis eine Aggressionsmaschine geworden ist und immer an irgendwelchen Fronten gekämpft wird. Zunehmend erinnert der Nordatlantik-Pakt an das Imperium Ozeanien, das George Orwell in seiner Anti-Utopie 1984 beschreibt.


Heutzutage ist die Erinnerung an 1984 wie ausgelöscht. 1984, da hatten wir richtig Angst vor 1984. Damals bereitete die gerade ein Jahr zuvor gewählte Regierung unter Kanzler Helmut Kohl eine Volkszählung vor, wir fürchteten die Herrschaft des Big Brother und agitierten für einen Boykott. Wir? Dieses Pronomen stand für alle, die irgendwie links oder pazifistisch waren, von den Enkeln Willy Brandts bis zu den Kindern von Karl Marx und Coca Cola und den Wortführern – pardon: Wortführerinnen – der Grünen, Petra Kelly und Jutta Ditfurth.

Wie lange ist das her? Nur 29 Jahre? Das kann nicht sein. Es muss eine Ewigkeit her sein, dazwischen lagen doch mehr als ein halbes Dutzend Kriege – Irak I, Bosnien, Jugoslawien, Afghanistan, Irak II, Libyen, Mali – mit weit mehr als einer Million Toten! Jedenfalls ist heute alles anders. Petra Kelly ist tot, Jutta Ditfurth heißt Claudia Roth. Big Brother ist keine Schreckensvision mehr, sondern eine lange Zeit beliebte Reality-Show, die aber längst vom Ekel-Exhibitionismus à la Dschungelcamp ausgestochen wird. Privatsphäre, das ist etwas von vorgestern – Facebook liefert man die Daten freiwillig aus. Das „irgendwie links“  hat sich aufgelöst: Seit Joschka als einer von “uns” Serbien bomdardieren ließ, haben die Epigonen der Achtundsechziger Geschmack am Imperialismus gefunden. Make Love and War, heißt die neue Parole.

Vieles ähnelt 1984: Es gibt das Ministerium für Liebe, das die Familie zerstören soll. Es gibt das Ministerium für Frieden, das sich mit dem Krieg befasst. Es gibt das amtliche Neusprech, dessen Wörter meistens das Gegenteil bedeuten: “Humanitäre Intervention” etwa nennt man einen zünftigen Bombenkrieg, ermordete Zivilisten werden als “Kollateralschäden” und Terroristen als “Befreiungskrieger”  bezeichnet. Seit zwei Jahren senden alle Kanälen den täglichen “Zwei-Minuten-Hass” gegen einen gewissen Baschar al-Assad, wie Orwells Emmanuel Goldstein  der “Feind des Volkes”. Und ein “Gedankenverbrechen” begeht schon der, der auch nur einen Augenblick zögert, ihn mit den “doppelplus-guten” Begriffen des „Neusprech“ zu bezeichnen: Diktator, Mörder, Schlächter. Weiß überhaupt noch jemand, dass die Staatsmänner Ozeaniens ihn bis vor kurzem als Hoffnungsträger gepriesen haben? Dass Damaskus im Antiterrorkampf nach 9/11 mit Washington verbündet war?

“Die Partei sagte, dass Ozeanien sich nie mit Eurasien verbündet hatte. Er, Winston Smith, wusste, dass Ozeanien vor noch nicht einmal vier Jahren mit Eurasien verbündet gewesen war. Aber wo existierte dieses Wissen? Nur in seinem eigenen Bewusstsein, das ohnehin bald ausgelöscht werden würde,“ sinniert Orwells tragischer Held. Ist das heute genauso? Nein! Denn im Zeitalter des Internet kann Big Brother Fakten über die Vergangenheit nicht mehr unterdrücken. Mit Google lässt sich vieles über Assad finden, was für ihn und gegen den Krieg spricht.

Aber das nützt nichts. Obwohl man heute besser recherchieren kann als 1984, ist der Widerstand seither schwächer geworden. Denn auf eine objektive Information kommen zehn Propaganda-Spins und hundert Seiten Spiele, Musik und Pornos. Das Hirn wird nicht, wie bei Orwell, durch Entzug von Wissen deformiert, sondern durch Überflutung. Das Internet hat sehr viele Leute klüger gemacht und aufgeweckt – aber noch wesentlich mehr verblödet und in Zombies verwandelt. (…)


Quelle - källa - source

Kommentare:

  1. Regt sich jemand auf? Demonstriert jemand?
    Gute Fragen. Die Leute regen sich schon auf, nur haben Sie schon einmal versucht zu demonstrieren?
    Man bekommt so viele Auflagen, dass garantiert jemand dagegen verstößt. Und dann sind da auch noch die willigen Diener des Imperiums, die Staatsgewalt eben. Wer den Mächtigen nicht passt oder zu aufmüpfig wird, bekommt eben den Schädel eingeschlagen oder ein Auge herausgeprügelt.
    Wegen meiner zahlreichen Kommentare zu diesem Thema, rechne ich jederzeit mit dem Auftauchen der schwarzen Hubschrauber über meinem Haus ;)

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  2. Guter Artikel, was gesagt werden musste.
    Das heist jetzt nicht mehr "Überfall / Angriff / VölkerMord & Totschlag / Raub des Volksvermögens ..", sondern man nennt es jetzt: *Aktive präventive Vorwärtz-Verteitigung mit allen Mitteln* , oder man sagt: *die militärische Option*.
    Ich lese seit mind. 5 Jahren diverse Blog, habe gewiss tausend kritische Dokufilme, Interviews, Konferenzen, über viele verschiedene wichtige Themen gesehen.
    Mitlerweile bevorzuge ich Blogerseiten, wo quasi reine unkomentierte Fakten berichtet werden. Denn denken kann ich selber und im Dialog/Diskusion mit anderen Menschen sind es alleine diese historischen Fakten, die man vorbringen kann um überhaupt sinnvoll zu argumentieren gegen mainstream-verblödete Mitmenschen.
    Die meisten Leute (so muss ich leider nach und nach feststellen) sind - was politische, wirtschaftliche und finanzstratigische Fragen angeht einfach nur strunzedumm!!
    Die würden sogar folgende fiktive Story glauben, wenn sie im Fernsehen kommt:
    .
    Obama kommt nach Guantanamo!
    Kuba: Ein für nächste Woche geplanter Besuch des amerikanischen Friedensstifters und Volkspräsidenten Ronald R. Obama in dem auf der floridanischen Halbinsel Kuba gelegenen Freizeit-Camp Guantamamo-Beach Holiday Inn**** wird mit Zustimmung des Innen-Ministeriums nun DOCH stattfinden.
    Laut Aussage des Bildungsministers a.D. Donald Rumsfeld wird Obama begleitet von mehreren internationalen Presse-Teams mit Live-Übertragung, Kabel-Stream + Satelitten-Ausstrahlung.
    Für den ersten und zweiten von fünf Besuchstagen sind ausführliche Interwievs aller Heimbewohner, Befragungen über Gesundheitszustand und wertes Wohlbefinden, Grund ihres Aufenthaltet, Herkunftsland und wie lange sie noch zu bleiben gedenken angesetzt.
    Um die persönliche und gedankliche Verbundenheit und Nähe des US-kenianischen Volksverstreters und seiner Hilfs-Organisation *NATO Freedom International* zu verdeutlichen, wird der Präsident 4 Tage in den Suiten und Bade-Salons verweilen und gemensam mit den Bewohnern am Sport- Kultur- Spiel- und Unterhaltungsprogramm aktiv teilnehmen.
    Auch das internationale Journalisten-Team hat die Möglichkeit am Jubileum des Rehabilitations-Camps *Guantamamo-Beach* mitzufeiern.
    Update: Wie das Tourismus-Logistic-Center *Comfort International Agency* (CIA) eben mitteilt, haben in der Jubiläums-Woche wird für alle Angehörigen der im Reha-Zentrum *Guantamamo-Hospiz* ein globaler kostenloser Shuttle-Service eingerichtet.
    Hierzu werden die bekannten und beliebten Raumgleiter "Columbia", weiterhin die erfolgreichen Turbo-Gleiter F-104G, und mehrere gepäcktaugliche Langstreckenflugzeuge vom Typ B-52 bereitgestellt.
    Weiterhin werden für Selbstflieger aus den Beständen der American Airlines bis zu 19 Boings vom Typ 797 Trans-All auf jedem internationalen Fluch(t)hafen zur Verfügung stehen.
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