Freitag, 16. August 2013

Von 'Stop and Frisk' zum Ökozid: Revolution oder Reform?


Mickey Z.


13. August 2013
Ich glaube an die Revolution.

„Es ist bestimmt nicht unsere Absicht, Bankdarlehen aufzunehmen, um unsere Welt vom Kapitalismus zurückzukaufen. Es ist auch nicht unsere Absicht, dem Kapitalismus zu helfen, effizienter zu funktionieren.“                                                                                                          Larry Law


Es sieht also so aus, dass Shira Scheindlin, Richterin am Manhattan Bundesgericht, das peinlich Offensichtliche erklärte, als sie kürzlich das notorische 'stop & frisk'-Programm der New Yorker Polizei als verfassungswidrig bezeichnete.

Ich sage 'peinlich Offensichtliche', weil von 2004 bis 2011 laut der New Yorker Union für Bürgerliche Freiheiten (NYCLU) mehr als 4 Millionen unschuldige New Yorker von der Polizei angehalten und Verhören ausgesetzt wurden. Die große Mehrheit der angehaltenen und verhörten Leute sind Schwarze und Latinos und etwa neun von zehn sind unschuldig.
Wenn dein Blut noch nicht kocht, kannst du vielleicht den Vierten Zusatz zur US-Verfassung nochmal lesen: „Das Recht der Bürger, sicher ihrer Person, ihrer Häuser, Papiere und ihrer Vermögenswerte zu sein vor unberechtigten Untersuchungen und Beschlagnahmungen, darf nicht verletzt werden, und keine Haftbefehle dürfen ausgefertigt werden ohne begründete Ursache, eidlich oder durch ein Bekenntnis bekräftigt, und mit genauer Beschreibung des Ortes, der durchsucht werden soll und der Person oder Dinge, die ergriffen werden sollen.“

Und jetzt schaut euch das 'Stop & Frisk' Ergebnis der New Yorker Polizei für 2011 an:
685 724 New Yorker wurden von der Polizei gestoppt
605 328 waren völlig unschuldig (88 Prozent)
350 743 waren schwarz (53 Prozent)
223 740 waren Latinos (34 Prozent)
341 581 waren zwischen 14 und 24 Jahre alt (51 %)

„Sie haben über die 'Stop& Frisk' Aktion fünf, sechs, sieben Jahre lang gesprochen und nichts änderte sich“, sagte Gregory Campbell, ein Bewohner von Brownsvill/ Brooklyn. „Sie reden und reden und reden, aber die Bullen kommen und machen es einfach. Es ist sehr viel mehr erforderlich als nur zu reden.“

Jedoch trotz all dem und trotz des Einverständnisses von Richterin Scheindlin, dass das Programm den Vierten (Schutz vor unberechigten Durchsuchungen) und den Vierzehnten Zusatz der Verfassung (Garantie gleicher Behandlung vor dem Gesetz) verletzte, verlangte sie (natürlich) nicht das Ende dieser netten und verbreiteten, vom Steuerzahler finanzierten Illegalität. Nichts da, die Richterin „verordnete lediglich einen unabhängigen Beobachter, um das Programm zu überwachen“.

Und von uns erwartet man, dass wir solch einer 'Reform' applaudieren? Ich lasse Malcolm darauf antworten:

„Wenn du ein Messer in meinen Rücken stichst und es 12 cm herausziehst, ist das kein Fortschritt. Wenn du es ganz herausziehst, ist das kein Fortschritt. Fortschritt ist, die Wunde zu heilen. Und sie haben das Messer nicht einmal herausgezogen, geschweige denn, die Wunde geheilt. Sie geben nicht einmal zu, dass es ein Messer gibt.“

Erinnerung: Stop & Frisk ist eine ungesetzmäßige Salve gegen die farbige Menschen, aber es ist nicht irgendein anormaler Makel in einem ansonsten operierbaren System. Es ist ein Symptom.


Einzel-Problem = Sackgasse

Das obige Malcolm X Zitat kam mir auch in der vergangene Woche in den Sinn, als ich einige der Antworten auf meinen Artikel las 'Fastfood = Ökozid: Nicht alle Arbeiterstreiks sind radikal“.

Neben der üblichen Armee von Strohleuten (Krtiker, die vorhersehbar meine Worte verdrehen, um mich zu beschuldigen, dass ich die Opfer anklage) gab es auch einige empörte und herablassende Schreie über „Übervereinfachung“. (Natürlich wurde nicht ein Funken von Beweisen geliefert, um die Behauptung zu untermauern – aber daran bin ich schon gewöhnt.)

Da es mir in dem Artikel darum ging, die größeren und entscheidenderen Verbindungen zwischen Fastfood und der Zerstörung des Ökosystems darzulegen, habe ich eine ernste Frage an euch alle. Ist es literarisch möglich, den Ökozid überhaupt übermäßig zu vereinfachen?

(Nehmt euch Zeit. Ich warte …)


Die Antwort ist natürlich ein entschiedenes NEIN. Doch bei der häufigen Tunnelsicht des Aktivismus – besonders bei begrenzter Politik und Einzelproblemen – ist alles möglich und da übertrumpft die 'Reform' immer die Revolution. Lasst uns glücklich sein, wenn ein Richter einen Beobachter unserer Unterdrücker vorschlägt, hmmm- äh, sich selbst.

Lasst uns das große Bild vom Umweltverhängnis vergessen und stattdessen die globale Todesindustrie bitten, ein paar extra Pennies auszuspucken für unsere schweigende Unterstützung.

Ein solches Herangehen juckt die Machtstrukturen nicht, sie bestätigt die Machtstruktur. Wenn wir die 1 % fragen müssen, ihr Verhalten ein bisschen zu ändern, dann bestätigen und akzeptieren wir, dass die Möglichkeit von Veränderung ihre Wahl ist und wir somit ihre Freiheit beglaubigen, ihre Macht über uns auszuüben. (Außerdem haben sie seit langem ausgeknobelt, dass die eine oder andere kleine Konzession zu machen, das stillschweigende Arrangement festigt.)

Zusätzlich reisst eine Kampagne zu einem Einzelproblem die Frage aus dem größeren Zusammenhang. Die 1 % haben kein großes Problem, wenn der Pöbel sich etwa mit den  Arbeitsbedingungen in den Fastfood-Ketten beschäftigt.

Übersetzung: Geht los und mach eure Demo, um die Stundenlöhne bei McDonald 'zu diskutieren', aber wagt es bloß nicht, die globale Struktur in Frage zu stellen, die McDonald und seinesgleichen allgegenwärtig machen … und, nebenbei bemerkt, lasst uns alle einverstanden sein, niemals mehr Ökozid zu erwähnen, abgemacht? Traurigerweise marschieren die meisten Aktivisten stolz im Gleichschritt zu dieser Musik …

Sicher ist die Frage der Gerechtigkeit am Arbeitsplatz wichtig, aber ebenso sicher ist es nur ein Symptom einer Krankheit in ihrer Schlussphase. Die Zeit für Bandagen ist seit langem vorbei.

Ich wiederhole: Die „Probleme“, die Aktivisten aufgreifen und anpacken müssen, sind nicht bloß anormale Makel in einem ansonsten reparierbaren System, das vorsichtig zur Nachhaltigkeit reformiert werden kann.

Tötet den Bullen in eurem Kopf

Wenn wir uns auf den Mythos „Veränderung des Systems von innen“ einlassen und die Krümel aufsammeln, die vom Tisch der 1 % fallen, werden wir dem gut ausgetretenen Weg des Kompromisses/Kapitulation folgen, der von den Liberalen in MoveOn, United for Peace and Justice, der Grünen Partei usw. eingeschlagen wird.

Wenn wir es stattdessen vorziehen, die Dringlichkeit der Milliarden von globalen Krisen anzuerkennen, kollektiv daran zu arbeiten, das System zu beseitigen und anfangen, neue Modelle zu schaffen, dann müssen wir anfangen, sehr viel mehr zu tun, als Feuerchen auszutreten und mit unseren Unterdrückern zu kooperieren/ kollaborieren.

Die vorhersehbare – ich würde sogar ängstliche sagen – Antwort zu diesem holistischen und revolutionären Herangehen hört sich in etwa so an:
„Wovon du sprichst, das ist Utopie.“
„Du musst zu träumen aufhören. Werde realistisch und lerne, wie das Spiel gespielt wird.“
„Verstehst du nicht, dass die Dinge so einfach nicht funktionieren?“
Blablabla … verdammtes Blaba …

Wenn wir eine neue Vorstellung von menschlicher Kultur wünschen, dann müssen wir die großen Verbindungen besetzen und prompt und entsprechend handeln. Wir müssen uns fragen, jeden einzelnen Tag: Auf welcher Seite stehen wir?

Ich denke, ich lasse nochmals Malcolm antworten: „Ich glaube, dass es letztlich einen Zusammenstoß zwischen den Unterdrückten und jenen, die unterdrücken, geben wird. Ich glaube, dass es einen Zusammenstoß geben wird zwischen denen, die Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle wollen und jenen, die mit den Systemen der Ausbeutung fortfahren wollen.“


# shift happens (Wortspiel: Statt shithappens – Veränderung kommt vor)


***
Mickey Z. ist Autor von 11 Büchern. Das neueste ist der Roman 'Darker Shade of Green'.

Quelle - källa - source

1 Kommentar:

  1. JA SO IST ES.WIEDER MAL EIN GUTER KOMMENTAR.DANKE

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