Mittwoch, 22. Januar 2014

FREIHEIT BEGINNT MIT EINEM SAMEN

Vandana Shiva interviewt von Sarah van Gelder

30. November 2013

Navdanya-Kooperative

SvG: Das Saatgut ist ein großer Teil Ihrer Arbeit. Können Sie etwas dazu sagen, was ein Same seinem Wesen nach ist

VS
: Der Same ist seinem Wesen nach die Gesamtheit der vergangenen Evolution der Erde, der Evolution der menschlichen Geschichte und das Potential der künftigen Evolution. Der Same ist die Verkörperung der Kultur, weil Kultur den Samen durch sorgfältige Auslese schuf – Frauen wählten die besten und unterschiedlichsten Samen aus. So bekam man aus einem Grashalm 200 000 Reissorten.

Das ist eine Angleichung der menschlichen Intelligenz und der Intelligenz der Natur. Das ist der ultimative Ausdruck von Leben und in unserer Sprache bedeutet es, „dass das, woraus Leben von alleine entsteht, für immer und immer.“

SvG
: Was ist er also wert?

VS: Er ist unschätzbar. Es gibt keinen Preis für Samen, deswegen ist der Prozess der Kommerzialisierung die größte Sünde. Gemeinschaften sind eher Hungers gestorben als das Saatgut zu essen.

SvG: Die vorherrschende Weltsicht trennt den Menschen von der natürlichen Welt und das hat furchtbare Auswirkungen. Wie können die Menschen diese Trennung heilen und welche Rolle kann der Same bei dieser Arbeit spielen.?

VS: Egal, welches Problem man betrachtet, so entsteht jedes ökologische Problem aus dieser Illusion, dass wir von der Natur getrennt sind.

Ich glaube, dass die Überwindung der Trennung eine viel tiefere Sehnsucht ist als das jüngste Entstehen ökologischen Bewusstseins. Das Heilen wird aus der Rückforderung unseres Einsseins mit dem Netz des Lebens, mit dem Universum selbst, gewonnen.

Manche Menschen tun es durch Meditation und Yoga, aber sehr viel mehr tun es, indem sie einfach Samen pflanzen und einen Garten anlegen. Indem man einen Samen pflanzt, ist man eins mit dem Zyklus und der regenerativen Fähigkeit des Lebens. Wir hören dies immer wieder von Kindern, mit denen wir arbeiten, um Gärten der Hoffnung mit Samen von Freiheit anzulegen. Wenn man fragt: „Was hast du also gelernt?“, dann sprechen sie immer von dem Wunder des Lebens – dass ein winziger Same zu einer Pflanze aufbricht und Überfluss schenkt und wir wieder Samen ernten können.

Ein Same, der in den Boden gelegt wird, macht uns eins mit der ERDE. Er lässt uns bewusst werden, dass wir die Erde sind. Dass dieser unser Körper das panchabhuta ist – die fünf Elemente, die das Universum und unseren Körper ausmachen. Der simple Akt des Säens von Samen, das Speichern von Saat, das Pflanzen eines Schösslings, das Ernten und Gewinnen neuer Saat bringt diese Erinnerung zurück – die zeitlose Erinnerung des Einsseins mit der Erde und dem schöpferischen Universum.

Es gibt nichts, was mir tiefere Freude verschafft, als am Schutz der Vielfalt und der Freiheit des Saatguts zu arbeiten. Jeder Ausdruck von Vielfalt ist ein Ausdruck von Freiheit, und jeder Ausdruck von Monokultur ist ein Ausdruck von Zwang.

SvG
: Kannst du mehr dazu sagen? Was ist die Beziehung von Freiheit zur Biovielfalt?

VS: Leben organisiert sich selbst. Selbst-organisierte Systeme entwickeln sich zu Vielfalt. Sie sind nicht identisch mit mir, weil jeder von uns sich in Freiheit entwickelt hat. Vielfalt der Kultur, Vielfalt der Menschen, Vielfalt der Saat.
Uniformität wird von außen aufgebaut. Mit Zwang. Eine Farm mit nur Roundup Ready Soya ist eigentlich ein Schlachtfeld. Da findet ein chemischer Krieg statt – wenn man Roundup sprüht, wird alles Grüne gekillt, die Bodenorganismen werden gekillt, die Vielfalt wird gekillt, aber auch das Potential der Ernte, sich selbst und seine Krankheiten zu behandeln.

Monokulturen können durch durch externe Kontrolle zusammengehalten werden, und Uniformität und externe Kontrolle und Konzentration gehen Hand in Hand.

SvG: Wie können wir, das Volk, stark genug werden, um der enormen Macht von Monsanto und ihresgleichen zu begegnen?

VS: Wir haben es mit dem Leben selbst zu tun. Das erste, woraus wir Kraft schöpfen können, ist, dass wir uns mit den Kräften des Lebens zusammenschließen. Das ist es, weshalb die Rettung von Saatgut ein so wichtiger politischer Akt in diesen Zeiten ist. Und dieser Teil ist verknüpft mit Selbst-Organisierung – sich selbst organisieren, um Samen zu retten, einen Gemeinschaftsgarten haben und Austausch schaffen, alles tun, um die Saat zu schützen und zu verjüngen. Andererseits haben wir die Industrie, die hungrig ist, die absolute Kontrolle zu haben. Sie wollen nicht einen einzigen Bauern dulden, der Freiheit über sein Saatgut besitzt. Sie wollen nicht einen Samen dulden, der zu seinen Bedingungen wächst.

SvG: Wenn etwas, so sind die Dinge nur noch schlimmer geworden seit dem vergangenen Mal, als wir miteinander sprachen. Woher nehmen Sie die Energie und behalten Ihre Hoffnung?

VS: Wissen Sie, es stimmt, dass einerseits die Konzentration der Macht größer denn je ist. Aber ich denke, das Bewusstsein über die Illegitimität dieser Macht ist auch größer denn  je. Wenn Sie die Zahl der Bewegungen in Rechnung stellen, die Zahl der Proteste, die stattfinden und die Anzahl der Menschen, die Alternativen entwickeln, dann ist das gewaltig.

Ich ziehe die meiste Kraft aus der Freude, mit der positiven Arbeit der Rettung von Saatgut, der Förderung von friedlicher Landwirtschaft, der Arbeit mit den Bauern und jetzt zunehmend mit Nicht-Bauern. In dem Kurs, den wir gerade haben, mit 55 jungen Menschen, gibt es jemand von einer Bank, einen von einer Software-Firma und drei Filmemacher.

Egal, wo auf der Welt Sie sind, die Menschen werden sich bewusst, dass Nahrung wichtig ist. Sie werden sich klar, dass die Nahrung mit dem Samen beginnt und jeder will lernen. Wenn ich sehe, wie diese Prozesse in Gang kommen, wenn ich sehe, die rapide die Gärtnerei zu einem wichtigen Weg der Heilung von Gewalt geworden ist – ich traf gerade einen jungen Mann, der mit ehemaligen Sträflingen arbeitet, um Gartenanbau zu verbreiten. Das ist seine Arbeit! Er hat eine Firma gegründet und alle sind die Besitzer und sitzen im Vorstand – wie kann man da nicht mit Energie geladen werden?

Vandana Shiva, Physikerin und Philosophin, ist bekannt als Aktivistin gegen GMO, Globalisierung und Patentierung von Samen und traditionellen Nahrungsmitteln. Sie ist Mitbegründerin von Navdanya, wo Saatgut gespeichert und organischer Anbau betrieben wird. Die Organisation hat 70000 Bauern-Mitglieder.

Sarah van Gelder ist Geschäftsführerin von dem Magazin YES!


Quelle - källa - source


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