Freitag, 5. August 2016

Andreas Weber – Wirtschaft der Verschwendung Die Biologie der Allmende



Diesen Artikel, d. h. seine englische Version, fand ich auf COUNTERCURRENTS, der ausgezeichneten indischen Webseite von Binu Mathew. Und Verschwendung war genau das Thema, das ich diese Woche auch mit einem deutschen Freund diskutierte, der für einige Tage im Ort zu Besuch war. Ich habe sofort Andreas Weber gegoogelt, um mir die Übersetzung zu sparen. Ich bin auch gleich fündig geworden - hier. Die Allmende, über die schon Marx und Engels ausführlich diskutiert haben, findet Andreas Weber in einer so einfachen wie einsichtigen und umfassenden Idee - sie ist ÜBERALL. Und wie schon Marx und Engels den Diebstahl der Allmende durch den Adel im England des 19. Jahrhunderts als ein Verbrechen ansahen, so müssen wir heute den Diebstahl von Luft, Wasser, Erde und anderen Ressourcen ebenfalls als Verbrechen ansehen. - Ich habe eben erst angefangen, mich in den Text reinzuwühlen und bin noch lange nicht damit zu Ende. Und ich hoffe, dass endlich mal ein paar Leute mehr sich aus der Reserve locken lassen und ihre Meinung dazu sagen. Zum Schluss noch ein ganz großes Dankeschön an Binu (Thanks!) und Andreas Weber. 

 

Andreas Weber – Wirtschaft der Verschwendung Die Biologie der Allmende

Andreas Weber
4. August 2016


Photo Credit: bio.miami.edu

Ökologisch: Die wahre Ökonomie der Biosphäre

Es gibt eine seit Milliarden von Jahren erfolgreiche Allmendewirtschaft: die Biosphäre. Deren Ökologie ist jener irdische Haushalt von Energie, Stoffen, Wesen, Beziehungen und Bedeutungen, der die menschengemachte Ökonomie enthält und erst ermöglicht. Licht, Sauerstoff, Trinkwasser, Klima, Boden, Energie versorgen auch den Homo oeconomicus der Gegenwart, der sich nach wie vor von Erzeugnissen der Biosphäre ernährt. Die Natur ist das gemeinwirtschaftliche Paradigma par excellence. Damit meine ich nicht nur, dass der Mensch mit den übrigen Wesen während einer überwältigenden Zeitspanne nach den Standards einer Commons-Wirtschaft zusammenlebte. Ich bin vielmehr überzeugt, dass die Beziehungen innerhalb der Biosphäre nach Allmendegesichtspunkten verlaufen. Darum kann uns die Natur eine schlagkräftige Methodologie für die Allmende als eine neue natürliche und soziale Ökologie liefern. Eine solche »existentielle Ökologie der Allmende« soll hier skizziert werden. Wirtschaftsliberalismus als heimliche Metaphysik des Lebens Aber von welcher Natur ist die Rede? Um den Haushalt der Lebewesen ohne die Lasten der liberalistischen Ökonomie bzw. Natur-Metaphorik zu betrachten, ist es zunächst nötig, Öko-logie und Öko-nomie des natürlichen Haushaltens neu zu verstehen. Wir können dabei in der Natur eine Entfaltungsgeschichte der Freiheit erkennen, zu der hin sich autonome Subjekte in gegenseitiger Abhängigkeit entwickeln. Diese Auffassung steht freilich im Gegensatz zum gängigen Bild des Lebens und Stoffaustausches in Biologie und Wirtschaftslehre. Wenige Modelle der Wirklichkeit waren in den letzten 200 Jahren so eng miteinander verschwistert wie die Theorie der Natur und die Theorie unseres Haushaltens. Beide Disziplinen fanden ihre heutige Form im viktorianischen England, beide prägten die entscheidenden Metaphern der jeweils anderen. Das führte dazu, dass Zustände der Gesellschaft auf den Kosmos abgebildet und die dort naturwissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse wieder auf die Gesellschaft projiziert wurden. So lieferte Thomas Robert Malthus, ein politischer Ökonom, mit der Idee von Überbevölkerung und Ressourcenknappheit dem Biologen Charles Darwin das entscheidende Puzzlestück für die These vom »Überleben des Fittesten«. Diese erhob »Daseinskampf«, »Konkurrenz«, »Wachstum« und »Optimierung« stillschweigend zu Axiomen unseres Selbstverständnisses. Biologischer, technischer und sozialer Fortschritt werden allein aus der Summe einzelner Egoismen geboren: Im immerwährenden Wettkampf erschließen sich Arten (Firmen) ihre Nischen (Märkte) und erhöhen so ihre Überlebenschancen (Gewinnmargen), während schwächere (weniger effiziente) zugrunde gehen (Konkurs anmelden). Die daraus entstandene Wirtschafts- und Bio-Metaphysik enthält jedoch weniger eine »objektive Weltbeschreibung« als ein Urteil der Zivilisation über sich selbst.Die Ökonomie sah sich zunehmend als harte Naturwissenschaft. Sie leitete ihre Modelle aus Biologie und Physik ab – bis hin zum mathematischen Begriff des Homo oeconomicus. Dieser – ein maschinengleich seinen Nutzen maximieren der kooperationsfeindlicher Egoist – entwickelte sich zum heimlichen Modell des Humanen.1

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